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The verification mission - Druckversion +- Society of Rudeness (https://society.bitethedust.de) +-- Forum: Drawing Room (https://society.bitethedust.de/forum-6.html) +--- Forum: Prolog (https://society.bitethedust.de/forum-7.html) +--- Thema: The verification mission (/thread-4.html) |
RE: The verification mission - Anisim Langdon - 16.06.2020 Ich habe nicht mit Nicos und Asyas aufbrandendem Enthusiasmus gerechnet. Ihre gierigen Fragen, das Leuchten in beider Augen, lassen mich zögern. Ich sehe zu Nascha. Kurz davor nachzugeben. Dabei stand mein Entschluss so fest. Ich will nicht, dass sie über diese Zeit spricht. Will nicht, dass sie Dinge ausgräbt, die wir sonst vor den Augen der Welt verbergen. Ich weiß genau, dass dieses Leuchten in Nicos und Asyas Augen nicht lange anhalten wird, wenn sie erst einmal erfahren haben was diese Zeit damals mit mir gemacht hat. Mit uns gemacht hat. Aber ihre Gier, ihr Enthusiasmus, ja auch die Neugier, sind wie lebensspendende Energie für mich. Ich spüre die Wärme in meine Magengrube sickern. Wie das Gefühl sich dort einnistet und mir zum ersten Mal seit langem das Gefühl gibt, zuhause zu sein, wertvoll zu sein… Ja, ich fühle mich ein bisschen wie der kleine Junge von damals. Und ja, ich teile Naschas Drang, ihnen stolz von diesen Dingen zu erzählen, jetzt da ich ihre Neugier kenne. Aber ich bin erwachsen geworden. Und ich weiß zu gut, dass die Dinge selten so ausgehen, wie man es sich wünscht oder erhofft. Ich kenne die Risiken in dieser Geschichte. Hin und hergerissen sehe ich stumm in Naschas dunkle Augen. Sie hat diesen kurzen Moment meines Zögerns geschwiegen und sich mir zugewandt. Das alleine ist schon ungewöhnlich für sie. Aber ich fühle wie sie die Geduld verliert. Jetzt stößt sie sich von Asya ab und flattert auf mich zu. Ich will nicht, dass sie näher kommt, dazu ahne ich zu sehr was sie vorhat und ich lasse es dennoch zu. Sie flattert zu mir hoch und wirft die Krallen nach meinem Gesicht. Ich schlage nach ihr um sie abzuwehren, aber der Schlag hat nicht viel Kraft. Es wird sie nicht wirklich verletzen und das weiß sie. Trotzdem gibt sie nach und lässt sich aus der Luft auf meinen Oberschenkel sinken, wo sie sich aufrecht hinstellt und mich vorwurfsvoll aus ihren runden dunklen Augen ansieht. Wenn sie wüsste wie hübsch sie ist, wenn sie wütend ist. „Wenn du es ihnen nicht erzählst tu ich es!“, verkündet sie dreist und der Vorwurf ist nun nicht mehr nur in ihren Augen, sondern auch in ihrer Stimme. Sie wird mich nicht schweigen lassen, sondern stellt mich vor eine grausame Wahl. Finster sehe ich auf sie hinab. Und trotzdem weiß ich, dass sie recht hat. Ich atme tief aus und gebe auf. Besser ich erzähle davon als Nascha mit ihrer großen Klappe. Zufrieden öffnet sie den Schnabel und lässt ihn wieder zuklappen, schließt kurz genüsslich die Augen. Dann flattert sie zurück zu Asya, schlägt noch einmal kurz mit den Klauen nach ihr, dann kuschelt sie sich wieder auf ihrem Brustfell ein als machte sie sich bereit für ein paar Geschichten am Lagerfeuer. Sie ist so ein Biest. Ich sehe ins Innere das Abteils aber ohne genaues Ziel während ich zu erzählen beginne. „Als wir achtzehn waren, konnten wir uns aus der Priory retten indem wir uns einem Experimentaltheologen angeschlossen haben. Er war ein paar Mal zu Besuch dort seit wir dort untergekommen waren. Wenn wir dort nicht rechtzeitig fort gegangen wären, hätten sie mich zur Priesterweihe gezwungen. Und der Einzige, der eine Weihe abwenden kann, ist ein Magisteriumsmitarbeiter, der Anspruch auf die Arbeitskraft erhebt. Sir Starling ist einer von der Sorte, die gerne reisen und sich von den Orten angezogen fühlen, die andere meiden. Aber er brauchte Unterstützung und hatte Probleme damit, jemanden zu finden, der ihn an diese Orte begleitete. Ich hab mich ihm einfach vorgestellt. Ich wäre ans Ende der Welt gegangen um von da wegzukommen.“ Ich hebe den Blick, sehe Nico kurz an, sehe dann zu Asya, auf deren Brust Nascha gemütlich damit begonnen hat, sich das Gefieder zu putzen. Ich sehe ihr dabei zu während ich fortfahre. „Wir sind also nach Osten aufgebrochen. Er hat sich durch das Muskoviter- und das Tartarenreich nach Lapland und Sveden vorgearbeitet. Er wollte in die Hexenlande um die Bräuche der dortigen Clans zu erforschen und deren Wert – oder Gefahr, je nachdem wie man es nimmt – für das Magisterium zu ergründen. Das Muskoviterreiche war… verrückt.“ Ich muss wider meinen Willen lächeln bei der Erinnerung. „Ich habe dort zum ersten Mal mehr als zwei Menschen miteinander muskovitisch sprechen hören. Es war gleichzeitig wie zuhause ankommen und doch vollkommen fremd zu sein. Die Häuser sehen anders aus und trotzdem haben sie die selbe Struktur wie unsere Häuser. Aber es sind die Details… Die Art wie sie ihre Türen schreinern, die Geländer an den Treppen, der Stil mit dem sie ihre Straßenlaternen formen. Es ist wie eine andere Welt. Und überall Kyrillisch. Ich habe zum ersten Mal wirklich vermisst es nicht zu beherrschen… Das Land hat sich erholt seit die Tartaren damals eingefallen sind, es ist viel Zeit vergangen seitdem. Und sie besitzen einen enormen Nationalstolz.“ Wieder muss ich lächeln. Auch ich habe dort zum ersten Mal wirklich so etwas wie stolz dafür empfunden, von diesen Menschen abzustammen. Davor war mein muskovitisches Blut stets ein Makel gewesen, höchstens noch ein exotischer Zug, den ich selbst kaum erklären konnte, da ich nie von den Dingen berichten konnte, nach denen mich die Briten gefragt haben. Sie hatten mich für einen Muskoviten gehalten ohne dass ich das Land je gesehen hatte. Es zu kennen, das hat einiges für mich verändert. Es hatte mir einen Stolz auf diesen Makel gegeben, den ich nicht gekannt hatte. Und selbst wenn ich bis heute nicht jeden Zug dieses Landes kenne oder gar behaupte die Kultur vollständig zu verstehen, so würde ich mich zumindest für mein muskovitisches Blut nie wieder schämen. „Die Tartaren dagegen sind ein seltsames Volk. Sie haben eine gewisse Faszination, die man ihnen nicht absprechen kann. Aber man sieht sie selten und abgesehen von Märchen und Legenden kann man kaum etwas über sie erfahren. Sie behandeln einen wie einen Fremden wenn man zu ihnen kommt und selten sprechen sie mit dir. Sie geben dir das Gefühl gerade so geduldet zu sein, wenn du ihr Land betrittst. Aber sie sind Krieger und das seit Generationen. Das merkt man ihnen an…“ Ich mache einen Moment Pause, sammle meine Gedanken bevor ich fortfahre. „Je weiter nördlich man kommt, desto ursprünglicher wird die Landschaft. Die Menschen sind weit verteilt, es gibt nur kleine Dörfer, die schlecht miteinander verbunden sind. Dafür ruhen die Menschen in diesen Gegenden sehr in sich und sind schnell glücklich mit allem was sie haben. Man merkt, dass man ins Reich der Hexen kommt, wo Menschen eine geringere Rolle spielen, die Naturgewalten aber eine umso größere. Die Hexen sind sehr mit ihrer Umgebung verbunden. Leben sehr ursprünglich. Und sind sehr stolz. Wenn sie jemanden in ihre Lande lassen, dann ist das immer ein großes Geschenk. Starling hat es nur deshalb erreicht, weil er bereits öfter dort war und Freundschaft zu ihnen pflegt. Und es ist ein bisschen wie in unseren Spielen.“ Ich lächle schief und sehe kurz zu Nico bevor ich wieder zu Nascha sehe. „Wir sind mehrere Sommer bei ihnen gewesen. Manchmal auch im Winter. Die Winter dort oben sind wunderschön…“ Das sind sie wirklich. Dichter, meterdicker Schnee. Die gesamte Landschaft scheint zu schlafen. Ich verliere mich ein wenig in der Erinnerung daran. Ich wäre gerne dort oben geblieben. Fernab von den Menschen mit all ihren verschrobenen Ansichten und Vorurteilen, mit ihren Intrigen und ihrem Hass. Die Hexen können auch hassen, leidenschaftlich sogar. Sie sind feurige Amazonen. Und doch war dort oben alles ein wenig einfacher. Ich bemerke erst, dass ich ins Schweigen geraten bin als Naschas Stimme mich daraus hervorzieht. Es ist wie träge aus einem Traum zu erwachen. „Wir hatten sogar mal etwas mit einer Hexe. Sie haben alle Vogeldaemonen, das macht es leichter sich in die Bäume zu verkriechen und nicht zuzuschauen, wenn du verstehst was ich meine. Es war eine der größten Dummheiten, die Anis begangen hat und Sir Starling hat ihm das oft genug gesagt, aber trotz allem hat die Sachen enormen Spaß gebracht.“, verkündet Nascha stolz an Asya gewandt – bar jeder Pietät. Finster sehe ich sie an. „Hat es das, ja?!“, frage ich verstimmt und ja, auch ein wenig kiebig. Die Wut auf Nascha hilft mir über die Scham hinweg. „Hast du deinen Anstand irgendwo draußen dem Schaffner in die Hand gegeben?! Du hast wirklich vor, mich komplett zu ruinieren, oder?! Fünf Minuten im selben Abteil mit Asya und du holst alle schmutzigen Details raus, die du finden kannst?! Darf ich dich an tagelange Vorwürfe erinnern?! Oh Anis, hättest du bloß nicht?! Oh Anis, wie konntest du nur so dumm sein?! Zack, und kaum ist Asya in der Nähe kannst du damit angeben oder wie?! Du bist ein verdammtes befiedertes Scheusal!“, fluche ich erbittert. Aber die Wut hilft die Scham zur Seite zu schieben. Ich frage mich nur wie ich den Rest dieser Zugfahrt nur überleben soll ohne vor Scham zu sterben. Jetzt wirft sich Nascha in die Brust. „Hey!!! Wir haben gesagt, Nico ist eine Ausnahme und ich darf mit Asya reden! Und wenn ich mit Asya reden darf, dann darf ich mit ihr reden worauf ich Lust habe! Nur weil du so verklemmt bist und dich in Grund und Boden schämst, muss ich mich nicht mit Asya zurück halten!“ – „Haben wir das, ja?! Erlaubnis zurück genommen.“, gifte ich ihr entgegen ohne nachzudenken. „Ha!!! Wer ist jetzt das Scheusal?!“, plustert sich Nascha auf, während sie noch immer auf Asyas Brust thront. „Du kannst mir nichts verbieten! Jetzt nicht mehr! Nicht vor Asya!“, erwidert sie erbittert. Dann dreht sie sich zu Asya um, wendet mir den Rücken zu und sagt verbissen zu ihr. „Sie habens miteinander getrieben. Sie war eine Königin ihres Fachs und sie hatte es darauf abgesehen ihren Clan zu erweitern während er drauf und dran war seinen Kopf zu verlieren, der Idiot. Deswegen hat ihn Starling auch nie wieder mitgenommen! So!!!“ Ich habe mich schneller vorgebeugt als ich nachdenken kann. Meine Hand bekommt Nascha im Nacken zu packen, ich ziehe sie von Asyas Bauch zu mir hoch und drücke sie wutenbrannt auf das Polster neben mir. Sie schreit wütend auf und schlägt mit den Flügeln. Ich bekomme ihren Rechten mit der freien Hand zu fassen uns presse ihn auf das Polster. Ich spüre wie sich meine Zähne vor Wut entblößen und sich der Schmerz in meinen Arm gräbt. Wie er immer stärker wird je weiter ich Naschas Flügel aufs Polster drücke. Sie hört auf mit den Flügeln zu schlagen und wird ganz ruhig. Atmet nur noch unter meinem wütenden Griff. „Du kannst mich nicht verletzen, du tust dir nur selbst weh wenn du das tust.“, sagt sie plötzlich vollkommen ruhig. „Du hast es oft genug ausprobiert, erinnerst du dich?“ In einer anderen Situation hätte das Spott in ihrer Stimme sein können, aber jetzt ist es nur die Ruhe der Gewissheit. Eben noch mein persönlicher Albtraum ist sie jetzt so viel nachsichtiger und abgeklärter als ich. Ich hasse sie dafür, dass sie es so viel einfacher hat als ich. Aber ich lasse nicht los. Spüre sie unter meinen Händen atmen und den Schmerz durch meinen rechten Arm pochen, mit dem ich ihren rechten Flügel festhalte. Der Schmerz tut gut. So unangenehm er auch ist, so sehr gibt er mir ein Gefühl dafür hier zu sein. Hilft mir die Erinnerung zu begraben, mich auf das zu konzentrieren was jetzt und hier wichtig ist. Ich erinnere mich wieder an Asyas und Nicos Gegenwart. An das was ich sie sehen lasse in diesem Moment. Es wird mir bewusst und trotzdem verliert es an Bedeutung. Wenn Nascha diese Dinge hervorholt, dann habe ich nichts mehr zu verlieren. Ich muss daran denken wie viel Erleichterung es mir gegeben hat als Nascha mich dazu gezwungen hat mit Nico über meinen Status zu sprechen. Sie hat Recht. Es ist wie ein Pflaster abzuziehen. Schnell und einmal schmerzvoll, aber dann ist das Gefühl schnell wieder vergangen, während ich am losen Rand des Pflasters zupfe und mich vor dem nächsten Stückchen Schmerz fürchte, das da kommen wird. Warum ist sie so ein Scheusal und gleichzeitig so viel weiser als ich? Wütend lass ich sie los und gebe mit der Bewegung doch nach. Sie hat gewonnen. Nascha rappelt sich auf, flattert unter meiner sich zurück ziehen Hand los, zurück zu Asya, wirft sich auf ihren Platz auf ihrer Brust und schüttelt sich ausgiebig. Verbissen presse ich die Kiefer aufeinander. Dann sehe ich zu Nico und es bricht einfach so aus mir heraus. „Hör dir das nur an, wie soll man mit sowas zusammenleben können?!“, entrüste ich mich wütend und deute wage in Naschas Richtung bevor ich den Arm wieder fallen lasse. „Ich werde frühzeitig sterben nur wegen dieser Eule!“ – „Immerhin hast du bis dahin etwas erlebt.“, feixt sie von Asyas Bauch aus und schmust mit der Schnauze der Hündin. Sie weiß, dass meine Wut längst abklingt und das nur noch die letzten meiner Versuche sind, mich dagegen zu wehren. Wütend sein zu dürfen, empörte Dinge zu sagen, die ich hinterher bereuen werde ohne nachzudenken, das hilft schon gewaltig um das schlimme Gefühl loszuwerden. „Sei froh, dass ich dich nicht umbringen kann…“, werfe ich ihr noch abfällig hinterher und die Eule schließt genüsslich kurz die Augen. Die Worte klingen auch in meinen Ohren viel zu sehr nach einer Liebeserklärung… RE: The verification mission - Nikola Larkin - 16.06.2020 Schweigen liegt über dem Abteil, ich sehe hinab zu Asya. So wie sie liegt können unsre Blicke sich noch immer nicht begegnen, aber ich spüre die erwartungsvolle Anspannung, die wir teilen. Auch Nascha beendet nun das Spiel mit Asya, löst sich von ihr und fliegt auf Anis zu. Mein Blick hebt sich wieder, sie wirft die Krallen nach ihm und er wehrt es ab. Doch es liegt eine gewisse Kraftlosigkeit darin. Einmal mehr fallen mir die Kratzer an Anis‘ Hals auf. Worin ihr Ursprung liegt, ist inzwischen keine Frage mehr. Nascha stößt ihre Drohung aus und ich sehe wieder weg. Das ist eine Sache zwischen ihr und Anis und es tut mir leid, dass sie ihn zu etwas zwingen will, dass er uns anderenfalls wohl nicht erzählt hätte. Das hatte ich nicht wollen. Wobei… das eine Lüge ist. Es gefällt mir zwar nicht, aber es deswegen nicht mehr zu wollen kann ich nicht behaupten. Ich hoffe im Gegenteil förmlich, dass Nascha Erfolg hat. Sie kehrt zu Asya zurück und die Hündin stupst sie kurz an, als würde sie der Eule gratulieren. Anis erzählt, wie er dem Kloster entkommen war. Dass er das war, daran hat die Ansprache, die er heute trägt keinen Zweifel gelassen. Aber das wie war eine andere Geschichte. Das Magisterium beschäftigt einige nicht-geistliche Mitarbeiter, aber den Weg eines Geistlichen begonnen zu haben und dann doch der Priesterweihe entgangen zu sein, das war etwas Besonderes. Es kam nur in besonderen Fällen vor. Anis hatte sich einen dieser Fälle zu nutzen gemacht. Er war raffiniert gewesen mein Bruder. Raffiniert und hartnäckig. Er hatte, was ich nie besessen habe, schon gar nicht in diesem Alter: Zielstrebigkeit. Ich hatte vielleicht Träume, ich hatte was man vielleicht Visionen nennen würde, doch am Ende hatte ich mich schon immer so viel mehr von den Umständen treiben lassen, von äußeren Einflüssen, die ich mir vielleicht als übermächtig eingeredet habe, die mir aber viel mehr als Entschuldigung gedient haben. Um so viel mehr bewundere ich, wie Anis sich durch Sir Starling befreit hat. Wie er die Umstände genutzt hat und sich geschickt zu eigen gemacht. Voll staunender Anerkennung hänge ich ihm an den Lippen, während er fortfährt. Sir Starlings Route erläutert und schließlich vom Muskoviter-Reich spricht. Der Heimat unserer Mutter. Ich hätte gerne gefragt, ob er die Orte gesehen hat, an denen unsere Mutter gelebt, von denen sie erzählt hat. Aber ich wage nicht ihn zu unterbrechen, bin zu gebannt von seinen Worten. Der Art wie er erzählt, welche Beobachtungen er gemacht und wie er sie sich zu eigen gemacht hat. Seine Art zu denken, zu verarbeiten, die darunter vorschimmert, wie Muscheln im Sand unter einer flachen Schicht Wasser. Das nächste was mich mit der Kultur unserer Mutter wohl verbindet ist ihre Sprache – und Kascha. Buchweizenbrei mit Honig und Zimt, den sie uns als Kinder so häufig hat essen lassen. Es ist der Geschmack, den ich wie kaum etwas anderes mit meiner halben Herkunft verbinde. Wenigstens was die guten Seiten angeht. Der Geruch nach Zimt und Honig, der mich immer an meine Kindheit erinnert. Aber im Grunde weiß ich nichts. Anis‘ Worte lassen mich zum ersten Mal ein annähernd echtes Gefühl dafür bekommen, dass das Muskoviter-Reich mehr ist als eine Erzählung aus unserer Kindheit, mehr als ein unschöner Name in der Zeitung und den Mündern der Leute. Ich hätte gerne noch so viel mehr gehört, aber Anis fährt fort. Folgt weiter der Reise, die er gemacht hat. Spricht von den Tartaren. Durch sie hat unsere Mutter fliehen müssen. Durch sie starb ein Großteil ihrer Familie. Anis dagegen spricht mit einer gewissen Neutralität. Der Distanz eines Entdeckers, denke ich bei mir und doch ist da ebenso respektvolle Anerkennung. Sie sind wie jedes Volk geprägt durch ihre Kultur. Und die Tartaren sind nun einmal nomadische Krieger, sie für ihre Natur zu verurteilen wäre kurzsichtig ohne ihren Part der Geschichte zu kennen. Dennoch verbinde ich ihren Namen wie keinen anderen mit den schrecklichen Geschichten, die unsere Mutter einst von ihrer Flucht erzählt hat. Anis hält den Part um die Tartaren kurz. Ich weiß nicht ob aus ähnlichen Gründen, wie auch ich mich unwohl bei dem Gedanken an sie fühle oder ob tatsächlich, weil er nicht viel über sie zu berichten weiß. Schon am Klang seiner Stimme kann man hören, dass der nächste Part ihm so viel mehr gefällt. Die Art, wie er von ursprünglichen Landschaften und zerklüfteten Siedlungen spricht, wie von einem selten gehörten Geheimnis. Es liegt eine Faszination darunter, die ich unwillkürlich teile. Doch erst als er es ausspricht, begreife ich wie viel Zeit er dort verbracht haben muss. Das Schweigen legt sich erneut über das Abteil, aber es ist jetzt weich und hell wie eine Decke von Neuschnee im Winter, von dem Anis zuletzt gesprochen hat. Bis Nascha unerwartet zu sprechen beginnt. Mein Blick ruckt zu ihr, als wäre ich eben erst durch den Klang ihrer Stimme aufgewacht. Der Themenwechsel kommt so heftig und unerwartet, dass ich unwillkürlich die Augenbrauen hebe und Asya ein kurzes bellendes Lachen von sich gibt, als hätte sie sich verschluckt. Ihre Rute pocht neben meinen Schuhen aufgeregt auf den Boden des Abteils. „Eine Hexe?!“, stößt sie in tiefer Bewunderung hervor. Hätte Nascha gesagt Anis hätte im Norden mit ihr das Fliegen gelernt, Asya wäre vermutlich nicht minder aufgedreht gewesen. Dabei muss ich das meinem Bruder doch voll Respekt anerkennen. Aus dem Schoß des Klosters in den Schoß einer Hexe, das war eine Karriere, die sollte ihm erst mal einer nach machen. Ich bemerke zu spät, wie drastisch die Stimmung kippt. Erst als Anis von Anstand spricht, senke ich unwillkürlich den Blick und auch Asyas Enthusiasmus sinkt augenblicklich. Die Erinnerung tut uns gut, in dieser Hinsicht haben die Jahre beim Militär uns wohl vollkommen verdorben. Nascha hat uns fast vergessen lassen, wo wir hier sind, in welcher Funktion wir hier sind. Und selbst wenn Anis mein Bruder ist, gebührt es kaum an dieser Stelle fort zu fahren. Doch erst in der Art wie die Situation eskaliert, wie Anis sich in harten Worten gegen die Offenheit seines Daemons verteidigt, registriere ich, dass es nicht wirklich um Anstand geht, was es für ein wunder Punkt zu sein scheint, mehr als eine leidenschaftliche Nacht. Sondern noch irgendetwas… anderes… Ich bemerke erst jetzt welche Emotionen, welcher Schmerz oder ist es… Scham… eine Mischung daraus… darunter liegt. Ich bin froh den Blick gesenkt zu haben und wünsche mir doch im selben Moment mehr zu erfahren, zu wissen, weshalb Anis derart heftig reagiert. Und Nascha ihm darin in nichts nachsteht. Ich habe Mühe dem zu folgen, was Anis und Nascha einander an den Kopf werfen. Was auch immer das für ein Abkommen ist, das sie Asya und mich bezüglich getroffen haben, von was auch immer wir die Ausnahme sind. Doch ich hänge noch zu sehr in der Vergangenheit. Es muss schlimm gewesen sein, damals, wenn es beide jetzt derart in Rage versetzt. Anis über Vorwürfe spricht, die Nascha ihm gemacht hat, während es Nascha sichtlich Freude bereitet möglichst grausam und unsensibel ihre Geschichte vorzutragen, je mehr Anis sie davon abbringen will. Bis sie zu weit geht. Anis vorschießt. Hätte er Asya geschlagen, ich schätze es hätte mich weit weniger bestürzt als das, was er stattdessen tut. Nur mühsam antrainierte Selbstbeherrschung verhindert, dass ich erschrocken aufspringe, als Anis in plötzlichem Aktionismus seinen Daemon packt. Er hat das schon in Davies Büro getan gehabt, aber es schockiert mich deswegen keinen Deut weniger. Ich bemerke kaum, dass Asya sich angespannt aufsetzt. Es läuft wie ein Automatismus, als wären unsere Körper mit einem Mal eins. Wachsam beobachten wir Anis und Nascha. Ohne uns zu rühren. Ihren Körper hat Asya leicht gegen mein Bein gelehnt, absichernd. Die Ohren gestellt, mit einem Mal ist da nichts mehr von dem überdimensionalen Welpen, jede Faser in ihr ist ‚on guard‘. Sie haben sich schon damals gezankt, Anis und Nascha, und ich erinnere mich, dass ich mich bereits als Kind manchmal gefragt habe, wie sie nur mit unter so gänzlich gegensätzlich erscheinen können. Es ist nicht so, als ob ich mich nie mit Asya streiten würde, ganz im Gegenteil, auch wir sind oft brutal zueinander, auch wir fallen uns auf die Nerven und verfluchen das Handeln des jeweils anderen. Ich kann nicht in einer Faser behaupten, dass Asya und ich Harmonie wären oder uns gar besser stellen als Anis und Nascha. Ich kann nicht einmal benennen, ob da überhaupt ein Unterschied ist. Und doch ist da etwas in der Art, wie sie in diesem Moment miteinander umgehen, in der Art, wie Anis Nascha in Davies Büro gepackt hatte, in der Art, wie er sie jetzt wieder gepackt hat, sie so brutal nieder drückt, dass ich schon fürchte er könnte sie ernsthaft verletzen. Fast schon selbstverachtend vor den Schmerzen, die ihm das selbst bereiten muss. In der Art wie Nascha selbst jetzt noch ruhig und abgeklärt spottet, damit mehr noch als durch ihre Worte demonstriert, dass das hier nichts Außergewöhnliches für sie ist. Es verstört mich zu tiefst. So sehr, dass ich mich geistesabwesend mit einer Hand in Asyas dichtes Nackenfell geklammert habe. So sehr, dass sie sich unwillkürlich noch enger gegen mich drückt. Das hier hat nichts mehr allein mit der Hexen-Geschichte zu tun, begreife ich. Sie war in dem Moment vielleicht der Auslöser. Und was immer es mit dem auf sich hat, es muss eine tiefere Geschichte sein. Eine, die ich gerne gekannt hätte. Selbst wenn es mit einem Mal so unendlich weit entfernt scheint. Begraben unter der Grausamkeit mit der Nascha und Anis ihre Kräfte messen als wären sie sich selbst die größten Feinde. „Hör dir das nur an, wie soll man mit sowas zusammenleben können?!“ Es liegt so viel Verbitterung darin. Ich zucke fast zusammen, als Anis sich mir so unerwartet direkt zuwendet und mich mitten hinein zieht in den Streit mit seinem Daemon. Ich fühle mich kein bisschen vorbereitet darauf und bin froh, dass er direkt weiterspricht. Sachte zucken meine Mundwinkel in die Höhe. Sarkasmus fällt mir in der Regel leicht zu erkennen. Ich vermute ihn im Gegenteil viel zu häufig. Aber in diesem Fall bin ich mir unsicher damit. Weiß nicht, wie sehr ich mich tatsächlich vorwagen darf. Ich sehe wie Asya den Kopf gegen die Eule drückt, sie zärtlich, fast besorgt liebkost. Wie auf ein geheimes Zeichen, hatte sie sich wieder hingelegt, um Nascha ihren angestammten Platz auf ihrer Brust zurückzugeben. Und während ich sie betrachte, während Nascha und Anis langsam wieder in ein in der direkten Relation gesehen fast liebevolles Necken übergehen, da wünschte ich, ich könnte so offen sein wie Asya. Könnte Anis schlicht voll Sorge fragen, was los ist, was nur geschehen ist... Aber ich bringe keinen Ton hervor. Asya spürt meine Hilflosigkeit und ich bin froh, dass sie an meiner statt zu Sprechen ansetzt. „ER hat ja nur davon GE-TRÄUM-T“, stößt Asya die Worte hervor, als wäre jede Silbe es wert betont zu werden. Korrigiere: War froh. Sie spricht von meiner eigenen Erfahrung beziehungsweise in dieser Hinsicht mangelnden Erfahrung mit Hexen? Fassungslos sehe ich meinen Daemon an. Damit will sie uns retten?! „Sag mal, hast du sie noch!? Glaubst du das will er jetzt hören?“ – „Na, sehen kann er‘s ja leider nicht. Es war einfach zu gut. Kaum ein Wort rausgebracht, aber geglotzt für zehn.“ Sie kann wirklich kaum an sich halten vor Kichern. „Ich war fünfzehn“, brumme ich pikiert, während ich die Hitze auf den Wangen spüre, als wäre ich tatsächlich noch fünfzehn. „Und dir haben sie auch gefallen…“ – „Das steht nicht zur Debatte“, entscheidet Asya hoheitsvoll. „Und du warst mindestens sechszehn, eher siebzehn. Wir haben sie erst gesehen, als du schon Meldejunge des Majors warst. Meldejunge und fast den Herrn Gott vergessen beim Anblick der Hexen-Söldnerinnen – von der Botschaft ganz zu Schweigen. Sie hatten aber auch tatsächlich kaum was an…“ Die Hündin lacht selig und ich reibe mir verlegen mit der Hand im Nacken. Das kann sie wirklich laut sagen und Asya ist nicht die einzige, die bei diesem Bild vor Augen gerne in Erinnerung schwelgt. Aber nach allem, was wir gerade mitbekommen haben, dem Kampf zwischen Anis und Nascha, seiner Wut und dieser Scham oder was es ist… da ist mir mit meinem Bruder zu beweisen, dass wir keine Kinder mehr sind, sondern verdorbene erwachsene Männer, nicht unbedingt der oberste Punkt auf meiner Erfolgsliste. „Haben die im Norden in ihrer Heimat auch so wenig an? Wir haben uns immer gefragt, ob sie überhaupt keine Kälte spüren… selbst in der Nacht wa…“ Asyas Stimme verliert sich etwas. Die Nächte mit den eisigen Temperaturen sind nicht unbedingt unsere bevorzugte Erinnerung, aber eine von denen, die uns nie ganz los gelassen hat. Selbst heute noch fühlen wir uns am sichersten, wenn wir dicht Seite an Seite schlafen, auch wenn die Hündin mich nicht mehr mit ihrer dichten Unterwolle warm halten muss. Ich ignoriere Asyas kindische Frage, sehe stattdessen zu Anis hinüber. Wahrscheinlich sollte ich besser nicht fragen. Wahrscheinlich ist es das letzte, das er mir erzählen will. Schon gar nicht hier und jetzt. Aber ich kann den Moment nicht verstreichen lassen. Dafür hängt er mir schlicht noch viel zu sehr in den Knochen. Und auch auf die Gefahr hin, dass er mich ähnlich anfährt wie seinen Daemon frage ich ernst: „Was ist mit dieser Hexe gewesen?“ Ich fühle mich wieder wie der kleine Junge, der zu ihm aufsieht. Als würde ich ihn nach dem Ausgang einer Geschichte fragen, die er mir nicht zu Ende erzählt hat. Nur dass das keine Geschichte ist. Es ist Anis‘ Leben und jetzt da ich die Worte ausgesprochen habe, klingen sie viel zu forsch in meinen Ohren wider, selbst wenn ich leise, fast zögerlich gesprochen habe. Ich will es so gerne wissen, dass es mich beinahe innerlich zerreißt. Will so gerne wissen, weshalb Anis so heftig reagiert hatte. Was es mit dem Schmerz auf sich hat, der in all seinem Handeln, seinen Worten gelegen hatte. Was hat er dort im Norden erlebt und erfahren? Er ist mein Bruder und gesehen zu haben, wie er leidet ohne zu wissen, weshalb, macht es fast unerträglich für mich, nicht zu fragen. Ich spüre, wie auch Asya ernst wird, wie sie aufhört mit Nascha zu kuscheln und den Moment ebenso wenig vorbeiziehen lassen kann wie ich. Selbst wenn Anis mir keine Antwort darauf geben würde, ich muss es wenigstens versucht haben. RE: The verification mission - Anisim Langdon - 19.06.2020 Nico schweigt auf meine rhetorische Frage hin, aber es fällt mir kaum auf. Zu sehr bin ich noch damit beschäftigt, Nascha meinen Hass spüren zu lassen, dem ich keine Taten folgen lassen kann, weil sie unangenehmerweise schon wieder Recht hat und es ganz genau weiß. Ein Fakt, für den allein ich ihr schon den Hals umdrehen kann. Aber Asya lenkt mich erfolgreich von meinen unerfüllten Mordplänen ab. Ich drehe den Kopf in ihre Richtung, noch die Wut auf Nascha im Gesicht, während ich mich langsam darauf einstellen muss, was sie gesagt hat. Die Worte spielen sich in meinem Kopf noch einmal ab und ich benötige diesen Augenblick um zu verarbeiten was sie mit dem träumen meint, als Nico sie bereits anfährt. Seine Empörung bringt mich nun doch ein wenig zum lächeln. Es tröstet. Seine Fassungslosigkeit, Asyas Feixen. Ich sehe sie an, wie sie so selbstzufrieden kichert. Und ich lächle. Mag den Anblick viel mehr als die Dinge, über die sich Nico und Asya zu zanken beginnen. Ich weiß, dass es unfair ist, dass sich nun auch Nico auf dem Altar der Peinlichkeit opfern muss. Dass Asya ihm das selbe antut wie Nascha es mir versetzt hat. Aber es beruhigt mich. Die Geste umarmt mich warm und weich und sagt mir, dass es okay ist. Dass alles in Ordnung ist. Ich habe das so lange nicht gefühlt. Ich bin so unendlich dankbar, dass es mir schwer fällt zu schlucken. Ich hätte nicht erwartet, dass Asyas Schachzug so eine Wirkung auf mich haben würde. Hätte man mich gefragt, ich hätte gesagt, dass es alles nur viel schlimmer machen würde. Aber es ist das Gegenteil. Ich lasse mich von ihrem liebevollen Gezanke entführen. Hin zu einem jungen Nico, der zum ersten Mal in seinem Leben halbnackten Hexen gegenüber steht. Er war beim Militär. Als Meldejunge. Ich kann es mir so gut vorstellen. Wie Asya und er auf Abenteuerfang waren. Ausgerechnet beim Militär… Ich habe von den Kriegen gehört, die in Afrika gewütet haben. Wer hat das nicht? Der große Unabhängigkeitskrieg… War er dort? Ich komme nicht dazu, darüber nachzudenken was das für Nico bedeutet haben muss. Er reißt mich mit einer Frage aus diesen Gedanken. Ich sehe zu ihm. Fokussiere ihn zum ersten Mal wieder. Sein Gesichtsausdruck ist ernst. Was ist mit dieser Hexe gewesen. Ja, was ist mit ihr gewesen? Ich wende den Blick ab. Bemerke wie ich wieder zu fliehen. Aber was soll das? Was bringt es schon? Ich führe mich ja doch nur auf wie ein nervöser Jüngling. Unglaublich. Er ist mein Bruder. Mag sein, dass ich ihn lange nicht gesehen habe, aber das ist noch lange kein Grund um jede Fassung zu verlieren. Also atme ich tief durch und sehe ihn direkt an. Sachlich antworte ich ihm und die Worte kommen mir erstaunlich leicht über die Lippen, ohne jede Theatralik. Kurz und schmerzlos wie ein Pflaster, erinnere ich mich. „Ich habe mich in sie verliebt. Aber sie sich nicht in mich. Man geht anders mit Dingen wie Liebe um, wenn man hunderte von Jahren alt wird und die Menschen weit überlebt. Sie wollte Abwechslung.“ Ich zucke mit den Schultern. Als wäre das keine große Sache. „Sie wollte mich gerne weiter verschachern und ich habe festgestellt, dass ich mich in ihr getäuscht hatte. Wir sind in Streit geraten. Ich denke ich habe sie ziemlich wütend gemacht. Ich war nur ein dummer verliebter kleiner Junge und sie… tja… Ihr Clan hat Starling und mich ihres Landes verwiesen. Die ganze mühsam aufgebaute Freundschaft dahin. Starling wusste wie sie in diesen Dingen sind. Er hatte mich vorher extra davor gewarnt mich mit ihnen über unsere Dokumentation hinaus einzulassen. Aber was sollst du machen, wenn es dich einfach so dahinrafft? Ich war dumm, das war alles. Und er war zurecht wütend.“ Ich sehe Nico klar entgegen. Ja, das sind die blanken Tatsachen und es fällt mir beim Sprechen leicht, die Dinge so abgeklärt zu sehen. Wenn man jede Emotion daraus streicht, dann ist es das was dabei übrig bleibt. Eine Geschichte, die dumm gelaufen ist. Nichts weiter. Dass es mich damals zerrissen hat unter all den Emotionen, das ist eine andere Geschichte. Lange her und jeder kann es sich vorstellen. Nascha hat es nur zu schön gezeigt was mir diese Geschichte noch heute bedeutet. Aber trotzdem ist es ein wichtiges Lehrstück in meinem Leben gewesen. Und in manchen Momenten habe ich fast so etwas wie Frieden damit gefunden. Für mich war es wichtig. Und irgendwann ist es in Ordnung geworden. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich damit umgehen kann wenn andere davon wissen. Nico ist mein Bruder. Und deshalb ist es okay. Nascha hat mich auf die brutale Art daran erinnert. Aber wenn diese Dinge dieses Abteil verlassen würden… Ich hätte niemandem sonst davon erzählt. Die Welt da draußen besteht aus gierigen Haien, die jeder Blutspur folgen. Jede Schwäche ist für sie ein gefundenes Fressen. Das alles sind Dinge, die nur zwischen Nascha und mir existieren. Vieles davon kennt Starling, aber nicht in dieser Tiefe, er kannte nie meine Gefühle dazu. Aber immerhin konnte er mir irgendwann vergeben. Er hat seine Forschung in anderen Bereichen fortgesetzt und behauptet heute, dass die Erkundung der Hexenlande damals längst am Ende ihrer Blütezeit stand. Ich bin ihm dankbar dafür dass er das sagt, auch wenn es eine Lüge ist. Hin und wieder besuche ich ihn. Trinke Tee mit ihm. Er ist der Mann, der einem Freund am nächsten kommt. Vielleicht kehre ich deshalb immer wieder zu ihm zurück wie ein treuer Hund. „Oh ja, sie tragen generell wenig. Kälte tut ihnen nichts an. Sie könnten sich in den blanken Schnee setzen und ich behaupte immer noch, dass sie sich nur aus Höflichkeit ein wenig verhüllen. Und Schönheiten sind sie…“, höre ich Nascha am Boden des Abteils Asya erklären. Aber im Gegensatz zu vor wenigen Augenblicken, stört es mich nicht mehr was sie erzählen könnte. So lange sie nicht wieder obszön wird, soll es mir recht sein. Stattdessen sehe ich ernst zu Nico. Ich habe auch eine Frage, die mir auf der Zunge brennt. Ich stelle sie ruhig. Ja, vielleicht lenke ich ab. Aber Nico weiß was man über die Situation wissen kann. Ich möchte meine Neugier ebenfalls befriedigen und habe den Eindruck, dass der Moment dafür in Ordnung ist. „Ihr wart im Krieg?“, frage ich ernst und behutsam. Ich kann mir vorstellen, dass auch das keine leichte Erinnerung ist. Ich war damals froh, dem Einzug entgangen zu sein. Durch Starling einen guten Grund zu haben um nicht als Kanonenfutter zu enden. Dass mein jüngerer Bruder genau diesen Weg gegangen ist… Hätte ich das nur gewusst. Verglichen damit bin ich ein Feigling. Aber ich würde mich nicht für die Entscheidung verstecken, auch wenn das viele meiner Zeitgenossen so sehen. Im Gegenteil, ich bewundere meinen Bruder dafür, dass er diesen Weg gegangen ist. Und ich wüsste zu gerne wie es ihm damit ergangen ist. Wie es sich anfühlt, dort zu sein und nicht nur davon zu hören. Selbst wenn es hart werden sollte. Ich will seiner Erzählung so weit folgen wie er sie führen mag. Und wenn er sie kurz hält, dann soll mir das ebenfalls recht sein. Doch was er bereit ist mir zu erzählen, möchte ich zu gerne hören. Es gibt so lange Teile seines Lebens, die ich nicht mit ihm erleben konnte. Teile seines Lebens in denen ich hätte da sein sollen. An seiner Seite. Es ist schmerzlich wie skurril, dass ich meinen Bruder nach seinem Leben fragen muss um davon zu erfahren, wo ich jede Einzelheit kennen sollte, wären unsere Leben normal verlaufen. Aber ich bin auch dankbar um die Chance, die wir erhalten haben. Und ich versuche nicht darüber nachzudenken, dass sie nur von begrenzter Zeit ist. Dass sie nach diesem Kongress in Sheffield enden wird. Noch nicht. RE: The verification mission - Nikola Larkin - 21.06.2020 „Ich habe mich in sie verliebt. Aber sie sich nicht in mich. Man geht anders mit Dingen wie Liebe um, wenn man hunderte von Jahren alt wird und die Menschen weit überlebt. Sie wollte Abwechslung.“ – Ich hatte nicht damit gerechnet. Nicht dass Anis sich in diese Hexe verliebt hat, nicht dass er mir davon erzählen würde. Liebe ist etwas für hoffnungslose Träumer. Etwas aus Büchern und Gedichten. Ein Makel im realen Leben. Jedenfalls kommt es mir viel zu häufig so vor, so wie die meisten Männer darüber sprechen. Anis spricht es mit einer gewissen kühlen Härte aus, die ich von Asya kennen, wenn sie zu viele Emotionen überbrücken will. Aber er spricht es aus. Real und möglich und ohne jede Scham in diesem Moment. Nichts als ein Fakt. Und es tut gut. Gut nicht länger der einzige Narr zu sein, dem solche Dinge passieren. Selbst wenn Anis‘ Liebe unerwidert geblieben ist. Von der Hexe, die bereits hunderte Jahre alt gewesen war… Das ist es wohl, was mich an den Hexen später am meisten fasziniert hat. Ihr Alter, ihre Erfahrung, die Art wie sie mit Zeit umgehen, wie sie – in den seltenen Fällen, da es ihnen das wert zu sein scheint – erzählen. Aber ich hatte auch immer dieses unangenehme Gefühl behalten in ihren Augen nie mehr sein zu können, als ein kleiner unerfahrener Junge. Ich frage mich nicht zum ersten Mal, was Menschen wohl für sie sind? Mit der Erfahrung von der Anis gesprochen hatte, klang es nach nicht viel wert. Ein bisschen Abwechslung, etwas, das man einfach weiterreichen kann. Ich empfinde einen gewissen trotzigen Stolz darüber, dass Anis das nicht mit sich hat machen lassen, dass er den Streit riskiert hat. Selbst wenn es dazu geführt hat, dass Sir Starlings Forschungen gemeinsam mit Anis in die Wüste gejagt wurden. „Es hilft zwar nichts, aber ich schätze, dass du noch lebst, bedeutet dann wohl, dass es ihr doch irgendetwas bedeutet hat“, sage ich leise, nachdem er so unbarmherzig sich selbst gegenüber geendet hat. Hexen sind für ihre unvorstellbare Rachsucht bekannt, vor allem wenn sie sich in ihrer Ehre verletzt fühlen, sie tragen ihre Vergeltung über Kontinente hinweg. Natürlich ist die Alternative, dass es dieser Hexe schlicht zu gleichgültig war, aber dann… „Hätte es das gar nicht, hätte sie kaum die Beziehungen ihres Volkes riskiert. Das oder deine Courage muss ihr gefallen haben...“ Ich habe recht, es hilft nichts über ihre Motive zu spekulieren. Aber ich finde ihr Verhalten doch reichlich ungewöhnlich, dafür dass Anis der einzig Dumme der Geschichte sein sollte. „Oh ja, sie tragen generell wenig. Kälte tut ihnen nichts an. Sie könnten sich in den blanken Schnee setzen und ich behaupte immer noch, dass sie sich nur aus Höflichkeit ein wenig verhüllen. Und Schönheiten sind sie…“ – „Höflichkeit…?“, protestiert Asya kichernd und mit einem derart verdorbenen Unterton, dass ich mich unwillkürlich frage, ob die Beiden da unten nachholen wollen, dass ihnen nie vergönnt war zusammen Halbstarke zu sein. Am liebsten hätte ich Asya gegen die Hinterhand getreten, die sie mir zugewandt hat, aber es hätte mir ja doch nur selbst weh getan. „Ihr wart im Krieg?“ Die Frage trifft mich unerwartet, reißt mich unvermittelt fort von den Hexen. Und dann trifft es mich auch wieder nicht unerwartet. Ich weiß wie diese Gespräche in aller Regel verlaufen. Es läuft träge vor meinem inneren Auge ab. „Sie waren im Krieg, Larkin?“ – „Ja, Sir. In Südafrika und später für drei Monate an der Westfront.“ – „Welches Regiment?“ – „2nd Dragoon Guards, Kevanyo Squadron unter Major Morigan, Sir.“ – „Major Morigan… Soll man sagen was man will, aber er war ein guter Mann.“ – „Er war ein guter Mann, Sir.“ So oder so ähnlich verlaufen sie alle. Es gibt nur ein paar Fakten, die wirklich von Interesse sind. Ich nenne keinen davon ungefragt, aber wenn ich danach gefragt werde, dann trifft es mich auch nicht sonderlich unerwartet. Für gewöhnlich. Nur bin ich nie derart sanft danach gefragt worden. Nie mit einer solchen Behutsamkeit, als wäre meine Erinnerung ein lebendiges, verletzliches Wesen. Ich sehe den Ernst in Anis‘ Augen. Das Interesse. Vage geht mein Blick über das Abteil. Ich suche nach Worten, in die ich es fassen könnte. Ich denke an damals. An unsere Anstellung in einem Londoner Haus, an den Tod unseres Stiefvaters. Ich sehe das samtige Rot der Sitze und denke dabei an die Armut, die ich nach meiner Kindheit auf Dode Manor erlebt habe, die mir nach Rikkard Larkins Tod wieder gedroht hatte. Nicht nur mir. Auch meiner Mutter und… Ich sehe Anis wieder entgegen. Öffne den Mund. Da ist etwas, das noch so viel wichtiger ist. „Es gibt da etwas, was du vorher wissen solltest…“, beginne ich ernst, fast ein wenig gehetzt, „Mama und Rikkard Larkin, der Mann den sie geheiratet hat, sie hatten ei…“ – „Verdammt, Nico, das ist doch kein Verbrechen – selbst wenn es manchmal eine Strafe ist…“ Asya kichert leise und ich registriere erst jetzt, dass ich wohl viel zu angespannt gesprochen habe. „Ihr habt eine Halbschwester“, spricht Asya es fröhlich aus. „Febe Larkin und Caspian. Sie ist ein liebes kleines Ding. Inzwischen ist sie 23, arbeitet in der Küche eines Landhauses. Sie wird euch die Ohren abkauen, das verspreche ich euch. Cas ist ein bisschen reserviert, aber wenn du ihn besser kennst… er ist wirklich irre lustig, du wirst ihn mögen“, verspricht sie an Nascha gewandt. Ich sehe hinab auf meine Hände, erst in dem ich registriere, wie felsenfest Asya davon überzeugt ist, dass Anis und Nascha Febe und Cas kennen lernen werden, frage ich mich, weshalb es mir selbst so absurd vorkommt. Ich sehe auf, hinüber zu Anis. Er ist nicht länger der erstgeborene Sohn eines Earls. Er trägt keinen Titel mehr. Er arbeitet für die Kirche und sie sind schon immer seltsam indifferent zwischen den Schichten gewesen. Sie sind ein wenig wie das Militär. Herkunft, Vergangenheit und Schicht werden nicht gänzlich bedeutungslos, aber sie rücken in den Hintergrund. Genug in den Hintergrund, damit Anis seine Halbschwester einmal wird treffen können? Sie wenigstens einmal kennen lernen… Wenn sie das denn überhaupt… „Ich weiß nicht, ob ihr sie kennen lernen… ob ihr das wollen würdet, es ist nur…“ Ich komme nicht weiter, frage mich ernsthaft, wie Asya es geschafft hat uns in so eine Situation zu manövrieren. Ich räuspere mich. „Es ist unangemessen, das ist mir bewusst, ich will dich nicht damit br…“ – „Gib ihnen nicht das Gefühl, das du es nicht willst“, ermahnt Asya mich leise. „Ich – nein, das meine ich doch gar nicht… ich…“ – „Sie ist Anis‘ Halbschwester…?“, wiederholt Asya langsam, als wäre mir das bisher entgangen. Das ‚was willst du eigentlich?‘, schwingt unüberhörbar darin mit. Ich sehe wieder zu Boden. Ja, was will ich eigentlich? Bei Asya klingt alles so unendlich einfach und klar, während mein Kopf sich förmlich mit Ängsten und Zweifeln überschlägt. Nach allem was Anis mit seiner Familie erlebt hat, wird er da überhaupt noch etwas mit Familie zu tun haben wollen? Er hat sich selbst als kaum mehr als einen Dienstboten bezeichnet, aber will er wirklich noch mehr daran erinnert werden, dass es in seinem Blut ist? Ich bin ihm so dankbar dafür, dass er mich wie einen Bruder behandelt, ich will das nicht ausnützen und ihn darüber hinab in meine Schicht zerren - auch wenn ich weiß, dass Asya mich für den Gedanken ausgelacht hätte. Und zu was soll es eigentlich führen? Was bringt es überhaupt, wenn sie sich kennen lernen? Ich spüre eine Müdigkeit, die mich beinahe lethargisch macht. „Drei Jahre nachdem Mama geheiratet hatte“, setze ich schließlich an, nach was er mich eigentlich gefragt hat, und lasse Anis damit die Chance das Thema erst einmal auf sich beruhen zu lassen, „ist Rikkard Larkin, gestorben. Febe war zu der Zeit zwei Jahre und Rikkard hatte einen Sohn Rikkard Junior von seiner verstorbenen ersten Frau. Rik und ich standen in einem großen Londoner Haus im Dienst, aber haben damals nicht mehr als fünf Gold Dollar im Jahr verdient. Wir hätten etwas Besseres finden müssen, um Mama nicht weiter zu belasten. Sie hat schon Febe in die Familie von Rikkards Schwester geben müssen, um wieder arbeiten zu können. Um sich und uns zu versorgen. Wir hätten eine bessere Arbeit finden müssen, um unseren Beitrag zu leisten. Ich… ich weiß nicht, was wir damals gedacht haben“, bringe ich irgendwann hervor, „vielleicht, dass wir die Welt sehen, in ein paar Wochen wieder zuhause sind und eine Menge Geld verdient haben.“ – „Du vielleicht“, unterbricht mich Asya. Sie hasst es als naiv dazustehen, das tun wir beide. Aber in diesem Fall… Anis ist mein Bruder und ich kann heute wirklich nicht mehr sagen, was mich damals geritten hat. Ich hätte gerne Riks Träumereien die Schuld gegeben, aber das wäre eine Lüge gewesen. „Ja, dann eben ich“, erwidere ich müde gereizt, „Du bist damals auf den Daemon dieses Rekrutierungsoffiziers zu. Sicher wusstest du es besser.“ – „Wir haben alle weg wollen“, entscheidet Asya hart und ich weiß, dass sie recht hat. Ganz nüchtern unter dem Strich betrachtet, ist es alles: Wir hatten weg wollen, einfach raus. Wir waren nie so jung und naiv gewesen, wie ich gerne hätte. Wir haben gewusst, welches Opfer wir bringen, spätestens als ich die sieben plus fünf Jahre meiner Verpflichtung gelesen habe. Aber wir haben es in Kauf genommen. Wir waren so egoistisch und rücksichtslos, dass es mir bis heute Angst macht, dass es mich ratlos macht, warum wir es tatsächlich getan haben. Es hat uns schlicht kalt gelassen, was auf uns zu kommt und dass wir unsere Mutter mit dem kleinen Kind zurücklassen. Wir haben das vage Versprechen nach Freiheit vorgezogen. Weil uns die Eintönigkeit der Tage und die einengenden Ansprüche an uns zu Grunde gerichtet haben. „Da war er tatsächlich erst fünfzehn“, gesteht Asya mir zu. „Er hat sein Alter genannt und sie haben ihn direkt wieder raus geschickt, haben ihm gesagt, dass er eine bessere Antwort haben soll, wenn er wieder rein kommt. Wir sind raus gegangen, wieder rein und haben gesagt wir wären neunzehn. Er hatte vor kurzem diesen Wachstumsschub, ich hatte bereits endgültige Gestalt, wir hatten die medizinische Untersuchung und sie haben uns unter geschätztem Alter genommen. Rik hat es auf dieselbe Art geschafft, er war ein geschätztes Jahr älter.“ Sie lacht leise und ich lächele ein wenig. „Sie waren gerade dabei den Krieg in Afrika zu verlieren, sie haben viel zu dringend Soldaten gebraucht“, erkläre ich, bevor Asya wieder fort fährt. „Die Grundausbildung war wie eins dieser Sommercamps der Kirche – oder zumindest, wie wir uns ein Sommercamp immer vorgestellt haben. Wir haben in Zelten geschlafen und waren den ganzen Tag draußen und in Bewegung. Ein paar hatten Probleme mit dem frühen Aufstehen und dem Drill, aber das waren wir in gewisser Weise schon gewohnt. Klar war es etwas anderes, aber im Grunde hatten wir mehr Freiheiten als davor. Wir waren draußen und durften rennen und brüllen und lachen. Als es vorbei war, hatten wir eigentlich nur Angst nicht für tauglich befunden zu werden, dass doch noch einer bemerken würde, dass wir zu jung waren uns ein A4 geben und zurück nach Hause schicken. Aber wir bekamen den Befehl zur Verschiffung. Einen Monat sind wir mit der Maplemore unterwegs gewesen, einem Viermaster-Dampfschiff…“ Asyas Rute klopft einige Male auf den Boden des Abteils. Sie spricht es mit der Begeisterung, die wir damals empfunden haben. Nicht mit dem Wissen um die Härte der Überfahrt. „Die Überfahrt war das Größte, das wir damals erlebt haben, egal wie hart sie war. Wirklich schlimm wurde es im Grunde erst, nachdem wir in der Kapkolonie angekommen und nach Camp Culver versetzt worden sind.“ Unbestimmt sehe ich auf den Boden vor meinen Füßen. Ich weiß nicht, wie Asya das über die Lefzen bringt. Ich habe nie jemanden davon erzählt. Ich hätte nicht gewusst wie. „Es war ein kleines Camp. Schlecht versorgt. Schlecht geführt. Für das kleinste Vergehen wurdest du auf halbe Ration gesetzt und die Ganze war schon kläglich, nach zwei Monaten war er halb verhungert. Aber immer noch besser als die neuen Feldstrafen. Sie haben dich für Stunden an einen Zaun oder ein Holzgestell gebunden. Kurz nachdem wir angekommen sind, haben wir einen Mann gesehen, den sie in der Mittagshitze vergessen hatten. Die Haut verbrannt, völlig dehydriert. Wir haben erst… erst später begriffen, dass das auf seinen Schultern… dass das kein glitzernder Quarzsand war, sondern sein Daemon sich erst vor kurzem aufgelöst hatte.“ Asya erzählen zu lassen macht es ein wenig wie die Geschichte eines anderen und ich weiß, dass das feige ist. „Wir hatten höllische Angst davor“, gestehe ich meinem Bruder fast tonlos, als könnte er mich noch heute trösten, wie er es damals getan hat, wenn ich mich vor etwas gefürchtet habe. Wenn ich leise „Ich habe Angst“, geflüstert und er mich in den Arm genommen, mich neben ihm in seinem Bett hat schlafen lassen. „Angst zu… zu Sterben.“ Schon bevor wir auch nur den ersten Kampf erlebt hatten. „Manchmal kamen hochrangige Offiziere zu Besuch. Zur Kontrolle oder auf Durchreise. Natürlich hat der Kommandant versucht alles gut aussehen zu lassen. Sie haben die Soldaten dann auf improvisierte Zielscheiben schießen lassen, die auf Sandsäcke gemalt waren, die wir nachher wieder flicken oder neu füllen mussten. Es war ein Witz. Aber Nico ist ein guter Schütze. Wir hatten kaum mehr die Kraft aber waren immer noch besser als der Großteil des Camps. Vielleicht weil der Earl und Mr. Morris es uns beigebracht haben.“ Meine Mundwinkel zucken etwas in die Höhe, bei dem Stolz der in Asyas Stimme mitschwingt. Aber mir ist bewusst, dass es nichts ist, auf das ich wirklich stolz sein kann. Selbst wenn es mich gerettet hat. „Major Morigan hat uns das Leben gerettet. Er war auf Durchreise und sie haben wieder dieses Theater veranstaltet. Der Major hatte ein Aufklärungs-Squadron unter sich und er hatte eine kleine Gruppe Scouts und Scharfschützen, die er direkt befehligte. Er hat uns gesehen, Nico beim Schießen gesehen und hat uns mitgenommen.“ – „Wir haben Rikkard zurückgelassen“, werfe ich leise ein. Asya verstummt fast sofort. „Es war nicht unsere Entscheidung gewesen“, meint sie ruhig, aber ich kenne ihre Zweifel. Natürlich wäre nicht zu folgen Befehlsverweigerung gewesen, aber wir hätten noch immer so tun können, als wären wir untauglich oder dergleichen. „Er ist sieben Monate später in Kämpfen bei Lurdain gefallen“, erwidere ich hart, wie um meinen Daemon für die Abgeklärtheit in ihrer Stimme zu strafen. Asya schweigt noch eine Weile, bevor sie irgendwann wieder spricht. „Er wurde zu einem Meldejungen des Majors und… wir haben zusätzlich niedere Tätigkeiten übernommen, Kleidung und Ausrüstung gereinigt und ausgebessert. Es war wieder ein wenig wie in einem Haushalt in Diensten zu stehen.“ Asya trägt es wie eine Art Pointe vor, aber im Grunde ist es vielleicht ironisch, aber nicht besonders lustig und das wissen wir beide. „Wir bekamen bessere Rationen und waren nicht mehr der Willkür in Camp Culver ausgesetzt. Er war vielleicht nicht der beste Meldejunge… nicht wenn es um Hexen ging jedenfalls“, wieder lacht Asya, doch es hat nichts mehr von der vorangegangenen Ausgelassenheit, „aber er wusste, wie man einen Tee aufbrüht ohne ihn ungenießbar zu machen und durch unsre Zeit auf Dode Manor wussten wir auch ein wenig davon, wie man sich um ein Pferd kümmert.“ Sie legt eine kurze Pause ein. Wir denken beide ungern an die Pferde. „Das wären die Aufgaben des Batman gewesen, aber… Jordans war in beidem nicht besonders gut. Also haben wir allmählich diese Aufgaben übernommen. Dem Major ein Diener sein, uns um sein Pferd kümmern. Wir haben die Pferde gemocht sie haben uns an Dode Manor erinnert. Auch wenn sie unter den Bedingungen dort drüben gestorben sind wie die Fliegen.“ Asya spricht es ruhig aus. Sachlich. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen sie sich darüber die Kehle wund gegrollt und gewinselt hat. Grob reibe ich mir mit der Hand über das Gesicht. Der Major war kein herzloser Mann gewesen. Nicht wie andere, die ihre Pferde bis an den Rand der Entkräftung geprügelt haben und dann mit dem letzten bisschen ihrer Kraft Geschützteile oder schwere Ausrüstung schleppen lassen, bis sie tot umgefallen sind. Er hat sie mich vorher erschießen lassen. Sobald sie zu schwach waren und nicht mehr taugten. Ich habe erst mit der Zeit begriffen welche Gnade dahinter lag. „Irgendwann wurde Nico quasi der Valet des Majors. Wir sind auch später zurück in der Heimat in seinem Dienst geblieben. Als schließlich der Krieg in Europa ausbrach, da waren wir noch in Reserve, also hat man uns zurück in den aktiven Dienst gerufen. Wir sind rüber, ins – damals noch – Bourbonische Königreich, von da an die Grenze – oder was daraus geworden war. Aber nur für etwa drei Monate. Der Major… er war zu der Zeit schon sehr krank. Wir wurden mit ihm zurück in den Heimatdienst geschickt. Und waren… wir waren so froh darum. Es hat gereicht… was wir gesehen haben.“ Asyas Stimme verliert sich und für den Moment weiß ich dem nichts hinzuzufügen. RE: The verification mission - Anisim Langdon - 30.06.2020 Nein, Nicos Bemerkung hilft nichts. Und doch muss ich den Blick heben und ihn neugierig ansehen. Ich bin es nicht gewöhnt, dass sich jemand so sehr auf die tatsächliche Situation hinter meinen Worten einlässt. Sich wirklich diese Konstellation vorstellt und dann rationale Schlüsse daraus zieht. Es ist wie eine unsichtbare Grenze des Desinteresses, die ich mit knappen Worten aufrecht erhalten kann. Aber Nico kann ich nicht täuschen. Nico nimmt sogar die wenigen Brocken, die ich ihm gebe und stellt daraus Verbindungen her. Er kennt keine Scheu. Das überrascht mich fast mehr als das was er letztendlich sagt. Und selbst das nimmt mir ein wenig den Boden unter den Füßen, auch wenn mein Gesichtsausdruck dabei vollkommen ruhig ist. Er sagt diese Dinge kühl und sachlich. So sachlich, dass es fast wehtut. Dabei ist das nur meine eigene knappe Härte, die sich da zu mir zurück spiegelt, nachdem ich sie in meinem kurzen Bericht verwendet habe. Er richtet sich nach mir. Mehr nicht. Ich sollte mich nicht darüber wundern. Aber was er sagt… So hart und doch komme ich nicht darum herum, mich darauf einzulassen. Und während ich nachdenke senke ich ein wenig den Blick. So wie er es beschreibt, habe ich die Dinge nie betrachtet. Diese Art von Geschenk, die in der Geste liegt. Vielleicht war ich zu verträumt, vielleicht zu romantisch – Nascha wirft mir das oft genug vor – aber dieser Aspekt ist uns beiden entgangen. Dieser wichtige unschätzbare Aspekt. Es verändert alles. Meine ganze Sicht auf die Dinge damals. Und von einem Moment auf den anderen frage ich mich, wie ich so blind habe sein können. Ich muss mein Bild überdenken, ich muss die einzelnen Figuren darin an neue Plätze stellen und das verändert alles was ich über Kanerva denke… Unklar flackert es am Rande meines Bewusstseins auf… Vielleicht werde ich nach all dem feststellen, dass ich ihr damals Unrecht getan habe. Dass meine Wut nicht die volle Berechtigung hatte, von der ich dachte, dass sie sie besaß. Und dass mein Schmerz nicht so tief hätte sein müssen. Ich kenne die Rachsucht der Hexen. Und doch bin ich nie auf die Idee gekommen, dass diese Rachsucht so viel mehr hätte fordern können als das, was sie getan hat. Ich schlucke und kann nicht antworten. Es ist gut, dass Asya und Nascha am Boden des Abteils scherzen. Es lenkt davon ab, dass ich etwas hätte sagen müssen. Sie füllen die Stille. Finster ziehe ich kurz die Brauen zusammen um die Dinge zu verscheuchen, die mir durch den Kopf schießen. Das ist alles lange her. Viel zu lange. Nichts wird sich ändern, wenn ich die Dinge noch einmal durchrechne. Ich werde nur neue Dinge bereuen. Ich schließe das Thema fort. Weit fort. Beschließe strickt, mich zu weigern, diese neuen Gedanken zuzulassen. Mich dagegen zu versperren. Gegen die Wahrheit. Aber ich weiß doch, dass es mich nicht loslassen wird. So sehr ich es jetzt auch verscheuchen mag. Immerhin, ich schaffe es, die Gedanken an die Hexenlande in den Hintergrund rücken zu lassen. Ich schaffe es ebenfalls Nascha und Asya auszublenden. Stattdessen richte ich meine Gedanken auf Nicos Leben. Auf all die Dinge, die ich nicht über ihn weiß und frage schließlich nach dem Krieg, als sich meine Emotionen wieder beruhigt haben. Es ist als sei eine wogende See langsam zur Ruhe gekommen. Gerade ruhig genug, um zuzuhören, sich einmal nicht um sich selbst zu drehen. Aber ich sehe Nicos Zögern. Die Art wie sich sein Gesichtsausdruck verschließt, als würde er eine Mauer zwischen sich und mir errichten. Ich kenne diese Art wenn er sich so anscheinlich distanziert und kühl wird. Es ist wie ein Echo aus unserer Kindheit. Es fühlt sich jedes Mal an, als stoße er mich weit von sich. Als sei plötzlich alles das zwischen uns ist fort. Und ich spüre, dass ich zu viel gefragt haben könnte. Ich will bereits ansetzen, ihn von seiner Pflicht zu befreien, ihm sagen, dass er nicht darüber sprechen muss, wenn er es nicht möchte, als er mir zuvor kommt und mich innehalten lässt. Etwas das ich wissen sollte… All meine Intentionen zerfallen zu Staub und mir bleibt nichts als zu erwarten, was auch immer da folgen wird. Das hat nichts mit schweren Erinnerungen zu tun. Nicht so wie Nico das sagt. Da muss etwas anderes sein. Und es folgt sofort. Nicos Stimme ist schnell und gehetzt, als müsste er etwas beichten. Es ist wie früher. Und die Worte dringen langsamer zu mir durch als ich sie höre. Asya schießt dazwischen und gibt undeutliche Kommentare und Andeutungen ab, von denen mir keine weiter hilft. Rikkard Larkin und Mama haben was…? Mein irritierter Blick wandert zu der Hündin. Während Nico sichtlich mit sich kämpft, ergreift sie das Wort und erklärt Dinge leicht dahin als hätten die beiden uns mal eben etwas zum Kaffee mitgebracht. Wir haben eine Halbschwester… Ernst sehe ich Asya an, während sie mehr Nascha als mir erklärt, wer sie ist und welches Leben sie führt. Ich kann nicht sagen, weshalb es mich so sehr trifft, davon zu erfahren. Nur nach und nach wird es mir klarer. Beginne ich meine erste Reaktion zu verstehen, während ich wie versteinert dasitze und versuche meinen eigenen Gefühlen zu folgen. Mit dem Gedanken, dass Mamá noch einmal geheiratet hat, damit konnte ich noch gerade so leben, es ist immerhin ihr Leben, sie hatte ein Recht darauf, alle Chancen zu nutzen. Aber eine Halbschwester… das macht es so endgültig. Ihre Existenz fühlt sich an wie eine Besiegelung. Wie der Beweis, dass sie mich hinter sich lassen konnte. Dass sie mich eingetauscht hat gegen eine neue Familie und Nico direkt daneben gestanden hat. Für ihn muss es so viel schlimmer gewesen sein. Aber Asya klingt kein bisschen verbittert während sie erzählt. Sie mag die beiden. Febe Larkin und ihren Daemon Caspian. Sie waren dort. Es muss etwas anderes gewesen sein. Dort. Das Gefühl, das in mir hochsteigt ist so unendlich schmerzhaft und egoistisch. Ich versuche es hinunter zu drücken, aber es nistet sich unter meinem Brustbein ein und zwingt mich unter der Last leise tief einzuatmen. Ich sollte nicht so hart sein, ich weiß dass das in meinem Kopf vollkommen egoistisch ist. Dass es ungerecht ist, was ich fühle. Nico und Asya haben Nascha und mich nicht hinter sich gelassen. Der Beweis dafür liegt neben meinen Füßen auf dem Boden des Abteils. Und auch mein Leben ist weiter gegangen. Es wäre unfair, Nico dafür zu verurteilen, dass er seines geführt hat. Nascha trägt nichts von meiner Befangenheit an sich. Sie hüpft freudig auf Asya herum, flattert hier und da mit den Schwingen und verteilt hier und da eine Daune auf dem dunklen Fell der Hündin. „Das will ich doch hoffen! Sonst wird er einen Kopf kürzer gemacht, der liebe Junge!“ Sie lacht dreckig wie eine kleine Piratenbraut. Dann lässt sie von ihrer Hüpftour ab und schmiegt sich in Asyas Fell. Ihre Stimme ist eine andere als sie ruhig, fast liebevoll etwas hinzufügt. „Ich freue mich auf den Kleinen.“ Ich kann sie nur ansehen während sie all das von sich gibt, während meine Kehle trocken ist. Neben mir setzt Nico wieder zu sprechen an. „Ich weiß nicht, ob ihr sie kennen lernen… ob ihr das wollen würdet, es ist nur…“ Ich habe nicht die Kraft den Blick zu heben und Nico anzusehen. Beobachte immer noch Nascha und meine Welt fühlt sich mit einem Mal umso schwerer an. Sie kann diese Dinge so viel einfacher nehmen als ich. „Es ist unangemessen, das ist mir bewusst, ich will dich nicht damit br…“ – Oh wenn das Nicos Problem ist, kann ich ihn beruhigen… Für mich scheint mittlerweile kaum noch etwas unangemessen. Ich fühle die Bitterkeit in mir hochkriechen. Dabei ist sie nur ein Ablenkungsmanöver für die Dinge, die mich wirklich quälen. Asya fährt Nico ins Wort. Sie macht ihm Vorwürfe. Die beiden zanken sich, dass mir umso bewusster wird, wie schwer es Nico fällt, darüber zu sprechen. Und ich kann seine Sorge nicht einmal entkräften, dass ich es schwer aufnehmen werde, was er sagt. Aber der Stand ist es nicht, der noch ein Problem für mich darstellt. Immerhin, darin war unser Vater gründlich. Im Magisterium wird der Stand anders gehandhabt. Es ist kein Verbrechen mit der Dienerschaft ein Wort zu wechseln und wenn es mir darum ginge, etwas ungebührliches durchzusetzen, dann habe ich mittlerweile genügend Hände geschüttelt um zu wissen, wo ich mich im Notfall freikaufen müsste um ähnliches möglich zu machen. Nein, mein Problem ist so viel egoistischer. Aber Asya spricht den entscheidenden Punkt an. „Sie ist Anis‘ Halbschwester…?“ Ja, du Dummkopf, was stellst du dich eigentlich so an? Sie ist immerhin deine Halbschwester. In die eintretende Stille bestätige ich Asyas Worte ohne aufzusehen. „Der Stand ist kein Problem…“ Ich spüre mehr im Augenwinkel als dass ich es klar sehe, wie Nascha sich alarmiert durch meinen Ton auf Asyas Bauch aufrichtet, sich mir zuwendet und mich erwartungsvoll aus ihren ruhigen Augen ansieht. Ich hebe den Kopf, sehe Nico an, presse die Lippen zu einem schmalen Lächeln zusammen. Ich fühle, dass es gezwungen ist, aber ich bin außer Stande, meine Gefühle daraus zu vertreiben und dafür schäme ich mich gleichermaßen. Aber sie halten mich gefangen wie in einem eisernen Schraubstock. Trotzdem ist immerhin meine Stimme ruhig und warm als ich antworte. Sie ist aufrichtiger und beruhigender als ich mich fühle. „Ich würde sie gerne kennenlernen.“, versichere ich Nico und hoffe ihm damit ein Lächeln zu entlocken. Aber ich wende den Blick schnell wieder ab. Spüre schon bei der Vorstellung an ein solches Treffen die Aufregung in mir hochflattern. Mein Blick streift Nascha. Sie ist zufrieden mit mir, aber das beruhigt mich nicht. Im Gegenteil, es sieht ihr ähnlich. Nur schön den Schein nach außen wahren, egal wie zerrissen du innen drin bist. Es gehört sich so, damit würde sie jetzt argumentieren, wenn sie den Schnabel aufmachen würde. Aber jetzt kann sie hervorragend schweigen. Weil es um ihr Ansehen geht, und nicht mehr nur um meines. Meines kann man mit Füßen treten, ihres dagegen ist unantastbar. Das einzige was mich versöhnlich stimmt ist die Tatsache, dass ich für Nico so geantwortet habe, wie ich es getan habe und nicht für Nascha. Auch wenn sie Recht hat, dass es nicht in Frage gekommen wäre, ehrlich zu sein. Was hätte mein Bruder auch von mir gedacht, hätte er meinen Egoismus gekannt? Meine kindische Eifersucht… Immerhin hat auch er einen Halbbruder, den er bis heute nicht kennen gelernt hat. Aber ich habe mir eingebildet, dass er von unserem Vater immerhin bereits enttäuscht war. Ich dachte bisher zumindest, ich hätte noch eine Mutter, die sich meiner erinnert. Und so höre ich mit schwerem Herz und trockener Kehle zu, während Nico zu erzählen beginnt. Beobachte Nascha, wie sie es sich wie zur Erzählstunde wieder auf Asya gemütlich macht, während ich von Rikkard Larkins Tod höre. Es ist fast schändlich wie sehr es mich beruhigt, das zu hören. Als sei das meine persönliche Rache. Und doch… Mamá hat das nicht verdient. Ich verstecke den Gedanken direkt wieder tief in mir während ich mir vorstelle wie schwer das die Familie getroffen haben muss. Ein Sohn war noch dabei. Ich hebe zum ersten Mal wieder den Blick und sehe Nico an. Versuche in seinem Gesicht eine Antwort auf die Fragen zu finden, die mir durch den Kopf schießen. Rik und ich… Er hat einen neuen Bruder… Nicht nur eine Schwester, auch einen neuen Bruder. Ich versuche mich daran zu erinnern wie hart ihr Leben gewesen sein muss, um dieses Gefühl nicht wieder hochkommen zu lassen. Und Nicos Worte helfen dabei. Diese Dinge sind geschehen. Ich war nicht dort, ich habe nichts davon ändern können. Ich sollte aufhören, die Dinge dafür zu hassen, wie sie gelaufen sind. Und so konzentriere ich mich auf Nicos Geschichte. Versuche mir vorzustellen wie es ihm ging, beginne in meinem Kopf die Bilder seines Lebens zu entwickeln. Sehe ihn als Jungen vor mir, wie er in einem Londoner Haus dunkle Kleidung trägt und seinen Dienst tut. Finde nach und nach hinein in seine Welt… Ich spüre Nicos Reue und Verbitterung über die Naivität seiner Jungend als Rikkard Junior und er sich zum Dienst gemeldet haben. Und auch Asyas Einwürfe können daran nichts ändern. Meine Aufmerksamkeit liegt ganz auf Nico und langsam beginne ich zu verstehen, dass er längst begonnen hat, vom Krieg zu sprechen. Von seinem Weg dorthin. Im Gegensatz zu Asya ist er gnadenlos ehrlich. Schenkt sich keine Überspielung über die Fehler, die er begangen hat. Ich wünschte ich besäße so viel Abgeklärtheit wie er und gleichzeitig fühle ich wie viel mehr dahinter liegt. Sie dachten, sie würden ihre Mutter entlasten… Sie hatten hehre Ziele. Ich muss wider willen traurig lächeln als Asya patzig und auf unfaire Weise den Disput mit Nico gewinnt. Ich merke jetzt erst wie sehr ich die beiden vermisst habe. Es ist Asya die fortfährt und es fällt mir leicht, den Kopf zu ihr zu wenden und ihr zuzuhören während sie die Geschichte ihres Militärdienstes erzählt. Fünfzehn. Ein wenig ziehe ich die Brauen zusammen, werde ernst. Fünfzehn und schon ein Daemon mit fester Gestalt. Der Gedanke macht mir klar wie früh mein kleiner Bruder hatte erwachsen werden müssen. In seinem Alter habe ich noch kindische Komplotte gegen die Klosterbrüder geschmiedet, die mich erziehen sollten. Und er hat sich Gedanken darüber gemacht, wie er seine Familie ernähren kann. Und diese Taugenichtse von der Armee haben auch noch sehenden Auges Kinder verpflichtet. Ich schnaube abfällig als Asya erzählt, dass sie die Rekrutierung einfach so hinter sich gebracht haben, ohne dass sie jemand aufgehalten hat. Im Gegenteil, sie haben sie wissend um ihr Alter aufgenommen. Eine Bande von Heuchlern. Kinder in den Kampf zu schicken… Nico erklärt es trocken und sachlich. Fast klingt es als wollte er sagen, diese Männer seien nicht Schuld daran. Sie haben nur einer höheren Ordnung, einer Dringlichkeit gehorcht. Ja, das tun wir alle… Ich würde diese Männer trotzdem gerne persönlich zur Rechenschaft ziehen, wenn ich sie denn identifizieren könnte. Wahrscheinlich würde ich es mir nach genauem Nachdenken anders überlegen. Aber es ist zu schön, zu einfach, die Menschen am Ende der Kette zur Rechenschaft zu ziehen. Höhere Mächte sind jedermanns Ausrede. Nicht zuletzt die meines Vaters. Jeder schiebt die Verantwortung so weit von sich, wie es ihm nur möglich ist. Dabei wäre nur ein wenig Courage nötig, um die Dinge zu verändern. Aber das ist ein grundsätzliches Problem, das ich mit der Welt habe und es ist mir nicht neu. Also lasse ich den Gedanken schnell wieder zurück sinken und höre Asyas Erzählung zu. Was geschehen ist, ist geschehen und auch keine nachträgliche Rachsucht wird daran etwas ändern. Als Asya von der Überfahrt erzählt muss ich lächeln, aber es verfliegt bald wieder. Was sie von Camp Culver erzählt, klingt wie ein Albtraum. Das schlechteste Bild, das ich vom Militär habe, wird in diesen Erinnerungen bestätigt. Mehr noch, es fühlt sich so viel drastischer an als alles was ich bereits weiß. Es fühlt sich an, wie da zu sein, es zu sehen. Ich kann mir den Schrecken vorstellen, alleine dadurch wie Asya die Worte wählt, weniger durch die Emotionen, die sie so gut wie möglich aus ihrer Stimme heraus hält. Gerade diese Abgeklärtheit macht mir klar, wie hart es wirklich war. Als Nico es ausspricht, spüre ich bereits das Blut in meinen Adern gefrieren. Nascha hat sich dicht auf Asyas Bauch geduckt, den Kopf auf ihr Fell gedrückt. An ihr geht die Geschichte auch nicht spurlos vorbei, selbst wenn sie schweigt. Nico und Asya hatten Angst zu sterben. Ich schlucke hart. Ich kann es so gut verstehen. Wäre ich bei ihnen gewesen, ich hätte die selbe Angst gespürt. Aber ich war nicht dort. Sie mussten da alleine durch. Immerhin hatten sie sich, und doch… sie waren allein. Rikkard, sie hatten Rikkard, erinnere ich mich. Trotzdem. Die Angst an sich ist hart genug. Ich bin froh, dass Asya mich weiter zieht, von einem Ereignis zum nächsten bringt. Aber was sie von den Verhältnissen im Camp erzählt macht die Dinge nicht besser. Es fühlt sich an wie darum betrogen worden zu sein, meinen Bruder zu beschützen. Als hätten sie ihn absichtlich dorthin entführt, nur um mir zu zeigen wie machtlos ich bin. Grausamkeiten, die sie den Männern antun, die so angeblich heroisch ihr Leben für ihr Vaterland lassen. Da ist nichts heroisches dran. Aber das war keine grausame Entführung. Das war die freie Entscheidung eines Jungen, der erwachsen geworden war. Eines Jungen, der womöglich keine Hilfe gewollt hätte, wären wir wirklich zusammen aufgewachsen. Es fühlt sich trotzdem an als wäre es die Schuld unserer Eltern. Oder die meine. Ja, vielleicht ist es die meine. Ich hätte ihn suchen sollen, schießt es mir in einem verrückten Anfall durch den Kopf. Aber ich weiß, dass das Irrsinn ist. Ich weiß, dass nichts davon sich ändern lässt. Er ist da durch. Und alles was mir bleibt ist zu verstehen wie es ihm ergangen ist. Ich lächle traurig über Asyas Stolz auf die guten Schießkünste Nicos und die Lehrstunden auf Dode Manor und bemerke nicht, dass es im selben Moment ist wie Nico darüber lächelt. Ja, schießen konnte mein Bruder immer schon gut. Ich erinnere mich an unsere ersten Schießstunden als wäre es gestern gewesen. Unser Vater war immer wahnsinnig stolz auf unser beider Talent. Heute scheint er das alles vergessen zu haben. Immerhin, dieses „Geschenk“ von ihm hat Nico zumindest ein Stück weit gerettet. Dafür zumindest kann ich ihm zaghaft dankbar sein. Mein Bruder ein Scharfschütze… Ich beneide ihn doch ein wenig. Und darüber wiederum muss ich schief lächeln. Aber es vergeht mir als Nico einwirft, dass sie Rikkard zurück gelassen haben. Nicht weil ich ihm einen Vorwurf daraus machen würde. Nein, davon bin ich weit entfernt, was fiele mir auch ein. Aber ich bemerke an der Art wie Asya und Nico darüber diskutieren, dass es nicht einfach gewesen sein muss. Und einen Moment später erfahre ich weshalb. „Er ist sieben Monate später in Kämpfen bei Lurdain gefallen“ Ich senke ein wenig den Blick. Spüre wie sich die Stille über das Abteil legt. „Das tut mir Leid.“, sage ich leise, aber aufrichtig. Es fühlt sich dennoch ein wenig Fehl am Platz an. Trotzdem meine ich es ernst. Es könnte mich erleichtern, weil ich so zumindest ein Geschwisterkind meines Bruders nicht mehr kennen zu lernen brauche, aber der Gedanke ist selbst für mich zu bösartig. Nein, meine Gefühle und Gedanken sind bei Nico und was es für ihn bedeuten muss. Dass er auch seine Dinge zu bereuen und zu hinterfragen hat. Wie ich so vieles hinterfrage, das ich getan habe und das mir geschehen ist. Und doch bekomme ich die Ahnung davon, dass er mehr durchmachen musste als ich. Ich bedauere das. Ich bedauere es sehr. Wenn ich könnte, würde ich ihm einen Teil der Erfahrungen abnehmen. Ihn leichter tragen lassen. Und wieder trifft es mich am meisten, dass ich nichts bin als ein Zuhörer, dass ich nichts besser machen kann. Ich war nicht da. Asya beginnt wieder zu sprechen und das Abteil erneut mit ihren Worten zu füllen. Während an uns Felder und Dörfer vorbeiziehen, erzählt sie davon wie Nico zum Meldejungen dieses Major Morigan wurde. Dass es besser war als das Camp, dass sie Dinge getan hatten, die sie ein wenig kannten. Ich grinse leise vor mich hin, als Asya erneut die Hexen aufgreift und ein lautloses Lachen hüpft kurz durch meinen Brustkorb. Sie schafft es mit unbeschreiblicher Leichtigkeit, die dunklen Dinge hell klingen zu lassen. Ich bewundere sie für diese Gabe. Und ich lasse mich gerne davon entführen. Lächle weiter trotz der konstanten Trauer, die ich über Nicos Schicksal spüre, als sie ihn in unserer Vorstellung dilettantisch Teekochen und Pferde versorgen lässt. Ich bin sicher, Nico hat sich besser angestellt als sie es beschreibt. Und doch lasse ich ihr den Spaß, solange Nico ihn ihr lässt. Lasse mich davon tragen und wieder auf den Boden der Tatsachen bringen als sie von den Pferden im Camp erzählt. Dass sie gelitten haben, kann ich mir vorstellen. Ich habe schreckliche Geschichten von dort unten gehört und Asyas Worte passen nur erneut in dieses Bild. Menschen können so grausam sein. Ich habe Pferde auch immer gemocht. Ich bin geritten seit ich denken kann, aber ich habe es eine Weile nicht mehr getan und bin weit davon entfernt mir eines leisten zu können. Ich halte sie für wunderschöne Tiere, aber es stimmt mich stets traurig zu sehen wie ausgeliefert sie ihren Herren und damit der Willkür der Menschen sind. Wie sie folgen, die einen treu, die anderen ohne eine Wahl, und vom Schicksal so betrogen werden. Ich sehe Unfreiheit nicht gerne. Und ein Pferd ist in unserer Gesellschaft das unfreiste, das ich mir vorstellen kann. In die Steppen der Hexenlande, dort gehören sie hin, frei und ohne Zügel. Aber nicht unter die Peitsche eines Majors. Das ist eine romantische Sichtweise. Ich habe früh festgestellt, dass sie keinen Platz in der Gegenwart hat. Und ich habe mich damit abgefunden, dass ich nichts daran ändern kann. Alles was ich tun kann ist, mich möglichst von diesen Anblicken fern zu halten. Man macht sich Feinde, wenn man einem Mann sagt, wie er mit seinem Eigentum umzugehen hat und nichts anderes sind die Tiere für die Menschen. Das Magisterium sagt, dass Tiere keine Seelen haben, weil sie nicht außerhalb ihrer Körper leben. Dass Daemonen nur weil sie tierische Gestalt besitzen nichts mit Tieren gemeinsam haben müssen. Aber ich sehe das Leid und die Freude in den Augen zu vieler Tiere um dem Glauben schenken zu können. Ich behalte diese Gedanken für mich und ich weiß genau weshalb. Aber an die Ungerechtigkeit muss ich dennoch immer wieder denken. Und ich fühle mit dem was Nico und Asya gesehen haben müssen. Durch den Major wurde Nico Valet. Dadurch der Aufstieg. Eine unglaubliche Chance wenn man Dienstbote war. Und doch fühlt es sich aus Asyas Worten heraus nicht wie eine Beförderung an. Sie wird schlicht und kurz angebunden über alles was darauf folgt. Der europäische Krieg, der erneute Einzug… Womöglich hat es seine Gründe, dass sie nichts aus den Schlachten erzählt. Vielleicht kann man solche Dinge auch schlicht nicht erzählen. Drei Monate sind genügend Zeit um Tod und Leid zu erfahren. Es ist nicht einmal üblich über solche Dinge zu sprechen und ich kann mir vorstellen woher das kommt. Erst als Asya über die Erleichterung der Rückkehr spricht, kommen wieder Emotionen in ihre Worte. Und ich kann nicht anders als den Blick zu heben und sie zu beobachten während sie darüber spricht. Ich kann ihre Erleichterung fast körperlich spüren. Fast bin ich auch erleichtert. Dass das alles ist, was mein Bruder erleben musste. Dass die Schrecken nicht noch weiter gehen. Ich weiß, ich habe danach gefragt. Und ich wollte es wissen in dem Bewusstsein, dass es nicht einfach wird. Aber es schmerzt, nichts an diesen Dingen ändern zu können. Das ist eine unsichtbare Mauer, gegen die ich immer und immer wieder renne seit Asya zu erzählen begonnen hat. Asya schließt mit den einzigen Worten, die für all das eine Zusammenfassung bilden können… „Es hat gereicht… was wir gesehen haben.“ Betroffen und sorgenvoll sehe ich sie weiterhin an während ihre Stimme sich im Abteil verloren hat. Stille tritt ein. Die Bilder schweben noch immer durch meinen Kopf. Ich sehe meinen Bruder kämpfen, Asya an seiner Seite. Ich sehe ihn Tee aufgießen und verendenden Pferden die letzten Worte sagen. Es tut mir so unendlich Leid, dass ich nicht da war. Dass er und Asya alleine waren. Dass sogar ihr Stiefbruder in dieser Zeit gefallen ist. Was das alles für die beiden bedeutet haben muss. Und ich konnte nichts davon abmildern. Selbst jetzt werden ihnen diese Worte nichts bringen. Ich schlucke, schaue kurz hinunter auf den Boden, der mit dunkelblauem Teppich bezogen ist. In den Schatten sieht er fast schwarz aus. „Und von seinen Diensten seid ihr ins Magisterium gekommen?“, frage ich leise, behutsam und respektvoll. Hebe wieder den Blick und sehe ernst zu Asya. Mir bleibt nichts als weiter zuzuhören, zu verstehen… Von Bedauern werden die beiden nichts haben. Jeder Versuch in meinem Kopf es auszudrücken gerät zu plump und zu würdelos. Ich will kein Mitleid ausdrücken. Ich möchte Anteilnahme zeigen. Aber mir fällt kein Weg ein wie ich das tun könnte, ohne die beiden zu beleidigen. Ich war nicht da und daran lässt sich nichts ändern. Ich kann nur Respekt zeigen vor den unglaublichen Dingen, die sie sehen mussten. RE: The verification mission - Nikola Larkin - 01.07.2020 Ich sitze noch immer da, den Blick geradeaus gewandt. Ich sehe was vor mir ist. Warmes Rot, samtweicher Stoff und sehe doch durch ihn hindurch. Ich fühle mich wie am frühen Morgen eine Zeltplane zu öffnen und hinaus ins Freie zu klettern. Die Luft im Zelt ist abgestanden und warm von der Nacht. Draußen ist es kühl. Nicht unangenehm, aber ich fröstele trotz allem im ersten Moment. Ich atme die frische Morgenluft ein, spüre sie bis tief in meine Lungen. Es hat geregnet in der Nacht. Ich laufe über regennasse Erde. Die Feuchtigkeit legt sich auf meine nackten Arme. Meine Haut kribbelt. Ich fühle mich roh und verletzlich darunter und gleichzeitig rein und unverbraucht wie selten. Als könnten die letzten Spuren des Regens durch meine Haut hindurchdringen und mich eins werden lassen mit den äußeren Elementen. Die Welt ist grau und mitleidlos vom Morgen, aber die Konturen scharf gezeichnet und klar wie sie nur nach einem schweren Regenschauer sind. Ich sehe zu Boden auf meine nackten Füße und fühle mich nicht gut oder sicher, aber vollkommen ruhig und klar. Ich schrecke auf von dem Gedanken, dass Asya nicht an meiner Seite ist – und hatte doch zu keinem Moment das Gefühl, dass sie nicht bei mir war. Ich schlucke trocken, blicke hinab auf meine verkrampften Hände und als ich zitternd den Atem wieder in mir aufnehme, fühle ich mich als hätte ich so heftig geweint wie lange nicht mehr. Als hätte ich mir den Geist aus dem Leib gebrüllt, mich vollkommen verausgabt und könnte erst jetzt wieder die ersten Atemzüge machen ohne zu Schluchzen. Vage reibe ich mir über den Unterarm. Ich bin erschöpft und fühle mich doch gleichzeitig unsagbar geklärt und eins mit mir wie selten. Einen verrückten Moment lang frage ich mich, ob man sich so wohl nach einer Beichte fühlen sollte und ich denke, dass ich in diesem Fall wohl in Zukunft besser Asya sprechen lassen sollte. Ich verwerfe den Gedanken fast mit einem Lächeln. Besser nicht, sie ist einfach zu ehrlich. Ich weiß nicht, ob ich das bereuen werde. Sehr wahrscheinlich werde ich das. Das tue ich meistens wenn ich mit irgendeiner Sache wirklich einmal offen war. Doch für den Moment ist da nur die Stille des Abteils und das Gefühl wie Nascha sich fast wie eine Eulenmutter über ihr überdimensionales Küken über Asya geduckt hat, es lullt mich vollkommen ein mit seiner Wärme. Ich schlucke. Erst an diesem Gefühl wie gehäutet zu sein, begreife ich, was man damit meint eine dicke Haut zu haben, wenn man die Dinge nicht an sich heran lässt. Oder… eher im Gegenteil. Ich hatte schon immer diese Probleme damit, zu verhindern, dass die Dinge mir zu nahe gehen. Was in dieser Intensität völlig neu für mich ist und so befremdlich, dass ich es kein bisschen einschätzen kann, ist die Dinge wieder aus mir heraus zu lassen. Jemanden wissen zu lassen, wie es wirklich in mir aussieht. Ihm einen Blick darauf zu gewähren, wie Asya es getan hat. Ich kann nur annehmen, dass mir das als Kind keine solche Probleme bereitet hat, aber ehrlich gesagt weiß ich es nicht mehr. Vielleicht hatte es auch einfach noch so viel weniger gegeben, dass ich in mir Verborgen aufbewahrt habe, zusammengedrängt in diesen Ecken meines Selbst, die so Dunkel sind, dass ich sie oft genug selbst meide. „Und von seinen Diensten seid ihr ins Magisterium gekommen?“ Ich reiße den Blick hoch, sehe hinüber zu Anis. Gegen meinen Willen erinnert seine Stimme mich daran, wie er vor Asyas Erzählung gesprochen hatte. Er hatte versprochen Febe gerne kennen zu lernen, aber ich habe die Bitterkeit in seinem Blick gesehen, bevor er weg gesehen hat, sie war eine Bestätigung all der Befürchtungen gewesen, die ich mir selbst kaum mehr eingestanden habe. Aber das ist in Ordnung. Ich bin selbst nicht erpicht darauf, dass er das tut. Es ist Asyas Traum, vielleicht auch Naschas, so wie sie und Asya sich aneinander geschmiegt haben, und es tut mir weh ihn so wenig zu teilen, aber ich kann nichts daran ändern. Ich hatte mir unwillkürlich versprochen das Thema nie wieder aufkommen zu lassen, nicht wenn ich es verhindern kann, und daran halte ich fest. Erst im nächsten Moment kommt der Inhalt von Anis‘ Frage bei mir an. Ich lache. Rau und dunkel als hätte ich tatsächlich viel zu lange geweint. „Tut mir leid“, entschuldige ich mich fast direkt, als ich begreife, dass er kaum wissen kann, wie nah dieser – vielleicht völlig unbeabsichtigt – implizierte Zusammenhang einem Scherz kommt. „Tut mir leid… nein, das kann man nicht direkt so sagen.“ – „Der Major war ein…“, kommt mir Asya zur Hilfe, aber auch sie stockt einen Moment, ihre Ohren zucken unruhig. Sie hätte ebenso sagen können, dass der Major eine abartige Vorliebe für kleine Kinder hatte, die er danach verstümmelt in dunklen Gassen ablegte. Es wäre in den Augen der meisten wohl das geringere Verbrechen. „… Nun, ein… ein man würde wohl sagen ein Gegner der Kirche.“ – „Er war ein tief gläubiger Mann“, verteidige ich fast sofort die Ehre des Majors. „Aber das…“, ich schlucke. Asya hat es schon sehr viel drastischer formuliert. Hilflos zucke ich mit den Schultern und sage es dann wie es ist: „Das Magisterium hat er verabscheut.“ Ich lasse die Schultern wieder sinken. Warum will ich es auch entschuldigen? Der Major ist tot. Ich war sein Valet, der heute im Dienst der Kirche steht. Ich habe meinen Teil gebüßt für diese Gnade. Bin gewissermaßen geläutert. „Er war der Earl of Berfolk und sehr… nun… politisch.“ Das ist kein Geheimnis. Ebenso die Abneigung Lord Morigans gegen die Kirche – auch wenn es höflicherweise totgeschwiegen wird. Selbst zu Lebzeiten haben die meisten versucht diese unangenehme Tatsache bestenfalls zu verdrängen. Einige zumindest. Andere Akteure gingen andere Wege. „Er ist vor fünf Jahren gestorben“, sagt Asya. „Er war sehr krank“, sage ich. Es klingt fast wie ein Zusammenhang. „Wir haben erst nach seinem Tod begonnen für das Magisterium zu arbeiten. Das ist fünf Jahre her.“ Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass sich mein langer Militärdienst und die politischen Bestreben meines ehemaligen Herrn nicht unbedingt positiv in meinem Zeugnis machen. Aber immerhin das ist durch meinen Dienst beim Magisterium nicht länger meine Sorge, ich brauche mich nicht aktiv um Anstellungen zu bemühen. „Habt ihr…“ – „Asya“, ich sage ihren Namen nur wie beiläufig. Sie schweigt fast sofort und diese Tatsache sagt mir mehr als alles andere, dass sie mit dieser Frage ebenso unsicher ist wie ich. Ich lasse leise schnaubend die Luft entweichen, schüttele reuig mit geschlossenen Augen den Kopf über meine Feigheit. Es hilft nichts, wir müssen es wissen. Ich bringe die Frage dennoch nicht über die Lippen und verstehe selbst nicht wirklich weshalb. „Und nach Sir Starling hast du die Arbeit unter dem Lord Chaplain aufgenommen?“, frage ich stattdessen. Das hat mich schon zuvor interessiert. Wie konnten Entdecker wie Anis und Nascha zu den Unglücksboten des Magisteriums werden? Doch nicht nur wegen dieser Hexe? Ruhig sehe ich zu ihm. Für einen Valet im Dienst der Kirche begreife ich deren Strukturen viel zu wenig, das ist mir selbst bewusst. Ich kenne sie, aber ich verstehe sie nicht, so sehr unterscheiden sie sich von der säkulären Welt in der ich so viel länger in Diensten stand. Ich kann nicht einmal mi Gewissheit sagen, ob man Anis Positionswechsel wohl einen Auf- oder Abstieg bezeichnen würde. Die Arbeit unter einem Lord Chaplain ist hochangesehen. Aber Anis und Nascha waren im Norden gewesen, sie hatten die Welt gesehen, sie waren dem, was ich mir als Freiheit vorstelle, so nah gewesen. Und jetzt… Ich verstehe es nicht. Ich weiß nicht, ob es hart ist so offen danach zu fragen, doch auch er hat mich harte Dinge gefragt. Ich war ohnehin schon wieder viel zu feige. Asya hatte eine andere Frage stellen wollen, das ahne ich. Oder… dieselbe in direkter Form. Ich wüsste es ja auch gerne, ob Anis je etwas anderes getan hatte, als für die Kirche zu arbeiten. Und viel mehr noch interessiert mich die andere Frage, unabhängig dessen was tatsächlich gewesen ist. Die ob er es je hat wollen. Ob er je etwas anderes hatte tun wollen. Doch die kann ich mir aus unterschiedlichen Gründen nicht erlauben zu stellen. RE: The verification mission - Anisim Langdon - 02.07.2020 Auf Asya ruht mein Blick, aber Nico über ihr auf der Sitzbank ist es, der mir antwortet. Mit einem Lachen. Es ist ein gebrochenes Lachen, wie aus tiefster Erschöpfung. Ich hebe den Blick und sehe ihn ernst an. Versuche zu verstehen, weshalb er lacht. Es erschreckt mich, ja. Weil ich nicht damit gerechnet habe. Keine Sekunde. Und ich habe nicht den Hauch einer Ahnung weshalb er lacht. Ich habe behutsam gefragt, respektvoll – ist es das? Lacht er mich aus? Ich habe keinen Anhaltspunkt dafür, dass es so ist und doch fühle ich mich sofort verunsichert und verletzt. Ich fühle es und ich kenne das Gefühl gut genug, um es benennen zu können. Aber ich hätte nicht erwartet, dass es jetzt in mir hochkommt. Immerhin, ich sollte wissen, dass dieser Mann mich nicht auslachen würde. Sollte ich das? Ich sehe meinen Bruder an und erkenne nichts, das mir sagt, weshalb er lacht. Und wenn es nicht über mich ist… und ich ihm nicht folgen kann… Ich sehe Nikola Larkin an und spüre plötzlich zu deutlich, wie wenig ich ihn kenne. Ich habe es mir eingebildet. Alles. Wie ich mir immer alles einbilde. Im Augenwinkel nehme ich wahr, wie auch Nascha überrascht und neugierig den Kopf von Asyas Brust hebt und Nico ansieht. Aber als meine Augen zu ihr wandern, erkenne ich keine Irritation in ihrem Gesicht. Sie hat den Kopf ein wenig schräg gelegt, aber sie sieht Nico an als würde er ihr jeden Moment die Pointe eines besonders herzhaften Witzes verraten. Keine Scheu, keine Schüchternheit. Wie kann sie sich so sicher sein? „Tut mir leid“, kommt es jetzt von Nico. Ich hebe den Blick wieder zu ihm und höre dem zu was er mir daraufhin sagt. Nichts davon hilft mir weiter. Stumm sehe ich ihn an, während ich versuche zu begreifen, was gerade passiert, was ich berührt habe das ich nicht verstehe. Asya stimmt in Nicos Worte mit ein und meine Augen wandern ernst zwischen ihr und Nico hin und her. Folgen den Erklärungen, mit denen sie sich abwechseln. Sie sprechen vom Major. Ein Gegner der Kirche, aber ein tief gläubiger Mann. Eine ungewöhnlich intelligente Mischung, muss ich denken, während sich meine Überlegungen um diese Vorstellung drehen, ohne dass ich es beeinflussen kann. Ich versuche Nico und Asya zu folgen, sauge die Details in mich auf, suche krampfhaft nach Verbindungen, in dem Versuch zu verstehen, was sie mir sagen möchten. Das Magisterium hat er verabscheut. Der Earl of Berfolk. Politisch. Und dann wird es mir plötzlich klar. Ich spüre wie sich etwas in meinem Gesicht löst und trotzdem denke ich ernst darüber nach was sich mit einem Mal vor meinem geistigen Auge ausbreitet. Als habe mit einem Mal jemand das Licht in meinem Schädel eingeschaltet, sehe ich die Verbindungen vor mir. Der Earl of Berfolk. Das ist kein mir unbekannter Titel. Als Major ist er mir nicht aufgefallen, aber der Earl of Berfolk ist eine Gestalt, die mir bereits des Öfteren begegnet ist. Ich kenne seinen Hass auf das Magisterium. Seine Feindschaft mit der Kirche hat Legendenstatus erreicht und für den Adel gilt er als einer der Helden ihrer Riege. Wenn auch sich niemand trauen würde, das laut auszusprechen. Politisch zu sein, ist in diesen Zeiten keine gute Eigenschaft. Besonders wenn man das Magisterium zum Feind hat. Er ist tot. Über die Umstände weiß ich nichts, aber Asya ergänzt es sofort. Krank. Ich nicke ernst. „Ich kannte den Mann.“, stelle ich ruhig fest. Mehr als dass ich den Earl kannte, irritiert mich jedoch der Gedanke, wie nah ich Nico bereits gewesen bin. Wie klein London ist, wie klein diese ganze Insel ist. Es hätte nur eines einzigen Kondolenzbesuches bedurft, damit ich ihm früher wiederbegegnet wäre. Mein Blick wandert zurück zu Nico, als er schlussendlich meine Frage beantwortet. Nachdenklich sehe ich ihn weiter an. All meine Sorge um sein Lachen ist verschwunden, viel zu sehr hat mich die Suche nach dem was Nico mir erklärt hat, vereinnahmt. Aber jetzt muss ich wieder daran denken. An diesen Gegensatz. An diesen Widerspruch. „Ein harter Wechsel.“ Es ist zum Teil Vermutung, zum Teil Feststellung. Von außen betrachtet wirkt dieser Fahnenwechsel fast skurril. Aber ein Diener ist manchmal auch nur ein Diener. Er muss die Überzeugungen seines Herren nicht unbedingt teilen, wenn die Arbeit immerhin gut ist und der Ruf nicht zu sehr darunter leidet. Menschen setzen unterschiedliche Prioritäten. Wenn man es so betrachtet, ist nichts Besonderes an Nicos Wechsel von einem harten Gegner der Kirche hin zum Magisterium. Trotzdem stelle ich mir die Umstellung schwer vor. Ich weiß, dass sie mir nicht leichtgefallen wäre, aber ich bin nicht sicher, ob Nico das genauso sieht. Ich wüsste es zu gerne. Ich wüsste zu gerne was er denkt und fühle mich viel zu weit weg davon, dem nahe zu kommen. Dass er Asya ihre Frage verwehrt und sie daraufhin schweigt, irritiert mich. Ich sehe zu ihr. Zu gerne hätte ich sie gefragt, was sie wissen will. Ich bin in diesem Moment überzeugt davon, ihr alles zu beantworten, was sie wissen möchte. Und mag es noch so privat sein. Das ist nur ein Eindruck, es ist nicht wahr, das ist mir bewusst. Aber es fühlt sich schrecklich an, nicht zu wissen, was beinahe gewesen wäre. Immerhin, Nico möchte nicht fragen. Vielleicht wegen mir. Vielleicht wegen sich. Ich respektiere es und schweige. Ich werde ihm nichts entreißen das er nicht möchte. Nascha besitzt nicht so viel Takt. Plötzlich wieder hellwach, steht sie aufrecht auf Asyas Brustkorb und hat ungeduldig die Schwingen ausgebreitet. „Was haben wir?“, fragt sie aufmüpfig während sie auf Asyas Schnauze zuspringt und spielerisch nach ihr hackt um sie zu reizen und zu provozieren. Sie dazu zu bringen, ihr zu verraten, was Nico nicht offen gefragt wissen möchte. „Nascha…“ Jetzt bin ich es, der seinen Daemon tadeln muss. Meine Stimme ist ruhig, aber sie kennt den Ton. Ungnädig wirft sie mir einen Blick zu und schnäbelt beleidigt. Aber sie gibt endlich Ruhe und lässt sich auf die Beine sinken. Immerhin, die Diskussion hatten wir für heute schon. Ich bin dankbar, dass Nico eine andere Frage stellt und Nascha damit nicht die Chance gibt, Asya doch noch ungehorsam etwas zu entreißen. Irgendwann wird die Zeit vielleicht kommen. Irgendwann wird Asya fragen, was sie gerne wissen wollte. Was auch immer es ist. Bis dahin werde ich es vielleicht vergessen. Aber das Gefühl, dass da etwas Unausgesprochenes in der Luft hängt, brennt sich in mir fest, beißt sich in meine Haut, als wollte es mich konstant in eine andere Richtung ziehen. Es fällt mir schwer, mich auf Nicos Frage zu konzentrieren, jeden Gedanken an Asyas unausgesprochene Frage mühsam zu unterdrücken. Es fühlt sich an als säße ein überdimensionales Tier im Raum und ich würde krampfhaft versuchen, nicht hinzusehen. Das ist dann wohl der sprichwörtliche Elefant. Nicos Frage also dreht sich um mich… um meine Karriere – was man so Karriere nennt. Ich bedauere es, dass wir nicht mehr über Nicos Leben sprechen, dass er den Ball zu mir zurück spielr, aber ich schätze, dass es früher oder später so hat kommen müssen und ich schulde es ihm nachdem Asya und er so offen waren. Einen Moment lang sehe ich auf das rote Polster der Sitze, um mich zu sammeln. Dann hebe ich den Blick und sehe Nico wieder an, um ihm ruhig zu antworten. „Nein, nicht auf direktem Weg. Starling hat sich irgendwann zur Ruhe gesetzt und innenpolitischen Themen zugewendet. Für mich hatte er keine Verwendung mehr, also habe ich mir eine neue Stelle innerhalb des Magisteriums gesucht. Durch Sir Starlings Empfehlung war ich eine Zeit lang magisterialer Vertreter und Berater für den Expeditionsausschuss des Oberhauses. Jede staatlich finanzierte Unternehmung, die das Magisterium im Ausland tätigt, muss durch das Oberhaus abgesegnet werden, das ist ein Teil ihres vorgetäuschten Waffenstillstands mit den Lordschaften.“ – „Sie zerren aneinander wie Wölfe…“, wirft Nascha abfällig dazwischen und die Frustration, die da aus ihr spricht ist auch die meine. Aber es steht uns nicht zu, solch ein Urteil zu fällen. „Wir haben lange genug mitgezerrt, falls du dich schwach erinnerst.“, tadele ich sie mit einem Seitenblick. Aber meine Stimme ist ruhig. Ich bin nicht wütend auf sie, das würde sie merken. Aber hier und da benötigt sie manchmal eine Erinnerung daran, dass die Dinge nicht so einfach sind, wie sie sie gerne hätte. „Wir haben für die Durchsetzung der Forschungsreisen gekämpft und es war hart genug, den Lordschaften ihre Eingeständnisse abzuringen. Aber im Grunde hat sich dadurch nichts zwischen den Fronten verändert. Es war einfach nur ein täglicher Krieg. Aber immerhin brachte das etwas Abwechslung für uns.“, erkläre ich. Einen kurzen Moment schweige ich, bevor ich mit etwas anderem herausrücke und mein Blick liegt dabei auf Nascha, weil mir trotz der allgemeinen Ruhe, die sich in mir ausgebreitet hat, die Kraft fehlt um Nico dabei anzusehen. Es ist zu leicht und zu einfach unsere Daemonen zu beobachten. „Tatsächlich wollte ich in die Nähe des Oberhauses. Ich hatte gehofft unseren Vater dort zu treffen. Ich weiß nicht was ich erwartet habe oder wonach ich mich gesehnt habe. Vielleicht wollte ich ihm einfach nur in die Augen sehen und wissen was er fühlt.“ Meine Stimme verliert sich ein wenig in der Überlegung und Nascha übernimmt das Wort, ganz als hätte ich sie darum gebeten. „Wir konnten ja schlecht in Dode Manor mal eben rein spazieren und guten Tag sagen. Auch wenn ich es trotz Sitte und Anstand gerne getan hätte, alleine schon um ihre Gesichter zu sehen, was wäre das für ein Fest gewesen…“ Ich schnaube trocken belustigt. „Zugegeben, das wäre es gewesen.“, stimme ich zu und hebe den Blick um die Landschaft beim vorbeiziehen zu beobachten. Dann wende ich den Blick wieder ins Abteilinnere und fahre mit zusammen gezogenen Brauen fort. „Aber wir sind ihm nie begegnet. Gesehen habe ich ihn, das ja, aber er war nicht oft im Parlament – nur wenn es gar nicht anders ging, sonst ließ er sich vertreten – und er hatte zu wenig Konflikte mit der Kirche auszutragen als dass eine Begegnung im Flur wahrscheinlich gewesen wäre. Und wir waren immer noch zu nah am Magisterium dran als dass wir hätten sicher gehen können, dass niemand auf unsere Kontaktversuche aufmerksam wird.“ Ich sehe Nico an und erinnere mich wie aus dem nichts heraus, wonach er eigentlich gefragt hatte. Ich bin abgeschweift. Viel zu weit abgeschweift. In eine Richtung, in die ich nicht gewollt habe. Und doch ist es seltsam angenehm, darüber gesprochen zu haben, das Gefühl mit jemandem anderes geteilt zu haben als einer Eule, die nur entweder hasst oder liebt, nie aber Verständnis für eine Mischung daraus besitzt. „Lord Chaplain Davies ist erst fünf Jahre später auf mich zugekommen. Er hatte von meiner angeblich guten Arbeit gehört – was ich für ein Gerücht halte – und hat mir ein Angebot gemacht.“ – „Gute Arbeit bleibt gute Arbeit…“ – „Damals sah es noch so aus als wäre er ein Sprungbrett. Ich habe ihn als Zwischenstation gesehen, als Chance. Lord Davies hat Verbindungen im Magisterium, die sich kaum vorstellen lassen. Ich fand, dass es nur eine Frage der Zeit wäre bis er mich an höhere Stelle empfehlen würde. Ich hätte gerne meine eigenen Projekte, meine eigenen Forschungsarbeiten geleitet. Mehr Freiheiten besessen.“ Ich schnaube, traurig amüsiert. „Aber nun ja, was man glaubt und was Realität ist, sind manchmal zwei unterschiedliche Dinge, nicht wahr?“ – „Und anstatt etwas zu unternehmen, sitzen wir hier und blasen Trübsal.“, schließt Nascha spottend und stupst Asya mit dem Schnabel an. Missbilligend sehe ich zu ihr hinunter. Aber ich kenne das Spiel zu gut um es noch mitzuspielen. „Als wäre dir das schon so lange bewusst, dass wir in einer Sackgasse hängen.“ – „Das ist es, du hörst mir nur nie zu.“, behauptet Nascha überlegen schnippisch. Ich ziehe kurz gelangweilt die Brauen hoch und sehe zu Nico zurück, ohne den Hauch einer Ahnung, was ich an meinem Leben noch erklären könnte. Es ist eine traurige Ansammlung von unglücklichen Zufällen. Immerhin nicht so schmerzhaft wie Nicos Geschichte und doch gerade dadurch so unglaublich ziellos. Und nicht zum ersten Mal frage ich mich nach dem Sinn hinter diesem ganzen Weg, den ich gegangen bin. RE: The verification mission - Nikola Larkin - 04.07.2020 „Ich kannte den Mann.“ Ich sehe Anis an, überrascht und dann auch wieder nicht überrascht. Der Umgang entspricht seinem gesellschaftlichen Stand oder zumindest dem, zu dem er einmal gehört hat. Ich weiß nicht, warum ich dennoch irgendwie einfach überrascht bin. Oder vielleicht ist überrascht auch der falsche Ausdruck. Vielleicht verwirrt mich auch schlicht die Tatsache, dass er dort gewesen ist, dass er den Major gekannt hatte, der Major womöglich ihn. Dass ich irgendwo am Rand einer Veranstaltung gestanden oder vor irgendeinem Gebäude gewartet habe, wo auch Anis in unmittelbarer Nähe gewesen war. Wie viele zig tausende Zufälle gibt es, warum hatte nicht einer davon uns nur ein einziges Mal wohlgesonnen sein können? Nur ein Blick, eine völlig verrückte Begegnung. Warum hatte es Sheffield gebraucht, warum einen Auftrag der Kirche… Ich schiebe den Gedanken konsequent bei Seite, bringe meine Erzählung zu Ende. „Ein harter Wechsel.“ Es klingt wie ein Urteil. Als hätte Anis mir den korrekten Begriff für ein Problem genannt, das ich in meiner Unwissenheit viel zu schwammig und unnötig ausschweifend umschrieben habe. Ich senke den Blick darunter. Ich bin es gewohnt beurteilt zu werden. Dass man meint mich zu kennen, zu wissen was ich tue und warum ich es tue. Mir überlegen zu sein wie einem unmündigen Kind. Weil sie nie eine tiefere Motivation dahinter erwarten. Ein einfacher Geist, der einfache Entscheidungen trifft. Rechts oder links geht. In diesem Fall bin ich von der einen auf die andere Seite gekreuzt. Ein harter Wechsel, mehr nicht. „Ja“, erwidere ich ordnungsgemäß, mehr reflexartig, verschlucke gerade noch das ‚Sir‘ dahinter. Ich kann diesen vagen, infantilen Trotz nicht vollständig aus meiner Stimme halten, nicht meinem Bruder gegenüber, und doch ordne ich mich gewohnheitsgemäß dem Urteil unter. Wenigstens oberflächlich betrachtet, während ich gut behütet in meinem Inneren meine eigene Meinung bewahren kann. Ich habe gelernt das für mich zu nutzen. Ein Gefühl von Überlegenheit darüber zu empfinden, wie wenig sie doch begreifen, was mich wirklich antreibt. Aber vielleicht… vielleicht bin ich ja auch einfach unfassbar arrogant in dem ich mir mehr zugestehe als einen ‚harten Wechsel‘ gemacht zu haben, wie ein Rehbock der erst auf die Gefahr zu springt bevor er abspringt. Belanglos und berechenbar. Die Bitterkeit macht meinen Mund pelzig und meine Zunge schwer. Ein harter Wechsel... Es hat etwas Klares, etwas Abschließendes an sich. Egal wie gern ich auch widersprochen hätte, wie gern ich mich auch erklärt hätte, ich hätte nicht gewusst wie und in diesem Fall schweigt Asya. Ich sehe zu ihr, wie sie noch immer mit der Eule auf ihr im Gang liegt. Vollkommen entspannt. Ich ahne weshalb. Sollten wir irgendwann später darüber sprechen, sie wüsste vermutlich nicht einmal, was ich meine. Weshalb mich diese drei Worte so verletzen. Ich kann förmlich ihre Antwort hören ‚Das hat er doch nur so dahingesagt‘ – dabei ist es genau das, was mich so unerwartet trifft. Asya hätte es nicht verstanden. Ich kann mir ihren Blick vorstellen. Ihr unausgesprochenes ‚Stell dich nicht an‘ darin und – schlimmer noch – die Besorgnis darunter, das ‚Sei nicht immer so sensibel…‘. Ich sehe noch immer auf Asya und Nascha hinab. Betrachtete die Eule. Ihre schlanke, edle Gestalt, das dunkle Gefieder. Sie erinnert mich seit langem wieder daran, wie gerne Asya früher die Gestalt von Greifvögeln angenommen hat. Bussarde, seltener auch Habichte. Sie hat es geliebt zu Fliegen, Sonntagnachmittags auf dem Weg zur Schule oder wenn wir irgendwelche Besorgungen zu machen hatten, bis über die Dächer der Häuser hinweg. Hätte ich mehr von Asyas Charakterzügen, dann hätte sie vielleicht die Gestalt des Bussards behalten und mit diesem Gedanken schiebe ich ärgerlich meine lächerliche Empfindsamkeit bei Seite. Und doch entkomme ich mir nicht, korrigiere bald darauf Asyas Frage, anstatt sie direkt das aussprechen zu lassen, was wir so gerne gewusst hätten. Anis ist höflich. Und einen Moment lang frage ich mich, ob er nicht einfach derselbe Feigling ist wie ich. Sein Daemon zeigt so viel deutlicher, was wohl eigentlich in den beiden vorgeht. Asya gibt ein Prusten von sich und schnappt in spielerischer Empörung nach der Eule, weicht ihrem Schnabel jedoch kaum aus. Auf Anis Ermahnung hin, wird Nascha wieder versöhnlicher. Aber es ist ein ähnlich fragiler Frieden, wie der der Asya schweigen lässt. Ich kann ihren Unmut darunter spüren und fast schon erwarte ich, dass sie gleich den Fang öffnet und ihre Frage einfach nachholt. Doch in diesem Moment beginnt Anis zu sprechen. Davon zu berichten, wie Sir Starlings Expeditionen endeten, wie der Mann sich anderen Belangen zuwandte und Anis eine neue Stellung innerhalb des Magisteriums erreichen konnte. Es klingt nach einer wichtigen Position. Tatsächlich kann ich mich noch gut daran erinnern, wie der Major sich wegen der Bluthunde des Expeditionsausschusses aufregte, die jeden Gold Dollar für ihre – wie er sie meist nannte – Spinnereien an sich zu reißen versuchen, als gäbe es keine drängenderen Probleme direkt vor ihrer Nase… Die lieber ihre heilige Mission ans Ende der Welt getragen hätten, anstatt einen Fuß in die abgelegeneren Gassen von East London zu setzen. „Sie zerren aneinander wie Wölfe…“, ergänzt Nascha fast passend zu meiner Erinnerung. Ich nicke, gebe dabei ein belustigt wissendes Schnauben von mir. Erst im nächsten Moment bemerke ich, dass mir das kaum zu steht, ich sehe wieder auf meine Hände. Wie kann ich auch so tun, als verstehe ich etwas von der hohen Politik und den Händeln der Kirche und des Adels. Völlig unangemessen für einen… „Jaaah, das kennen wir“, tönt Asya in diesem Moment als hätte Nascha einen besonders klugen Scherz gebracht. Danke, Asya, wirklich. Wer würde uns jetzt nicht für anmaßend und größenwahnsinnig halten? Anis spricht weiter. Ich nicke wieder, aber bescheidener dieses Mal. Ich glaube mir das vorstellen zu können, was er sagt – aber was weiß ich schon tatsächlich? Ich weiß kaum mehr als das, was der Major mir erzählt hat und was ich von einigen meiner späteren Herren mitbekommen hatte. Das und die eigenen Gedanken, die ich mir darum gemacht habe. Darüber, dass der Major es sich sehr einfach machte, jeder von der Kirche getragenen wissenschaftlichen Expedition direkt missionarische Motive zu unterstellen. Selbst wenn das sicher ein netter Nebeneffekt ist, den die Kirche oft genug nutzt – ebenso wie die Ablehnung der Wissenschaft durch den Adel, da sie ja nur kirchlichen Zwecken diene... „Tatsächlich wollte ich in die Nähe des Oberhauses. Ich hatte gehofft unseren Vater dort zu treffen. Ich weiß nicht was ich erwartet habe oder wonach ich mich gesehnt habe. Vielleicht wollte ich ihm einfach nur in die Augen sehen und wissen was er fühlt.“ – Ich verenge etwas die Augen, sehe Anis dabei an, der hinab auf unsere Daemonen blickt. Ich verstehe nicht sofort, was er damit meint, da mir ein entscheidendes Teil in diesem Puzzle fehlt. Erst Naschas Ergänzung lässt es mich erahnen. „Ihr seid nicht mehr auf Dode Manor gewesen?!“, wirft Asya ganz ungeniert ein, selbst wenn die Antwort bereits offensichtlich ist, und macht unserer Bestürzung damit Luft. Ich begreife es noch immer nicht ganz. Dass sie Anis in das Kloster abgeschoben und ihm seines Titels beraubt haben, das kann ich noch nachvollziehen. Ich weiß auch wie ungern die Kirche es sieht, wenn ihre neugewonnen ‚Söhne‘ weiterhin tiefe Bindung mit ihrer weltlichen Familie pflegen. Gerade im Bereich des Adels mag es da zu leicht zu einer Vermischung der Interessen kommen. Aber dass Anis tatsächlich vollkommen von der Familie dessen Namen er trägt getrennt worden war. Dass sein… dass… dass unser Vater ihn nicht einmal mehr aus reiner Höflichkeit und dem Bewahren eines lockeren Kontaktes in sein Haus gelassen hat, das ist mir unbegreiflich. Es passt so wenig zu dem Mann aus meiner Erinnerung. Dem Mann dessen Andenken unsere Mutter immer hoch gehalten hat. Doch vielleicht tue ich ihm auch unrecht, vielleicht hat Anis auch schlicht die Ideale der Kirche hochgehalten. Ich weiß, dass das nicht jeder tut. Dass es genug Vetternwirtschaft zwischen Adel und Kirche gibt und die Kirche das zu einem gewissen Grad sogar billigt – selbst wenn Father Ibrim es bevorzugt ein gutes Auge auf die Geschäfte zu haben. Ein Besuch allein war da noch kein Verbrechen – oder zumindest ein wenig Geahndetes, immerhin bleibt doch immer die Möglichkeit spirituelle Motive vorzutäuschen. Aber was tue ich auch? Vergleiche Anis mit den schwarzen Schafen. Ich weiß nicht, warum mich der Gedanke, dass Anis tatsächlich ein tadellos treues Kirchenmitglied sein könnte so wenig beruhigt. Noch während Anis fortfährt fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass er keinen Kontakt mehr zu unserem Vater, dem Earl, gehabt hatte. Vielleicht registriere ich auch erst jetzt ganz endgültig, dass Anis nie der Herr von Dode Manor werden würde. Er würde nie den Titel tragen, der ihm immer versprochen war. Kein Bastard auf dem Thron, kommt mir der zynische Gedanke, und spüre wieder diese unsagbare Bitterkeit, wie sehr man meinen Bruder betrogen hatte... Als Anis so abrupt das Thema wechselt, dauert es einige Momente, bis ich mich darauf eingestellt habe, noch länger bis ich begreife, dass er gerade meine Frage beantwortet. Der Lord Chaplain. Ein einflussreicher Mann. Nach Anis Worten noch einflussreicher, als man denkt. Meine Mundwinkel zucken lakonisch, als ich vage nicke. Ja, das ist häufig der Fall. Die Männer, von denen man es am wenigsten erwartet, sind doch häufig die mächtigsten. Gerade in den Strukturen des Magisteriums. Und nur einen Moment frage ich mich, ob Father Ibrim sich übernommen hat – oder ob der Lord Chaplain das getan hat. Oder und das wäre wohl die beunruhigendste Alternative: ob sie beide gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Ich spüre den Impuls den Mund aufzumachen, Anis zu unterbrechen und ihm etwas zu sagen. Aber es wird seltsam unbedeutend unter Anis nächsten Worten. Ich schlucke unter dem Bild, das er zeichnet. All die Hoffnung, die darunter mitschwingt, den Visionen und der Zielstrebigkeit, für die ich ihn nicht zum ersten Mal heute bewundere und gleichzeitig beneide. Allem, was er geplant und was er angestrebt hatte. Eigene Forschungsprojekte zu leiten. Selbstständig zu sein. Mein Blick schweift unwillkürlich wieder hinab zu unseren Daemonen. Ein Muskel in meinem Kiefer zuckt trocken. Das ist dann wohl der Grund aus dem Nascha die Flügel behalten hat und Asya nicht, denke ich in freudlosem Zynismus. Ich sehe konsequent wieder zu Anis auf. Pünktlich um die Träume in sich zusammen fallen zu erleben. Die Bitterkeit in Anis Blick zu sehen, die ich kaum ertragen kann. Und ich denke, wenn wir unsere Frage stellen wollen, dann jetzt. Flach atme ich ein, spüre meine eigene Anspannung bis in die Fingerspitzen, merke wie Asya zu sprechen ansetzt – und in diesem Augenblick klopft es an der Abteiltür. RE: The verification mission - Anisim Langdon - 04.07.2020 Es kommt unerwartet und ich spüre wie es etwas zwischen Nico und mir unterbricht. Wie es mich heraus reißt aus der Privatheit dieses Abteils. Aus den Fragen und aus den Antworten. Aus den Bildern, die in meinem Kopf nachklingen. Aus den Erinnerungen, die mir das Gefühl geben, meinem Bruder gegenüber zu sitzen. Drei Klopfer an der Tür, die uns von der Außenwelt trennt. Bis vor wenigen Sekunden hätte sie aus drei Meter dickem Stahlbeton bestehen können, so privat und sicher habe ich mich in Nicos Gesellschaft gefühlt. So sehr habe ich alles um uns herum vergessen, von der vorbei ziehenden Landschaft vielleicht abgesehen. Unsere Erzählungen über das Leben des jeweils Anderen haben mich weit fort von der Realität getragen und nun wird mir mit drei Schlägen schockartig bewusst, dass ich nicht so abgetrennt von der Wirklichkeit bin, wie ich es vielleicht gehofft habe. Ich bin es nicht gewöhnt auf Zugreisen in meinem Abteil gestört zu werden. Dass es heute so ist, macht mich ruckartig wachsam und zieht mich zurück in eine Welt, in der die Augen Anderer mich ständig beobachten. Ich reagiere schnell. Ein leises Pfeifen kommt zwischen meinen Schneidezähnen hervor. Es ist knapp und leise, aber Nascha reagiert sofort. Stößt sich von Asyas Brustfell ab, die sich im selben Moment aufsetzt um an Nicos Seite wachsam auf den Hinterbeinen anzukommen, und flattert in Sekundenschnelle von dort über die gepolsterte Sitzfläche bis sie schließlich auf meiner Schulter landet und ihren gewohnten Platz dort einnimmt. Unser Rückzug funktioniert wie ein gut geöltes Uhrwerk. Es ist mehr wachsame Routine, diese neutrale disziplinierte Haltung einzunehmen, die unserem Abkommen entspricht, als dass ich bewusst darüber nachdenke. Würde ich in diesem Moment darüber nachdenken, würde mir vielleicht in den Sinn kommen, dass ich Nico damit verletzen könnte, dass ich Nascha zurück gepfiffen habe. Dass es etwas Bedeutsames zwischen uns abbrechen könnte. Aber in diesem Moment ist mir nur klar, dass wir in den Augen der Welt nichts zu sein haben als ein Herr und sein Diener und es kommt mir nicht im Entferntesten in den Sinn, dass etwas anderes möglich wäre. Selbst wenn es sich seltsam skurril anfühlt, uns zu sammeln wie ungehorsame Kinder, die man jeden Moment bei einem Streich erwischt. Es erinnert mich auf irritierende Weise an unsere Kindheit. Wir können das immer noch so gut, denke ich zynisch während ich den Takt des Pulses in meinen Ohren verfolge. Nascha ist noch damit beschäftigt ihre Flügel zu sortieren, als sich die Tür bereits öffnet, ohne dass ich dazu gekommen wäre, ein „Herein“ zu verlautbaren. Die Unhöflichkeit lässt meinen Blick finster und unterkühlt werden als ich die Gestalt mustere, die sich in die Öffnung zum Gang schiebt. Ein Mann, groß, schlank und rothaarig wie die Iren. Über seiner Schulter sitzt ein sprungbereites Hermelin. Nascha faucht ungehalten bei dem Anblick und plustert das Gefieder, ganz entgegen jenes Teils unseres Abkommens, der besagt dass sie still zu sitzen hat dort auf meiner Schulter. In letzter Zeit erlaubt sie sich einige Freiheit in diesem Punkt. Womöglich ist mein Kampf mit ihr was das angeht noch nicht zu Ende. Aber jetzt stört es mich längst nicht so sehr wie heute Morgen in Davies‘ Büro und so lasse ich sie gewähren. Denn ihre Wut ist auch die meine, selbst wenn mein Gesicht finster und unbewegt ist, während in Nascha gut sichtbar die Ungehaltenheit brodelt, die auch ich verspüre. Ausnahmsweise hat sie Recht. Der Mann trägt die Uniform der Schaffner, zweireihige Knopfleiste, dunkelgrün, mit goldenen Säumen – die Farben der Eisenbahngesellschaft – aber sein Gesicht hat etwas hinterlistig einfältiges, das ich nicht näher benennen kann und mir sofort unsympathisch ist. „Von der Bitte einzutreten halten Sie nicht viel, wie ich sehe.“, bemerke ich kühl und mein Blick bohrt sich in den des Mannes, aber bevor ich etwas hinzufügen und nach dem Grund für die Störung fragen kann, fällt mein Blick zum ersten Mal auf die Begleitung des Mannes. Eine Begleitung die sehr viel kleiner ist als er und noch so viel mehr Fragen aufwirft, als in einen einzigen Satz hinein zu legen ist. RE: The verification mission - Rory Evening - 04.07.2020 Auf lautlosen Sohlen schleiche ich zwischen den Passanten auf dem Bahnsteig umher. Immer darauf bedacht keinerlei Aufmerksamkeit auf meine Person zu lenken. Doch wer würde mich schon beachten? Einen verlausten Straßenjungen, den man gut und gerne übersieht. Zum meinem Glück. Wie ich immer wieder mit einem breiten Grinsen feststelle. Auch jetzt zwänge ich mich zwischen den Passanten hindurch, die sich auf dem Bahnsteig tummeln. Die teils verärgerten Blicke kümmern mich schon lange nicht mehr. Während ich mich bei einem der Zeitungsverkäufer herumdrücke und darauf warte das der nächste Zug in den Bahnhof einfährt. Die wedelnde und mich verscheuchende Handbewegung des Zeitungsverkäufers kontere ich mit einem liebenswürdigen Lächeln. Zucke dann jedoch im nächsten Augenblick zusammen, als sich etwas weiches gegen meine Beine schmiegt. “Gloria!“ Schließlich ertönt das pfeifen des sich nähernden Zuges die Einfahrt eben jenes und ich springe augenblicklich auf. Mit der Katze auf den Fersen zwänge ich mich zwischen den Passanten hindurch und gelange ungesehen in den Zug. Triumphierend recke ich meinen Arm in die Höhe und eile durch den Zug. Schließlich darf mich niemand bemerken und Alarm schlagen. Doch zum Glück sind die Passanten mit ihren eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt und nehmen überhaupt keine Notiz von mir. Hm. Wo sollte ich mich nur verstecken? Ein fragender Blick in Glorias Richtung folgt. Doch die Katze weiß auf diese Frage auch keine Antwort. Und so seufze ich lediglich und husche durch den Zug. Weiterhin ungesehen. Die Frage bleibt jedoch offen, wie lange ich diese Geheimniskrämerei noch durchhalten würde. Lange nicht mehr. Denn der Zug gewinnt schnell an Geschwindigkeit und die Schaffner beginnen durch die Abteile des Zuges zu gehen. Einem solchen Schaffner folge ich schließlich lautlos. Durch einen mahnenden Blick in Glorias Richtung gebe ich meinem Daemon zu verstehen das sie absolut still sein sollte. Und Gloria gehorcht. Was mich in Erstaunen versetzt. Nur leider scheine ich nicht bemerkt zu haben das der Schaffner urplötzlich stehen bleibt. So kommt es wie es kommen muss, ich stolpere gegen den Schaffner und werde durch den Aufprall direkt in das Abteil gestoßen. Verdutzt und mit großen Augen blicke ich vom Boden des Abteils empor. Während sich Gloria an meine Seite schmiegt und ich mir verlegen durch meine dunklen Strähnen streiche. Doch so verlegen wirke ich gar nicht. Denn wenn man genau hinsieht kann man es spitzbübisch in meinen Augen aufblitzen sehen. |