Society of Rudeness
The verification mission - Druckversion

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RE: The verification mission - Nikola Larkin - 05.07.2020

Auf das Klopfen folgt ein Pfeifen. Nascha fliegt auf. Asya dreht sich, ruckt aufrecht in die Höhe und nimmt dann sitzend einen Platz zwischen meinen Beinen ein, der ihr möglichst wenig Raum im Abteil kostet. Ich habe fast im selben Moment die Schultern gestrafft, sitze nun wieder gewohnt aufrecht da. Kurz fahre ich Asya mit der Hand über die Schnauze, um uns zu sammeln, ende an der Kuhle hinter ihrem Schädel und lasse die Hand wieder sinken. Die Tür schwingt auf. Schwungvoll und ohne jedes Zeichen abzuwarten. Ein Fauchen von Nascha, Anis der die Manieren des Schaffners tadelt und ich sitze nur mit gewohnt ausdrucksloser Miene daneben. Ein wenig fühle ich mich wieder wie der Junge, der unerlaubt in Anis‘ Zimmer mit ihm Deckenburgen gebaut hat und sich jetzt ganz still unter dem Bett verstecken muss, damit ihn bloß niemand erwischt. Der Schaffner ist ein unschönes Wiedertreffen. Eben jener rothaarige Gewerkschaftler mit dem ich bereits zuvor bezüglich des fehlenden Sitzplatzes zu tun hatte. Ich begreife nicht, was der hier treibt, die Karte und dieses Abteil sollten ihm in Erinnerung geblieben sein, solange er nicht reihenweise Valets einen Sitzplatz in den unteren Klassen verweigert und zu ihren Herren schickt. Doch der Schaffner scheint kein bisschen um einen Irrtum besorgt oder um des Tadels geknickt. Viel eher geht sein Blick neugierig durch das Abteil und bleibt dann süffisant an mir hängen, was den Zweifel ausräumt, dass er mich schlicht vergessen haben könnte. Er scheint zu einer Antwort – oder doch wenigstens zu Worten – ansetzen zu wollen, da stößt ihn etwas, das einem rennenden Haufen Lumpen gleicht an, stolpert und fällt direkt auf den Boden des Abteils. Ich bin froh, dass Asya sicher zwischen meinen Beinen sitzt und nicht länger dort liegt, wo jetzt ein Junge mit abgerissenen Kleidern liegt. Sein Daemon, eine ungewöhnlich große Hauskatze mit dichtem Fell von unbestimmbarer Farbe platziert sich gerade neben ihm.   
 
„Du verdammter kleiner Teufel du“, flucht der Schaffner ungehalten und macht Anstalten das Abteil zu betreten, das hier zu einem munteren Dorfplatz zu werden droht. Asya ist zuerst aufgestanden, um mir Bewegungsfreiheit zu geben. Eine einzige fließende Bewegung und sie schneidet dem jungen Mann den Weg ab. Die Schultern zusammengezogen, die Rute auf Rückenhöhe erhoben, lauernd. Ich brauche keinen halben Schritt um neben ihr zu stehen. Die Augen leicht verengt sehe ich ihn fast nachdenklich an. „Habe ich Ihnen die Karte dieses Abteils gezeigt?“, fragte ich den jungen Mann in derselben lauernden Nachdenklichkeit, ganz als würde ich mich tatsächlich kaum entsinnen können. Unter jedem anderen Herrn hätte ich die Auseinandersetzung mit dem Zugpersonal auf dem Gang geführt, um ihm weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen. Aber da es sich um meinen Bruder handelt und in Anbetracht dessen, dass der Bengel noch im Abteil liegt, ich mich aber zuerst um den Schaffner in seiner Dreistigkeit kümmern will, lasse ich zu, dass dieser wie angewurzelt im Türrahmen stehen bleibt. Der Blick des Schaffners schießt gehetzt zu mir auf. Er ist sichtlich davon aus dem Konzept gebracht daran gehindert worden zu sein den kleinen Delinquenten ins Abteil zu verfolgen. Ich habe selbst wenig Interesse dieses vor Dreck starrende Bündel Straßenkind auf dem Abteilboden liegen zu haben, aber noch mehr missfällt mir der Gedanke auch noch diesen Gewerkschaftler-Schaffner als Hilfsbobby oben drauf zu bekommen. „Der Junge?!“, stößt der Schaffner nur aus, als wäre mir dessen Purzelbaum ins Abteil entgangen. Meine Mundwinkel zucken lakonisch in die Höhe, als ich dem Schaffner eine letzte Chance gebe meine Frage zu beantworten. „Habe ich Ihnen die Karte dieses Abteils gezeigt?“, wiederhole ich mich noch einmal ruhig, die Worte dieses Mal jedoch sorgsam betont. „Ja, abe-…“„Warum sind Sie dann hier?“, schließe ich nicht minder ruhig die entscheidende Frage an. Verständnislos sieht der Schaffner mich aus wasserblauen Augen an, als könne er nicht begreifen, wie ich den rosafarbenen Elefanten übersehen konnte, der eben an mir vorbeiflog. „D-der Junge…“, stammelt der Schaffner nur. Keine Ahnung was der Junge damit zu tun hat, dass der Schaffner in dieses Abteil geplatzt ist, ob er das überhaupt hat, vielleicht nutzt der junge Mann ihn auch nur als Ausrede. Aber nach unserem letzten Aufeinandertreffen freut es mich doch ungemein den Schaffner einmal so aufgelöst zu erleben. In Verlegenheit gebracht, wie er mich zuvor in Verlegenheit gebracht hatte. Ich hatte nicht geglaubt, dass es jenen Zustand bei diesem gelangweilten jungen Mann überhaupt gibt. Doch der Blick des Schaffners ist mit einem Mal herrlich abgehetzt und sein Hermelin-Daemon hat wild die Haare gesträubt, was ihm das groteske Aussehen einer Flaschenbürste verleiht.
 
Ich schüttle vage den Kopf. „‘Das Abteil ist groß genug, da können Sie auch zusammen reisen‘, waren das nicht Ihre Worte gewesen?“, stelle ich mich absichtlich dumm, um den jungen Mann noch etwas länger zappeln zu lassen. Asya ist die Rachsüchtige von uns beiden, doch in manchen Dingen war ich ihr ein guter Schüler. „Ach, der Junge gehört zu IHNEN?!“, ruft der Schaffner erstaunt aus und sein Blick geht dabei zu Anis. Ich schnaube amüsiert über diesen kurzsichtigen Schluss, den er da trifft. Das habe ich nicht gesagt. Aber es ist doch immer wieder faszinierend, wie sich die Menschen von solchen kleinen Implikationen in völlig falsche Denkrichtungen locken lassen. Und Sherlock hier scheint da wirklich dem ganz großen Verbrechen auf der Spur. Sein Blick geht von Anis musternd zu dem Jungen, kurz zurück zu mir, dann wieder zu Anis. Dreist wie der Schaffner ist, feixt er dann an mir vorbei: „Bekommt man bei Ihnen erst ab Gehalt X etwas Anständiges anzuziehen?“ Ich bereue mit einem Mal doch, dass ich nicht mit dem Schaffner auf den Gang getreten bin. Es war klar gewesen, dass der junge Mann bei dieser Sache dann plötzlich seine große Klappe zurück gewinnt. Hätte der Schaffner etwas mehr Ahnung von meiner Arbeit, wüsste er, dass selbst die prachtvolle Uniform eines Footman in aller Regel von ihm selbst bezahlt ist, aber ich habe gar kein Interesse mich auf irgendeine Diskussion einzulassen, die der Schaffner hier anstrebt. „Gibt es noch einen Grund für Sie hier zu sein?“, frage ich daher scharf. „Der Junge braucht eine Fahrkarte“, stellt der Schaffner jetzt trotzig fest. Ach ja, da sind wir dann plötzlich nicht mehr so lapidar… „Wissen Sie“, beginne ich locker als würden wir über das Wetter reden, „mit den Fahrkarten ist das manchmal wie mit den Sitzplätzen, sie verschwinden einfach. Kommt öfter vor als Sie denken.“ Der Schaffner starrt mich an, als würde ich versuchen ihn zu einem schrecklichen Verbrechen zu verleiten. Mit einem Mal gar nicht mehr so mutig. „Ich könnte meine Arbeit verlieren“, zischt er und ich hätte am liebsten gelacht über diesen plötzlichen Gesinnungswechsel. Die Oberen zu belästigen macht Spaß, aber einem Straßenbengel keine Fahrkarte auszustellen, da muss man dann wieder um seinen Job fürchten. Was für schräge Vorstellungen der junge Kerl doch hatte. „Melden Sie es Ihrer Gewerkschaft, die setzt sich sicher für Ihre Belange ein“, erwidere ich in triefendem Sarkasmus und dabei nicke ich vage zu dem Button den er an der Brust trägt. Damit mache ich einen Schritt auf den Schaffner zu, um nach der Türe zu greifen. Er stolpert einen überraschten Schritt zurück und ich kann das Abteil schließen. Hinter dem kunstvoll verkleideten Holz kann ich den jungen Mann noch fluchen hören, aber er wagt wohl nicht das Abteil noch einmal zu öffnen. Eine gute Entscheidung, gestehe ich ihm mit dem kurzweiligen Anflug eines Lächelns zu.
 
Kaum ist das Abteil geschlossen, drehe ich mich um und sehe mich Problem Nummer Zwei gegenüber. Einem sehr jungen, sehr mageren und sehr schmutzigen Problem, das sich keiner Schuld bewusst zu sein scheint. Nicht noch einer, denke ich resigniert. Einen Moment sehe ich emotionslos auf den Kleinen hinab. Nur einen kurzen musternden Blick lang. Der Junge hat ein blasses, dreckiges Gesicht, fast kohlrabenschwarzes Haar, das ihm ins Gesicht fällt und Augen von einer Farbe, die so unbestimmbar ist, wie der Pelz seines Daemons. Seine Kleidung ist abgetragen und bunt zusammengewürfelt, selbst für ein Arbeiterkind wirkt er zu schäbig, also wohl doch ein Streuner von der Straße. Immerhin einen wachen Blick hat er. Aufmerksam. Nicht stumpf wie die Augen der Kinder, die mehr Stunden am Tag in einer Fabrik oder einer Kohlemiene verbringen als außerhalb. Sein Alter ist schwer einschätzbar, wie das der meisten Kinder, die vor ihrer Zeit für sich selbst haben sorgen müssen. Verloren wirkt der Kleine jedenfalls nicht. Ich mache einen Schritt vorwärts, packe ihn hart am Kragen in seinem Nacken und ziehe ihn auf die Füße, er wiegt tatsächlich nicht besonders viel. „Was treibst du hier, mh?“, frage ich grob, habe ihn dabei aber wieder losgelassen. Wäre er an mir vorbei gerannt, um sich weiter mit dem Zugpersonal zu zanken und Fahrgäste zu beklauen, ich hätte ihn sicher nicht aufgehalten. Er war mir ein gutes Mittel zum Zweck gewesen, um dem Schaffner etwas heim zu zahlen, aber jetzt habe ich keine Verwendung mehr für den Kleinen.


RE: The verification mission - Anisim Langdon - 08.07.2020

Sie fällt auf den Boden des Abteils. Krachend und scheppernd, dass der Boden dumpf zu vibrieren scheint. Sie hat ganz eindeutig das Gleichgewicht verloren als sie gegen ihn geknallt ist. Die Begleitung des Schaffners. Dessen Blick fällt zeitgleich mit meinem auf die Gestalt am Boden. Klein. Zotteliges braunes Haar, der Gestank nach ungewaschenem Menschen und gänzlich dazu passende bräunliche Fetzen, die man wohl Kleidung nennt da sie die Haut bedecken. Aber während mein Blick zurück zum Schaffner wandert, bleiben dessen Augen wie gebannt auf dem Jungen hängen, der sich da hinein geworfen hat. Das Hermelin giftet, der Schaffner flucht und macht einen Schritt… Das wird ja alles noch schöner.

Der Unmut will bereits in mir hochkommen als sich Nico und Asya plötzlich erheben und damit zur Barriere zwischen dem Schaffner und diesem Abteil werden, was den Jungen und mich hinter ihnen zurück lässt. Aber der Kleine scheint nur damit beschäftigt zu sein zu dem wütenden Schaffner hoch zu starren und ich bin ganz zufrieden damit solange es so bleibt und er sich hier drinnen nicht letztendlich noch etwas herauszunehmen versucht das ihm nicht gehört. Ich behalte ihn dennoch im Auge während ich mit halbem Ohr zuhöre wie Nico die ersten Worte an unseren zweiten Eindringling richtet. Von einem Moment zum Anderen spüre ich wie sich die Luft im Raum verändert. Nur noch Nicos Rücken liegt in meinem Sichtfeld, nichts von seinem Gesicht, aber der Anblick seiner Haltung und der Ton seiner Stimme genügen vollkommen. Eine unerwartete klare Härte steht da plötzlich zwischen dem Schaffner und diesem Abteil. Jede Faser davon durch Nico und Asya ausgestrahlt. Fest und unüberwindbar stehen sie da. Nico ist nicht unfreundlich. Aber er ist bestimmt und geduldig. Und das sind die gnadenlosen Kriterien, die ihm die Wahrscheinlichkeit einer Überhand an die Seite stellen. Besonders wenn man sich die haspelnde, unkoordinierte Reaktion des Schaffners betrachtet, der sich zwar schwer von seinem Punkt der Wut, dem Jungen, abbringen lässt, aber sich gerade deshalb so verzweifelt daran festklammert weil er spürt, wie er jeden Halt verliert.

Fasziniert beobachte ich meinen Bruder dabei, wie er dem Rothaarigen geradezu professionell die Grenze zu unserem Abteil zeigt und empfinde aufrichtig empfundene Anerkennung dabei. Jetzt erst erinnere ich mich erneut daran, dass es nicht nur so aussieht als wäre er mein Valet. Seine Aufgaben sind zumindest offiziell auch die eines Valets. Es wäre die Aufgabe eines Solchen dafür zu sorgen, dass das Abteil seines Herrn unbehelligt bleibt. Er macht seine Arbeit. Nichts weiter. Und er macht sie auf bewundernswerte Weise gut. Während sich Nascha ihr Gefieder besänftigt wieder glättet, lehne ich mich in den Polstern zurück und überschlage entspannt ein Bein. Ja, das Schauspiel schaue ich mir jetzt genüsslich an und meine Wetten liegen alle auf Nicos Seite. Ich fühle wie Nascha ihr Gewicht auf meiner Schulter verlagert und jetzt gierig vorgebeugt das Treiben an der Tür beobachtet, während mein Blick ruhig und betont ausdruckslos auf dem Gesicht des Schaffners liegt. Eine stumme Rückenverstärkung für Nico. Wenn der Mann auch nur in meine Richtung sieht, soll er das Gefühl bekommen, dass mein Valet ganz in meinem Namen handelt. Das entspricht einem gewissen Konzept, das sich „Macht“ nennt und hin und wieder bringt es Spaß, diese Karte ein wenig auszuspielen.

Oh und da ist es schon soweit! Feixen kann der gute Mann während er in meine Richtung stiert. Es ist gewagt von Nico, unausgesprochen zu implizieren, der Junge gehöre zu uns. Aber ich korrigiere ihn nicht, falle ihm nicht in den Rücken. Nico hat nichts davon direkt ausgesprochen, aber womöglich spielt es ihm in die Karten, dass der tumbe Schaffner direkt in diese Richtung driftet. Ich sehe dem Mann nur ruhig entgegen. Ich hätte etwas sagen können und an der Art wie sich Naschas Krallen unter ihrem Kampf der Selbstbeherrschung in die Schulter meines Anzuges graben spüre ich, wie gerne sie etwas giftiges auf die grobe Unverschämtheit erwidert hätte, aber ich bin nicht besonders schlagfertig und habe die Erfahrung gemacht, dass Naschas Aktionismus in solchen Momenten mehr nachteilig ist als alles andere. Schweigen kann in vielerlei Hinsicht gedeutet werden. Früher dachte ich oft genug es sei eine offene Schwäche. Aber ich habe dazu gelernt. Es kann mitunter äußerst wirkungsvoll sein. Und so sehe ich den Mann nur ruhig an, ohne dass sich auf meinem Gesicht etwas rührt. Das Signal? Es liegt viel zu weit unter meinem Niveau ihm zu antworten. Ich bin keinem Schaffner irgendeine Rechenschaft schuldig. Tatsächlich sehe ich selten auf Andere hinab. Zumindest bemühe ich mich regelmäßig es nicht zu tun. Ich muss zugeben, dass Nascha zuweilen ansteckende Wirkung hat. Aber der hier, der hat es verdient, dass man auf ihn hinab sieht. Aus Nicos Worten lässt sich nur unschwer deuten, dass er derjenige ist, der Nico dazu gezwungen hat mit seinem Herrn in ein und dem selben Abteil zu reisen. Mittlerweile sehe ich das nicht mehr als gravierend an, vielleicht sollten wir dem Mann dankbar sein, denke ich sarkastisch. Aber hätte Nico einen anderen Herren als mich begleitet, hätte ihn das noch mehr in Verlegenheit bringen können, als es uns jetzt bereits in Verlegenheit gebracht hat. Der Schaffner mag seine Gründe gehabt haben, aber ich bin sicher Nico hat ebenfalls seine Gründe ihm gegenüber diese Härte zu zeigen.

Trotzdem spüre ich den Druck meiner Zähne, die ich aufeinander presse. Wenn man es so betrachtet nimmt sich der Schaffner viel zu viele Frechheiten heraus. Aber es ist nicht so als wäre ich nicht daran gewöhnt und immerhin weiß ich Nico zwischen ihm und mir. Und Nico macht seine Sache gut. Während der verlauste Junge noch immer hinter Nico am Boden ist, sein Daemon, im Augenblick in der Gestalt einer struwweliger Katze – äußerst treffend wie ich finde – direkt neben ihm, entgegnet er dem Schaffner auf die Forderung nach einer Fahrkarte für den Jungen mit einem Sarkasmus, dass ich mich konzentrieren muss um meinen kühlen Gesichtsausdruck beizubehalten und nicht breit und hämisch zu grinsen. Das übernimmt schon Nascha neben meinem Kopf. Sie öffnet den Schnabel und wippt kurz vor und zurück, bevor sie feixend eine Klaue einzieht und gleich darauf wieder in meiner Schulter versenkt. Langsam wird sie ein bisschen lästig mit ihrer Aktivität.

Ich weiß nicht weshalb wir den Jungen beschützen, dessen Geruch schon das ganze Abteil erfüllt, aber gegen diesen frettchendaemonigen Schaffner ist es mir allemal Recht. Mehr noch, es bereitet mir Genugtuung. Für die Dreistigkeit dieses Mannes. Die Tür des Abteils schließt sich und Nico hat auf ganzer Länge gesiegt. Ein dunkles zufriedenes Gefühl des Sieges macht sich in meiner Brust breit. Nichts davon war mein Verdient und doch fühlt es sich so an. Einen Moment lang genieße ich das Gefühl noch, während Nico sich bereits zu dem Jungen auf dem Abteilboden umgedreht hat. Langsam wende ich ebenfalls den Kopf zu unserem Neuankömmling. Dem Jungen, dem wir so eben ein Alibi verschafft haben. Und das auf Kosten meines Rufs. Zwar ist das bei diesem Schaffner nicht sonderlich dramatisch – wem soll er schon begegnen, dem er diese Gerüchte weiter erzählen kann – aber dennoch ist es ein großes Opfer. Ich hätte es verhindern können wenn ich Nico ins Wort gefallen wäre. Aber ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Jetzt fordere ich diesen Gefallen zurück ohne dass der Junge dort unten es weiß. Ich erwarte von ihm, dass er ehrlich antwortet. Wieso und was mir das bringen soll? Ich weiß es nicht. Es gibt nichts was dieser Junge wissen oder sagen könnte, das mir in irgendeiner Weise wertvoll sein könnte. Wenn es nach Nascha ginge, würde das Kind für den Kratzer in meinem Ansehen zerfleischt und der Schaffner auf der Stelle hingerichtet werden, damit er sein Wissen nicht verbreiten kann. Ein ums andere Mal bin ich froh, dass nicht sie es ist, die hier die Entscheidungen fällt. Giftig starrt sie nach unten auf dieses Bündel, lauernd fast, während ich es ruhig ansehe, noch immer entspannt aber ordentlich zurück gelehnt, nur ein wenig den Kopf schief gelegt und darauf warte, dass der Junge Nico antwortet. Mit dem irrationalen Wunsch, dass der Junge immerhin ehrlich ist. Oder dankbar. Ja, immerhin Dankbarkeit könnte er wenigstens zeigen, wenn sich Ehrlichkeit auch nicht überprüfen lässt. Ein wenig im Staub kriechen sollte doch drin sein, oder? Immerhin wird man in seiner Welt sicher nicht jeden Tag vor einem Rauswurf bei voller Fahrt gerettet.


RE: The verification mission - Rory Evening - 08.07.2020

Seitdem ich den Zug betreten habe, pocht mir das Herz bis zum Hals. Und doch weiß ich das es kein zurück mehr gibt, sobald sich der Zug pfeifend in Bewegung setzt. Ein jeder andere Passagier hätte nun wohl die vorüberziehende Landschaft genauer bestaunt. Ich jedoch wusele durch den Zug, meinen Daemon immer an meiner Seite. Zum Glück ist Gloria leise. Auch wenn ich mir innerlich wünsche das sie die Anspannung aus meinem Körper vertreibt. Denn meine Bewegungen wirken abgehackt. Gar hölzern. Als wäre ich eine Marionette. Einem rothaarigen Schaffner oder Stewart folge ich auf leisen Sohlen durch den Zug. Dabei kann ich ein Grinsen auf meinen Lippen nicht ganz verbergen. Die meisten Abteile des Zuges waren mit Vorhängen versehen. Auch die Abteiltüren konnte man dadurch vor neugierigen Blicken schützen. Und das war bei den meisten Abteilen der Fall.

Vor einem Abteil bleibt der Rothaarige stehen und durch eine Bodenwelle, oder etwas ähnliches, stolpere ich in das Innere der Kabine und mache sogleich Bekanntschaft mit dem Boden. Hmpf! Rasch rappele ich mich in eine sitzende Position. Ducke mich jedoch im nächsten Augenblick und spüre wie sich Gloria gegen mich schmiegt. Mein Herz pocht unnatürlich laut in meiner Brust und ich wünsche mir unsichtbar zu sein. Nur leider bin ich nicht mit einer solchen Fähigkeit gesegnet. Und so lausche ich schweigend dem Wortwechsel zwischen den beiden Herren und dem rothaarigen Schaffner. Auch über eine Fahrkarte für meinereiner wird diskutiert. Oh man! Wieso muss die Obrigkeit immer gleich ein solches Fass aufmachen? Konnte man mich nicht einfach ignorieren und so tun als würde ich nicht auf dem dreckigen Boden kauern? Na offensichtlich nicht. Denn im nächsten Augenblick fühle ich mich im Nacken gepackt und wie ein Welpe geschüttelt. Zum Glück hat sich der Schaffner verzogen und die Abteiltür hinter sich geschlossen. Protestierendes fauchen ist von Gloria zu vernehmen.

“Ich fahre Zug.“

Erfolgt die Antwort und ein breites grinsen umspielt meine Lippen.

“Außerdem wäre ich mit diesem Kerl locker fertig geworden.“

Oh ja. Denn es gefiel mir irgendwie gar nicht das ich mich nun bei den beiden Herren bedanken muss. Was ich auch nicht tun werde. Solange sie mich nicht dazu auffordern. Lächle ich still vor mich hin und versuche niedlich drein zu schauen.

“Dann.. reisen wir ab sofort zu dritt.“

Stelle ich altklug und mit einem kecken zwinkern fest. Während ich mir über meine staubige und an einigen Stellen geflickte Jacke streiche.


RE: The verification mission - Nikola Larkin - 09.07.2020

Der Daemon des Jungen faucht gut vernehmbar, der Schatten eines anerkennenden Lächelns streift meine Züge. Asya zeigt sich weniger von dieser Wehrhaftigkeit beeindruckt. In steifer Haltung ragt sie aufrecht über der graubraunen Kätzin auf – einem wirklich großen Tier, ich frage mich, ob eine Wildkatze mit darin steckt – und hat als stumme Warnung die Spitzen ihrer Fänge entblößt. Ein dunkles Knurren übertönt mühelos und fast ungeduldig die Laute der Jungkatze. Asya hätte andere Wege gekannt die Kätzin zum Schweigen zu bringen, aber das ist es uns nicht wert und noch verlassen wir uns darüber hinaus auf die Intelligenz unserer jungen „Gäste“. Statt seinem Daemon beginnt nun der Junge zu plappern. Klug zu halten scheint der sich allemal. Leider sind jene, die sich am Klügsten halten, in meiner Erfahrung selten die hellsten Köpfe und der Anflug von Anerkennung, den ich eben noch gegenüber dem Mut des Jungen empfunden habe, verfliegt fast augenblicklich in Anbetracht seines losen Mundwerks, das nur von Nervosität oder Stumpfsinnigkeit zeugen kann. Womöglich habe ich mich geirrt, als ich einen wachen Blick bei dem Kleinen entdeckt zu haben meinte. Ich bin fast enttäuscht und weiß selbst nicht weshalb. Im Grunde spielt es mir in die Karten, dass der Junge ein vorlauter Dummschwätzer ist. Sobald ich ihn vor das Abteil gesetzt habe, wird er sicher mit ähnlicher Kopflosigkeit in die nächsten Schwierigkeiten rennen und meinem Freund dem Schaffner noch so seine Probleme bereiten. Spätestens sollte der in die Verlegenheit geraten, die völlig unglaubwürdige Geschichte über den edlen Herrn und das Straßenkind in dessen Diensten zu erzählen und sich damit lächerlich zu machen. Und selbst wenn nicht hatte ich meinen Spaß gehabt.
 
Ich verpasse dem Jungen einen scharfen Klapps, als er seine Dreistigkeit schließlich auf den Gipfel treibt. Nicht hart genug, um ihn zu verletzen. Als Straßenjunge ist er sicher ganz anderes gewohnt. Aber es geht mir nicht darum ihm Gewalt anzutun, das ist nur eine gutmütige Erinnerung, ähnlich dem warnenden Grollen, das Asya zuvor von sich gegeben hat. Der Kleine mag sich aufführen, als ob er mit seinen Freunden tollkühn auf der Mauer eines Brunnenschachts balanciert, aber darüber scheint ihm vollkommen zu entgehen, wo er sich tatsächlich befindet. Hier gibt es keine Gleichaltrigen, die es zu beeindrucken gilt. Stattdessen würde es ihm besser tun den Mund weniger aufzureißen und stattdessen die Augen etwas mehr offen zu halten. Viel Zeit auf der Straße scheint er noch nicht verbracht zu haben – oder aber er hatte bisher mehr Glück als Verstand. Ich kann es unmöglich wissen. Womöglich versucht der Junge uns auch genau mit dieser Masche um den Finger zu wickeln. Ich habe nicht vor es heraus zu finden. „Sicher nicht“, brumme ich daher unwirsch auf seine letzten abstrusen Worte hin. Schon will ich mich umdrehen, die Abteiltüre öffnen und den Jungen hinaus in den Gang schieben, da bedeutet Anis mir wortlos noch zu warten. Ich unterbreche mein Vorhaben also und überlasse meinem Bruder das weitere Vorgehen.


RE: The verification mission - Anisim Langdon - 10.07.2020

Auf die Beine gestellt hat Nico den Jungen, mit dem Gesicht zu sich sodass ich jetzt die Seiten- und Rückansicht des Bündels genießen darf. Mein Blick gleitet nachdenklich über den Haufen Fetzen, den er am Leib trägt und ich erheitere mich selbst ein wenig damit zu versuchen herauszufinden was davon wohl zu einer Jacke und was zu einer Hose gehört. “Ich fahre Zug.“ Warum überrascht mich die Antwort so wenig? Ich sehe von der Kleidung des Jungen hoch zu seinem Gesicht, auf dem jetzt ein breites triumphierendes Grinsen liegt. Kleiner Naseweis. Und auch noch zu sehr von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugt. Er wäre mit dem Kerl locker fertig geworden. Natürlich. Aber selbstverständlich. Wahrscheinlich mit einer Nummer wie dieser hier. Keine zwei Schritte und sie hätten ihn aus dem Zug geworfen. Werden sie wahrscheinlich auch noch wenn sie ihn in die Finger kriegen. Es gibt noch mehr Schaffner in diesem Zug als diesen einen, da bin ich sicher. Keine Ahnung wie der Kleine sich das vorstellt. Biegt sich das Leben wohl so hin wie es ihm gefällt.

“Dann.. reisen wir ab sofort zu dritt.“, posaunt das Straßenkind heraus und macht dabei die Augen groß. Wen versucht er da gerade hochzunehmen, hm? Seine Großmutter? Das ist also die Version, wie er sich seine weitere Zugfahrt vorstellt? Durch Frechheit siegen? Scheinbar, von Dankbarkeit sehe ich da jedenfalls nichts.  Ich schnaube leise abfällig, während Nico mit der einzig richtig Antwort reagiert. Sicher nicht. Dankesehr. Soweit kommt es noch. Nico hat dem Jungen gerade das werte Hinterteil gerettet und anstatt die Gelegenheit zu nutzen, verwendet er das gegen uns. Als wären ich oder mein Ruf darauf angewiesen, dass der Kleine nicht in meinem Namen durch den Zug stromert. Er hat ihn gerade schon versaut, meinen Ruf, was soll daran noch weiter in den Dreck gezogen werden? Immerhin, wenn ich gefragt werde, weshalb sollte ich nicht einfach alles abstreiten? Auf den Gedanken ist der Junge anscheinend noch nicht gekommen. Im Gegenteil, ich hege die heftige Vermutung, dass ihn diese Option schlicht weg nicht interessiert. Und das packt nun doch mein fassungsloses Interesse.

Als Nico die Hand hebt um die Abteiltür zu öffnen, sehe ich ihn kurz an. Er versteht es sofort und der Moment fühlt sich auf irritierende Weise selbstverständlich an. Als wäre kein Tag vergangen seit wir uns stumm zwischen den Fluren von Dode Manor verständigt haben. Wir waren nicht immer stumm, ganz gewiss nicht. Aber wenn es nötig war, dann hat es noch immer erstaunlich gut funktioniert. Wir haben Zeichen entwickelt. Und Worte. Techniken, die wir von den Kindern aus dem Dorf gelernt haben. Ein paar darunter stahlen hin und wieder auch einmal. Kinder wie dieses hier. Mit dem selben Wagemut und der selben Unverfrorenheit. Aber sie waren Dorfkinder gewesen. Sie hatten nur die nachsichtigen Strafen des Dorfsheriffs gekannt und keines davon war obdachlos gewesen. Das hat nichts mit dem zu tun was man teilweise in London sehen darf wenn es raus Richtung East End geht. Dort geht es ums blanke Überleben. Da hat Wagemut nichts mit Frechheit zu tun sondern mit kalkulierter Kompromisslosigkeit. Der Junge hier kann nicht aus London stammen. Dafür glitzern seine Augen zu sehr.

Ich kann nicht genau sagen weshalb mich das so neugierig macht, weshalb die Fassungslosigkeit so einen Reiz hat. Meine Instinkte schlagen an. Es ist als wittere ich etwas und das ist nicht der Gestank des Jungen. „Was denkst du wie diese Sache für dich laufen wird, Kleiner?“, frage ich locker und rein hypothetisch während ich ihn weiter zurück gelehnt mit fragend schief gelegtem Kopf ansehe. Nascha hat sich neben meinem Kopf wieder etwas aufgerichtet und in ihre Ruheposition begeben. Ihre Augen sind geschlossen. Aber sie lauscht. Das hier ist meine Neugier, die sich gerade Bahnbricht. Mit solchen Dummheiten gibt sie sich nicht ab, aber sie passt trotzdem auf wie ein kleiner ausgehungerte Schießhund, diese alte Lügnerin. Ich weiß, dass es sie auch interessiert. Hinterher wird sie sich den Schnabel über den Jungen zerreißen, da bin ich sicher. „Früher oder später werden sie dich raus schmeißen. So achtlos wie du durch die Gänge läufst. Schlechte Bedingungen um ein paar Herren ihrer Brieftaschen zu entledigen, findest du nicht? Also, was willst du in Sheffield, dass du dich so danach sehnst vor der Endstation rausgeworfen zu werden?“ Weniger auf die Antwort bin ich gespannt darauf wie der Kleine antworten wird. Ich will es in seinem Kopf und hinter seinen Augen arbeiten sehen. Ich will sehen welche Dinge er im Geiste durchgeht oder ob er so voreilig los schießt, wie er es eben schon getan hat. Irgendetwas ist an dem Jungen. Vielleicht ist es seine Unbedarftheit, die so undurchdacht ist, dass sein Dasein fast nicht den Tatsachen entsprechen kann… Durchdringend sehe ich ihn an. Ich werde den Jungen nicht lange aufhalten. Aber ich traue meinem Instinkt zu sehr, als dass ich diesem Impuls nicht nachgeben würde.


RE: The verification mission - Rory Evening - 10.07.2020

Hmpf! Eine äußerst prekäre Situation in die ich mich da gerade selbst gebracht habe. Aber es gibt jetzt nun mal kein zurück. Und so lasse ich meinen Blick zwischen den beiden Männern hin- und her gleiten. Wobei mir das Herz bis zum Hals pocht und ich spüre wie sich Gloria eng an meine Beine schmiegt. Wohl um mir dadurch Trost zu spenden. Denn tatsächlich überließ mir mein Daemon in dieser prickelnden Situation das Wort. Und ich spüre wie mir mein Herz bis zum Hals pocht. Gloria durfte sich gerne zu Wort melden. Doch die Wildkätzin bleibt ruhig. Leider.

Und schließlich sprudeln Worte über meine Lippen. Unbedachte Worte die meine innere Nervösität verschleiern sollten. Was mir nicht wirklich gelingt. So blinzle ich arglos und mit einem unschuldigen Lächeln auf den Lippen zu den beiden Herren empor.
Meine Dreistigkeit wird jedoch im nächsten Augenblick durch einen scharfen Klapps gegen meinen Hinterkopf bestraft und ein empörtes funkeln erhellt meine Augen. Tz!

“Der Zugführer wird mich garantiert nicht aus dem Zug werfen.“
Erwiedere ich mit einem tollkühnen Schimmer in meinen Augen und einem breiten Grinsen auf den Lippen.
“Ich fahre mit euch nach Sheffield. Und dann..“
Da verstumme ich auch schon und wechsle einen raschen Blick mit meinem Katzendaemon.
“Kann ich nicht bei euch bleiben? Ich verspreche auch das ich keinen Ärger machen werde. Ich habe doch niemand.“
Tatsächlich schimmern meine Augen in einem verräterischen Glanz und ich ziehe schniefend die Nase hoch. Bevor ich mir über meine Augen wische.

“Ich.. ich möchte in Sheffield ein neues Leben be.. beginnen. Hier erinnert mich alles an den Unfall meiner Eltern.“
Schwankend und krächzend war mein Stimmenklang. Bevor ich mich räuspere und zu Boden starre.


RE: The verification mission - Nikola Larkin - 10.07.2020

Anis hat noch Fragen an den Jungen und ich warte sie stumm ab. Es ist nicht so, als hätte ich kein Interesse daran, doch ich halte es schlicht für keine gute Idee. Mich länger als notwendig mit dem Kleinen auseinander zu setzen würde doch zu nichts führen. Der hier mochte ein draufgängerischer Dummschwätzer sein, aber er erinnert mich nur zu gut an das Elend seinesgleichen. Daran, dass ich mit weniger Glück ähnlich hätte enden können. Und daran wie wenig ich doch an ihrem Schicksal ändern kann. Wann immer ich für irgendwelche, nun, Besorgungen, die ich mit unter für einen Herrn zu erledigen habe, in die heruntergekommeneren Ecken Londons komme, so versuche ich etwas von den alten Lebensmitteln, die in jedem vornehmen Haushalt anfallen, für die Bettler und Straßengören mitzunehmen. Als Valet im Dienst des Magisteriums kann ich es mit einer Pflicht zur Fürsorge und Nächstenliebe begründen, aber Asya und ich wissen beide, dass es mehr auf einem Gefühl von Schuld beruht, das wir uns selbst kaum erklären können… Ich konzentriere mich auf Anis‘ erklärende Worte. Er hat recht mit dem was er sagt, ich bin fast gespannt was der Junge antworten wird.
 
Eng drückt die Kätzin sich um die Beine des Kleinen. Ihr tollkühnes Verhalten hat sie aufgegeben, was wohl nahe legt, dass es auch dem Jungen nicht ganz wohl ist. Asya lässt sich neben mir auf die Hinterhand sinken, sie hat ihr Ziel erreicht. Die große Klappe riskiert der Kleine trotz allem weiter, wodurch er es sich mit mir bereits zuvor verdorben hatte. Vorlautes Geschwätz habe ich noch nie leiden können. Aber ich bin nicht hier um ihn zu erziehen. Als Valet wäre es wohl meine Aufgabe gewesen jede Respektlosigkeit meinem Herrn gegenüber zu ahnden – und den Ton den der Kleine anschlägt ist sicher nicht jener, den man einem Mann in Anis‘ Position gegenüber anbringen sollte. Aber es wäre mir lächerlich vorgekommen für meinen älteren Bruder zu sprechen, als könne der sich nicht selbst verteidigen. Nicht da wir gerade so Hand in Hand agieren, als wäre seit unserer gemeinsamen Kindheit kein Tag vergangen. Doch in diesem Moment beginnt sich die Haltung des Jungen bereits zu drehen wie das Wetter an der See. Schlagartig und völlig unerwartet. Skeptisch ziehe ich die Brauen hoch. Was denkt der Kleine, wen er vor sich hat? Eine mildtätige Hilfsorganisation? Vergewissernd werfe ich einen Blick zu Anis. Der trägt sicher kein Priestergewand, durch das der Junge vielleicht hätte meinen können Zuflucht bei der Kirche zu finden. Ich trage vielleicht die Farben des Magisteriums, Asya trägt deren Symbol um den Hals. Doch erfahrungsgemäß macht das Magisterium als Verwalter über der Kirche mit seiner Macht und Undurchsichtigkeit die Leute eher unsicher oder gar misstrauisch. Diese Wirkung scheint an dem Jungen vollkommen vorbei zu gehen, denn er setzt auf seine Bitte direkt noch etwas drauf. Mhm. Die toten Eltern. Immerhin hat der Kleine nicht die Geschichte von der sterbenden Großmutter gebracht. Aber klar, er sollte ja erklären, weshalb er von London nach Sheffield wollte – da machten sich die toten Eltern natürlich bes-... Asya zwickt mir in die Hand. Ich beiße mir vor Schmerz auf die Zunge, um nicht das Gesicht zu verziehen. Kurz sehe ich zu ihr hinab, begegne dem vorwurfsvollen Blick aus ihren rotbraunen Augen und schäme mich unwillkürlich für meinen bösen Sarkasmus. Ich kann nicht wissen, was an der Geschichte des Jungen dran ist und es steht mir nicht zu so harsch darüber zu urteilen. Mag sein, dass der Kleine uns nur mit einer Tränengeschichte über den Tisch ziehen will. Aber ich kann kaum Respekt von ihm fordern und ihm gleichzeitig selbst keinerlei Respekt zollen. Die Worte des Jungen werden undeutlich und verlieren sich. Zugegeben, wenn das nur eine Geschichte ist, spielt er sie mit voller Überzeugung. Ich sehe tatsächlich einen Moment zu Boden. Immerhin, denke ich, wenn er erst vor kurzem seine Familie verloren hätte und nun ohne jemanden da steht, so würde das sein heruntergekommenes Aussehen erklären und gleichzeitig sein unbedarft junges Verhalten, das so gar nicht zu einem erfahrenen Straßenkind zu passen scheint. Aber vielleicht will ich mir hier auch nur selbst etwas vor machen. Vielleicht ist der Kleine auch einfach ein guter Schauspieler.   
 
„Hör zu…“, beginne ich ernst. Wenn das stimmt, diesen Part spreche ich nicht aus, weil Asya mir sonst vielleicht die Hand abgebissen hätte. Der dumme Köter legt sich doch tatsächlich auf den Boden und reckt der Kätzin einen Moment lang den Fang entgegen, während ich spreche. „…das tut mir leid.“ Meine Stimme ist vollkommen ruhig dabei, mir ist es wirklich ernst damit. Auch wenn der Junge davon nichts hat. Höchstens wenn er vor hat uns mit der Mitleidsnummer zu betrügen... Aber der Kleine ist noch immer ein Kind, es wäre mir falsch vorgekommen seine letzten Worte völlig zu ignorieren – oder zumindest weiß ich, dass Asya es als grobes Verbrechen empfunden hätte. „Aber wie stellst du dir das vor, mh?“ Ein schmales Lächeln streift meine Züge. Halb spöttisch, halb traurig. „Was denkst du, welchen Nutzen du haben würdest?“ Denn leider ist das die Welt in der wir leben. Eine in der man nichts geschenkt bekommt. So wie der Kleine aussieht, in Lumpen gekleidet, sollte der das bereits begriffen haben. Es muss mir nicht gefallen, aber ihm etwas anderes zu suggerieren, wäre nichts weiter als ihn zu belügen. Einmal davon abgesehen, dass ich tatsächlich keine Verwendung für ein Straßenkind habe – und ich schätze einmal, dass es Anis dabei ähnlich geht. Allein der Gedanke ist absurd.


RE: The verification mission - Anisim Langdon - 11.07.2020

“Der Zugführer wird mich garantiert nicht aus dem Zug werfen.“ Auf meinen Lippen zeichnet sich ein spöttisches Lächeln ab. Ich schnaube amüsiert. Natürlich. Und weshalb? Weil die Venus im Zeichen des Merkur steht?! Gute Sterne?! Ist das alles?! Das kann der Kleine doch nicht ernsthaft glauben… in welcher Welt lebt er eigentlich? Und Grinsen kann er. Frech als wäre das sein persönlicher Triumph, als hätte er versteckte Karten in der Hand, von denen sonst niemand weiß. Hat er das? Aber er lässt nichts weiter davon durchblicken als diese tollkühne Aussage. Stattdessen biegt er sich seine Welt einfach weiter so hin wie sie ihm gefällt, wirft gedankenlos den nächsten unbedachten Satz hinaus. Seine Augen glitzern vor Stolz und Selbstgewissheit und dann… dann sieht er hinunter zu seinem Daemon. Unsicherheit. Pure Unsicherheit. Zum ersten Mal seit dieses Bündel in unser Abteil gekippt ist, bröckelt die Fassade aus Selbstgewissheit und Gerissenheit. Ein unerfahrenes, unsicheres Kind schimmert darunter hervor, mit nichts zur Versicherung als seinem eigenen Daemon, der stumm diesen Blick erwidert. Nascha öffnet neben meinem Kopf die Augen und sieht die Katze durch die schmalen Schlitze hindurch an, die sie dafür offen lässt. Und tatsächlich, im nächsten Moment schwenkt der Wind plötzlich um und der Junge wechselt von einer Sekunde auf die Andere seine Strategie. Flehen, bitten. Wobei, wenn man es genau betrachtet ist da kein einziges „Bitte“ in seinen Worten. Aber seine Augen sagen genug davon. Kalt beobachte ich wie sie feucht werden, wie die Schultern des Jungen sinken, wie sich die Katze eng an seine Beine schmiegt. Gute Show, das muss man ihm lassen. Aber er ist noch nicht fertig mit der Mitleidstour. Nicht nur, dass er niemanden mehr hat, nein, er fährt aus um ein neues Leben zu beginnen weil seine Eltern angeblich bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Krächzt dabei wie ein alter Vogel. Wenn er mich fragt sollte er dafür nach America fahren und nicht ausgerechnet nach Sheffield. Da findet man auch genügend leichtgläubige Narren, die einem solche Geschichten abkaufen.

Aber der Junge senkt den Blick und starrt auf den Boden. Meine Augen bleiben auf dem verfilzten braunen Haarschopf liegen, der nun dort ist, wo ich eben noch das Gesicht des Jungen gesehen habe. Unsicherheit, Unerfahrenheit, schnelle Strategiewechsel. Fühlt sich mehr nach Verzweiflung an als nach einem Täuschungsversuch. Wenn es letzteres ist, dann ist der Versuch wirklich schlecht misslungen. So eine übertriebene Show kauft dem Jungen kein Mensch ab. Andererseits ist er auch zu schlecht darin, als blinder Passagier Zug zu fahren und riskiert sehenden Auges hinaus geworfen zu werden. Was wenn er einfach schlecht ist in dem was er tut? So oder so, lange kann er das hier noch nicht machen. Früher oder später wird er sich wirklich richtig auf die wortwörtliche Schnauze packen und feststellen müssen, dass das Leben kein Ponyhof ist, so sehr er sich das auch wünscht. Ist es das? Dieser fast trotzige Wille, das Leben leicht zu nehmen? Denn egal welche Geschichte stimmt, verloren hat der Junge eine Menge, so wie er aussieht. Wahrscheinlich genug als dass Andere in seinem Alter eingeknickt wären. Mein Blick folgt Naschas hinunter zu dem Katzendaemon, der noch immer die Gestalt mit dem struweligen Fell trägt. Nascha hätte in seinem Alter in der selben Zeit bereits mehrfach die Gestalt gewechselt. Eine Katze ist in einem Abteil schon äußerst unpraktisch wenn man in die Enge getrieben wird, vergleicht man es mit einer Maus, einem Wiesel oder einem Greifvogel. Und dann wird es mir klar. Er ändert die Gestalt nicht mehr. Die Katze ist die endgültige Gestalt. Wie alt mag der Junge sein? Zwölf? Vierzehn? Und schon eine feste Gestalt. Kind der Erbsünde. Es gibt Dinge, die einen verändern, die einen Daemon zwingen, früher in die feste Form zu schlüpfen als andere. Kinder, die früh erwachsen werden müssen.

Noch immer betrachte ich nachdenklich den Jungen während Nico sich bereits mit den rationalen Problemen auseinander setzt, die der Junge bereitet. Vernünftig während ich noch diesem prüfenden Gedanken nachhänge. Wie er sich das vorstellt. Ich hebe den Blick und sehe Nico an. Die Brauen ein wenig hochgezogen. Aufmerksam. Ich frage mich mit welchen Gedanken er spielt. Will er dem Jungen zum Nachdenken anregen und ihm mit seinen eigenen Denkanstößen vor Augen halten wie irrational dessen Wunsch ist mit ihnen zu reisen, oder spielt er tatsächlich mit dem Gedanken, den Kleinen hier im Abteil zu behalten? Die Option wirkt im ersten Moment absurd auf mich. Denn Nico hat Recht: was soll der Kleine schon für einen Nutzen bringen? Was hätten wir davon außer ein stinkendes Bündel, das wir einige Stunden Zugfahrt lang ertragen und aufpassen müssten, dass es nicht das Abteil verlässt und Unheil anrichtet? Nichts das für uns dabei heraus springt. Es wird nicht mit allen Leuten in diesem Zug so laufen wie mit diesem Schaffner.

Herrgott jetzt denke ich selbst bereits darüber nach. Streng sehe ich wieder auf den Jungen hinunter, als könnte ich damit meine eigenen nachsichtigen Gedanken vertreiben. Ich sollte aufhören mich zum Narren zu machen. Und so warte ich stumm darauf, dass der Kleine seine Antwort herausgibt. Einige Dinge gehen mir dennoch nicht aus dem Kopf. Und angesichts der Tatsache, dass der Kleine in wenigen Augenblicken wieder dort draußen durch die Gänge stromern und es darauf anlegen wird hinaus geworfen zu werden, möchte ich die Antworten auf meine Fragen noch gerne wissen. Ich entscheide mich für die, die mir am wichtigsten erscheint. Und ich kann dabei nicht sagen weshalb ich sie für so wichtig halte. Im Grunde hat sie nichts mit dem Jungen zu tun oder mit dem Entschluss, den sowohl Nico als auch ich längst gefasst haben, den Kleinen wieder vor die Tür zu setzen. Ich frage mich allerdings in einem verräterischen kurzen Moment, wie sicher wir uns dessen wirklich sind. Trotzdem sehe ich unvermindert ernst auf den Jungen hinunter. Von solchen irrationalen Gedanken muss er nichts wissen. Von meinem Interesse jedoch schon, so indiskret es auch sein mag. Er ist ein verdammter Straßenjunge… „Wie lange hat dein Daemon bereits feste Gestalt angenommen?“ …und womöglich hat er dieses Ereignis nicht einmal zur Kenntnis genommen.


RE: The verification mission - Rory Evening - 11.07.2020

Nachdem ich verstumme, presse ich meine Lippen zu einem blutleeren Strich zusammen. Und hoffe verzweifelt das meine Unterlippe das verräterische zucken eingestellt hat. Denn unter keinen Umständen würde ich hier in diesem Zugabteil losheulen. Auch wenn meine Stimme bereits bedenklich schwankt und ich mich räuspern muss. Gloria bemerkt meine schwankende Stimmung und drängt sich gegen mich. Wohl um mir dadurch Trost zu spenden. Aber damit würde ich auch alleine fertig werden. Ich kämpfe ja nicht erst seit gestern auf der Straße um's nackte Überleben.

Von den Gedanken der beiden Männer, meine Personslie betreffend ahne ich nichts. Was vielleicht auch das beste ist.Schließlich hebe ich meinen Blick dann doch langsam an, nachdem ich mir über die Augen gewischt habe, und blinzle zwischen den beiden Männern hin- und her.
“Ich verspreche euch auch zu gehorchen. Bitte. Darf ich mit euch reisen?“
Murmele ich mit krächzender Stimme und senke meinen Blick augenblicklich. Starr fokussiere ich meine Schuhspitzen jnd verkrampfe meine Finger in meiner dreckigen Jacke.
“Ihr werdet mich nicht bemerken. Ich bin auch mucksmäuschenstill.“
Füge ich beteuernd an meine Worte hinzu und strecke in diesem Augenblick bittend meine Hände in Richtung der beiden Männer.

Gloria unterdessen richtet sich zu ihrer vollen Größe auf, als sich da eine feuchtkalte Hundschnauze in ihre Richtung schiebt. Dabei gibt sie einen langgezogenen tierischen Laut von sich. Meine Finger vergraben sich in ihrem Nackenfell. Wohl um mich selbst zu beruhigen.
“Ich werde jede Aufgabe annehmen die ihr mir gebt. Ohne Widerworte. Ich versprech's.“
Sprudelt es über meine Lippen und der Glanz in meinen Augen wirkt regelrecht flehend.

Bis die Stimme einer der Männer an mein Ohr dringt und ich unwillkürlich zusammen zucke.
“Ich.. oh.. ähm.. ich weiß nicht. Das hat sie zu anfang gemacht. Das stimmt. Aber ich glaube sie liebt einfach diese Gestalt. Ist das denn was schlimmes?“
Arglos blinzle ich empor und kraule Gloria abwesend hinter den Ohren. Eine Stelle die sie besonders mag.


RE: The verification mission - Nikola Larkin - 11.07.2020

Ich hatte gehofft, dass meine Frage den Jungen aus dem Konzept bringen würde, wenn er den eins hatte. Dass er sich verraten oder mir zumindest einen Anhaltspunkt geben würde, auf was er es tatsächlich abgesehen hatte. Doch der Kleine wurde nur noch anhänglicher, seine Haltung nur noch flehentlicher. Asya hat sich neben mir abgelegt, was wohl der harmlosesten Haltung entspricht, die sie besitzt, seit sie diese Gestalt hat. Doch die Kätzin schreckt auf wie ein gestochenes Schwein, sobald die Hündin ihr den Fang entgegenstreckt. Ich weiß selbst nicht, was mein Daemon sich dabei gedacht hat. Hatte sie Hoffnung damit unbedrohlich zu wirken, so war ihr das gründlich misslungen. Vielleicht hatte sie sich dieses graue Bündel auch nur genauer betrachten wollen oder… hatte es genau darauf angelegt, dass die Kätzin sich erschreckt, denn… Anis spricht es aus, bevor ich den Gedanken zu Ende gebracht habe. Asya zu entkommen wäre dem Daemon des Jungen deutlich einfacher gelungen, hätte er schlicht die Gestalt gewechselt. Als Maus das Bein des Jungen hinaufgehuscht oder sich als Spatz oder als Motte in die Luft geschwungen. Doch sie bleibt eine langhaarige Kätzin. Der Junge beantwortet die Frage mit der Unbedarftheit eines Kindes. Eines Kindes, das so viel jünger und unwissender wirkt, als er sein kann. Ein Muskel in meinem Kiefer zuckt unruhig. Der Kleine wusste es nicht? Was es bedeutet, wenn der Daemon endgültige Gestalt annimmt? Er konnte tatsächlich keine Familie mehr haben, wenn dem so war. Niemand, der den Tag mit ihm gefeiert hätte, da sein Daemon aufhört die Gestalt zu wechseln, der Tag an dem man Erwachsen wird. Er kann die Weihe nicht empfangen haben, die damit einhergeht und einen zu einem vollwertigen Mitglied der Kirche macht. Ich überlasse es Anis die Frage des Jungen zu beantworten, wenn er das denn tun will.

Ich will etwas anderes von dem Jungen wissen. Warum ist es dem Kleinen so wichtig von der Straße zu kommen? Seine Kleidung zeugt davon, dass das heute nicht sein erster Tag auf der Straße ist. Warum will er die Stadt verlassen? Warum will er so dringend mit uns gehen? „Wer ist hinter dir her, mh?“, meine ich alarmiert. „Warum willst du so weit weg von London?“ Weit weg ist eine Sache der Relation, aber für einen Jungen, der seinen Platz auf der Londoner Straße hat, ist das doch ein gehöriges Risiko in eine mehrere Zugstunden entfernte Stadt zu reisen. Ich hätte vermutet, dass er den Zug nutzt, um zu betteln und zu stehlen, um dann mit seiner Beute zurück nach London zu reisen, um sie mit einer Bande oder einem Patron zu teilen. Doch ihm scheint ernst damit zu sein London zu verlassen, so sehr wie er uns anbettelt ihn mit uns zu nehmen. Warum dieses Risiko? Außer… er hat dort eben keinen Platz mehr. Ein Straßenkind kann nur zu leicht verschwinden, wenn es aus irgendeinem Grund unangenehm geworden ist. Und so unbedarft, wie der Junge sich bisher angestellt hat… Hat er sich mit den falschen Leuten eingelassen? Den falschen Leuten einen Gefallen verwehrt oder etwas gesehen, das er besser nicht hätte mit ansehen sollen? „Musst du von der Straße? Du suchst doch nicht bei dem Erstbesten Obdach.“ Diese Feststellung ist mehr eine Vermutung, vielleicht auch eine Hoffnung. Ich erinnere mich daran, wie die Kätzin vor Asyas Nähe zurückgeschreckt ist und versuche nicht daran zu denken, was es für einen Jungen bedeuten kann, so leicht mit zwei Männern mitzugehen... „Warum versucht du es bei uns?“ Ich hoffe inständig, dass er uns nicht für diese Art von Männern hält.