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Trouble's what you're in - Druckversion +- Society of Rudeness (https://society.bitethedust.de) +-- Forum: Drawing Room (https://society.bitethedust.de/forum-6.html) +--- Forum: Artis (https://society.bitethedust.de/forum-26.html) +---- Forum: Archiv (https://society.bitethedust.de/forum-29.html) +---- Thema: Trouble's what you're in (/thread-14.html) |
RE: Trouble's what you're in - Otis Rhode - 20.01.2022 „Es war kein Selbstmord.“ Noch immer hatte ich Ardins Worte in den Ohren, selbst als ich in der Leman Street über dem Eintrag unseres aktuellen Einsatzes gebeugt stand. Seine Argumente. Ja, hätte ich antworten können. Nein, hätte ich antworten können. Vielleicht. Vielleicht, ja, vielleicht. Weil Ardin recht hatte mit seinen neunmalklugen Argumenten. Weil es mich auch gar nicht kümmerte, ob dem so war oder nicht. Nicht im Kern der Sache. Wenigstens nicht so sehr. Denn die Wahrheit war: Für mich war es egal. Es war egal, ob dieser Mann letztlich das Verbrechen des Selbstmords begangen hatte oder nicht. Es genügte, wenn dem so aussah. Wenn es eine Möglichkeit in der Ermittlung blieb oder auch nur ein Gerücht. Um für mich alles wieder aufzurollen. Um das Geschwätz wieder beginnen zu lassen. Um mir wieder das Gefühl zu geben, als sei seit damals kein einziger verdammter Tag vergangen. Als sei all meine unverzeihliche Schuld noch so frisch wie damals. „Rhode!“, erklang Mulligans Stimme durch die Wache. Ich sah auf, er winkte mich unwirsch zu sich. Erst als ich direkt vor ihm stand, begann er zu sprechen. Eindringlich. Scheinbar hatte sein Zorn sich gelegt - oder hatte er gegenwärtig zumindest drängendere Anliegen. „Am Dock wurde eine Leiche angespült?“ – „Ja, Sir.“ – „Todesursache?“ – „Noch unklar.“ Mulligan atmete schwer. „Sie wissen, wenn das ein Selbstmord war, dann will ich Sie in der hintersten Reihe. In der ganz hintersten Reihe!“ Damit ließ der Superintendant mich ohne ein weiteres Wort stehen. Ich starrte einen Moment mit leerem Blick auf den Boden vor meinen Füßen. Die Verkommenheit und Korruption dieser Division war ein offenes Geheimnis auf den Straßen, weitestgehend ignoriert von höheren Stellen, schon beinahe mit Sensationsgier zelebriert von der Presse. Kaum eine Woche verging ohne dass der schlechte Charakter der H Division nicht wenigstens in einem Nebensatz in einer Zeitung erwähnt wurde. Aber wenn ein Toter an den Docks angespült wurde und der Verdacht eines Selbstmords bestand, dann war es von oberster Priorität, dass der ermittelnde Detective Inspector keine schlechten Schlagzeilen damit machte, dass seine Frau eine überführte Selbstmörderin war. Grob schüttelte ich die Bitterkeit ab, machte kehrt und ging zurück Richtung Ardins und meinem Büro. „He! Inspector!“, machte der Desk Sergeant mich aufmerksam, dass ich etwas vergessen hatte. Ich blieb stehen, ohne mich umzudrehen. Etwas in meinen Augen brannte unangenehm, schnürte mir die Kehle ab. Ich wollte nur noch in die relative Abgeschiedenheit der Abstellkammer, die unser Büro war. Aber ich straffte die Schultern und ohne den Blick zu heben, ging ich zurück, füllte den Eintrag fertig aus und sparte meinen Namen dabei vorsorglich weg, so musste man ihn später nur noch bei Annahme der Meldung tilgen. Zügig ging ich dann in das Büro, schloss die Tür hinter mir und ging das unvermeidliche an, dem ich bisher aus Eitelkeit – oder was wusste ich schon, was es war – entflohen war. Im Grunde hätte ich es von Beginn an tun sollen. Ardin den Fall überlassen und mich in die hintere Linie begeben. So wie es nun stand, musste ich immerhin so aufrichtig sein Ardin vorzuwarnen. „Mulligan will, dass...“ Ich stockte unfreiwillig, in einer Übersprungshandlung machte ich die paar Schritte zu meinem Schreibtisch, fahrig griff ich nach einigen der Dingen, die darauf standen, im Grunde nur, um sie ordentlich zurück an ihren Platz zu stellen. Überflüssigerweise. Einfach nur um beschäftigt zu wirken. Um die Beiläufigkeit meiner Worte zu unterstreichen. „Wenn es am Ende doch... Selbstmord war, dann ist das dein Fall allein, jedenfalls in der Division“, sprach ich die Worte dann versucht gleichmütig von mir weg. So, damit war Ardin informiert, ich hatte meine Pflicht getan. Ich ließ mich müde auf meinen Stuhl fallen, sobald das getan war, kippelte ein wenig nach hinten, wohlwissend dass es ein riskantes Unterfangen war. Cyneburg wettete bereits wie lange es wohl dauern würde, dass es mich rückwärts in den Stapel Papiere und anderweitig abgelegten Kram hinter mir hauen würde. Ich fragte mich, ob man mir, wenn ich mir das Genick dabei brach, ebenfalls einen Selbstmord anhängen würde. Das wäre dann wohl ein Fall dieser höheren Gerechtigkeit, an die ich schon seit spätestens dreizehn Jahren nicht mehr glaubte. „Westminster“, wiederholte ich dann, was Ardin zuvor angesprochen hatte, während wir darauf warteten, dass der Junge zurückkam, den wir nach dem Schröpfer geschickt hatten. Am besten in Begleitung selbigen, aber daran glaubte ich jedes Mal erst, wenn es so weit war. „Klingt als sollten wir ein paar alte Bekannte besuchen.“ Wenn wir das Yard nicht behelligen wollten - und wer wollte das schon? Dann sollten wir uns mit den offiziellen Vermisstenberichten der Met Police erst einmal zurückhalten - an die Zeitungen sollten wir uns in diesem Fall besser auch nicht wenden. Nicht auf direktem Weg jedenfalls. Aber aus Bow Street Tagen kannten wir noch den ein oder anderen Diener aus vornehmen Haus. „Uns ein wenig Klatsch von belowstairs anhören“, machte ich den Vorschlag und fügte feixend hinzu: „Vielleicht hat ja einer von deinem bissigen Köter gehört.“ RE: Trouble's what you're in - Ardin James - 20.01.2022 Als Otis zurück in unser Büro kam, hatte ich mich umgezogen. Das Hemd weiß, die Weste unauffällig genug um als sauber durchzugehen, das Sakko sauber über dem Stuhl nach Otis-Art und mein Handgelenk brav bandagiert, damit niemandem auffiel, dass die Wunde unter dem Verband längst verheilt war – am Ende hätte man mir meinen Verwundungszuschlag streitig gemacht; aber sollten sie versuchen, mir meinen Scheck wieder weg zu nehmen. Blutverdreckt an die Docks zu marschieren war das eine, aber der Nachmittag neigte sich mehr und mehr gegen Abend, und blutverdreckt bei Margory aufzukreuzen war definitiv das andere. So vorbildlich präpariert, das Hemd längst wieder in der Hose, die Weste geschlossen, die Krawatte nicht annähernd so liebevoll gebunden wie Margory das tat, hing ich auf meinem Stuhl in jenem Moment. Die Beine ausgestreckt und die Stiefel auf der umgedrehten Getränkekiste abgelegt. Ich war schon misstrauisch als Otis nur die Tür schloss und von Mulligan anfing. Meine Brauen schnellten so schnell auf meiner Stirn zueinander um eine tiefe Furche zwischen sich zu bilden, dass Otis nicht einmal zu Ende gesprochen hatte. Aber ich merkte an der Art wie sein Satz versandete, dass er keinen würdigen Abschluss bekommen würde. Kritisch und wachsam beobachtete ich Otis‘ rasche Schritte hin zum Schreibtisch und meine innere Alarmglocke schrillte bereits dramatisch. Sie wäre beinahe aus ihrer Verankerung gesprungen als Otis unter wahllosem Aufgreifen irgendwelcher Gegenstände auf seinem Schreibtisch diesen zweiten Satz ergänzte und diesmal beendete. Dein Fall. In der Division. Krachend stieß ich die Kiste mit den Füßen von mir, mein Kiefer unwillkürlich angespannt, sprang auf, fuhr um meinen Schreibtisch herum und war schon halb bei Tür um Mulligan mit meiner rasenden Wut den verdammten Walrossschädel einzuschlagen, als ich mich besann und unter höchster Aufbietung all meiner Disziplin mitten im Raum stehen blieb. Den Blick stur nach vorne gerichtet, die Hände an meinen Seiten zu Fäusten geballt. Wütend schob ich die Zunge von innen gegen meine Oberlippe ohne den Mund zu öffnen. Mulligan, dieses Rindvieh. Dieses stinkende, voreilige Rindvieh!!! Zu eitel um auch nur einen Moment nachzudenken!!! Da mühte ich mich ab, Otis bei Sinnen zu halten und was machte unser Erzengel Gabriel in seinem Übermut?! Es war absurd. Ich hätte mich darüber freuen sollen. Ich hätte Otis mit breitem Grinsen unter die Nase reiben sollen, dass er seinen Fall los war. Dass ich ihn verdrängt hatte ohne auch nur einen Finger zu rühren. Mein größtes Meisterstück. Dass noch nicht raus war ob es wirklich so kommen würde, wäre vollkommen unwichtig gewesen. Stattdessen stand ich hier auf halbem Weg um Mulligan den Schädel einzuschlagen und machte mich zum Affen. Einmal abgesehen davon, dass es nichts bringen, nichts verändern würde. Und ich hörte Jackdaws eindringlichen Vortrag dazu von dem Fenstersims, ohne dass es mir gelang sie auszublenden. Wie sie auf mich einredete, als wüsste ich nicht selbst, dass es keinen Zweck hatte. Dass ich es nur schlimmer machen würde. Willst du es für Otis schlimmer machen?, fragte sie mich. Und ich hasste sie dafür, dass sie Otis anbrachte, ohne dass ich etwas dagegen hätte sagen können. Ja verdammt, wenn es Mulligam zur Vernunft gebracht hätte. Unter Anstrengung ließ ich meine Hände locker, drehte mich um, kehrte an meinen Schreibtisch zurück. Zog scheppernd meinen Stuhl zurück als würde der dadurch einen Teil meiner Wut lindern, und ließ mich mit verschränkten Armen darauf nieder. Ein einziges Standbild des Protests. “Dieser Wichtigtuer…“, spuckte ich verächtlich aus während Otis neben mir ziellos kippelte wie ein Schuljunge, den man gnädigerweise zur Strafarbeit dabehalten hatte statt ihn zu verdreschen und der sein Glück dennoch nicht annehmen wollte. Das zweite Abbild des Protests ohne dass der Kerl es darauf anlegte. Und Jackdaw gefiel der Anblick der Eintracht gar nicht schlecht. “Ach halt die Klappe!!!“, fuhr ich sie verdrossen - und ausnahmsweise laut - an und drehte mich dazu kurz zum Fenster, worauf sie draußen gackerte, aber das war besser zu ertragen als ihre Ratschläge und ihr mütterlicher Stolz. Westminster. Ich richtete meinen finsteren Blick auf Otis, mich an dem Wort festhaltend. Fast froh darum, dass der noch darüber nachdachte. Über Westminster. Über den Toten. Anstatt alles von sich zu werfen wie Mulligan es gerne gesehen hätte. Alte Bekannte, Klatsch von belowstairs. Ich richtete meinen Blick vor mich auf den Schreibtisch, um nicht eingestehen zu müssen, dass das eine gute Idee war. Ach was solls. “Besser als direkt zur Zeitung zu rennen.“ Fast ein Kompliment. Ich wurde weich auf meine alten Tage. “Gierige Aasgeier.“, schimpfte ich hinterher um es ein wenig zu kaschieren. Der bissige Köter. Mein Blick wanderte in meine Augenwinkel um Otis finster von der Seite anzusehen. Aber mein Mundwinkel verriet mich, machte das zu einem schwer unterdrückbaren, düsteren Lächeln. Ich bedachte Otis kurz mit diesem Blick bevor ich erwiderte: “Der Hund wird noch Schlagzeilen machen, merk dir meine Worte. Nichts für ungut, Cyneburg.“ Kurzer Blick zu der dunklen Hündin, ein Zwinkern. Plötzlich Unruhe unter uns. Schon wieder. Schritte, die hastig die Treppe hinauf rannten. Anklopfen. Die Tür öffnete sich. Constable Blair trat erstaunlich gemessenen Schrittes ein, dafür dass er dermaßen gerannt war. “Der Schröpfer ist jetzt da, Inspectors. Darf ich Sie warnen? Er ist nicht in seiner besten Verfassung.“ Ich löste die Arme und erhob mich von meinem Stuhl um das Jackett wieder anzuziehen. Das konnte ja heiter werden. Wenn der Mann schon halbtot war, dann machte es am Ende gar keinen Eindruck mehr auf ihn wenn ich ihn aufknüpfen wollte… “Danke, Blair für Ihre Besorgnis aber ich schätze das ist seine Alltagsverfassung.“, feixte ich. “Diesmal ist es schlimmer, Sir, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.“ Blair schürzte die Lippen. Ich sah kurz zu Otis. Das konnte wirklich heiter werden. RE: Trouble's what you're in - Otis Rhode - 20.01.2022 Ein Knall. Ardin hatte die Kiste vor ihm weggetreten, war aufgesprungen. Ich betrachtete ihn abwägend, noch immer mit dem Stuhl zurückgekippt. Was zum Teufel war das jetzt? Mitten im Raum stand er, hart atmend wie ein Ackergaul oder besser noch ein Bulle kurz vor dem Angriff. Die Sekunden verstrichen. Ardin regungslos und ich hätte ihn gerne angeraunzt, was er da bitte tat. Ich hätte ihm wirklich, wirklich gerne irgendetwas böses unterstellt. Aber die – beschämende – Wahrheit war, ich wusste, was er da tat und es ließ mich den Blick senken. Nach all den Jahren kannte ich wohl keinen Menschen auf dieser Welt besser als Ardin. Ich kannte jede der vielfältigen Facetten, die seine Wut annehmen konnte. Ich wusste, wie es aussah, wenn er vor Zorn kochte, wann immer er meinte einem Opfer sei so unverzeihliches Unrecht getan worden, dass er es nicht tatenlos hinnehmen konnte. Ich starrte auf meine Knie, die Art, wie die Fasern des Stoffes dort rau und ausgebeult wurden, trotz all meiner Bemühungen diese Alterserscheinungen zurück zu halten. Ich fuhr mit einer Hand sacht darüber, verzog das Gesicht. Wie ich Ardin dafür hasste, dass er das tat. Jedes Mal wieder. Sollte er sich seinen gerechten Zorn doch um jemandes Willen aufsparen, der sich dessen verdient gemacht hatte. Denn ich war nicht das Opfer. Nicht ich, sicher nicht ich. Wenn sie redeten hinter meinem Rücken, wenn Mulligan mich zurückpfiff, dann war das ein kleiner Preis im Vergleich dessen, was mir eigentlich zugestanden hätte. Vor den Toren von Newgate hätte ich hängen sollen für mein Tun und nichts anderes. Wenn es nur irgendeine Gerechtigkeit in dieser Welt geben würde. Doch die gab es nicht und ich war noch immer hier, spielte das Spiel immer weiter. Weil ich mich als noch so viel größerer Feigling erwiesen hätte, wenn ich meinen Jungen nach alle dem einfach mit dem Schicksal zurückgelassen hätte, das ich für ihn geschaffen hatte. Aber genau deshalb konnte Ardin mir gestohlen bleiben mit seinen gut gemeinten Worten und mit seinem Zorn. Denn in Wahrheit hätte es, trotz all meiner Bemühungen, nicht einen einzigen Tag geben dürfen, an dem ich mir meiner Schuld nicht bewusst war. Und diese Erinnerung heute, hätte ich bereitwillig annehmen sollen. Ardins Fluchen zerriss die Stille des Büros, zerriss meine Gedanken und ich sah blinzelnd wieder auf, während Cyneburg zustimmend mit der Rute auf den Boden klopfte. Ich konnte ihre Begeisterung spüren, wie sie Ardin förmlich zujubelte, dummes, verräterisches Stück. Hatte sie sich mit Ardin nicht ohnehin schon immer so viel besser verstanden? Sollte sie doch, sollte sie doch am besten direkt die Fronten wechseln und zu ihm überlaufen. Trotzig sah ich von meiner angeblichen Vertrauten hinüber zu Ardin, der es sich rausnahm mich anzubrüllen. Unbeeindruckt zog ich die Brauen hoch. Seine ständige Übermüdung schien bizarre Züge anzunehmen, was hatte ich denn bitte gesagt?! Erst im nächsten Augenblick registrierte ich, dass Ardin mit der Dohle gesprochen hatte, die draußen auf dem Fenstersims hockte und vor Triumpf laut mit dem Schnabel klackerte. Immerhin Westminster schien Ardins Gemüt beruhigen zu können und ich wäre verdammt dankbar, wenn wir das Thema damit sein lassen konnten. Besser als direkt zur Zeitung zu rennen. Ich hätte mit Ardin darüber streiten können, dass ich das doch gerade gesagt hatte und ich weiß, wie viel Spaß mir das einst gebracht hätte. Aber ich war müde und vielleicht, vielleicht wurde ich auch einfach zu bequem für solche Haarspaltereien. Am Ende wusste ich ja doch, dass Ardin mir damit nur – erzwungenermaßen – zustimmte. Und vielleicht, nur vielleicht zuckten meine Mundwinkel ein ganz klein wenig nach oben, als Ardin mir fast so etwas, wie ein dunkles Lächeln zuwarf. Was wir nicht für alte Hunde wurden. Hund war genau das Stichwort. Ardin wollte nicht von dieser Theorie lassen und das schlimmste war, dass ich nicht einmal eine plausible Alternative hatte, um ihm zu widersprechen. Ein wenig zu Spotten konnte ich mir nicht verkneifen, aber am Ende musste ich mir eingestehen, dass wir nach einem Hund zu suchen hatten. Was sonst hätte den Diener in den Straßen Londons anknabbern sollen? Und da war sie wieder, diese verschwörerische Stimmung zwischen Cyneburg und Ardin. Hoheitsvoll ignorierte ich, dass Cyneburg die – vermeintliche – Herausforderung mit einem spielerischen Grollen annahm. Der Teufel bewahre, dass Ardin meine Vertraute gerade jetzt auch noch zu höheren Schandtaten anstachelte als Maulwürfe zu quälen. Glücklicherweise war das der Moment in dem Blair in unser Büro kam. Anstandsvoll wie eh und je, aber mit seiner Unterwürfigkeit übertrieb er es dann doch ein wenig. Doch ich hatte gegenwärtig andere Sorgen. Was Blair uns zu sagen hatte, klang nach ganz großer Freude zum Dienstende hin. Ich ließ langsam den Atem entweichen. Wundervoll. Wirklich wundervoll. Ich begegnete Ardins Blick, sah dann zurück zu dem Constable. „Gut, Blair, bringen Sie dem Mann einen starken Tee und uns einen Eimer Wasser.“ Der Schröpfer konnte es auf die eine oder auf die andere Art haben. Jetzt da wir schon einmal das seltene – und stark zweifelhafte – Glück hatten, dass der Mann uns in der Leman Street die Aufwartung machte, mussten wir ihn irgendwie zurechnungsfähig genug für eine ärztliche Prognose bekommen. Gemeinsam mit Ardin machte ich mich auf den Weg nach unten. Bereits auf halbem Weg konnte man das zornige Lallen eines Betrunkenen und die Ausdünstungen von Scotch und Ale wahrnehmen, die auch für einen ganzen Pub genügt hätten. Dr. Ellen hing mehr auf dem Tresen der Leman Street, als dass er noch auf eigenen Füßen stand und hatte die Hände wild um sich grabschend nach etwas ausgestreckt, was ich erst erkennen konnte, als ich näher kam. Es war der Desk Sergeant, der sich, die Aufzeichnungen des Tages so schützend an sich geklammert, als seien sie das Neugeborene seiner Frau, in die hintere Ecke verschanzt hatte und als zweite Stimme zu Ellens Zorneslallen undeutliche Anweisungen brabbelte. Eine dieser Anweisungen hatte Ellen wohl in die Rage eines Berserkers versetzt. Das oder es war der simple Fakt, dass man gewagt hatte ihn volltrunken wie er war aus seiner sogenannten Praxis zu zerren. Beim dunklen Herrn der Hölle, der Junge der diese Leistung vollbracht hatte, gehörte ausgezeichnet dafür – so er denn noch unter den Lebenden weilte. In diesem Augenblick hätte ich mehrere Dinge machen können. Ich hätte ein paar der verschreckten Constables auffordern können, ihre verdammte Pflicht zu tun und den Mann, der die Division hier völlig allein in Aufruhr versetzte, endlich zu überwältigen. Ich hätte den Desk Sergeant anschnauzen können, dass er eine Schande für die gesamte Wache darstellte. Oder ich hätte fragen können, ob Mulligan mal wieder früher gegangen war oder es schlicht nicht für nötig hielt in seiner eigenen Division für Ordnung zu sorgen. Ich tat keines davon. „Doctor Ellen“, machte ich gelassen auf uns aufmerksam, als sei Ellen ein zivilisiert wartender Gast der Leman Street. Das Wort war in gewöhnlicher Lautstärke gesprochen, aber es hatte erstaunliche Wirkung. Ellen erlahmte augenblicklich in der Bewegung, für einen Augenblick wirkte es, als sei er sich seinen eigenen Sinnen unsicher, dann drehte er sich in aller wankenden Eleganz eines Betrunkenen zu uns um. „RHODE!!“ röhrte er wie ein verwundeter Hirsch und mit einer Zielsicherheit und Kraft, die ich ihm nicht mehr zugetraut hatte, kam er auf uns zugepoltert. Auf halben Weg wurde sein Tritt unsauberer und statt was immer der Mann vorgehabt hatte, krachte er mir förmlich in die Arme – was wahrlich kein Vergnügen war, denn Dr. Ellen war ein Bär von einem Mann. Einen halben Kopf größer als ich, mit dem Kreuz eines Zugochsen und die Ausmaße geformt von gutem Essen, großen Mengen Alkohol und wenig Bewegung. Ich tat trotz allem mein möglichstes, dass der Mann auf den Beinen blieb, so sehr ich die Berührung auch hasste. Stöhnend hieb ich ihm mit dem Ellbogen in die Rippen, um dem benommenen Ellen wieder die Lebensgeister zurück zugeben. Er grunzte in Protest, aber rappelte sich einigermaßen wieder auf. „Das‘ mein freier Nachmi’dag…“, lallte er undeutlich, fast wie ein trotziges Kind. Ach ja, der Herr nahm sich einen freien Nachmittag. „Wir haben eine Leiche“, klärte ich Ellen in gedämpftem, aber eindringlichem Tonfall auf. Ellens unsteter Blick machte sich auf die Suche nach dem meinen und es kostete ihm sichtlich Mühe den Gedanken auszuformulieren: „Hab‘ ihr das nich‘ immer?!“ In seinen stumpfen grauen Augen stand die Tatsache geschrieben zu dessen Erkenntnis er mich so offensichtlich zwingen wollte: Das ist nichts Besonderes. Das ist kein Grund. Und etwas in der Art, wie ich seinen Blick erwiderte, schien Ellen trotz seines Zustandes Erkennen zu lassen, dass es noch etwas Besonderes geben musste, weshalb wir ihn haben herkommen lassen. „Du wirst dir den Toten ansehen, Ellen, oder du verbringst die Nacht in der Zelle, verstanden?“ Ellen rümpfte die Nase, ließ die Schultern zurücksacken. „Schon gut“, knurrte er. Wir hatten Ellen oft genug in einer übernachten lassen, so dass die Drohung zog. Aber das gute Geld, das ihm ein Blick auf eine unserer Leichen einbrachte, zog eben mehr – also trieb es ihn doch immer wieder in unsere Arme. Mehr wörtlich heute, als mir lieb war. Jetzt da Ellen wieder einigermaßen sicher auf den Beinen war, stieß ich ihn grob von mir und brachte so endlich wieder Abstand zwischen uns, bevor ich mich mit Ardin und Ellen zu den Zellen auf machte. RE: Trouble's what you're in - Ardin James - 20.01.2022 Unten herrschte Chaos. Chaos in einem Ausmaß, dass es selbst mir die Runzeln auf die Stirn trieb und eine tiefe, wachsame Sorgenfalte zwischen meinen Brauen entstand. Ich hielt Ellen beim Näherkommen so lange im Auge bis er sich wankend in Otis‘ Arme legte und klar wurde, dass er von keinerlei Gefahr mehr war außer vielleicht für Rhodes aufrechten Gang. Ich würde nicht den Fehler machen, ihm zu Hilfe zu eilen. Nicht wenn er einen breitschultrigen bärtigen Bären in den Armen kuschelte und es noch einigermaßen so aussah als könnte er sich auf den Beinen halten. Stattdessen löste ich mich von Rhodes Seite, schritt locker auf einen der Constables zu und fragte in angemessen gedämpftem Tonfall: „Habt ihr seine Tasche?“ Der Constable nickte diensterfahren. „Bellamy hat sie geholt, Sir.“ Ich nickte. „Rüber in die Zelle damit.“ Mein Kinn wies kurz und knapp zu dem Durchgang, der in Richtung des Gefangenentrakts führte. Zwei Mann setzten sich zügig in Bewegung um voran zu gehen. Ich drehte mich zu Otis und unserem Spezialfall um, die Daumen an den Seiten hinter meinen Hosenbund geklemmt, die Ellenbogen nach hinten weg gestreckt, abwartend was aus dem kleinen freundlichen Geplänkel noch werden mochte. Aber Ellen zierte sich nicht mehr länger. Die Androhung der Ausnüchterung in einer Zelle zeigte ihre Wirkung. Wenn der Mann jetzt auch mit äußerster Motivation an die Arbeit gehen würde, immerhin ging er an die Arbeit. Blair hatte seine Aufgabe erfüllt. Die schweren Eisengitter der zweiten Zelle von hinten auf der linken Seite des Ganges waren mit Leinenlaken abgehängt. Abney und sein Constable offenbar auch. Denn als uns die Zellentür geöffnet und damit Zutritt zu dem von Mauern abgetrennten Raum verschafft wurde, erwartete uns dort ein nackter und nicht mehr ganz so erbarmungswürdig riechender Leichnam, abgedeckt mit einem Leinentuch, dessen Kleider sorgsam zusammen gefaltet neben ihm lagen als könnte er jeden Moment aufspringen und sich ihrer wieder bemächtigen wollen. Ich machte Platz am Zelleneingang um Ellen den Vortritt zu lassen. Als er gerade mit finsterem Blick wankend eintreten wollte, kam Blair doch tatsächlich mit einer Tasse herbei geeilt - „Ihr Tee, Sir.“ – und reichte sie angesichts der Umstände vergleichsweise höflich in Ellens Richtung. Der schenkte ihm einen merklich irritierten Seitenblick. „Ich hab keinen bestelld.“, fuhr er den Constable an. „Aber ich, Ellen.“, griff ich trocken ein - auch wenn die Aussage nicht ganz der Wahrheit entsprach. „Und entweder du nimmst den Tee oder nimmst den Eimer Wasser, den Blair so freundlich war, ebenfalls mitzubringen. Und der ist nicht zum trinken da.“ Erbittert sah ich in das Gesicht des Größeren, mir vollauf dessen bewusst, dass ich nicht Ellens neuer Liebling Rhode war, den er ganz offensichtlich besonders gern hatte und dass der Entweder-Oder-Trick deshalb auch nach hinten losgehen konnte. Aber mich konnte er auch gern haben. Kein Problem. Ich würde ihn sowieso noch aufhängen wenn er nicht das richtige Fazit zog und dabei spielte seine enorme Körpergröße keine Rolle. Ellens Blick ging zu Otis wie ein anklagender Ausruf der Empörung darüber, dass jemand anderes außer seinem persönlichen Peiniger solche Forderungen gestellt hatte. „Schau nicht Rhode an, Ellen, der wird dir nicht helfen.“ Ich schüttelte den Kopf und wäre ich nicht so ungeduldig gewesen hätte es jetzt angefangen mir Spaß zu bringen. Aber es war spät und ich hatte heute noch etwas vor. Der Herr Doctor sollte in die Pötte kommen. Es dauerte einen Moment wankender Besinnung bis Ellen nachgab und finsteren Blickes nach der Tasse griff. „Abgebrochener Swerg.“, schimpfte er dennoch in seinen Bart. Ich folgte seiner Bewegung nur mit dem Blick und ließ den Mann reden, wenn es ihm half. Hauptsache er kippte das Zeug hinunter, in das Blair, wenn er sich an unsere Abmachung gehalten hatte, eine den Kopf etwas befreiende Extrazutat gegeben hatte. Ich sah kurz zu dem Constable, der begegnete meinem Blick. Ich war zufrieden, wandte mich zurück an Ellen und nahm dem Mann ungeduldig die geleerte Tasse aus der Hand, um sie an Blair zurück zu geben. Ein Wunder, dass es nicht noch Scherben gegeben hatte. „An die Arbeit, Ellen.“, fuhr ich ebenso ungeduldig fort und unter Murren trat der Mann brummend wie ein Bär in die Zelle des Toten. RE: Trouble's what you're in - Otis Rhode - 20.01.2022 Abwartend stand ich vor der Zelle, die Arme verschränkt. Bereit Ellen zu seinem ‚Glück‘ zu zwingen, aber ich überließ Ardin den nächsten Zug, mischte mich nicht weiter ein, während Cyneburg den Eingang zu den Zellen flankierte. Wir hatten den Arzt in der Mangel, ab hier konnte er nur noch entweder seine Arbeit tun oder sich mit Ardin und mir anlegen und das war ihm in der Vergangenheit selten gut bekommen. Ein wenig war es mir ja selbst ein Rätsel, weshalb der Schröpfer immer wieder in die Leman Street kam. Er zeigte deutlich, dass er sein Geld auch anderweitig zu verdienen wusste und seine übliche Kundschaft war wohl weit weniger anstrengend als Ardin und ich. Vielleicht lag es ja an unserer guten Versorgung, dachte ich spöttisch und beobachtete, wie Ardin den Schröpfer erfolgreich zu seinem Tee nötigte. Gut für beide. Die leere Tasse wurde Ellen so dann wieder entwendet. Aber statt sich brav an seine Arbeit zu machen, schien der Schröpfer auf halbem Weg in die Zelle aus dem Konzept gebracht, nicht das auch noch... Ich löste bereits die Arme aus der Verschränkung, um Ellen noch ein wenig auf die Sprünge zu helfen, da wandte er Blair den Blick zu. „‘der Tee von dir, mein Sohn?“, fragte er dann, scheinbar war das Gesöff gut gewesen und Ellen wusste, dass weder Ardin noch ich großzügig genug gewesen wären, um Ellens Geschmack zu decken. Aber solange es den Schröpfer wieder halbwegs auf Spur brachte, sollte dem Constable jede Verschwendung verziehen sein. Blair seinerseits hatte sichtlich keine solche Frage erwartet, er glotzte Ellen an wie ein waidwundes Reh. Das war Ellen wohl Antwort genug, er tätschelte Blair väterlich die Schulter. „Gute Mischung, ‘scheinst mir Erfahrung zu haben.“ Blair lief so tiefrot an als hätte sein Mädchen ihm zum ersten Mal die Wange geküsst. Der dunkle Herr bewahre uns vor Erkenntnissen über die dunklen Geheimnisse des Constable Bair. „Ellen“, knurrte ich missmutig, „an die Arbeit.“ Dieses Mal schaffte Ellen es tatsächlich in die Zelle. Mit einem Blick auf seine Taschenuhr – wenn der Mann denn die Ziffern darauf wieder lesen konnte, war das ein gutes Zeichen, so hoffte ich jedenfalls, hin zu dem Toten, zog das Leichentuch fort und betrachtete die Arbeit, die vor ihm lag. „Flusstoter, mh…“, brummte er. „Was du nicht sagst…“, murmelte ich halblaut, aber ich wusste es besser als den Schröpfer zu unterbrechen, am Ende würde er uns doch wieder nach Minuten abrechnen. Gründlich betrachtete Ellen den Toten, untersuchte ihn bereits oberflächlich, hob Gliedmaßen an und betrachtete sich Gelenke, Hals und Kopfpartie. „Was soll es denn werden?“, fragte er dann und mit einer gewissen Erleichterung stellte ich fest, dass die Artikulation des Mannes sich merklich verbessert hatte. „Nur ein kleiner Blick von außen oder…“ Der Blick des Schröpfers wurde ein wenig glasig, als er sich zu uns umdrehte und es schwang etwas wie kindliche Neugierde in seiner Stimme mit. „…soll ich ihn auch aufmachen?“ Im nächsten Augenblick schien Ellen sich seiner Prioritäten zu besinnen und er fügte geschäftsmäßig hinzu: „Das geht dann aber nicht hier und das kostet extra, ihr wisst.“ Mein Blick ging kurz zu Ardin. „Sag uns erst, was du so erkennen kannst“, entschied ich dann. Wenn die Ausbeute gering blieb, konnten wir immer noch weiter sehen. „Und…“, fügte ich dann feixend hinzu, „… sag uns vor allem, wie groß der Hund etwa war, der ihn gebissen hat.“ Oh ja, das war schließlich das Thema mit der höchsten Priorität in diesem Fall. Und vermutlich, trotz all meinem sorgsam bewahrtem Spott, hatte Ardin nicht einmal so unrecht damit, dass das aktuell unsere vielversprechendste Spur war. Oh, wie ich es hasste so etwas zugeben zu müssen… Ellens Blick ging irritiert zurück zu dem Toten. „Hund?“, fragte er dann lahm. Ungeduldig machte ich die paar Schritte hinüber zu dem Leichnam. Nein. Cyneburg hatte sich nicht geirrt, da war eine Bisswunde am Bein des Toten und jetzt ohne die nasse Kleidung darum, ließ sich auch erkennen, was für ein klaffendes Exemplar das war. Bei der Hölle… Aber Ellen schien noch immer nicht zu begreifen, was ich meinte. Er schüttelte den Kopf, tat mir aufgrund meines auffordernden Nickens jedoch den ‚Gefallen‘ noch einmal einen gründlichen Blick auf die Wunde zu werfen und gar mit einem dieser sonderbar anmutenden Instrumente aus seinem Koffer die aufgedunsenen Wundränder zu spreizen. „Das war kein Hund“, hatte er dann die Dreistigkeit zu behaupten. Ich schnaubte spöttisch, überzeugt davon, dass Ellen versuchte mit einem Scherz mehr Untersuchungszeit zu schinden. „Die Dentition zeigt kaum heterodonte Ausformung, was selbstredend kaum für einen Hund sprechen kann.“ Ich zog die Brauen zusammen. Selbstredend. „Außerdem der Zahnstand und die klare Abwesenheit von Caninii…“ – „Ellen!!“ – „Fangzähne“, klärte Ellen mich ungeduldig auf. „Herr Gott, Rhode, guck dir dein Kalb von einem Köter doch einmal an“, ich warf Cyneburg einen Blick zu, die, als wolle sie Ellens Worte auch noch unterstreichen mir entspannt Hechelnd ein hündisches Grinsen schenkte. „Diese hübschen lange Beißerchen an den Seiten, die fehlen dir, die fehlen mir und viel bedeutender, die fehlen bei diesen Bisspuren.“ – „Du willst mir sagen, dass der Mann hier von… was… von einem Menschen gebissen wurde?! Der aus Spaß an der Laune mal eben seinen halben Unterschenkel herausgerissen hat, als er schon einmal dabei war?“ – „Soll ja manche geben, die lassen sich von sowas erregen, ich habe da letztens mit einer Dame aus dem einschlägigen Gew…“, wusste Ellen zu berichten, aber mein langsames Kopfschütteln ließ ihn die Schultern ein wenig höher ziehen, nur um sie dann effektvoll wieder – gemeinsam mit der Geschichte aus seinem bunten Bekanntenkreis – fallen zu lassen. „Nein“, sagte Ellen dann langsam. „Ich sagte ja, die Bisspuren zeigen eine geringe Heterodontie. Sie gehen viel eher… naja, sie sprechen viel eher von einem homodonten Gebiss…“ – „Und wer hätte so ein hom… was auch immer Gebiss?“ – „Haie.“ – „HAIE?!“ – „Ja. Haie! Zum Beispiel, Rhode!“ Ich starrte Ellen fassungslos an und – was mich tatsächlich beunruhigte war die – doch verdammt nüchterne – Ratlosigkeit in Ellens Augen. Ich blickte ihn mit leerem Blick noch einige Sekunden entgegen. Aber da kam nichts mehr. Kein Lachen. Keine Anzeichen der mangelnden Zurechnungsfähigkeit – sah man von der Absurdität seiner Aussage einmal ab. Langsam, sehr, sehr langsam ging mein Blick zu Ardin, bevor ich mich räusperte. „Ellen…“, begann ich in mühsamer Ruhe, weil es uns doch nicht weitergebracht hätte den Mann anzubrüllen – selbst wenn ich versucht war seinen Kopf doch noch in den Wassereimer zu stecken. „Ich hoffe der Rest deiner Untersuchung ist mehr von dieser Welt…“ Und damit meinte ich London. Herr in der Hölle. London! West End! Einen in die Themse gestürzten Diener! Nicht… Haie in unserem stinkenden Fluss in dem den Fischern der Fang unter den Händen wegstarb oder besser noch durch die Straßen wandernd, außerhäusiges Dienstpersonal anknabbernd, wenn sie schon einmal zu Besuch waren… RE: Trouble's what you're in - Ardin James - 20.01.2022 Sagte er Haie?! Mein Blick traf den von Rhode. Ich hatte mich mit verschränkten Armen abwartend an das Gitter der Zelle gelehnt, beobachtend und abwartend was Ellen alles ausgraben würde. Aber das hier entsprach nicht mehr dem, was ich erwartet hatte. Eine meiner Brauen schoss skeptisch in die Höhe, bevor Otis Ellen versuchte auf die Sprünge zu helfen. Der Schröpfer machte eine reichlich bediente Miene. „Du wolltest es wissen, Rhode. Frag deinen Matrosen-Freund!“, gab er zurück, zeigte kurz in meine Richtung und ließ dann den Arm achtlos an seine Seite zurück fallen. Ich zog nur noch mehr die Brauen zusammen. „Hai.“, wiederholte ich, nur um noch einmal sicher zu sein, was Otis schon so formvollendet in Frage gestellt hatte. Aber ich stieß mich bereits vom Zellengitter ab und löste die Arme, auch wenn mein skeptischer Blick weiterhin auf Ellens versoffener Visage lag. „Hai.“ Es war nicht so, dass ich noch nie den Biss eines Hais gesehen hatte. Die Biester vergriffen sich zu gerne an den Opfern eines Seegefechts. Aber wenn man es genau nahm, dann war ein Hai in der Themse verdammt nochmal unmöglich. Und die Art wie Ellen darauf beharrte, ließ mich darüber nachdenken, was wohl passierte, wenn einem normalen Menschen zu viel Magie verabreicht wurde. Ich würde wohl noch ein ernstes Wörtchen mit Blair reden müssen. Aber Ellens Überzeugung machte mich doch neugierig. Mit einem letzten zweifelnden Blick erst zu Ellen, dann zu Otis, ging ich dann doch über dem Bein des Toten in die Hocke und besah mir die Wunde, von der Ellen meinte, sie wäre von einem verdammten Hai gerissen worden. Mein Hund sollte ein Hai sein. Aber ich verstand jetzt was Ellen meinte. Keine Fangzähne. Gleichmäßige Einschnitte. Ich stand wieder auf, nickte. „Die Westindischen sind größer.“ Ellen streckte nur die Hand zu mir aus und sah Otis stumm triumphierend an. „Da hast dus, Rhode.“ Jetzt sah ich Ellen doch eindringlich an. „In der Themse. Da fressen Haie Tote in der Themse an.“ Ich sah dem Mann tief in die Augen bei diesen Fragen, die mehr Feststellung waren als alles andere. Ellen verzog das Gesicht. „Nicht unbedingt Tote.“ Nicht unbedingt?! „Die Wundränder sind ausgefranst. Er hat sich gewehrt.“ Diesmal war es an mir ihn anzustarren. „Er hat noch gelebt?“, hakte ich nach. Ellen nickte. „Er war so lebendig, wie ich hier vor euch stehe.“ Er grinste süffisant. Jetzt hätte ich gerne gehabt, dass Otis seine Selbstbeherrschung über Bord warf und den Mann anbrüllte. Er hätte es verdient gehabt. Ich versuchte das zu ignorieren und mich nur an den Informationen festzubeißen, die sein verwirrter Geist uns liefern konnte. „Aber er ist ertrunken?“, hakte ich nach. Aber Ellen lächelte nur noch selbstgefälliger. „Um das zu sagen müsste ich ihn aufmachen.“ Vielsagend hob er die Augenbrauen. Jetzt wurde ich ungeduldig. Ich sah finster zu Otis hoch, mit einem Blick der sagte „mit dem kannst du nicht reden“ und wandte mich ab. „Haie in der verdammten Themse!“, brummte ich später missmutig vor mich hin als wir uns auf dem Heimweg von der Leman Street befanden. Otis war nach wie vor bei uns zum Essen eingeladen. Eine Idee, die auf Margorys Mist gewachsen war. Aber ausnahmsweise hatte es einmal seine Vorteile, den selben Weg mit Otis Rhode zu haben. Diese Haigeschichte ließ mich nicht los. Auch nicht nachdem wir Ellen wieder nach Hause geschickt hatten. Ohne, dass er unseren Toten aufgeschnitten hatte. Auch wenn das den Schröpfer sichtlich enttäuscht hatte, er war immer noch munterer gegangen, als er in die Leman Street gekommen war. Meine Gedanken hörten nicht auf, um diesen Biss zu kreisen. Nicht nur weil mein Hund kein Hund mehr war – und das hatte ich immerhin mit eigenen Augen belegen können – sondern auch weil ich viele Gewässer kennengelernt hatte, aber keines war so tot wie die Themse. Dass es darin Haie gab war ungefähr so wahrscheinlich, wie dass Werwölfe das Fliegen erlernten. „Wenn er ertrunken ist, dann kann er nur gebissen worden sein, bevor er ins Wasser gestürzt ist.“ Das Problem daran, wenn wir keinen Hund mehr hatten, war, dass wir auch keine Spur mehr hatten. „Was lebt an Land und hat Zähne wie ein verdammter Hai?! Ein Wer-Hai?!“, spottete ich zynisch vor mich hin als wir Goodman’s Field passierten. RE: Trouble's what you're in - Otis Rhode - 20.01.2022 Haie in der verdammten Themse. Ich hätte nicht erwartet mich in meinem Leben noch einmal mit so etwas auseinander setzen zu müssen. Selbst wenn ich nie vergessen würde, wie ich diese schlanken glatten Leiber zum ersten Mal in der Gischt um das Fleisch eines toten Körpers hatte kämpfen sehen. Jedem Schiff, das nach New South Wales übersetzte folgten diese Kreaturen wie treue Haushunde. Tote konnte man nicht über Wochen hinweg transportieren, also blieb nur die Möglichkeit, sie über Bord zu werfen. Jeden freien Passagier unter dem Segen des Kapitäns, aber wann immer einer der unter Deck eingepferchten Strafgefangenen krepiert war, hatte die Sache weit weniger zeremoniell ausgesehen. Heute noch konnte ich meine eigene jungenhafte Angst und den Ekel spüren, jedes Mal wenn mir in regelmäßigen Abständen befohlen worden war mit ein paar anderen Männern durch die zusammengedrängten Leiber im unteren Teil des Schiffes zu steigen, der Atem flach durch den kaum erträglichen Gestank, die leblosen Körper nach draußen tragend, die sicher tot waren - um sie dann der See und den Haien zu übergeben. Es hatte kaum etwas gegeben, das mir damals mehr Angst gemacht hatte, als der Gedanke womöglich auf See zu sterben und wie mein toter Leib dann von Haien zerrissen werden würde. Meine Mutter hatte uns Kindern immer eingebläut, dass man einen Menschen als möglichst unversehrten Körper in der Erde begraben müsse, damit Gott seine Seele zu sich holen konnte. Aber seit ich Judith in der stinkenden Erde von St. Laurence begraben hatte, umgeben von ungezählten anderen Leibern, die dort langsam in ihrem Elend vor sich hin rotteten, fragte ich mich manchmal, ob es nicht das bessere Schicksal war, im Magen eines Hais zu enden. Meine Seele würde Gott ohnehin nicht zu sich rufen. Nicht dass Haie hier in Whitechapel bisher eine Option gewesen waren. Aber wer weiß, wenn ich sie höflich darum bat, vielleicht kamen diese Exemplare, die nach Ellens Expertise von dem Dienstboten gekostet hatten, dann auch mich besuchen, wenn ich denn vor den Dunklen Herrn trat. Wer-Haie... Ich schnaubte gegen meinen Willen amüsiert auf, während ich an Ardins Seite auf dem Weg in Richtung seiner Wohnung war, kaum dass wir den Dienst beendet hatten. Und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass... War es denn möglich... Ich zog die Brauen zusammen, hob vage den Blick in Richtung James, nur um ihn direkt wieder sinken zu lassen. Ich war nicht sonderlich erpicht darauf mich vor ihm zum Gespött zu machen und das würde unweigerlich geschehen, wenn ich den Gedanken jetzt aussprach. Mein Blick glitt zu Cyneburg ab, die meinte ich solle schon damit rausrücken. Weil es lustig war. Danke einmal mehr für die Antwort auf Fragen, die mich nie interessiert hatten. Bitte. „Denkst du denn...“, begann ich dann doch an Ardin gewandt, unwillig. „Meinst du, dass man mit einem Ritual oder... oder einem Spruch oder so, wenn man wirklich mächtig wäre... Denkst du es wäre möglich so ein...“ Ich senkte die Stimme noch ein wenig. „... Monster zu erschaffen?“ Ein Monster mit Haizähnen. Einen Wer-Hai. Jaah. Toll gemacht. Cyneburg amüsierte sich prächtig. „Ich mein's ernst“, murrte ich zornig. „Denkst du, das ist vielleicht was Magisches? Irgendwas... Widernatürliches?“ Ich schüttelte selbst bereits im nächsten Moment den Kopf, so absurd klang das. Und doch spazierten wir hier durch die Straße, zwei Hexen die wir waren und wir wussten inzwischen noch von so viel mehr Wesen, die existierten. War das also wirklich so abwegig...? Ich stieß unzufrieden den Atem aus den Lungen. „Oder Ellen war einfach wieder zu zugedröhnt...“ Das war von allem die zufriedenstellendste Variante. „Am Ende lassen wir uns, um die...“ Beim Herrn in der Hölle, beinahe hätte ich von 'der besten Spur, die wir haben' gesprochen, ich korrigierte mich gerade noch rechtzeitig. „... um eine halbwegs vernünftige Spur bringen, nur weil der Schröpfer sich endgültig das Hirn weggeschossen hat.“ Vermutlich sollten wir gar nicht zu viel auf die Worte dieses versoffenen Kerl geben. Haie… das war nun wirklich die Höhe seiner Liste an Fehldiagnosen. RE: Trouble's what you're in - Ardin James - 20.01.2022 Denkst du denn… Ich sah zu Rhode, die Brauen streng zusammen gezogen. Was würde da jetzt kommen? Und dann spuckte er es aus. Ein Monster erschaffen. Einen Wer-Hai. Ich brach in schallendes Gelächter aus, dass es von den unverputzten Hauswänden zurück geworfen wurde. Otis Rhode dachte darüber nach ob man mithilfe von magischen Ritualen Wer-Haie herauf beschwören konnte! Dass ich das noch erleben durfte! Ich schüttelte nur den Kopf vor Fassungslosigkeit und sah Rhode an in der Erwartung dessen, dass der selber über so viel Scherz lachen musste. Aber seine Miene verdunkelte sich hin zur tiefsten, schwärzesten Nacht der Wintersonnenwende und das war eigentlich das köstlichste daran. “Einen Wer-Hai?!“, hakte ich ungläubig nach und verfiel erneut in Gelächter. Der Zorn in Rhodes Stimme darauf war wie Balsam für meine Seele. Du meine Güte, so einfach hatte sich Otis schon lange nicht mehr selbst in die Untiefe manövriert, ohne dass ich ihn dorthin gelockt hätte. Das musste mein Glückstag sein! Mein schalkhafter Blick ging zu Cyneburg, die mit hündischem Grinsen vor uns her lief, Jackdaw wie üblich in ihrem Nacken. Dann biss ich mir grinsend auf die Unterlippe und gab mir jede anständige Mühe, mich auf das zu konzentrieren, was mir unser Ober-Hofnarr mitzuteilen versuchte. Etwas magisches, ob es etwas widernatürliches war. Der Gedanke ließ das Lachen in meinen Eingeweiden verblassen und meine Gedanken um den Kern der Sache kreisen. Etwas Widernatürliches. Und wenn es kein Hai war, dann vielleicht etwas mit einem Gebiss wie ein Hai. Wenn es so etwas gab. Mir war nichts dergleichen zu Ohren gekommen, aber ich wusste, dass mein Wissen über das Widernatürliche auch nach all den Jahren noch immer bruchstückhaft war. Werwölfen und Vampiren begegnete man hier häufig genug um sie zu kennen. Aber es gab Geschichten. Von Dingen, die kein Mensch zuvor gesehen hatte. Vom Springheeled Jack sagten sie sich, er sei der Teufel, der sich einen Spaß erlaubte. Und ich traute es dem alten Kerl durchaus zu. Aber es gab auch Geschichten von Monstern, die ich bisher abgetan hatte, obwohl ich mittlerweile wusste, dass vieles das man für unmöglich hielt, wirklich wahr war. Es blieb dabei, wir hatten zu wenig Wissen. Ich schüttelte den Kopf. “Ich weiß es nicht.“, gab ich ernst und nachdenklich zurück während ich einem Totengräber auf dem Heimweg auswich, der damit beschäftigt war, sich die Seele aus dem Leib zu husten. “Aber Ravenna könnte es wissen.“ Ich tauschte einen Blick mit Otis. Ravenna Black, die mit den Geistern sprechen konnte. Die Frau, die schon Hexe in London gewesen war, bevor Otis und ich auch nur das Licht der Welt erblickt hatten. Wenn ich so daran dachte, erschien mir die Möglichkeit, dass Ellen einfach nur ein zu viel an Alkohol und ein zu viel an Magie erwischt haben könnte, auch nicht überzeugender. Ich schüttelte den Kopf. Längst hatte ich mich an Rhodes verrückter Idee festgebissen. “Nein, das Gebiss stimmt, er hat schon Recht.“ Einen kurzen Moment schwieg ich, bevor ich ergänzte: “Vor Georgia haben wir damals die Toten wieder aus dem Wasser gefischt um unsere Spuren zu verwischen. Die sahen schlimmer aus als unser Hausdiener, aber die Zähne, das war ähnlich. Ich hab damals sogar einen gefunden. Den hat Freddie heute.“ Ich machte die Augen schmal während ich voran ging, ungern mit Otis darüber sprechend. Wenn ich von der Severn anfing hörte ich ihn immer am Brunswick Quay schimpfen und die Sache hatten wir damals schon nicht zu Ende bringen können. Schließlich fasste ich einen Entschluss. Nachdenklich machte ich dann einen Vorschlag, während ich die verdreckte Straße, die wir hinunter gingen, schon gar nicht mehr richtig sah, so tief war ich in meinem eigenen Schädel verschwunden. “Hörzu, lass es uns so machen. Wir fragen Ravenna nach den Zähnen. Und wir klappern trotzdem Downstairs im West End ab. Woher unsere arme Seele von Flusstoter kommt, müssen wir sowieso wissen, dadurch haben wir nichts verloren. Und wenn einer einen Hund gesehen hat, umso besser. Aber den will ich dann bitte fangen und ihm die Zähne heraus reißen – Forschungszwecke.“, erklärte ich ernst, bevor ich kurz zu Cyneburg sah, sie anzwinkerte und dann erst todernst zurück zu Otis sah um mir anzuhören, was unser großer Wer-Hai-Beschwörer von der Idee hielt. Jackdaw für ihren Teil gefiel der Gedanke ausnahmsweise. RE: Trouble's what you're in - Otis Rhode - 20.01.2022 „Nein“, gab ich ungehalten zurück. „Ich meine keinen W…“ Teufel, jetzt hätte ich dieses unselige Wort beinahe selbst ausgesprochen. Es reichte schon, dass Cyneburg mir kaum einen klaren Gedanken mehr gönnte darüber. Missmutig dreinblickend wartete ich ab, dass Ardin sich halbwegs wieder einbekam. Die Hoffnung hatte ich bei Cyneburg längst aufgegeben, das würde sie sich bis zu unserem Lebensende vormerken. Ellen hatte gemeint, dass es noch mehr Lebewesen gab, die über derart gleichförmige, spitze Zähne verfügten. Aber nicht eines davon wäre wohl mit höherer Wahrscheinlichkeit in London anzutreffen als ein Hai. Außer jemand wäre in der Lage ein gewöhnliches Gebiss in so etwas zu verwandeln, ein Monster zu erschaffen, dass – der dunkle Herr stehe mir bei – Zähne hatte, wie Ardins sogenannter Werhai. Den hustenden Totengräber, dem James eben noch ausgewichen war, rannte ich beinahe um vor kochendem Zorn. Verflucht nochmal! Schließlich – oh, Wunder – kam doch noch eine ernste Antwort von Ardin, die stimmte mich nach allem jedoch so wenig versöhnlich, dass ich sie am liebsten direkt wieder mit Ellens Unzurechenbarkeit abgetan hätte. Aber vermutlich, der Teufel steh uns bei, hatte James recht. Wir sollten mit der Geisterhexe sprechen. Wenig angetan ließ ich im Anschluss Ardins Expertise über mich ergehen, als sei ein Ellen am späten Nachmittag nicht genug der Strafe gewesen. Aber, oh, der Herr Doktor der Medizin ehrenhalber war so gütig sein Wissen mit uns Normalsterblichen zu teilen, die Studien des Herrn von und zu James an der Küste vor Georgia hatten sich doch wieder einmal in fundierten Kenntnissen über die bevorzugten Knabbereien der dortigen Haipopulation niedergeschlagen. Ich schnaubte, noch immer zu tiefst ungehalten. Aber ich konnte ja doch nichts dagegen einwenden. Mochte ich nicht über Ardins Seeratten-Wissen verfügen (was er seit unserer ersten Begegnung nie müde wurde heraushängen zu lassen und mochten wir scheinbar noch so alt werden), aber ich hatte genug Hundebisse gesehen, um mir am Ende doch eingestehen zu müssen, dass das keiner sein konnte. Und wenn ein versoffener Arzt und ein eingebildeter Matrose mich darüber hinaus gehend beschworen, dass das ein Haibiss sein musste, wer wäre ich dann noch gewesen zu widersprechen? Schweigend hörte ich mir Ardins meisterlichen Plan an und die Art wie er sprach sagte mir, dass ihn ab hier ohnehin nur noch höhere Gewalt davon abhalten könnte den Plan in die Tat umzusetzen. Schicksalsergeben stieß ich die Luft aus den Lungen, während Cyneburg sichtlich davon angetan war, dass ihre Konkurrenz als Schrecken der Straßen die Zähne verlieren sollte. Wundervoll wenn James und Cyneburg sich wieder einmal einig waren. „Ich hoffe du hast noch genug Erspartes unter dem Kopfkissen“, brummte ich dann düster und es war alles an Zustimmung, die ich aktuell bereit war zu geben. Selbst nach zwei Jahren der florierenden Geschäftsbeziehung war die Dame, die wir – wie Ardin es so euphemistisch nannte – fragen wollten, bei der Preisgabe ihres Wissens nicht günstiger geworden. Und betrachtete man sich die Gefallen, die sie in der Vergangenheit eingefordert hatte, war mir bare Münze in der Vergeltung fast lieber. „Mulligan halten wir mit der Geschichte vom Hund hin?“, klärte ich ab. Auf Ellen gab der Mann ohnehin nichts und bei der Erwähnung von Haien würde Mulligan sich wohl nass pissen vor Lachen. Außerdem konnte ich mich dann auf Ardins fadenscheinige Theorie stützen, dass jemand, der eben noch von einem Hunde gebissen wurde, sich nicht umbrachte. Wirklich wundervoll, wirklich. RE: Trouble's what you're in - Ardin James - 20.01.2022 Genügend erspartes? Ich winkte ungeduldig ab. „Dafür wird es noch reichen.“ Hoffte ich. Wissen konnte ich es nicht. Aber das würden wir sowieso erst sehen, wenn wir Ravenna fragten und ihren Preis hörten. Mochte sein, dass sie Geld verlangen würde, aber mit etwas Glück würden das unsere freundlichen zukünftigen Arbeitgeber wieder ausgleichen. Wir mussten nur ein wenig die Reihenfolge unserer nächsten Schritte anpassen, vielleicht fanden wir den Haushalt, dem ein Bediensteter fehlte als erstes, dann konnten wir zuerst den Deal mit unserem neuen Kunden aushandeln und dann Ravenna fragen. Das bedeutete keine Auslagen UND einen Gewinn, der für uns übrig blieb. Der Plan war so gut wie perfekt. Mulligan? Fahrig ruckte ich mit dem Kopf in Rhodes Richtung, als er wiederum ein unnötiges Detail anbrachte. Mulligan musste doch von alledem nichts wissen. Aber wenn Otis unbedingt wollte, bitte. „Aye, ist das Beste.“, gab ich ihm seinen Willen. Und ein wenig hatte er ja Recht – der Teufel bewahre dass ich das zugab -, WENN Mulligan schon auf dem Laufenden gehalten werden musste – und vermutlich kamen wir wieder einmal nicht darum herum – dann war die Hundenummer noch das beste. Immerhin hatte der Mensch keine Ahnung vom Übernatürlichen, und selbst wenn ein Superintendant Mulligan von Werwölfen und Vampiren erfahren hätte, wäre er womöglich in schallendes Gelächter verfallen, bevor er beim ersten Beweis ihrer tatsächlichen Existenz mit einem Herzleiden umgekippt und spektakulär von uns gegangen wäre. Und mochte ich Mulligan noch so sehr hassen, ich kannte wenigstens seine Marotten. Wer wusste schon, wen sie uns vor die Nase gesetzt hätten, wenn Mulligan gefehlt hätte. Die Zukunft der H Division hätte wortwörtlich in den Sternen gestanden. Und nicht einmal Rhode hätte dann noch vorhersagen können, was mit Whitechapel passierte. Wir kamen in der Straße an, in der sich meine Wohnung befand. Zu unserer Linken passierten wir den Pfandleiher Foster, der auf der Vorderseite im Erdgeschoss sein Geschäft betrieb und monatlich die Miete des Hauses eintrieb wenn es wieder Zeit dafür war, querten den Durchgang, der von der Straße zum Innenhof führte und in dem uns Mrs Woodbird entgegen kam, die ich freundlich grüßte, um die Wasserpumpe und die Fallgrube rechts liegen zu lassen und schließlich an der Tür anzukommen, die zum Treppenhaus führte. Ich öffnete sie, hielt sie Rhode auf und ging voran, die dunklen Stufen erklimmend, die erst im zweiten Stock zu Fluren führten, von denen je Stockwerk zwei Wohnungstüren und eine Toilettentür abgingen. Es waren gute Wohnungen. Kein fließend Wasser wie Rhode stolz von seiner Wohnung behaupten konnte, aber immerhin gab es mehr als ein Zimmer pro Wohnung und die Miete stieg nie ins Unermessliche wie in den benachbarten Wohnblöcken, was vor allen Dingen den krummen Geschäften des Pfandleihers zu verdanken war, der sich hütete mich wütend zu machen, damit ihm die H Division nicht ins Haus stand. Die einzige wirklich erbärmliche Wohnung des Hauses war die Dachkammer, die Foster außerhalb von Whitechapel nicht vermietet bekommen hätte außer an sein eigenes Personal, aber hier im East End hätten sich die Leute um diese Dachkammer geschlagen, wenn nicht gegenseitig getötet. Die Conway lebte mit ihren Geschwistern dort oben und ich war mir bis heute nicht ganz sicher womit sie ihre Geld verdiente, auch wenn Margory sagte, sie hätte Arbeit bei einer Schneiderin gefunden. Und sie musste es wissen, hatte sie doch hin und wieder ein Auge auf die Conway Kinder, von denen einige in einem ähnlichen Alter waren wie unsere Jüngsten. In unserem Stockwerk angekommen klopfte ich kurz zur Vorwarnung an und schob dann die angelehnte Tür zu meiner Wohnung auf. Margory stand drinnen am Herd und hob den Kopf als wir eintraten. „Hey March, schau dir das an: ich hab ihn dir in einem Stück mitgebracht, wie versprochen und ich hab ihn nicht den Haien zum Fraß vorgeworfen!“ – „Seit wann haben wir Haie in Whitechapel?“, fragte Marjory und kam vom Herdfeuer herüber um uns willkommen zu heißen. „Kommt rein, ihr zwei. Schön, dass du es einrichten konntest, Otis.“ Sie lächelte Rhode warm und freundlich an und bemühte sich ihm den Mantel abzunehmen. Man hätte meinen können er wäre ihr Ziehsohn und nicht Ben. Der saß mit Fred schon am Küchentisch. Maude und Jacob dicht bei ihnen, während Samuel und Enoch, die Jüngsten, auf der Truhe an der Wand mit Murmeln spielten. Keinen Moment später und sie hatten allesamt die Köpfe gehoben, Nucky und Sam stürzten von ihren Plätzen und allein Ben, Fred und Maude würden wohl das Maß zu halten wissen, so wie sie jetzt dreinsahen. |