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My judge and jurors - Ardin James - 09.02.2022

„Bring das zu deiner Ma, Jake, ja?“ Der Junge löste den Blick von meinen Händen, nahm die Schüssel von mir entgegen ohne mich anzusehen und umrundete Ben und Fred, die am Tisch saßen und Aufgaben ihrer Abendschule gemeinsam lösten, um die Schüssel zu Margory hinüber zu bringen, die den Inhalt, den ich zusammen geschnippelt hatte, in den Topf über dem Feuer schüttete. Sie fuhr dem Jungen mit der Hand durchs Haar bevor der sich abwandte und durch die offene Wohnungstür ins Treppenhaus strebte. „Komm zum Essen wieder, Jacob!“, mahnte sie den Jungen, während er schon entschwand. „Hm“, bekam sie zurück, dann war er fort. Samuel war unten im Hof. Er hatte gesagt er hätte Holz gefunden. Kein Wunder, dass Jacob auf und davon war.

Mein Blick legte sich auf den Kohl in meinen Händen, den ich im Licht der Öllampe, die auch Ben und Fred im schwindenden Abendlicht Helligkeit spendete, kleinschnitt. „Spätestens wenn Onkel Otis auftaucht, ist er da als hättest du ihn bestellt. Klare Sache.“, erklärte mein Fred jetzt vom Tisch aus. „Er soll es sich trotzdem nicht falsch angewöhnen.“, erklärte Margory resolut und die Jungs steckten ihre Köpfe wieder zusammen. Onkel Otis. Natürlich. Wenn Onkel Otis kam, dann musste man zur Stelle sein. Aber wenn sein alter Herr nach Hause kam, dann schaffte der Junge es nicht an den Essenstisch. Margory war nur wegen mir so streng. Ich hatte Jacob schon des Öfteren ermahnt deswegen. Mit dem einzigen Ergebnis, dass Margory mich angefahren hatte weil ich den Jungen zu streng rügte. Weil ich doch wisse, dass er nicht in diesen Bahnen funktionierte. Mochte sein, dass dem so war, aber er würde irgendwann da draußen klar kommen müssen. Und ich machte mir Sorgen ob er das schaffen würde, wenn er in Bens und Freds Alter käme. Aber wenn Otis kam, dann schien all das keine Rolle mehr zu spielen. Weil Otis der mit dem Holz war. Der, der es als erstes mitgebracht hatte. Eigentlich für Ben. Aber sie liebten es wenn er schnitzte. Alle wie sie da waren. Überhaupt liebten sie Otis alle. Deshalb war er auch schon wieder zum Essen eingeladen. Als würde es nicht reichen, dass ich ihm jeden Tag über den Weg lief. Als würde es nicht reichen, dass ich mir sogar diese Abstellkammer von Büro mit ihm teilte. Und der Tag war lang gewesen. Ich hatte eine Weile nicht geschlafen – aus gutem Grund – und es fiel mir jeden Tag schwerer, mich zu konzentrieren. Ich versuchte es zu überspielen wann immer ich konnte, aber Rhode dem Bastard, fielen solche Dinge auf. Und er nutzte sie. Aber viel schlimmer: Margory fiel es auch auf. Es war mir egal wenn March meinte, ich sollte schlafen. Sie hatte keine Ahnung was ich sah wenn ich die Augen schloss. Und ich hatte ihr oft genug klar gemacht, dass sie davon nichts wusste. Sie hatte sich geschlagen gegeben. Zumindest solange ich funktionierte. Und ich funktionierte. Tadellos wie ich fand. Aber ich wusste, dass es nur einen Moment der Schwäche brauchte und sie würde es mir wieder vorhalten, als würde es nicht reichen, dass ich selber darunter litt. Die Müdigkeit hatte sich längst wieder tief in meine Knochen geschlichen, bereitete mir Kopfschmerzen und machte es schwer den Blick auf den Kohl und das Messer in meinen Händen zu fokussieren.

Es brauchte nur diesen Moment der Unaufmerksamkeit. In dem sich meine Augen schlossen und die Klauen der Finsternis nach mir griffen, mein Kopf vornüber sackte und meine Hand mit dem Messer vom Tisch abglitt. Panisches Fauchen einer Katze und ich riss die Augen auf. War wieder hellwach. Riss mein Gleichgewicht zurück. Sah auf die leere Hand, die bis eben noch das Messer gehalten hatte. „ARDIN!!!“, schrie Margory und die Wände um uns herum schienen zu erzittern. Ich starrte an meiner Hand vorbei zu dem Messer, das in den Dielen am Boden steckte. Bentley hatte sich mauzend zu Margory in die Ecke des Herdfeuers verkrochen. Jackdaw erklärte mir vom Küchenschrank aus hilfsbereit, dass ich ihn beinahe erstochen hatte mit meinem Schlafanfall. Heilige Scheiße. Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. „ARDIN! In Dreiteufelsnamen!“ Wieder Margory. Und die Luft im Raum schien gefroren zu sein. „Wenn du nur ein einziges Mal deinen verdammten Kopf einschalten und nachts die Augen schließen würdest anstatt am helllichten Tag!!! Du hättest beinahe Bentley erwischt!!!“„Kein helllichter Tag.“, protestierte ich nüchtern und richtete mich auf meinem Stuhl auf. Neben mir prallte scheppernd Keramik gegen die Wand und zersprang. Ich duckte mich reflexartig weg, hielt nach den Scherben Ausschau. Meine Brauen fanden von ganz allein den Weg zueinander um eine tiefe Furche auf meiner Stirn zu bilden. „Das war die Tasse meiner Mutter. Warum zerwirfst du die Tasse meiner Mutter?!“, fragte ich fast ein wenig überrascht. Aber was mich wirklich wütend machte, war die Tatsache, dass sie es wegen solche Lapalien tat. Dann hatte ich eben Bentley verfehlt, na und? „Der Kater lebt doch noch, March, verdammt nochmal! Was soll das, eh?“, fragte ich und stand nun auf. Margory hielt sich nur schwerlich unter Kontrolle. „Was das soll?! Das ist dein Ernst, Ardin James?!!! Du fragst mich, was das soll?! Ich sage es dir immer wieder und ich sage es dir auch jetzt: leg dich verdammt nochmal schlafen!!!“ Verständnislos hob ich die Hände auf Schulterhöhe. „Was, warum?! Mir geht es gut, March!“„Hör auf, dich dümmer zu stellen als du bist!!! Du bist am Tisch eingeschlafen!!!“ Sie warf mir das um die Ohren als wäre ich schwerhörig. Aber sie wusste ganz genau, dass ich Gründe hatte. Sie wusste es verdammt nochmal!!! Warum kam sie damit jetzt schon wieder an?! Nur wegen dem verdammten Kater?! „UND?! Ist doch nichts passiert, oder?!“„Paa…“ Mein Kopf fuhr herum. „Sei still wenn ich mit deiner Mutter streite, Frederick!“ Ich zeigte mit dem Finger auf ihn und der Blick wirkte um den Zorn meines Jungen anzufachen, aber auch seine Disziplin zu ihm zurück zu bringen. „Lass Freddie da raus!!! Und ich sage es dir nochmal: du hast Bentley beinahe aufgespießt!!!“ Es war der vermaledeite Kater. „UND?! Es geht ihm gut, oder?!“ Margory kochte. „DAS HÄTTE AUCH EINES DEINER KINDER SEIN KÖNNEN, DU HORNOCHSE VON EINEM MANN!!!“ Jetzt standen wir einander gegenüber, jeder auf einer Seite des Tisches und brüllten uns an. „KEINES MEINER KINDER WÄRE SO BLÖD!!!“„ACH JA?! Und was wenn Jacob wieder hoch gekommen wäre?! Sich neben dich gestellt hätte?! Hättest du ihn gehört in deinem nebligen Zustand?! Wärst du eingeschlafen und ihn hätte das Messer erwischt?!!“„Natürlich hätte ich Jake gehört!!!“ Margory lachte bitter spöttisch auf. „Natürlich!“, erklärte sie zynisch. „Ja!!!“ Sie verschränkte die Hände vor der Brust.

„Du willst mir sagen, ich bin eine Gefahr für meine Kinder, ja?!“, schlussfolgerte ich aus allem was sie mir bis jetzt um die Ohren geworfen hatte. „Ja.“, antwortete Margory und sie klang fast abwartend provokant dabei. Ich presste die Kiefer zusammen vor Wut. Für einen Moment herrschte Stille während ich sie finster anstarrte. DAS warf sie mir vor. Dass ich nicht mehr unterscheiden konnte ob ich den Kater oder eins meiner Kinder abstach. So etwas musste ich mir anhören. Und das vor meinen eigenen Kindern. Dass ich die Gefahr mit nach Hause brachte. Dass ich die Gefahr war. Mit jedem meiner Atemzüge. Während ich – und der Gregor wusste das – jeden Atemzug nur für diese Familie tat. Ich hätte sie vor allem beschützt. Für jedes meiner Kinder hätte ich mein Leben gegeben. Und jetzt sollte ich die Gefahr sein?! Es war so still, dass ich meine eigenen Atemzüge hörte. Sogar Jackdaw auf dem Küchentisch saß vollkommen still da. Dabei würde sie mir später wieder hämisch all meine Verfehlungen vorhalten, aber das Federvieh hatte für den Moment nichts zu sagen.  „Das denkst du?“, presste ich mühsam beherrscht zwischen den Zähnen hervor. Ich sah Margory direkt in die Augen, sollte sie mir das ins Gesicht sagen ohne dabei zu blinzeln. Aber sie hielt meinem Blick eisern stand. „Das denke ich. Und das sage ich.“ Und ich starrte nur zurück.

Ein Knarren an der Tür bei der Truhe. Ich ruckte mit dem Kopf hinüber. Wütend. Bereit, Jacob wenn nötig mit all meinem Zorn zurück in den Hof zu jagen, damit sich nicht noch eines meiner Kinder in meinen Streit mit meinem Eheweib einmischte, wie Frederick glaubte es tun zu können. Aber anstatt meinen Jungs oder Maude fiel mein Blick auf Rhode. Otis Rhode, der auf der Truhe saß.  Ausgerechnet. Schon wer weiß wie lange. Er war eingeladen, ja, aber… Hatte er das mit angehört?! Dass ich eine Gefahr für meine Kinder war?! Lachte er sich schon ins Fäustchen der Schuft?! Hart fühlte ich meine Brust eng werden während ich ihn wütend anstarrte. Ausgerechnet er noch, jetzt. Und ihn hatte ich auch nicht kommen gehört. Ich sah zu Margory zurück. Die hob nur eine Braue. Rhode war ihr Beweis genug. Ich war schon längst nicht mehr genügend bei Sinnen um meine Umwelt wahrzunehmen. Schön. Sehr schön. Ganz wunderbar, wie sich hier alles zurecht legte. Ich konnte ihr zeigen, wie es war wenn meine Sinne benebelt waren. Rau schabte mein Stuhl über den Boden als ich ihn grob zur Seite schob. Den Blick noch immer wütend auf Margory griff ich auf den Küchenschrank wo ich das Haushaltsgeld für den nächsten Tag abgelegt hatte, schob es mir in die Hosentasche und nahm Mantel und Hut vom Haken hinter der Tür. „Wenn du Ärger mit mir willst, dann gehst du jetzt Ardin. Dann brauchst du nicht zurück zu kommen.“ Ich sah Margory finster an und setzte demonstrativ den Hut auf den Kopf. Dann wandte ich mich ab und stieg raschen Schrittes und ohne mich ein weiteres Mal umzusehen die Treppe hinunter zum Hof.


RE: My judge and jurors - Otis Rhode - 10.02.2022

Mit aller Arglosigkeit, die man nur aufbringen konnte, wenn man mit einer Hand einen über hundert Pfund schweren Köter an der Kette hielt, weil der unbedingt gucken wollte, ob der fette Kater wirklich so ein großes Loch im Schwanz hatte, wie die Dohle ihr angeblich versprochen hatte, sah ich Ardin entgegen. Ich trug meinen Streit nicht in einer Lautstärke aus, dass das gesamte Haus auch noch etwas davon hatte, also brauchte er gar nicht so dreinsehen. Hätte ja auch nichts geändert, wäre ich vor der Tür stehen geblieben und hätte gewartet bis alles still war. Hier drinnen konnte ich immerhin bequem auf der Truhe hocken, auf der die Kinder so gerne spielten. Der Tisch war mir dann doch zu gefährlich – den Mut von Fred und Ben hatte ich nicht, oder ihre Selbstgewissheit, dass ihnen durch Margory und Ardin kein Leid geschehen würde, nicht einmal in der Hitze des Gefechts. Außerdem hatte ich von hier aus bessere Chancen Cyneburg an meiner Seite zu behalten. Meine Finger fühlten sich mittlerweile taub davon an sich um das Metall der Kette zu krallen. Zugegeben, ich hatte nicht erwartet, dass der Streit so schnell eskalieren würde. Ich hatte nicht erwartet in welche aussichtslose Sackgasse sich Margory und Ardin verrennen würden. Hätte ich es, hätte ich dann doch im Treppenhaus gewartet? Vielleicht. Aber eher unwahrscheinlich. Es änderte ja doch nichts. Außer womöglich, dass Ardin die Illusion behalten hätte, dass ich nichts von seinen Problemen und seinen Streitereien mitbekam. Und eine Illusion war das, denn dafür kannten wir uns zu lange. Was definitiv nicht auf meinem Mist gewachsen war. Immerhin hatte Ardin noch eine Frau mit der er sich streiten konnte, die ihm diese Dinge sagte, so weh sie auch taten. Aber wenn sie weh taten, dann meisten weil sie wahr waren. Ich konnte nicht sagen, dass ich Ardin in diesem Augenblick beneidete, wie er da stand, fast verloren unter dem Vorwurf. Wie er mich anglotzte, nur für diesen Moment, fast wie ein Ertrinkender. Wie Margorys Drohung an ihm abperlte, als hörte er sie nicht einmal mehr. Und dann war er auf und davon. Bemitleiden tat ich ihn jedoch genau so wenig. Weil, egal wie schlimm seine Fähigkeit sein mochte, nicht zu schlafen eben keine verdammte Alternative war. Nicht bei unserem Job. Nicht mit einer Familie. Aber es war egal, was ich sagte. Was Margory sagte war nicht egal. Sie war jedes Quäntchen Hoffnung, das es für einen Ardin James auf dieser Welt gab, wie hätte ich ihn dafür bemitleiden können? Ich stand auf, kam dem Tisch näher.

„Hast du nicht vor mit zu gehen, Vater?“, fragte Ben mit einem Mal und sein eindringlicher Blick verriet seine Besorgnis mehr als seine Worte. Es versetzte mir jedes Mal wieder einen Stich, wie er in den letzten Monaten begonnen hatte mich immer häufiger ‚Vater‘ zu nennen, als wäre er nun endgültig zu alt für Formlosigkeiten. Aber gegen die andere Botschaft, die in Bens Worten lag, wurde das beinahe unbedeutend. Anstand, Moral und Schulwissen konnte ich inzwischen dreimal von meinem Jungen lernen und das zeigte er häufig genug. Aber er hatte Judiths Art das zu tun, die Art, die dir in aller Regel kaum auffällt, die sich im Geheimen einschleicht und dich noch so viel fester durchdringt als jede offene Ermahnung. Das hier war für Bens Begriffe der Holzhammer, also musste es ihm wirklich wichtig damit sein. War das denn derart offensichtlich, dass ich hinter Ardin hätte herrennen müssen wie ein Schulmädchen hinter dem anderen? „Hatte ich nicht vor, nein, Sohn, erwiderte ich. Da glomm sie auf, die Wut in Bens haselnussfarbenen Augen. Ich seufzte lautlos. „Er will seine Ruhe, also…“, ließ ich mich dazu herab das Offensichtliche zu erklären, mehr in der vagen Hoffnung, dass wir damit zum Abendessen über gehen konnten, als dass sie Ardins oder meine Motive dadurch begriffen. Warum entfloh ein Mann einem Streit? Nicht aus Rücksichtslosigkeit, sondern dem genauen Gegenteil. Weil er nicht mehr weiter weiß. Und weil ihm bewusst wird, dass er anderenfalls womöglich etwas tun könnte, das er später bereute. Weil er Zeit braucht. Und Ruhe. Vielleicht auch Ablenkung. Nichts davon hatte ich für Ardin zu bieten. Ich wurde noch immer angestarrt wie der herzloseste Bastard auf diesen Straßen. Beim dunklen Herrn, wer hatte denn jetzt einer Katze den Schwanz durchlöchert? Ich spürte den Druck gegen Cyneburgs Kette bei diesem Gedanken wieder stärker werden. Ich war es nicht gewesen. Ich wollte Rücksicht nehmen! Auf Ardin James! Herr in der dunklen Hölle! Wurde einem denn gar nichts mehr gedankt auf dieser Welt? Nicht einmal mit einem Abendessen, das einem ohnehin versprochen war?! Aber nein, jetzt sollte ich auch noch dem entflohenen Katzenverstümmler hinterherlaufen. Raus auf die kalte Straße mit leerem Magen, während hier drin Margorys köstliches Mahl ohne mich stattfinden würde. Zu den Blicken, die auf mir lagen, gesellte sich der von Cyneburg, auffordernd. Sie fand das auch Quatsch, was ich gesagt und gedacht hatte. Herzlichen Dank auch. Jetzt wurde ich auch noch von Satans Geschenk genötigt Ardin zu folgen. Begleiter, Ihr moralischer Beistand seit Anbeginn der Hölle… Eindringlich starrte sie zu mir auf, wie in den wenigen Momenten, da sie etwas wirklich ernst meinte, und die Tatsache, dass sie Kontakt zu der Dohle haben könnte, ließ mich doch für einen Moment mulmig werden. Ich schob die Schultern hoch, ließ sie dann ergeben wieder fallen. „Schön“, gab ich brummig nach und verließ von Cyneburg angeleitet, die augenblicklich Ardins Spur aufgenommen hatte, Wohnung und Haus und folgte zügig dem Weg, den sie vorgab.

„He“, warnte ich vor, als ich zu Ardin aufschloss. Ich wollte nicht, dass er erschrak und am Ende auch mir noch ein Messer in den Schwanz jagte. Ein wenig verengte ich die Augen, als ich bei ihm angekommen war, skeptisch. Dann gelang es mir nicht länger die Frage für mich zu behalten, die der dumme Köter von meiner Begleiterin so penetrant in mein vorderstes Bewusstsein schob, dass ich meine eigenen Gedanken darüber nicht mehr hörte. „Du hast also den Kater aufgespießt? Ich frag für Cyneburg.“


RE: My judge and jurors - Ardin James - 10.02.2022

Stur rauschte ich die Straße hinunter. Aus dem Hof, die Ellen Street entlang. Wer mir begegnete, machte dass er aus dem Weg kam. Aber sobald ich um die nächste Straßenecke war, hatte mein Schritt längst von seiner Forschheit verloren. Meine Kehle war eng, ich fühlte wie mir die Luft zum Atmen wegblieb, wie sich der Gestank der Straße noch so viel intensiver in meine Nase biss. Ich zwang mich dazu, kontrolliert ein und auszuatmen. Ich hatte mehr als einmal einen an der Schwindsucht sterben sehen. Fehlte nur noch, dass ich Blut spuckte. Nein, ich würde stumm sterben. Ohne Hustenanfälle. Nur mit dieser Atemnot. Jackdaw flatterte irgendwo über mir auf Höhe der Dächer und wollte mir erklären wie man das nannte. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich sie nicht länger blockiert hatte. Nun strömten ihre Gedanken auf mich ein. Dass es nur eine Frage der Zeit war, dass es so weit gekommen war. Dass man nicht davon laufen konnte. Und dass ich, wenn es schon am Küchentisch hatte sein müssen, wenigstens ganze Arbeit leisten und Bentley gleich den Schwanz hätte abschneiden können. Danke auch. Als wüsste ich all das nicht. Ich verzog das Gesicht und zischte wütend, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben und ohne dass für jemanden, der kein Hexer war, erkennbar gewesen wäre, wem mein Zischen galt. Eine zu spät durch die Straßen ziehende Marktfrau wich mir aus. Es war mir ganz recht. Jackdaw sagte mir sie würde sich sicherlich Gedanken machen, aber mir war es verdammt nochmal egal was diese verfluchten Menschen über mich dachten. Sollten sie denken ich hätte den Verstand verloren.

Der Ruf von hinten. Ich wandte nicht mal den Kopf. Erkannte Rhodes Stimme. Auch das noch. Stur ging ich voran, beschleunigte meinen Schritt. Warum kam er mir jetzt auch noch hinterher?! War das seine Sensationslüsternheit?! Reichte es nicht, dass Margory mich vor seinen Augen und denen meiner Kinder kurz und klein gemacht hatte?! Dass dieser Vorwurf über mir schwebte?! Ich sei eine verdammte Gefahr für meine eigenen Kinder?! Ich war keine Gefahr! Ich war keine verdammte Gefahr!!!

Rhode holte zu mir auf. Ich würdigte ihn keines Blickes. Biss nur die Kiefer zusammen. Sollte er merken, dass er unerwünscht war. „Du hast also den Kater aufgespießt? Ich frag für Cyneburg.“ Tief atmete ich ein, ruckte kurz in einem stummen Kampf meiner Selbstbeherrschung mit dem Kopf, ohne den Blick von der Straße zu lösen. Jackdaw hechelte darauf, dass ich Otis jedes schmutzige Detail erzählte. Dabei hatte sie das selbe schon längst mit Cyneburg getrieben, da war ich mir sicher. Er wusste längst alles. Aber der Gedanke machte es fast schon versöhnlich, dass er trotzdem fragte. Und ich konnte mir sogar gut vorstellen, dass Cyneburg es tatsächlich trotzdem von mir hören wollte. In jeder anderen Situation hätte ich ihr gerne lang und breit davon erzählt. Dabei war nicht einmal was passiert. Aber jetzt? Ich brummte ungnädig. Machte noch zwei Schritte bevor ich antwortete. „Der war im Weg.“

Meine Stimme war wenig mehr als ein Knurren. Aber mein Blick hatte längst erfasst, was ich als Ziel anstrebte. Das Blue Bull. Ein Pub einige Straßen von unserer entfernt. Ich blieb abrupt stehen und drehte mich zu Rhode herum. Ich würde ihn wohl nicht loswerden wenn er jetzt schon hier war. Mit Sicherheit hatte ihn die Familie geschickt. Meinen Aufpasser. Sollte er auf mich aufpassen, wenn er schon hier war. Ich zog die Nase kraus und die Lippen über die Zähne als ich mit ihm sprach und ihm jetzt den Zeigefinger auf die Brust drückte. „Wenn du schon hier bist und mir am Arsch hängst, Rhode, dann machst du jetzt wenigstens was nützliches, hast du verstanden!?“, spuckte ich es ihm entgegen. Rhetorische Frage. Rein rhetorische Frage. Und die Wut kochte längst in jeder meiner Adern. Ich packte ihn am Revers und schob ihn in Richtung des Eingangs zum Pub. Ein kleines Opfer, ein Saufkumpane für den Abend zu werden. Aber das alleine würde Rhode schon unangenehm werden. Das war es was mir an dem Gedanken so viel Erleichterung verschaffte. Ich war in der Stimmung dazu, jemandem unangenehm zu sein. Sollte er sehen, der Rhode, was es bedeutete, mein Aufpasser zu sein. Und vielleicht, vielleicht war ich froh, dass er hier war. Wenigstens einer, den ich meine Wut und Frustration spüren lassen konnte.

Jackdaw machte Anstalten mit hinein zu kommen, aber ich pfiff sie nur an und deutete mit dem Zeigefinger aufs Dach, was sie sich direkt wieder nach oben zurück ziehen ließ. Sie wollte sich JETZT nicht mit mir anlegen, das konnte ich ihr versichern.


RE: My judge and jurors - Otis Rhode - 10.02.2022

„Der war im Weg.“ Ich schnaubte abfällig, während Cyneburg neben mir begeistert mit der Rute pendelnd auf und ab sprang, als wollte sie ihrem unangefochtenem Helden Beifall klatschen. Dass Ardin sich so rar machte in der Wiedergabe seiner Taten, schien die dumme Hündin nur noch gieriger darauf zu machen. Bestimmt war es noch so viel toller gewesen, als sie sich ausmalen könnte. Ja, ja. Wenn die Dohle ihr das glauben machte… Also wirklich. Hätte an dem Kater auch nur ein Stück gefehlt, dann hätte Margory sich um das Vieh gekümmert, statt Ardin rund zu machen, versuchte ich Cyneburg mit Logik zu kommen. Aber das war selbstverständlich ein vollkommen hoffnungsloses Unterfangen. Fast so sehr wie Ardin dergleichen nahe bringen zu wollen.

Wenn ich schon hier wäre. Tja, das war gewiss nicht meine Absicht gewesen, aber damit konnte ich jetzt auch nicht prahlen. Ich würde Ardin mit Sicherheit nicht erzählen, dass ich nur hier war, weil mein eigener Sohn mich einem Laufburschen gleich losgeschickt hatte. Mein eigener Junge! Das war schon ein merkwürdiges Alter in das er da gekommen war. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich mit einen Blick auf Ardin, ob unsere Väter nicht alles richtig gemacht hatten, indem sie Ardin verkauft beziehungsweise, in meinem Fall, gestorben waren, bevor wir dieses Alter hatten erreichen können. In unseren rebellischen Jahren waren wir das Problem von Navy und Armee gewesen. Das war etwas anderes, das wusste ich, aber ich wusste nicht in wie fern es anders war. Ich wusste nicht, wie es war in diesen Jahren einen Vater zu haben, gegen den man rebellieren konnte. Und was Ben betraf, so war das für mich ohnehin eine neue Erfahrung. Ja, er hatte seine wilden Phasen gehabt, aber er war nie ausgesprochen aufsässig gewesen. Ardin war nie müde geworden mir unter die Nase zu reiben, dass mein Sohn sicher nicht nach mir schlug und es war gut so. Man kam weiter im Leben, wenn man nicht so war, wie ich, das konnte ich schon allein an Ben sehen. Das hatte ich immer wieder an Judith sehen können. Dass Ben jetzt begann aufzubegehren, meinte alles besser zu wissen und die Welt so viel klüger zu durchschauen als ich es tat, das war nichts auf das ich vorbereitet gewesen wäre. Ich schüttelte den Gedanken ab. Nein, dem James würde ich davon gewiss nichts sagen. Auch wenn ich zur letzten Verteidigung hatte, dass sein eigener Junge auch nicht minder gegen ihn anging. Aber besser ich ließ es so aussehen, als wäre das alles meine Idee gewesen. Als wäre ich ganz und vollkommen aus freien Stücken hinter James hergerannt.

Weil… natürlich, wer würde schon in der warmen Stube bei einem guten Essen bleiben, wenn er…

Ich stockte, sobald ich begriff, was Ardin meinte, das ich Nützliches tun könnte. Zuckte zurück vor seiner Faust, die nach mir griff und mich trotz allem zu fassen bekam. Ich wollte mich daraus hervor winden, aber es gelang mir nicht. Nicht bevor Ardin mich in den erst besten Pub geschleift hatte. Die übelkeitserregenden Gerüche von stickiger Luft, zu vielen Leibern, vergorenem Korn und zerkochtem Essen stiegen mir in die Nase. Herr in der Hölle, bitte nicht. Es war nicht so, dass ich Pubs grundsätzlich meiden würde, im Gegenteil, aber zusammen mit dem James und während man sich eigentlich auf Margorys liebevoll zubereitetes Abendessen gefreut hatte, da war ein Pubbesuch wie statt im städtischen Badehaus in der Themse zu landen. „James!!“, protestierte ich lautstark, „Ich will was anständiges essen!“ Noch halb zu Ardin gewandt, wäre ich um ein Haar mit einem wahren Koloss von einem Weib zusammengestoßen. Die Frau des Wirts, welche die wenig schmeichelhaften Maße eines Brauereigauls hatte, stemmte jetzt die massigen Fäuste in die Hüften und hatte die Brauen so weit hochgezogen, dass sie unter dem Tuch mit dem sie sich das Haar zurückgebunden hatte, verschwanden. Ganz offenbar hatte sie meine Worte mitbekommen. „Was woll’n Se denn anständiges essen, die Herr’n?“, dröhnte sie mit der Stimme einer Marktschreierin, die mich auch schon nicht mehr überraschte. Ich linste an ihr vorbei durch den Pub, der noch so schäbig dreinsah, wie ich ihn vom letzten Besuch in Erinnerung hatte. „Was, was sich verdauen lässt, wär schon eine bemerkenswerte Steigerung“, murrte ich – allerdings mehr an Ardin gewandt, denn ebenso wenig würde mich überraschen wenn die Dame des Pubs mich mit nur einem Schlag zu Boden hauen würde.


RE: My judge and jurors - Ardin James - 10.02.2022

Etwas anständiges essen, Rhode sollte sich mal nicht so anstellen. Genau genommen interessierte es mich im Augenblick keinen Deut, was er wollte und was er nicht wollte. Er war hier, oder? Sollte er sich verdammt nochmal fügen. Ich hätte ihm das auch gerne um die Ohren gehauen, aber bevor ich etwas sagen konnte, blickte ich in den üppigen Ausschnitt einer noch üppigeren Dame. Die Schankwirtin. Oder besser gesagt die Frau des Schankwirts. Aber wir wussten doch alle wer hier die Hosen anhatte, oder? Klasse, jetzt musste Rhode mit seinem Rumgejammer auch noch den Laden aufmischen. Finster sah ich zu ihm hinüber – ich hatte ihn immer noch am Schlafittchen – als er noch weiter rumstänkerte wie ein zänkisches Weibsbild. Wirklich, er machte der Wirtin Konkurrenz. Die war am Ende mehr Mann als Rhode je sein würde. Ich schnaubte, dann sah ich zu der Frau hoch. „Zwei Mal Bohnen mit Speck. Aber den richtigen. Von den Costern. Nicht vom Markt. Zwei Ale und einen von dem irischen Zeug.“ Sie musterte mich einen Moment lang ungnädig, als wollte sie noch etwas spöttisches loswerden, aber mein Blick schien sie zur Räson zu bringen. Sie schlug kurz ungnädig mit ihrem dreckigen Geschirrtuch knallend in die Luft und zog dann ab.

Normalerweise rührte ich das Feuerwasser der Iren nicht an. Jeder wusste, dass es nur dazu gut war, sich das Hirn aus dem Schädel zu pusten, aber ich hatte heute genau das vor. Und ja, ich wusste, dass Rhode nicht trank. Nicht mehr. Und das war gut so. Die waren ja auch für mich. Er sollte nur essen und meinetwegen die Klappe halten. Mehr wollte ich gar nicht von ihm. Aber besser er badete noch ein bisschen in seinem eigenen Angstschweiß. Ich sah mich im Pub um, fand eine Ecke, die mir gefiel, schön ruhig und abseits an einer der Wände, und zog Rhode in die Richtung. Auf dem Weg ließ ich ihn endlich los – jetzt würde er mir schon nicht mehr davon laufen. Ich war sicher, dass Cyneburg dafür sorgen würde, dass er nirgendwohin ging als in diese Ecke. Ihre große Gestalt sorgte in dem kleinen Laden längst für Aufsehen.

Die Ecke, in die ich wollte war besetzt. Ich blieb vor dem Tisch stehen, sah auf die angetrunkenen Gesichter finster hinunter. „Abmarsch“, befahl ich kühl. Ich erntete Lachen. Ein Griff an den Kragen des Mannes, der mir am nächsten saß. Sein Gesicht war rot und das dunkle Haar fiel ihm fettig und verschwitzt ins Gesicht. Ich riss ihn aus seiner sitzenden Position vom Stuhl und drückte seinen Schädel brutal auf Cyneburgs Kopfhöhe. Die bleckte wie abgesprochen ihre großen Zähne. Der vernünftigste Teil von Rhode war diese Hündin, wirklich. Weiterhin ungerührt beobachtete ich wie der Schrecken in den Mann glitt und er sich, den Blick panisch auf Cyneburgs Zähne gerichtet, versuchte aus meinem Griff zu winden, nur um irgendwie fort von diesen Zähnen zu kommen. Sein Stuhl kippte dabei um, aber ich ließ ihn erst im letzten Moment los. Hastig machte er, dass er davon kam. Mein Blick richtete sich kühl auf die übrig gebliebenen am Tisch. „Noch jemand?“ Einer schüttelte den Kopf. „Abmarsch.“, wiederholte ich. Und siehe da, unser Tisch war frei.

Ich streckte den Arm aus, um Rhode mit kühlem Blick den Vortritt zu lassen und es Cyneburg zu ermöglichen, es sich unter dem Tisch gemütlich zu machen. Mochte sein, dass wir Ärger mit dem Gastwirt bekamen. Aber es hätte nichts gegeben, das mir in diesem Moment gleichgültiger gewesen wäre. Wenn der Mann uns nicht bediente, dann machte ich ihn heute noch einen Kopf kürzer. Damit hatte ich kein Problem. Es wäre mir eine Freude gewesen.


RE: My judge and jurors - Otis Rhode - 10.02.2022

Ardin wandte sich der Wirtsfrau zu und gab seine Bestellung auf, als wolle er unbedingt das auswählen, was hier wohl am ungenießbarsten war. Immerhin präzisierte er das mit dem Speck – selbst wenn ich bezweifelte, dass einer hier etwas darauf gab, was sie uns vorsetzten. Ich trauerte noch immer dem guten Essen bei Margory nach, als die Frau des Schankwirts zornig davon stampfte. Na, das würde sicher ein wundervolles Essen geben. Ich hatte einen festen Magen, das musste man hier haben, aber ich hatte doch gehofft mittlerweile und mit dem Gehalt eines DIs nicht mehr alles essen zu müssen. Ich hatte mich wohl getäuscht. Immerhin hatte James starken Alkohol dazu bestellt, den würde es brauchen um das runter zu bekommen. Auch wenn mir die Anzahl dessen nicht entgangen war. Entweder hatte James vor, dass wir uns darum prügelten oder er wollte mich auf der abstinenten Seite halten. Was nicht einer enormen Ironie entbehrte, wenn er mich schon auf seine Zechtour mitnahm.

Weiter hielt Ardin mich im eisernen Griff. Während Cyneburg uns also frei folgte, wurde ich durch den verdammten Pub geführt wie ein ungehorsamer Köter. Erst an einem – besetzten Tisch – ließ Ardin von mir ab und ich konnte mein Jackett richten. Wieder einmal durfte ich Zeuge dessen werden, was für ein wundervolles Team Ardin und Cyneburg abgaben. Ging es darum ein paar arme Teufel in Angst und Schrecken zu versetzten war Cyneburg doch zu jeder Schandtat bereit.

Ardins Blick traf mich, als die Vorstellung beendet war, und ich erwiderte ihn spöttisch. Wollte der jetzt etwa Beifall, dafür dass er sich wie ein abgebrühter Kneipenschläger aufzuführen wusste? Wirklich die beste Taktik in einem Pub für böses Blut zu sorgen, in dem man plante sich nach allen Regeln der Kunst den Schädel weg zu saufen. Der James wäre wahrlich nicht der erste, der am nächsten Tag mit aufgeschnittener Kehle gefunden wurde. Aber gewiss nicht in meinem Beisein. Wenn ein Polizist in so prominenter Pose ermordet wurde, mit dem ich am Abend noch im Pub gesehen worden war, und ich es nicht verhindert hatte, dann würde mich Mulligan schon all der schlechten Presse wegen zu einem Constable degradieren. Das war keine Option. Also hatte ich wohl notgedrungen zu tun, was der James verlangte. Ich rutschte auf die Bank und ergab mich meinem Schicksal, während Cyneburg unter dem Tisch verschwand als sei das jetzt ihre Höhle.

Mein Blick glitt über unser Umfeld. Am Schanktresen konnte ich die von Ardin um ihren Platz geprellten Trunkenbolde erkennen, die sich bei der Wirtin ausheulten. Ich betrachtete des Schauspiel mit geringem Interesse – und tatsächlich, wenig später baute sich die massige Dame vor unserem ergaunerten Tisch auf. „Keine Hunde erlaubt“, blaffte die Frau des Schankwirts. Mit hochgezogenen Brauen sah ich ihr unbeeindruckt entgegen. Den James, den hätte sie hier hocken lassen, aber meinen Köter, den wollte sie hinaus werfen nach dieser Sache. Nein, war schon klar. Vom James hatte sie immerhin noch auf Zeche zu hoffen, von meinem Köter nicht. Bei James‘ aktueller Laune konnte sie jedoch noch auf etwas ganz anderes hoffen. Wobei, ich nahm nicht an, dass James die Dame ähnlich leicht eingeschüchtert bekam, wie die Betrunkenen. Für einen Augenblick stellte ich mir vor wie ein zu kurz geratener Ardin James von einer Wirtin, die gut und gerne das doppelte seines Gewichts auf die Waage gebracht hätte und ihn obendrein um einen ordentlichen Kopf überragte, im Ringkampf besiegt wurde. Würde der James mit einem Arschtritt in der Gasse landen, dann blieb mir jedenfalls dieses grauenvolle Essen hier erspart. Sah man davon mal ab, hatte ich aber auch nicht mehr gewonnen. Ich stoppte die Szenerie vor meinem inneren Auge just an der Stelle, an der die Wirtin Ardins Schädel in den Schwitzkasten genommen hatte, prägte mir das Bild ein und konzentrierte mich wieder auf das hier und jetzt. „Komm, lass gut sein, Weib“, brummte ich also und schob der feisten Dame etwas Trinkgeld zu – selbst wenn sie es um meinetwillen mit der Bestellung nicht eilig zu haben brauchte. Sie betastete die blanke Münze, bevor sie sie in die Schürzentasche gleiten ließ, betrachtete uns noch einen Moment missmutig, aber zog schließlich von dannen. Jetzt konnten wir abwarten, ob die Trunkenbolde ihr mehr zu zahlen hatte und ob sie so dumm wäre ein weiteres Mal wegen derselben Sache zu uns hinüber zu kommen – irgendwann hatte auch meine Geduld ein Ende.

Ich sah zu James hinüber, ausdruckslos, als ob ich ehrlich einfach nur am weiteren Verlauf des Abends interessiert wäre, fragte ich: „Und jetzt? Besäufst du dich?“ Ich zog die Mundwinkel tiefer, zuckte vage mit den Schultern und ruckte dabei knapp mit dem Kopf voll spottender Anerkennung. „Klassisch.“ Nichts, was ich ihm nicht schon vorgemacht hätte – und was er mir vermutlich davor schon vorgemacht hatte. Immer wieder gut die alten Traditionen nicht verstauben zu lassen. Nein, ehrlich, Respekt.
Ardin James, löst keine Probleme, selbst in 1850 noch. Das konnten sie auf die öffentlichen Werbetafeln schreiben.


RE: My judge and jurors - Ardin James - 10.02.2022

Jetzt kam die doch tatsächlich wieder und… wollte uns erzählen Hunde wären nicht erlaubt?! Ich hatte schon die Augen schmal gemacht und wollte gerade dazu ansetzen ihr zu sagen was ich von ihrem Verbot hielt, als Otis schon das klimpernde Geld über den Tisch schob und die Frau mit einem abwinkenden Spruch besänftigte. Und das wirkte tatsächlich. Einen Moment lang beobachtete ich das Spiel der Widersprüche auf dem Gesicht des Weibsbild, bevor es sich enttäuschenderweise einfach abwandte und sich geschlagen zurück auf den Weg in Richtung Tresen begab. „Du machst die Sache langweilig.“, erklärte ich nüchtern, während mein Blick noch immer ausdruckslos ihrer Rückansicht folgte.

Ich löste die Augen von der enttäuschenden Auseinandersetzung, die Rhode so erfolgreich abgewendet hatte und ließ den Blick über die grölenden und lärmenden Pub Gäste wandern. Aber ich fand nichts das von Interesse gewesen wäre in diesem Moment. „Und jetzt? Besäufst du dich?“ Ich schob kurz die Lippen vor. „Aye.“, erklärte ich dann überzeugt und mit einem deutlichen Kopfnicken, ohne dass ich Rhode eines Blickes würdigte. Das war der Plan. „Klassisch.“ Ich zog abfällig die Nase hoch, dann ließ ich doch noch den Kopf in Richtung Rhodes neben mir drehen und sah ihn abwertend an. So sah ich Rhode einige Atemzüge lang missgünstig an, bevor ich antwortete: „Hat sich bewährt.“ Ein trockener Kommentar, mehr nicht. Brauchte es mehr zu sagen?

Die Schankwirtin kam zurück. Diesmal mit zwei Tellern auf dem Tablett, dem Ale und dem irischen Feuerzeug in Gläser gefüllt, dass es schwappte als sie es zu uns brachte. Sie warf die metallenen Teller regelrecht auf unseren Tisch. Ihre Laune hatte sich nicht merklich gebessert. Aber sie ließ das Zeug immerhin bei uns und es war noch etwas in den Gläsern als sie auf dem Tisch landeten. „Wohl bekomms“, spuckte sie uns wenig liebevoll entgegen, dann wandte sie sich wieder ab. Ich griff nach den Tellern und zog sie zu uns heran, nur um Otis seinen Teller ebenso liebevoll hinzuwerfen wie die Schankwirtin es getan hatte. „Wohl bekomms“, echote ich das Weibsbild zynisch nach. Dann griff ich nach den Gläsern, zog sie auf meine Seite und setzte das erste Ale an die Lippen um einen großen und tiefen Schluck von der lauwarmen Brühe zu nehmen.


RE: My judge and jurors - Otis Rhode - 10.02.2022

„Hat sich bewährt.“ Ich zog die Mundwinkel noch ein wenig tiefer, zuckte einmal mehr knapp mit den Schultern. Gab dem nichts hinzuzufügen. Weder die Kolonie noch die erste Zeit nach Judith hätte ich ohne zu Saufen überstanden, also wer wär‘ ich schon gewesen Ardin in dieser Sache zu widersprechen oder ihn von seinem unheiligen Vorhaben abzuhalten? Nein. Den Moralapostel zu spielen, das überließ ich mal schön dem Herren James. Sollte der sich mal wieder verausgaben, sobald ein andere die Wege ging, auf denen er sich selbst so heimisch fühlte. Musste wundervoll sein, wenn man so ein scharfes Auge für die Verfehlungen der anderen hatte, aber für die eigenen so blind war. Ein wenig fragte ich mich ja, was dann mein Plan war. Wenn ich nicht hier war, um Ardin davon abzuhalten sich die Kante zu geben, dann was? Dann saß ich daneben bis er damit fertig war und gab Acht, dass ihm keiner die Kehle aufschlitzte? Brachte ihn später heim und lud ihn auf Margorys Türschwelle ab? War das jetzt meine gesamte Abendbeschäftigung? Zusehen bis Ardin dicht war und die letzten Pflichten tun, die in der Regel nur ein Freund tun würde? Wundervolle Aussichten.

Müde rieb ich mir über das Gesicht. Unser Essen kam, getragen von der äußerst motivierten Schankwirtsfrau. Kaum hatten die Bohnen ihre erste Erschütterung hinter sich und waren scheppernd auf dem Tisch aufgekommen, warf Ardin einen der Teller direkt weiter hin zu mir, während er selbst tatsächlich direkt sämtlichen Alkohol bei sich bunkterte. Die erdbebenerprobten Bohnen wabberten als traurig zähe Maße auf dem Teller vor mir dahin. Ein paar wenige, weitestgehend undefinierbare Brocken Speck oder was-weiß-ich-schon, schwammen darin herum. Ich griff nach dem Löffel und ließ ihn einmal durch mein sogenanntes Abendessen wandern wie ein Schlammsucher seinen Stecken durch den Schlick der Themse. Großartige Unterschiede konnte ich nicht ausmachen. „Ich hoff‘ hier gibt’s nicht noch mehr, die gerne Katzen aufspießen“, knurrte ich mit feixenden Blick Richtung Tresen. „Wobei, die wird sie wohl eher erdrosseln, wie sie’s bei dir getan hät.“ Weil mich meine Erkundung des Tellergrundes ja doch nicht weiter brachte, als die Spekulation ob der Speck nun aus Katze oder aus ehemaligem unliebsamen Gast bestand, begann ich meinen leeren Magen mit – so hoffte ich jedenfalls – Bohnen mit Speck zu füllen. Dass die Pampe nach nicht viel schmeckte, führte ich bei mir definitiv als Pluspunkt auf.

Unfassbar, dass ich hier saß und mir ein köstliches Abendessen im Hause James entgehen ließ, für die Aussicht Ardins Absturz beiwohnen zu dürfen und den Rest des Abends damit zu kämpfen meinen zweifelhaften Mageninhalt nicht direkt wieder zu erbrechen – und in diesem Augenblick wusste ich, dass es keine Möglichkeit gab, wie ich all das nüchtern überstehen würde.


RE: My judge and jurors - Ardin James - 11.02.2022

Mit mehreren Schlucken leerte ich das erste Glas immerhin zur Hälfte. Ich setzte es ab und lies mit geblähten Nüstern das Gefühl durch mich hindurch sickern, das mir in die Magengegend flutete. Mochte sein, dass ich nicht das beste Ale des Viertels hier zu mir nahm, aber es hätte keinen Moment gegeben in dem es mir gleichgültiger gewesen wäre, was ich da trank, solange es mich nur möglichst schnell das hier und jetzt vergessen ließ. „Ich hoff‘ hier gibt’s nicht noch mehr, die gerne Katzen aufspießen“ Ich schenkte Rhode meine Aufmerksamkeit. Sah desinteressiert zu ihm hinüber und ließ sein Gejammer auf mich herab regnen. „Wobei, die wird sie wohl eher erdrosseln, wie sie’s bei dir getan hät.“ Ich schnaubte abfällig, dann nahm ich noch einen Schluck von meinem Bier ohne die Bohnen bislang auch nur angerührt zu haben. Das Weibsbild hätte sich am Boden wiedergefunden, bevor sie mich auch nur hätte anrühren können. So einfach war die Sache nämlich. Da sollte sich Rhode nur keinen falschen Illusionen hingeben.

„Ich hab Bentley nicht aufgespießt.“, korrigierte ich nachdem ich das Glas wieder auf dem Tisch abgestellt und mich mit den Unterarmen auf dem Tisch abgelegt hatte, als wäre das ein übles Gerücht, das ich aus der Welt schaffen müsste. Jetzt sah ich wieder finster zu Rhode rüber. „Der hatte seinen verfluchten Schwanz zwischen meinem Messer und den Dielen und der ist noch dran, oder?!“ Ich kam langsam richtig in Fahrt. Als gelte es den Streit, den ich mit Margory gehabt hatte, nun mit Otis fortzuführen. Aber das würde ja doch zu nichts führen. Otis war nicht Margory. Und er würde mir nicht einmal so ein herausragender Streitpartner sein wie mein verehrtes Eheweib. Ich richtete den Blick mindestens genauso abfällig wieder zurück gerade aus, wie ich ihn zu Rhode gedreht hatte. Ließ den Blick über Rauen und Brüllen und Grölen wandern und über Schweiß und Blut und Fleisch. Ein guter Ort um den Verstand zu verlieren. „Sie wollte, dass ich schlafe?“, fragte ich – wieder rein rhetorisch – als gelte es irgendjemandem irgendetwas zu beweisen. Ja. Margory nämlich. Aber das war nur für mich. Ich hob das Glas erneut an, aber bevor ich es an die Lippen setzte, ruckte ich kurz mit dem Kopf und erklärte mit dem Blick auf dessen Inhalt: „Ich tu ihr den Gefallen.“ Dann setzte ich das Glas an und trank es vollends aus. Stellte es ab und zog das nächste zu mir heran. Mir war jetzt schon übel von der warmen Brühe, aber das brauchte ja niemanden zu interessieren. Am wenigsten mich. Ich machte das nur für Margory, so einfach war das. Sollte sie sehen wie es war, wenn ich schlief. Vielleicht hatte ich ja Glück und der Schlaf der Versoffenen würde mich ausnahmsweise vor den Träumen anderer Menschen verschonen.


RE: My judge and jurors - Otis Rhode - 11.02.2022

„Ich hab Bentley nicht aufgespießt.“ Neben mir tauchte Cyneburgs massige Hundenase unter dem Tisch auf, ich schob sie grob wieder nach unten. Ich konnte auch so spüren, wie gierig sie darauf war, mehr zu erfahren, aber die Freude tat Ardin ihr nicht, sehr viel mehr als ich mir mittlerweile selbst zusammengereimt hatte, gab er auch nicht preis. Selbst wenn Cyneburg das anders sah, aber immerhin hatte sie der Dohle geglaubt, die ihr blutige Geschichten über abgetrennte Katzenschwänze versprochen hatte. Dummes Ding. Ardins Blick glitt ab, ruhelos als würde er nach irgendetwas suchen, das er doch nicht fand. Dann kamen die Worte, seltsam gepresst und tonlos. Mein Blick ging von den Resten meines zweifelhaften Abendessens hinüber zu Ardin, der gerade sein Glas leerte. Nachdenklich fast. Ich presste die Lippen zusammen und ein trockenes Schlucken zwang sich meine Kehle hinab.

Fast wütend auf mich selbst, schüttelte ich den Moment ab, in dem ich förmlich spüren konnte, wie ich selbst in dem Morast versank, in dem Ardin sich gerade suhlte. Herzlichen Glückwunsch, Mr. James, nicht jeder schafft es schon während des ersten Ales in Selbstmitleid zu versinken. Der beliebte Spruch wäre wohl gewesen: ‚Such dir eine Frau, wenn du jemanden brauchst dem du die Ohren volljammern kannst‘ – aber das hatte der James ja getan. Und er biss sich die Zähne an ihr aus, also musste ich jetzt herhalten. Nicht zuletzt ein Grund die Sache ein wenig zu beschleunigen. „Schön, lassen wir dich schlafen“, stimmte ich also rau zu und machte die vorbeieilende Schankwirtsfrau auf uns aufmerksam, sie hielt widerwillig bei uns inne. „Bring uns eine Flasche Gin, eine Starken, und ein Glas“, machte ich es kurz und schob ihr fünf großzügig bemessene Pence zu. Zwei mehr und sie hätte uns direkt eine ganze Gallone dafür bringen können. Wenn James schlafen wollte, dann gab es kaum eine bessere, billigere oder schnellere Methode, sah man womöglich von diesen unseligen Mischungen aus warmen Wasser, Zucker und Brennspiritus ab, die sie auf der Straße handelten. Die zeigte zwar noch schneller ihre Wirkung, aber das Risiko zahlte sich nicht aus. Nein, starker Gin war die effizienteste Methode zu Vergessen, die du dir erkaufen konntest und das wusste ich aus Erfahrung zu sagen. Und wenn James den Gin nicht wollte, dann würde ich das Zeug heute wohl noch bitter nötig haben.

„Mein Mann brennt den Ol‘ Tom selbst“, verkündete sie, uns jetzt schon etwas gewogener, und der Stolz schwoll in ihrer dröhnenden Stimme an. Meine Mundwinkel zuckten eine Spur in die Höhe und mein Seitenblick ging feixend zu Ardin. Den Old Tom brachten sie nicht nur des Namens wegen mit einem alten Kater in Verbindung, sondern wegen den Katzenfiguren, die die Schwarzbrenner als Kennzeichen ihres Ginverkaufs vor ihren Häusern aufgestellt hatten, als sie dem Ginkonsum im vergangenen Jahrhundert mit Verboten hatten Herr werden wollen. Erfolgreich war das nicht besonders gewesen. Das hatte erst unser verehrter Duke of Wellington vor zwanzig Jahren geschafft, als er die Steuer und die eingeschränkten Lizenzen für die Bierproduktion und den Verkauf gekippt hatte. War der Gin bisher billiger als jedes Bier gewesen, schossen inzwischen an jeder Straßenecke Beerhouses in die Höhe und die Pubs würden dir selbst Pisse teurer verkaufen. Der Vorteil für den Gin war, dass inzwischen nicht mehr jeder damit herumpanschte, sondern sich lieber damit gütlich tat seine zweifelhaften Fähigkeiten am Bier zu proben, weil sie letzteres billiger und damit der breiteren Masse unterjubeln konnten. Das sollte jedoch nicht bedeuten, dass man nicht auch auf den Gin, den man zu sich nahm, ein waches Auge haben sollte. Nicht umsonst hielt sich der Spruch hartnäckig, dass es beim Gin nur ein Penny zwischen einem betrunkenen und einem toten Mann machte. Einmal davon abgesehen, dass der Old Tom mir zu süß war, selbst wenn sie ihn nicht mit Zucker auffüllten. „Naa“, brummte ich deshalb, „bring uns den aus Plymouth.“ Wenn es der echte war, dann konnte man immerhin sicher sein, dass sie nichts von dem verseuchten Londoner Wasser zum Brennen verwendeten. Die Schankwirtsfrau schnaubte wie ein Gaul, der sich den Fox Hill hochkämpft. „Der is‘ aber teuerer“, murrte sie, aber sie hatte es geschafft, ich war mir meiner Geduld am Ende. Ich hob die Hand und rieb mir über die Stirn, nickte dann auf die fünf Pence in ihrer Hand, mühsam beherrscht. „Das ist mehr als jede Flasche Gin in deiner Schenke wert ist, also bring uns den Guten dafür und sei dir gewiss, dass ich den Unterschied merken werde.“ Ihre dunklen Augen weiteten sich zornig und sie blähte schon die Backen. Meine gehobene Hand knallte auf die Tischplatte hinab. „Jetzt!!“ Und endlich zog sie von dannen.