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Society of Trouble's what you're in Rudeness
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Einen Meldejungen vom Theatre losgeschickt... Ich ließ langsam die Luft entweichen, schnalzte dann leise mit der Zunge. Für einen halben Penny würde wohl mehr als die Hälfte der Jungen hier auf der Straße nur zu bereitwillig falsche Meldung bei der Polizei machen. Es war nur allzu leicht denkbar und schwer nachzuweisen, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Kaum Risiko für alle beteiligten. Ähnlich der Ruhestörung bei den Docks. Ich presste die Lippen zusammen. Der Teufel bewahre, dass ich es Ardin zugestand, aber eine schlechte Theorie war das nicht. Sie klang sogar verdammt schlüssig und ohne die Seeratte neben mir wäre ich wohl nicht so schnell darauf gekommen. Naja. Dachte ich zumindest, wer weiß das im Nachhinein schon zu sagen. Ich war Ardins Vorschlag gegenüber trotz allem aufgeschlossener als ich es anderenfalls wohl gewesen wäre. Klang als sollten wir Jordan einen Besuch abstatten. Ich presste die Lippen zusammen, stieß dann die Luft aus und nickte. „Sollten wir“, stimmte ich widerwillig zu, aber nicht ohne eine gewisse Genugtuung dabei. „Und...“ Ich stockte kurz vor dem indirektem Zugeständnis dessen, dass Ardin für diese Aufgabe kompetenter war als ich. „...schau dir die letzten Nachtschichten von Jordan an, ob sie Williams und Richmond da auch weg gelockt haben, bevor die Meldungen ausblieben.“ Es wäre ein Muster. Ein verdammtes Muster. Ich spürte sie, die Spur die sich vor uns auftat.
Nur kurz zog ich die Brauen hoch ohne zu Otis zu sehen, der mir gerade das Zugeständnis des Tages gemacht hatte. Sieh an, das war also alles wieder nur Hokuspokus gewesen, wer hätte das gedacht. Mein Blick hing an einem vorübereilenden Pastor während ich nüchtern antwortete: “Mach ich.“ Eine gute Idee. Ein Muster. Hätte nicht gedacht, dass jemand so dumm sein würde sowas öfter zu machen aber erfahrungsgemäß hatte Otis mit solchen dummen Vermutungen Recht. Sollte sich Jordan auf was gefasst machen…
Das Golden Horse lag im nordöstlichen Teil von Whitechapel an der Whitechapel Road, die auch am Pavilion Theatre vorbei führte. Die Straße war noch eine der besten in der Stadt, hochpoliert um Reisenden von Colchester herkommend das Grauen in ihren Seitengassen zu verschleiern. Kein Vergleich zur Dorset oder Thrawl Street zu denen man sich erst tiefer in die Stadt hinein arbeiten musste. Die Gasthäuser, die hier standen waren zum Teil alt und niedrig, aber hatten eine lange Geschichte von Kutschhäusern hinter sich. Sie waren noch heute beliebt weil viele von ihnen noch immer Ställe und Schuppen in den Hinterhöfen hatten und brachten noch das meiste Geld ein, übertroffen nur noch durch die Spelunken, die mit den Besuchern der Blackwell Buildings ihre Geschäfte machten. Um die Wirtshäuser an der Whitechapel Road herrschte daher ein stetiges Hauen und Stechen. Ich konnte mir an einer Hand abzählen, wer dafür in Frage kam, Doyle abspenstig zu machen. Wir betraten das Golden Horse durch die Vordertür wie es sich gehörte. Jackdaw benötigte nur einen warnenden Blick von mir um sich aus Cyneburgs Nackenfell zu befreien und nach oben aufs Dach zu verschwinden. So früh am Tag war nur wenig los. Die Gasthäuser hatten sich hier draußen an den Zapfenstreich zu halten und die ersten Säufer waren bislang nur vereinzelt herein gekommen. Hinter der Bar stand nur ein Mädchen und putzte Gläser, aber ich wusste auch so wo wir hin mussten. Ohne ein Wort des Grußes ging ich an ihr und ihrem Tresen vorbei, die Geister, die einmal Männer gewesen waren, an den Tischen ignorierend und stieß mir die holzumfasste Glastür auf, die zum Treppenhaus und den Hinterzimmern im nächsten Stockwerk führten. Ich machte mir nicht die Mühe den Hut abzunehmen. Sollten sie merken, dass etwas nicht stimmte. Mit ruhigen aber unaufhaltsamen Schritten erklomm ich die Treppe. Oben angekommen warf ich einen kurzen Blick den Flur hinunter, dann trat ich ohne anzuklopfen in das Zimmer, das sich der Herr des Hauses zum Büro erwählt hatte. Die Tür knallte scheppernd gegen die Wand – vielleicht ein bisschen zu viel Schwung. Ich blieb in der Tür stehen. Der Herr des Hauses saß an seinem Platz hinter dem Schreibtisch. Das Gesicht rot und der Blick stur glitzernd. Nun endlich setzte ich den Hut ab. Mit einem aufgesetzten Grinsen betrat ich den Raum. “Doyle!“, begrüßte ich den Mann, ihn angrinsend wie ein Hai seine Beute.
Cyneburg hob den Blick als die Dohle sich aus ihrem Nackenfell löste. Ihre blassblauen Augen folgten dem Vogel in die Höhe. Ein knapper Anflug von Neid traff mich, wie wundervoll musste es sein, sich mit einem Flügelschlag hoch in die Lüfte schwingen zu können und all diesem Elend hier unten mit Leichtigkeit zu entkommen. Weit hoch, bis jedes noch so grobe Detail verschwamm und an Bedeutung verlor. Ich schüttelte den Gedanken ab, betrat gefolgt von Cyneburg den Pub hinter Ardin. Reflexartig nahm ich meinen Hut ab, sah mich um in dem engen Schankraum, den Männern, die hier auf ihre eigene Art versuchten das Elend dort draußen für ein paar kostbare Stunden hinter sich zu lassen. Ihre alkoholgedünstete Verzweiflung stank bis an die Schwelle des Golden Horse. Ich zog die Nase hoch, presste den Kiefer zusammen und folgte Ardin, der bereits voran geprescht war, unaufhaltsam wie ein Stier, den es an den Eiern juckte. Giftige kleine Ratte, unaufhaltsam, wenn er einmal etwas ins Visier gefasst hatte. Ich folgte langsamer, uns den Rücken absichernd, aber es wirkte alles ruhig. Doyle 'erwartete' uns so versoffen, wie seine Kundschaft ein Stockwerk tiefer. Er sah aus, als hätte er die Kopfschmerzen seines Lebens - und mit Kopfschmerzen kannte ich mich mittlerweile aus. Nie Probleme mit dergleichen gehabt, aber was sollte ich sagen? Ardin und der Teufel machten so einiges möglich, das man nicht für vorstellbar gehalten hätte und wenig davon war guter Natur. Ich fragte mich, ob Doyles Kopfschmerzen selbst verschuldet waren oder sein Leiden wiederum in unserem Erscheinen seinen Ursprung fand. So oder so, er würde sie so bald nicht los werden. Ebenso wenig wie Ardin und mich. Ich schloss die Tür vorsorglich hinter uns.
„Bei Christus' heiligen Sack –“, ich zog die Brauen hoch und schnalzte gespielt missbilligend, für so einen katholischen Mistkerl war das schon ein starkes Wort, „– was soll das, James, Rhode?!“ Ich sah mich um, in dem kleinen Raum, verändert hatte sich nicht viel. Cyneburg tat es mir in der selben dreisten Selbstsicherheit gleich, die ich mir hier ganz bewusst erlaubte, um diesem stumpfsinnigen Iren noch einmal für die Dummen zu unterstreichen, wie sehr er verschissen hatte. Die Hündin inspizierte den Raum und blieb dann an einem kleinen Fenster stehen, auf dessen Sims hockend eine Dohle ins Innere spähte. Ich lehnte mich dem gegenüber selbstgefällig gegen eine Wand, in der Darbietung tiefer Langeweile drehte ich meinen Hut in den Händen, während ich Ardin die Arbeit überließ, die er ohnehin - und der Teufel bewahre, dass ich das diesem zu klein geratenem Bastard je ins Gesicht sagen würde - am Besten machte.
So viel fassungslose Unschuld, ich glaube der wollte uns verarschen. Ich schob die Hände in die Jackentaschen und grinste selbstgefällig weiter während Otis und Cyneburg den Raum zu ihrem eigenen machten um Doyle in die Enge zu treiben bis ihm nur noch dieser eine Weg blieb: der in meine liebevollen Arme. “Wir haben dich vermisst, Doyle.“, erklärte ich. “Gute Beziehungen muss man pflegen, das weißt du doch. Und wir haben gehört, dass du dich neuerdings mit einer anderen Hure vergnügst, da muss die Hausfrau schon mal nach dem Rechten sehen, verstehst du?“ Mein Lächeln wurde eisern während ich Doyle die letzte Chance gab sein Gesicht zu wahren. Wenn er mir jetzt alles beichtete blieb zwar die Strafe, aber immerhin konnte er erhobenen Hauptes dieses Zimmer wieder verlassen. Blieb er stur… Otis lehnte sich nur gegen die Wand, beiläufig seinen Hut in Händen drehend. Freies Schussfeld für mich.
Ich warf einen gelassenen Blick zur Seite, drehte mich ein wenig, dann legte ich meinen Hut auf der nahen Kommode ab, um mich dann wieder mit freien Händen entspannt unserem irischen Freund zuzuwenden. Doyles Gesicht schien sich zu verdunkeln während seine Kiefermuskulatur hart wurde wie sein Blick. “Wenn ihr glaubt ihr könnt hier rein kommen und –" Falsche Wahl. Das Lächeln auf meinem Gesicht war von einem Moment zum anderen weggewischt. Keine Spielchen mehr, an die Arbeit. Nur ein paar brutale Schritte zum Schreibtisch und ich hatte dem Drecksack das Wort abgeschnitten. Mit einer Hand hinter seinen Schädel gegriffen knallte ich ihn mit der Stirn auf seinen eigenen Schreibtisch, bevor ich ihn dort mit der Hand fixierte und mit der anderen in meinen Rücken griff, um mit einer raschen routinierten Bewegung mein Messer hervorzuholen. Es war ein handliches Messer mit gebogener zweischneidiger Klinge. Ein Karambit, wie sie es in Asien zum Reisschneiden verwendeten hatte mir der Messerschmied erklärt bei dem ich es gekauft hatte als man Otis und mir das erste Mal erzählt hatte, dass zum Hexerdasein ein Ritualdolch gehörte. Nicht direkt ein Dolch, dafür eine in meinen Augen sehr viel zweckdienlichere Klinge und nebenbei bemerkt noch wunderbar für den Kampf geeignet. Der dunkle Holzgriff war so lang wie die Klinge und besaß an seinem Ende eine metallene Schlaufe. Einen Finger hindurchgeschoben und jeder Schnitt mit dem Messer saß. Doyle hatte die Hände reflexartig auf die Tischplatte gelegt. Er versuchte sich damit hochzustemmen und gegen meine Hand auf seinem Schädel zu kämpfen. Noch bevor er auf die Idee kam, vielleicht nach mir zu greifen, hatte ich mein Karambit umgedreht, die Metallschlaufe auf seinen Ringfinger geschoben und bis zum Fingeransatz durchgezogen bis ich den Widerstand fühlte. Doyles Kampf endete abrupt als ich etwas Druck ausübte. “Noch ein so ein Wort und ich brech dir den Finger.“ Meine Stimme war kühl. Ich hätte kein Problem gehabt es zu tun. Doyles Stimme aber klang nervös und auf eine verzweifelte Art bockig. “Tus doch, James, tu doch was du willst!!!“ Ich erhöhte noch einmal den Druck. Doyle wimmerte. “Bist du sicher? Du könntest es dir für eine ganze Weile nicht mehr selbst besorgen. Das könnte teuer für dich werden, Doyle, jeden Abend ein Mädchen. Mit Verkrüppelung zahlst du doppelt.“ Stur und ungerührt verstärkte ich noch einmal den Druck. Nicht mehr viel und der Knochen würde darunter brechen. Doyle war ein unnötig sturer Bock. Aber er wimmerte nur noch, das war ein gutes Zeichen. Er fiepte irgendwas unter mir. Ich beugte mich noch ein wenig zu ihm herunter und drehte den Kopf so, dass mein Ohr in einer übertriebenen Geste auf ihn gerichtet war. “Was? Wie bitte?“ - “Ich gebs zu!“, krächzte es halb brüllend. “Ich gebs ja zu!“ Noch ein kleines bisschen Druck. Bis an die Grenze der Belastbarkeit. “Wer?“, fragte ich nüchtern. “Die O’Connells! Die O’Connells…“, wimmerte es. Plötzlich Tumult unter uns im Erdgeschoss. Stimmen, Schritte. Viele Schritte. Möbel kippten um. Ich sah von Doyle auf, mein Blick traf Otis. Der Bastard Doyle hatte einen Jungen losgeschickt.
Ardin tat seine Arbeit in gekonnter Routine. Ich gab Doyle keine fünf Minuten, Cynburg unterbot mich mit der Vermutung, dass Doyle bereits beim ersten Finger wie ein Wasserfall plaudern würde. Die Runde ging an keinen von uns, es brauchte nicht einen Bruch bevor Doyle plapperte. Die O'Connells. Es war dieses Wort, das mich in Wachsamkeit erstarren ließ. Ich änderte meine Position zwar nicht, Doyle sollte nicht wissen, welche Wirkung der Name hatte - selbst wenn der Drecksack das natürlich wusste. Die O'Connells waren eins der führenden kriminellen Elemente dieses Viertels - und standen ganz neben bei im Ruf passionierter Polizistenmörder. Es war etwas wie ihr persönlicher Trumpf gegen die Konkurrenz, Zeichen ihrer überlegenen Skrupellosigkeit. Immer wieder schlitzten sie einen Blaurock auf, immer wieder knüpften wir einen O'Connell vor den Toren von Newgate auf. Es war das ewig selbe Spiel. Die Sippe vermehrte sich schneller als die gottverdammten Ratten in der Gosse, immer wenn man meinte man sei der Plage eben Herr geworden, tauchte ein neuer aufstrebender Zweig der Kolonie auf. Bis vor an die Whitechapel Road, herausgeputztes Aushängeschild unseres verkommenen Viertels, hatten die O'Connells sich bisher jedoch nie gewagt. Was zum Teufel hatte Doyle getan?!
Es war genau in diesem Moment, als mehrere Dinge gleichzeitig geschahen, Cyneburg wurde unruhig, die Dohle vor dem Fenster hatte begonnen aufgeregt gegen die Scheibe zu flattern, unten brach tumultartiger Lärm aus und mein Blick begegnete dem von Ardin. Ich stieß mich von der Wand ab. Mein Hut landete achtlos auf Doyles Schreibtisch, als ich mit zwei knappen Schritten zu Ardin aufschloss. Doyle begann jetzt zu brüllen, wie am Spieß, schneller als einer von uns ihm hätte das Maul stopfen können, ich konnte nur hoffen, dass Ardin ihm wenigstens den Finger dafür brach. Damit war unsere Position verraten. Die Pistole aus Bow Street Tagen, trug ich bei mir - alte Gewohnheit. Aber ihr Nutzen lag im Moment der kalten - vorbereiteten - Überraschung nicht der hitzigen Gewalt und ersteren hatte Doyle uns gründlich verhauen. Schwere Schritte polterten die Treppe hinauf. Cyneburg hatte sich vom Fenster gelöst, ihr drahtiges Nackenfell stand aufrecht und sie hatte sich angespannt grollend seitlich von mir positioniert. Wie sehr ich mir jetzt den Knüppel eines Uniformierten gewünscht hätte. Die Tür schwang krachend auf. Zwei Männer traten ein, die sich bis auf eine hässliche Narbe, die sich dem einem von Auge bis Mundwinkel zog, nicht ähnlicher hätten sehen können. Knapp ging meine Blick zu Ardin. Die verdammten Zwillinge - hatten die nicht vor kurzem noch in die Windeln geschissen, während die Massen vor Newgate aufgelaufen waren, um den unseligen Vater der Jungen baumeln zu sehen? Wir wurden eindeutig zu alt für diese verfluchte Drecksarbeit, wenn wir schon die Generationen der Verbrecherschaft überlebten. Drei Mann folgten den Zwillingen. „Sieh an“, triumphierte der mit dem noch hübschen Gesicht. „Selbst die Peelers machen uns die Aufwartung.“ Ich zog die Mundwinkel tiefer, während ich abwägend den Kopf schief legte. Was für eine gestochene Ausdrucksform unser junger Prinz hatte, ob er das in Mamas Groschenroman gelesen hatte? „Was ist?!“, keifte der Vernarbte mich an. Ich sah ihm unbeeindruckt entgegen. „Oh. Nichts. Ich bin nur beeindruckt. Bildung für die Armen funktioniert scheinbar doch. Wenn ich mich richtig erinnere, konnte euer Vater nicht einmal sein Geständnis mit dem eigenen Namen unterschreiben.“ Ich hatte leise gesprochen, aber sah den Vernarbten direkt dabei an. Seine Reaktion verzögerte sich nur für wenige Sekunden, doch noch bevor er mir an die Kehle gehen konnte, hatte sein Bruder ihm die Hand vor die Brust geschlagen, um ihn aufzuhalten. Stoßweise entwich mir der angehaltene Atem. So knapp. Aber der Prinz schien etwas wie Verstand zu besitzen. Unsere beste Chance wäre, wenn die Gruppe den Kopf verlor, das war unsere Gelegenheit uns hier rauszukämpfen. Blieben sie in Formation hatten wir nicht die geringste Chance. „Warum so unfreundlich, mh?“, fuhr der Prinz im salbungsvollen Tonfall eines Mannes fort, der wusste, dass er die absolute Kontrolle über die Situation hatte. „Wie wär's wenn ihr uns erst einmal den guten Doyle rüberschickt?“ Dabei wanderte der Blick des Prinzens hinüber zu Ardin.
Dieser bricky Bastard war so dumm zu schreien. Krack. Den Widerstand gebrochen. Ein funktionstüchtiger Finger weniger. Jetzt hatte er einen Grund zum Schreien. Und das tat er, wie am Spieß. Ich zog das Messer brutal von seinem Finger, drehte es um und packte Doyle unter dem Kinn, um ihn gnadenlos über den Schreibtisch zu mir zu ziehen, bis sein Kopf in meinem Arm gefangen war und ich mit der anderen Hand die Spitze meines Messers an seiner Kehle setzen konnte. „Halt die Klappe!!!“, fuhr ich ihn an, während bereits mit einem Knall die Tür zu Doyles Büro aufkrachte und das ganze Desaster dieses Tages durch den Türrahmen herein quoll.
Sicher darüber, dass Doyle nur noch wimmern konnte, hob ich den Blick um die Neuankömmlinge finster zu mustern. Bei dem Anblick war ich verdammt froh, dass Otis nicht mehr nur lässig an der Wand hing, sondern die Gefahr im selben Moment erkannt hatte wie ich, sodass er nun zu meiner Linken stand, Cyneburg nur wenig entfernt. Das hätte uns noch gefehlt, dass die Bastarde uns voneinander abschnitten. Ich fragte mich warum Jackdaw, dieses verdammte Wechselbalg, nicht früher Laut gegeben hatte. Oder warum Doyle trotz aller Dummheit so raffiniert hatte sein können. Er musste uns schon kommen gesehen haben. Ich drückte ihm das Messer noch ein Stückchen weiter in die Haut. Einfach nur aus Wut. Während mein Gesicht mit eiserner Nüchternheit die zwei Jungspunde und ihren Hofstaat ins Visier nahm. Verlier die Fassung und du hast verloren. Alte Lehre. Ich kannte die Gesichter. Wie ich die O’Connells kannte. Welcher Blaurock in Whitechapel kannte diese Bastarde nicht?! Aber diese zwei… Ich fragte mich wann die ins Geschäft eingestiegen waren. Scheinbar nicht nur ich. Die Luft im Raum knisterte vor Erwartung als Otis seinen ersten Versuch machte, die Bande zur Weißglut zu treiben. Jeder Muskel in mir wäre bereit gewesen, von einem Moment zum anderen loszuspringen. Wäre nicht das erste Mal gewesen, dass wir uns einen Weg nach draußen erkämpft hätten. Aber der verfluchte Plan ging nicht auf. Seit wann hatten diese Meater so viel Hirn? Den mussten wir uns merken. Sie wollten Doyle. Der ruckte in meinem Arm. Ich ließ nicht los. Sah stur zu dem O’Connell-Meater rüber. „Das hättet ihr gerne.“ Doyle war jetzt unser einziges Druckmittel. Und wir würden ihn nicht lange halten können bis die Jungs die Geduld verloren. Sie waren im Vorteil und das wussten sie auch. Der unvernarbte Bruder mochte noch so sehr den Klugen mimen, der würde auch schnell die Geduld verlieren. Du kannst nie vergessen, wo du herkommst und wenn du dich noch so schick anziehst. „Ihr habt an der Whitechapel Road nichts zu suchen.“ Keine Niederlage eingestehen. Vielleicht bekamen wir sie doch noch zur unkontrollierten Wut. Oder zumindest dazu, ein bisschen was auszuplaudern. Mal sehen, wie arrogant das Bürschchen war. Die Grenze zur Selbstverletzung war bei zu großer Selbstsicherheit nur sehr dünn. Ich kannte das noch von kleinen tollwütigen Fähnrichen, die versuchten, sich mit der ersten Freiwache an ihren Steuermannsgehilfen abzurammeln. Da fiel man ganz schnell auf die Schnauze…
Ardin gab Doyle nicht frei. Natürlich nicht. Für wie dumm hielten diese Jungspunde uns?! „Hätten wir“, gestand der Prinz auf Ardins Erwiderung hin. „Aber so sehr hängen wir dann auch nicht an ihm.“ Doyle stöhnte hörbar auf in seiner nicht gerade beneidenswerten Position, Ardins Messer noch immer an der Kehle. Halb drehte der Prinz sich zu seinen Männern um, sah dann wieder zu uns hinüber und zuckte mit den Schulter. „Wenn ihr seinen Arsch so gern behalten wollt.“ Das Publikum gröhlte. „Wir streiten uns nicht. Nicht darum.“ Der Blick des Prinzen wurde eisig. „Ich würde sagen, es war ein Glücksfall. Als unser Doyle heute den Jungen losgeschickt hat, da wusste ich nicht, ob ihr so dumm wärt noch hier zu sein. Aber so wie es aussieht, könnt ihr uns helfen ein Beispiel zu setzen...“ Der Prinz bleckte die Zähne zu einem ekelhaften Grinsen. „...und zwar, dass IHR HIER nichts mehr zu suchen habt!“ Ich sog die stickige Luft ein, gab ein kopfschüttelndes 'ts' von mir, sobald das Siegesjohlen der O'Connell Gefolgschaft verklungen war. „Dein Ehrgeiz in allen Ehren, Junge, aber das ist eine Nummer zu groß“, begann ich in väterlicher Gelassenheit. Der Vernarbte spuckte ungehalten aus. Der Prinz wirkte zum ersten Mal eine Spur unentschlossen. Vielleicht hätte er mehr Einschüchterung erwartet. Mehr Angst in den Augen seines Gegenübers. Und ich hatte Angst. Scheiße, und wie mir diese Situation Angst einflößte. Meine Muskulatur hatte sich vor lauter Anspannung verhärtet, meine Handflächen waren klamm und feucht. Aber ich war zu alt, zu lang auf diesen Straßen, um die Angst noch bis in mein Gesicht dringen zu lassen. Ich hätte nicht so lange überlebt, wenn ich nicht gelernt hätte mit der Angst umzugehen. „Du hast einen großen Namen, setz den Karren nicht direkt in den Sand.“ – „Halt's Maul!“, zischte der Prinz. Mh. Arrogant waren wir also.
Ungebrochen paternalistisch fuhr ich fort: „Die Welt hat sich verändert seit '29. Das hast du nicht so erlebt, ich weiß. Du bist noch so jung.“ Ich machte eine Pause der höhnisch gespielten Nachsicht. „Aber sie hat es. Das nicht zu merken hat deinen Vater baumeln lassen. Sei nicht genauso däml -...“ Der Prinz konnte nicht weiter schweigen. Er konnte es einfach nicht. Er mochte die kalte Gelassenheit besitzen, aber seine Gefolgschaft tat das nicht und sie wurde unruhig. „Holt ihn euch“, knurrte er ungehalten. Der Vernarbte hatte nur darauf gewartet. Er stürmte voran, ein zweiter folgte ihm. Mein Atem wurde langsam, flach, die Anspannung erreichte ihren Höhepunkt und flachte dann ab. Hin zu diesem unvergleichlichen Gemütszustand des Kampfes, dann wenn alles seinen Sinn bekam. Cyneburg hielt sich hinter mir, unbeachtet. Erst im letzten Augenblick schnellte sie hinter dem Schatten des Schreibtisches hervor und ging dem Vernarbten an die Kehle. Er gab einen gurgelnden Schrei des überraschten Entsetzens von sich. Ich parierte den ersten Schlag meines Angreifers, rammte ihm den Ellbogen in Richtung Kiefer, um ihn auf Abstand zu halten und bemerkte, dass ein Dritter seinen Freunden zu Hilfe kommen wollte. Die Formation der Gruppe zerfiel.
Verdammt, wenn Otis der Bastard mal die Ladeluke aufmachte… Er war zwar nicht gerade eine Kirchenglocke – und ich war ausgesprochen froh darüber, auch wenn ich es ihm immer wieder vorhielt – aber wenn er es darauf anlegte, dann konnte er genau dahin zielen wo es wehtat ohne auch nur einen Finger zu rühren. Und das hatten wir bitter nötig. Eisig lief mir der Schauer der Angst über den Rücken, ohne dass sich in meinem Gesicht oder in meiner Haltung etwas verändert hätte, als das Milchgesicht es in den Raum stellte ein Exempel zu statuieren. Er war zu arrogant, sagte ich mir und klammerte mich an dem Gedanken fest während Doyle in meinem Arm wimmerte.
Mit erbitterter Ruhe sah ich dem Johlen entgegen und es fiel mir schwer nicht wütend zu werden. Es wäre zu leicht gewesen. Zu einfach. Und zu verhängnisvoll. In solchen Situationen konnte man nur die Ruhe bewahren oder man war tot. Trotzdem war ich heilfroh, dass es Otis war, der den Gegenangriff einleitete. Dass er provozierte. Ohne dass ich ihm hätte sagen müssen wo der wunde Punkt lag. Dafür war Otis viel zu gut darin, Situationen zu durchschauen. Verfluchter Bastard eben. Und von einem Moment auf den anderen hatte Otis unser Ziel erreicht. Es ging schnell. Das Narbengesicht griff an. Cyneburg sprang ihm aus dem Schatten an die Kehle. Der zweite wurde von Otis außer Gefecht gesetzt. Und da kam der nächste. Stück für Stück, einer nach dem anderen. Ich löste das Messer von Doyles Kehle, drehte es erneut um und rammte das Griffteil gegen seine Schläfe. Ich ließ ihn los, er sackte bewusstlos in sich zusammen. Für den Moment. Zeit mich unseren Freunden zuzuwenden. Ich wirbelte das Messer an seiner Schlaufe bis ich den Griff wieder fest in der Hand hielt. Dann fing ich den nächsten ab, der auf Otis losgehen wollte. Das Messer zog durch, riss Haut und Fleisch auf, schnitt über Bauch und Arm des Angreifers. Ich holte aus und trat den O’Connell Drecksack mit dem Stiefel fort als er noch zu überrascht war um zu verstehen was geschah.
Ardin fing den Dritten ab, nachdem er Doyle außer Gefecht gesetzt hatte. Gut so. Wer wusste schon, was diese kleine Mistratte in unserem Rücken noch anstellen würde. Mit einem gezielten Tritt hielt ich mir meinen Angreifer weiter auf Distanz, versuchte den Überblick darüber zu behalten, was die letzten zwei aus der O'Connell Gefolgschaft für eine Entscheidung treffen würden oder ob einer davon das Weite suchte. Holte er Verstärkung, so müssten wir um jeden Preis den Weg nach draußen finden, bevor diese eingetroffen wäre. Aber es war kaum möglich in dem Getümmel noch irgendetwas zu überblicken. Mein Gegner setzte nun seinerseits auf Tritte und ausholende Schläge, um mich in ein Eck zu drängen. Ich wich einem Schlag gegen meinen Schädel aus, parierte einen, bevor er mir in die Nieren gehen konnte. Doch noch bevor ich zurück schlagen konnte, explodierte flammender Schmerz in meinem Nacken. Ich keuchte, versuchte röcheld nach Luft zu schnappen, irgendwie die Augen offen zu lassen... Blinzelnd entdeckte ich, dass ein weiterer Angreifer Cyneburg ein Messer in die Nackengegend versenkt hatte. Es trieb mir die Tränen des Schmerzes in die Augen als wäre es der meine. Wie ich diese unselige Verbindung zwischen uns doch verfluchte. Mein eigener Gegner hatte meine Schwäche unterdessen gnadenlos ausgenutzt. Während ich noch kaum gegen den Phantomschmerz ankam, trafen mich die Schläge, die mich unablässig zurückdrängten. Ich prallte gegen ein hinter mir stehendes Regal, schürfte mir die Wange an dem grob gezimmerten Holz auf, aber bekam irgendeine dumme Skulptur zu fassen, als ich versuchte mich abzufangen. Ohne weiter hinzusehen, donnerte ich das massive Stück meinem Gegner gegen die Schläfe. Er taumelte benommen zurück, aber ich ließ die Chance verstreichen, die mir das bot. Sah mich stattdessen um. Verdammt. Einer war weg.
Ich pfiff durch die Zähne, um Cyneburgs Aufmerksamkeit zu erlagen, aber ich musste mich nicht lange erklären, sie begriff auch so, kämpfte sich frei und stürmte wie der dämmliche Berserker, der sie war aus dem Raum.
Die Irenhunde waren zäh. Der, den ich verwundet hatte, rappelte sich mühsam wieder auf um brüllend auf mich loszugehen. Aber das war nur eine Verzweiflungstat. Ich wich aus und verpasste ihm noch eins mit der Klinge. Dann einen Schlag mit dem Ellenbogen in den Nacken. Diesmal ging er wirklich zu Boden. Halb auf Doyle liegend fasste er sich an den Arm und blieb jammernd und ohne Sicht liegen. Aber er hatte mich zu lange abgelenkt. Als ich aufsah, hatte sich der erste, den Otis zu Boden geschickt hatte, das Narbengesicht, so weit aufgerappelt um Cyneburg hinter mir ein Messer in den Nacken zu rammen. Ich holte aus und trat den Bastard auf den Boden zurück, von wo er hergekommen war, nur um noch einmal nachzutreten. Und noch einmal. Der sollte nochmal einer Hündin ein Messer in den Rücken jagen, Irenschwein…
Als ich hochsah hatten die zwei Letzten an der Tür die Köpfe zusammen gesteckt. Nur kurz. Der Halbstarke sagte irgendetwas zu dem Anderen und mit einem Mal war der weg. Nur noch der O’Connell Bursche blieb zurück. Ich sah zum ersten Mal zum Fenster. Jackdaw hatte sich draußen schon vom Sims gelöst und ließ sich nun in die Luft fallen, ohne dass ich ihr noch etwas sagen musste. Ein Pfiff. Cyneburg raste an mir vorbei, hetzte durch die Tür – der O’Connell Bursche sprang gerade noch rechtzeitig aus dem Weg – und war die Treppe runter verschwunden. Otis würde ihr folgen, ich war mir in dem Moment sicher. Kurzer Blick zu ihm, der hatte sich auch wieder gefangen. Blieb das Fähnrichsbürschchen für mich. Ich packte das Messer fester. „Komm her, Knabe, und fechte deine Kämpfe selber aus!“, spuckte ich ihm die Worte entgegen. Jetzt war er nicht mehr so fein und edel, der Herr O’Connell. Jetzt, da er keine Lakaien mehr zum vorschicken hatte... |
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