Draußen auf der Straße sah ich mich um, an der Hausecke entdeckte ich einen Jungen, den ich erkannte, lange Finger, aber zuverlässig mit einer Nachricht im Ohr, füllte sich den Magen im jüdischen Waisenhaus - unwahrscheinlich, dass er für die O'Connells arbeitete. Ich steckte ihm einen halben Penny zu und schickte ihn in die Leman Street. Dann versuchte ich Kontakt zu Cyneburg aufzunehmen. Ich konnte sie in der Nähe spüren, aber wo zum Teufel war sie? Mein Blick hetzte über Passanten, Droschken und Straßenstände, dann höher - und tatsächlich! Da zwischen Schwärmen von Tauben flatterte ein einzelner dunkler Vogel. Die Gasse neben dem Golden Horse. Ich hetzte in besagte Richtung, hart atmend kam ich näher. Im Halbdunkel der Gasse bemerkte ich das ganze Ausmaß. Cyneburg, die den Flüchtigen gestellt hatte, als sei er tatsächlich nicht mehr als ein Schaf. Wann immer der irische Hammel versuchte zu einer Seite hin auszubrechen, ließ Cyneburg ihn ein paar Schritte entkommen, nur um ihn mit neuer Begeisterung erneut zu stellen. Die Dohle, jetzt da ich sie und Cyneburg gefunden hatte, schien ihren ganz eigenen Spaß darin zu finden, immer wieder von oben auf den Mann hinab zu stoßen und ihn damit zusätzlich in Bedrängnis zu bringen. Ich schnaubte kopfschüttelnd. Immerhin Zwei hatten ihren Spaß an der Sache. Zielsicher trieb Cyneburg mir den Iren in die Arme. Ich packte ihn grob am Kragen, versetzte ihm einen trockenen Schlag in die Magengrube, aber er leistete schon keine Gegenwehr mehr. Knapp durchsuchte ich den Burschen, nahm ihm ein Messer ab und bugsierte ihn dann zurück in Richtung des Golden Horse. Er sollte ruhig sehen, was aus seinem Anführer, diesem geleckten kleinen Prinzen, geworden war, bevor wir ihn vielleicht tatsächlich laufen lassen würden. Die Botschaft überbringen, dass sich an den Herrschaftsverhältnissen im Golden Horse so schnell nichts geändert hatte.
|
Society of Trouble's what you're in Rudeness
|
|
Ich fing Ardins Blick auf, als der Staub des Kampfes sich ein wenig legte. Der O'Connell-Prinz war noch da. Einer auf und davon, vermutlich als Bote. Der Rest fürs erste außer Gefecht. Es brauchte nur diesen Blick. Ardin wollte den Prinzen übernehmen. Dass bedeutete Laufdienst für mich, ich ließ die hässliche Skulptur fallen - irgendein Abzeichen Doyles Berufsstandes, der heilige Patron der Säufer, oder was wusste ich schon. Ich rannte aus der Tür, die Treppe hinunter, wachsam jetzt. Ein Teil Doyles Kundschaft war geflohen, ein anderer bereits zu weggetreten, um noch etwas zu bemerken - aber ein Teil beobachtete gebannt. Ich straffte die Schultern. Es war nicht mehr '29. Das war die Whitechapel Road, nicht die Dorset Street. Aber selbst hier und heute gab es genug, die keine Gelegenheit auslassen würden, einem Peeler eine aufs Maul zu geben, wenn er schon mal am Boden lag. Das bedeutete, dass ich am besten nicht den Boden unter den Füßen verlor. Nicht hier und ohne Rückendeckung. Ich taxierte den Raum, die beobachtenden Augen, die mir folgten, wie Wölfe, die sich um den Lichtkreis eines Feuers herumdrückten. Noch wagte es keiner vorzustoßen. Ardin hier zurück zu lassen missfiel mir, zwei Polizisten waren das eine. Darauf gab Abschaum wie die O'Connells vielleicht nichts, aber die meisten schreckte das ab. Und deshalb ließ man nie einen Kollegen allein zurück. Selbst Mulligan, der Drecksack würde nie einen von uns alleine los schicken auf diesen Straßen. Aber mir blieb keine Wahl. Wir mussten diesen entlaufenen irischen Hammel einfangen, bevor er uns die gesamte Herde auf den Hals hetzte. So lange musste Ardin alleine zurecht kommen.
Draußen auf der Straße sah ich mich um, an der Hausecke entdeckte ich einen Jungen, den ich erkannte, lange Finger, aber zuverlässig mit einer Nachricht im Ohr, füllte sich den Magen im jüdischen Waisenhaus - unwahrscheinlich, dass er für die O'Connells arbeitete. Ich steckte ihm einen halben Penny zu und schickte ihn in die Leman Street. Dann versuchte ich Kontakt zu Cyneburg aufzunehmen. Ich konnte sie in der Nähe spüren, aber wo zum Teufel war sie? Mein Blick hetzte über Passanten, Droschken und Straßenstände, dann höher - und tatsächlich! Da zwischen Schwärmen von Tauben flatterte ein einzelner dunkler Vogel. Die Gasse neben dem Golden Horse. Ich hetzte in besagte Richtung, hart atmend kam ich näher. Im Halbdunkel der Gasse bemerkte ich das ganze Ausmaß. Cyneburg, die den Flüchtigen gestellt hatte, als sei er tatsächlich nicht mehr als ein Schaf. Wann immer der irische Hammel versuchte zu einer Seite hin auszubrechen, ließ Cyneburg ihn ein paar Schritte entkommen, nur um ihn mit neuer Begeisterung erneut zu stellen. Die Dohle, jetzt da ich sie und Cyneburg gefunden hatte, schien ihren ganz eigenen Spaß darin zu finden, immer wieder von oben auf den Mann hinab zu stoßen und ihn damit zusätzlich in Bedrängnis zu bringen. Ich schnaubte kopfschüttelnd. Immerhin Zwei hatten ihren Spaß an der Sache. Zielsicher trieb Cyneburg mir den Iren in die Arme. Ich packte ihn grob am Kragen, versetzte ihm einen trockenen Schlag in die Magengrube, aber er leistete schon keine Gegenwehr mehr. Knapp durchsuchte ich den Burschen, nahm ihm ein Messer ab und bugsierte ihn dann zurück in Richtung des Golden Horse. Er sollte ruhig sehen, was aus seinem Anführer, diesem geleckten kleinen Prinzen, geworden war, bevor wir ihn vielleicht tatsächlich laufen lassen würden. Die Botschaft überbringen, dass sich an den Herrschaftsverhältnissen im Golden Horse so schnell nichts geändert hatte.
Otis zog vorbei, dann war er weg. Sollte er, ich würde hier klarkommen. Um mich herum stöhnte es leise, aber ich hatte keine Zeit, danach zu sehen, ob die die am Boden waren auch am Boden bleiben würden. Wenn nicht, hatte ich verloren. Das war eine unangenehme Variable in meiner Rechnung, aber anders würde es nicht gehen. Besser ich dachte nicht darüber nach. Der kluge kleine O’Connell Junge sah Otis einen Moment alarmiert hinterher, bevor ich seine Aufmerksamkeit mit meinem Spruch bekam. Er sah zu mir und ich konnte den verletzten Stolz in seinen Augen lodern sehen. Ich machte mich bereit.
Er sprang vor, den linken Arm vorgestreckt, den rechten nach hinten. Dort würde er das Messer haben. Ich drehte mich ein wenig, nicht zu weit ausholend – hol aus und dein Gegner nutzt die Zeit, die du für den Schwung brauchst gnadenlos für den Angriff während du ungeschützt bist – und verpasste dem vorgestreckten Arm einen Schlag mit dem Messer, der den O’Connell aus dem Gleichgewicht, und weg von mir drehte. Erfolgreiche Ablenkung. Ich duckte mich weg, um dem Jungen die Klinge in die Seite zu rammen und mit etwas Glück lebenswichtige Organe zu erwischen. Aber der Bastard war schneller als ich gedacht hatte. Er hatte sich zu früh gefangen, führte das Messer unter seinem getroffenen Arm hindurch und erwischte mich am Handgelenk. Ich spürte den Schmerz nicht, aber ich konnte das Blut spritzen sehen. Und ehe ich mich zu etwas anderem entscheiden konnte, veränderte ich den Winkel meines verletzten Gelenkes, riss es hoch in Richtung seines nach unten gerichteten Gesichtes und spritzte ihm mit Schwung eine Ladung Blut ins Gesicht. Es vernebelte ihm die Augen. Der O’Connell schrie auf, taumelte nach hinten. Mit dem Messer hieb er wild nach mir, ich richtete mich auf, schlug mit der messerfreien Linken seinen Arm fort. Ich wollte ihn bei den Schultern packen aber der Mistkerl war zu groß. Ich würde mit dem Knie nicht an ihn rankommen. Also trat ich – man tritt nicht, wenn man mit dem Messer kämpft, nicht wenn der andere die Möglichkeit hat schneller zu sein als du, macht das bloß nie -, traf ihn in der Magengegend, er beugte sich keuchend vorn über, kam damit in meine Reichweite. Jetzt musste ich schnell sein. Ich war über ihm, bevor er es realisierte. Ein kurzer heftiger Schlag mit dem Griff meines Messers in sein Genick. Er sackte bewusstlos zusammen. Keine Zeit zum Durchatmen. Ich hörte etwas heranfliegen, duckte mich gerade rechtzeitig. Als ich den Blick hob, schwang ein Messer auf Höhe meines Kopfes mit der Klinge in der Wand steckend hin und her. Mein Blick ging zurück. Jetzt da der O’Connell Junge am Boden lag, war nur noch einer von den irischen Hunden bei Bewusstsein. Der, den ich über Doyle geworfen hatte. Der röchelte aber auch nur noch, wahrscheinlich hatte er seine letzten Kräfte für den Wurf zusammengenommen. Wo auch immer er das Messer herhatte. Ich verpasste ihm einen Schlag mit der Faust, der ihn direkt zurück ins Land der Träume verfrachtete. Zischend schüttelte ich meine Hand aus, durch die nun zum ersten Mal der Schmerz zog. Immer mehr und immer deutlicher. Ich hörte mein eigenes Herz schlagen, obwohl ich es vorher nicht wahrgenommen hatte. Zu still im Raum jetzt. Ein Blick auf mein Handgelenk also. Ich tropfte den Boden voll, verdammt. Messerschnitte brachten gewaltige Nachteile mit sich. Im Moment der Verletzung spürte man den Schmerz kaum. Wenn man einen Treffer landete, der töten konnte, dauerte es meistens noch eine ganze Weile, bis die Wirkung wirklich einsetzte. Bis dahin war der menschliche Geist hervorragend dazu im Stande die Verletzung zu ignorieren. Ich musste die verflixte Wunde versorgen. Meine Schritte trugen mich raus aus Doyles Büro. Ich suchte die Räume ab, fand einen Schrank, in dem sie die Bettlaken für die Gäste aufbewahrten. Die waren immerhin mit der größten Wahrscheinlichkeit sauber. Auf Wäscherinnen konnte man sich in der Regel verlassen. Und Doyle war nicht die Sorte Geizkragen, die in der Themse waschen ließen. Ich zog eins der Leinentücher heraus. Der Stoff riss schnell in zwei Stücke, ich trennte mir einen Streifen ab – sorgsam nicht das blutige Messer dafür nutzend. Ich wischte das Karambit an den Resten des Lakens ab, um es sauber zu bekommen, dann steckte ich es mir zurück in den Hosenbund, bevor ich damit begann mein Handgelenk zu umwickeln. Mit den Zähnen hielt ich ein Ende des Streifens fest und band mir einhändig einen Knoten. Das würde für eine Weile reichen. Ich musste Otis suchen.
Ich war mit dem Hammel auf dem Weg zurück in Richtung Golden Horse. Es hatte sich bereits eine Traube an Gaffern um den Pub gebildet, laut schnatternd wie Gänse. Aber ich hörte den Schrei der Dohle dennoch. Gerade rechtzeitig riss ich den Blick nach oben, um zu sehen, dass das Vieh abstürzte und sich nur schwach in der Luft zu halten wusste. Ich zischte einen Fluch, trieb den irischen Mistkerl vorwärts, aber erst als Cyneburg ihn in die Waden biss, ließ er sich von einer schnelleren Gangart überzeugen. Mit Mühe bahnte ich uns einen Weg durch die Menge, nutzte den Iren dabei achtlos als Rammbock. Im Inneren zerrte ich ihn die Treppe aufwärts, aber in Doyles Büro fand ich nur die bewusstlosen O'Connells und Gefolgschaft. Und Blut. Eine Menge davon. Und nahm man die Reaktion der Dohle, dann war es das von Ardin. Ich wusste wie Cyneburg auf mein Blut reagierte. Wie ein Ausgehungerter auf ein Festmahl. Oder in diesem Fall auch mehr ein Hungerstreikender, denn die Dohle flatterte mir schon wieder aufgeregt um den Kopf. Ich ließ den Irenbock dort. Cyneburg würde sich um ihn kümmern, sollte er noch einen Fluchtversuch wagen. Mit der Dohle suchte ich nach Ardin, fand ihn als er mir bereits mit verbundenem Handgelenk entgegenkam. Deutlich mitgenommen, aber auch noch deutlich lebend. Ich stieß die Luft aus. „Ich hoffe du überlebst das, sonst weiß ich nicht, was ich Margory heute Abend sagen soll“, brachte ich so trocken hervor, wie es mir in der Situation gelang. Aber mein eigener Herzschlag raste in meinen Ohren.
Doch ich hatte gar keine Zeit für Sentimentalität, selbst wenn mir danach gewesen wäre. War mir nicht. Ardin lebte, das war alles was zählte. Ab da konnten wir wieder weiter machen im Text. Bitte ohne weitere Unterbrechung. Ich zog die verspannten Schultern hoch, ließ sie schnaubend wieder fallen um die lächerliche Furcht endgültig los zu werden und setzte zurück in Richtung von Doyles Büro. Ich schnappte mir den irischen Hammel, stieß ihn mit grober Gewalt von mir und trat ihm dabei die Beine weg, so dass er unweigerlich auf seinem blutverschmierten Herr und Gebieter O'Connell landete. Ardins Blut, vermutlich, aber diese Vermutung musste ich ja nicht mit meinem neuen besten Freund teilen. Der robbte gerade panisch weg von dem schlaffen Körper, ich ließ ihn nicht weit kommen, stieß ihn zurück, bis er das Blut selbst an sich kleben hatte. „Was siehst du, mh?“, herrschte ich ihn an. Der unstete Blick huschte von dem Prinzen zu mir, erst da fiel mir auf wie unsagbar jung der Mann war. Kaum mehr als ein halbstarker Bursche und schon fest in einer kriminellen Bande verwurzelt, das ganze Leben verspielt. Wie lange es wohl dauern würde, das dieses zitternde Häuflein Elend abgestochen auf der Straße endete oder mit dem Strick um den Hals an einem Galgen für die, die er selbst abgestochen hatte? Es drehte mir fast den Magen um in diese viel zu jungen, vor Angst aufgerissenen Augen zu sehen und das zu wissen - ganz ohne meine Gabe des Teufels. Aber ich wusste auch: wäre das heute anders gelaufen, dann wäre es vielleicht ich, dem der Junge ohne Schmerz dabei zugesehen hätte, wie er abgestochen wurde. So waren diese Straßen nun mal und daran würde auch nie jemand etwas ändern können. Ich stieß den Jungen noch einmal tief in das verspritzte Blut, weil er mir die Antwort schuldig blieb. „Sieht das aus, als hättet ihr an der Whitechapel Road etwas zu suchen?!“ Der Junge stammelte etwas unverständliches, mit dem Handrücken versetzte ich ihm einen harten Schlag, bis er ein: „Nein.“ hervorbrachte. Ich ließ von ihm ab. „Gut. Dann richte das deinen Leuten aus, verstanden?“ Der Junge nickte, rappelte sich auf und rannte wie vom Teufel gejagt. Keine Botschaft der Niederlage saß tiefer, als die die von den eigenen verängstigten Männern überbracht wurde. Selbst wenn ich mir deswegen nicht einbildete, dass das lange Wirkung zeigen würde. Es blieb immer wieder dasselbe Ringen der Kräfte und an manchen Tagen machte es mich so unsagbar müde. Ich ließ langsam den Atem entweichen, stemmte mich wieder in eine aufrecht stehende Position und betrachtete den Raum. Ardin und ich, wir wurden eindeutig zu alt für so etwas. Ich drehte mich zu Cyneburg um, die sich mir genähert hatte, packte sie grob an ihrer Kette und sie drehte den Kopf, so dass ich die Wunde in ihrem Nacken sehen konnte. Nichts, was ein normales Vieh überlebt hätte und sie hatte Blut darüber verloren, einiges davon. Sie hatte Hunger, das spürte ich. Meine Hand glitt am drahtigen Fell ihres Halses ab. Hunger. Ich würde mich bald darum kümmern müssen. Mein Blick ging zu Ardin, weil ich ihm etwas zu sagen hatte, aber irgendwie auch um nochmal nach ihm zu sehen. „Wenn der Junge, den ich vorhin geschickt habe, uns keine Nase dreht, sind ein paar von unsren Leuten unterwegs, um die hier abzuholen.“ Ich nickte knapp zu den O'Connells und den zwei Anderen.
Ich war gerade zurück im Flur als Otis aus Doyles Büro kam. Nicht allein, wie ich feststellen musste. Jackdaw flatterte aufgeregt hinter seinem Kopf hervor, nur um sich auf mich zu stürzen in dem Moment, in dem sie mich sah. Sie drehte ein paar Runden um meinen Kopf womit sie mir fast den Verstand raubte, bevor ich sie kurz leise anpfiff und mit einem wütenden Blick auf meine Schulter verbannte. Sie kam der Anweisung nach, aber beugte sich krächzend zu meinem Arm in dem Moment in dem sie landete. Sie heuchelte Besorgnis, dabei war uns beiden klar, dass sie nur eines wollte. „Warum hast du sie mitgebracht?“, fragte ich Otis ruppig ohne eine Antwort zu erwarten. Aber in meiner Wut war nicht viel Kraft. Ich grunzte kurz abfällig und blähte die Nasenflügel ungnädig über Otis‘ trockenen Kommentar. Was für eine hübsche Erinnerung daran, dass Mister Otis Rhode für heute noch zum Essen eingeladen war. Ich fühlte mich im Augenblick nicht einmal imstande auch nur einen Schluck Wasser zu trinken. Erst recht nicht in Gesellschaft von Otis. Ich sah ihm dennoch kurz in die Augen, dem alten Bastard. Der, dem ich das selbe hätte sagen können. „Schwund ist überall.“ Aber wir hatten wichtigeres zu tun.
Mit der krächzenden Dohle auf meiner Schulter folgte ich Otis finsteren Blickes zurück in Doyles Büro um ihm dabei zuzusehen wie er dem letzten der Irenhunde unsere Botschaft ins Hirn marterte. Es war der Junge, der hatte fliehen wollen. Immerhin hatte Otis ihn erwischt. Jackdaw wollte mich ausschweifend krächzend korrigieren. Sie hätte ihn gestellt. Sie und Cyneburg. Gemeinsam hätten sie ihnen den Hals gerettet. Ich schnaubte nur. Jackdaw hatte uns die verdammte Suppe überhaupt erst eingebrockt. Sie war auf Posten und hätte Alarm schlagen müssen sobald die verdammten Iren überhaupt in die Straße gebogen waren, ja, in dem Moment, in dem die dreckigen Kinder zu atmen begonnen hatten. Jackdaw war sich sicher, dass das mein Fehler gewesen sei, ich hätte sie ausgeblendet, sie hätte sich schon früh genug gemeldet, aber unsereiner war ja mit Sir Doyle vom goldenen Pferd beschäftigt gewesen. Sie hatte Recht, ich hatte sie ausgeblendet. Aber das war kein Grund ihr das zuzugestehen. Ich brummte und ging im Raum herum, sammelte die letzten Waffen ein, die die Iren bei sich getragen hatten, klopfte grob die Taschen ab, fand noch eine Uhr und steckte sie ein. Zwei Messer fand ich noch und brachte sie zurück zur Tür. Ich wollte sie ablegen und eine Runde nach unten machen um dort nach dem Rechten zu sehen, aber als ich mich hinunter gebeugt hatte, um die Messer auf den Boden fallen zu lassen, und dabei war mich wieder aufzurichten, wurde mir schwarz vor Augen. Ich lehnte mich mit dem Rücken im Stehen gegen die Wand und schloss für einen Moment die Augen bis es besser wurde. Jetzt da die Anspannung des Kampfes nachgelassen hatte fühlte ich die Müdigkeit. Die Abgeschlagenheit, die nach großer Anstrengung folgt und die allgemeine Ausgezehrtheit, die mich seit dem Morgen und der durchwachten Nacht verfolgt hatte. Das letzte Mal das ich mich schlafen gelegt hatte, war ich in einem wahrhaft apokalyptischen Albtraum gelandet. Das hatte mir wieder für eine ganze Weile gereicht. Jetzt rächte sich das. Ich biss die Zähne zusammen. Als ich die Augen wieder öffnete, rannte der verstörte Junge verschmiert mit meinem Blut an mir vorbei durch den Türrahmen und die Treppe runter. Die gute alte Botschaft. Ich sah zu Rhode und teilte die unendliche Müdigkeit in dessen Blick als wäre es meine körperliche Erschöpfung, die ich im Augenblick fühlte. Ich hasste es, zu alt zu werden für all das hier. Ich hasste es so sehr. Jeder der mir genau das jetzt ins Gesicht gesagt hätte, dem hätte ich eine verpasst. Aber es waren diese Momente, die es einem immer wieder unaufhaltsam und gnadenlos vor Augen führten. Du willst wissen, wie kaputt du bist? Frag die Straße. Das alte Spiel. Immerhin, Verstärkung war unterwegs. Ich nickte. Vielleicht eine Spur dankbar. Zog dann die Brauen hoch, den Blick auf die bewusstlosen Leiber am Boden des verwüsteten Büros gerichtet. „Das wird Mulligan doppelt und dreifach extra zahlen, so viel ist sicher…“, prophezeite ich. Aber ich meinte das ernst. Ich würde es ihm vorrechnen wenn nötig. Den Weg bis hierher, die Ermahnung, Verhör, Verletzung im Dienst, Auseinandersetzung mit einer Straßengang. Oh das würde ihn noch kosten, dass er uns geschickt hatte. Nichts geringeres hatte der Mistkerl verdient. Mein Blick fiel auf Doyle. Ich nickte in seine Richtung, während ich mit der gesunden Hand den Verband um mein Gelenk löste. „Wir sollten Doyle rausziehen und ihm nochmal die Spielregeln klar machen. Könnte sein, dass ers noch nicht verstanden hat.“ Meine Stimme zeigte dabei nicht viel Enthusiasmus. Aber das war mehr eine Notwendigkeit. Da fragte keiner nach Lust. Ich lenkte den Blick auf mein Handgelenk, das von dem Behelfsverband freigelegt wurde und sah dann ausdruckslos dabei zu wie Jackdaw meinen ausgestreckten Arm hinunter trippelte um beinahe vorsichtig den Schnabel in dem Messerschnitt zu versenken.
Mit der Schulter lehnte ich mich gegen den Türrahmen, sah zu Ardin, der mehr an der Wand hing, als dass er sich auf den Füßen halten konnte. Ich sagte nichts. Immer. Noch. Nichts. Immerhin war ich bei der Frau heute Abend zum Essen eingeladen. Und, ja, letztendlich, was sollte ich auch sagen? Solange Ardin noch für den Kampf taugte und das hatte er mal wieder unter Beweis gestellt. Aber mir graute vor dem Tag, da die ewige Übermüdung Überhand nahm. Ich hoffte inständig, dass der Tag eher später als früher kam.
Mulligan und dem alten Hurensohn dafür noch etwas extra aus der Tasche ziehen. Ich schnaubte trocken auf. Ardins Fantasie wollte ich haben. Aber ich war mir sicher, ich würde dem Versuch wohl persönlich beiwohnen dürfen, wenn Mulligan uns für die Scheiße hier ins Gebet nahm. „Oh, sag ihm das doch am besten direkt, wenn er uns den Arsch aufreißt für den Tumult vorne an der Whitechapel Road“, erwiderte ich in triefendem Sarkasmus, aber sagte nichts weiter dazu. An einem anderen Tag vielleicht, aber heute würde ich ganz sicher nicht eingreifen, sollte Mulligan sich doch mit Ardins sturem Schädel auseinander setzen. Das hatte der Mann sich verdient, in dem er uns hier hatte reinlaufen lassen. Auch wenn ich wusste, worauf es hinaus laufen würde. Wenn Ardin dem Superintendant ans Bein pisste – und das würde er, der Mann würde schon wegen all dem Aufsehen hier auf Kohlen sitzen –, dann saß der am Ende am längeren Hebel. Und wenn der Mann meinte, er musste das unter Beweis stellen – und das meinte er häufig – dann ging das nur hässlich aus. Das einzige, was mir unklar war, war warum ich in dem Fall so verdammt häufig im selben löchrigen Boot saß wie Ardin. Ich zog die Mundwinkel zurück. Sei’s drum. Vielleicht kam ich dadurch doch noch um dieses Abendessen herum, wenn Mulligan uns die Nacht durch schuften ließ. Auch wenn ich wusste, dass ich das nicht hoffen sollte. Es war die Chance meinen Jungen zu sehen und es war nett von Margory. So verdammt nett, dass ich ihr nicht vor den Kopf stoßen sollte. Nicht in dem ich eine dieser Einladungen sabotierte, nicht in dem ich mich mit ihrem Mann stritt, mit gar nichts. Das nahm ich mir jedes Mal von neuem vor. Es passierte dennoch oft genug, dass ich mit diesem Vorhaben brach. Doyle noch einmal rausziehen. Mein Blick glitt ab, über die schlecht verputzten Wände des Pubs, die Holzbalken, die darunter immer wieder durchkamen, brummte irgendeine Erwiderung und wandte mich dann ab, als Ardin der Dohle zu fressen gab. Ich würde bald genug selbst deswegen bluten müssen. Wie gern ich Cyneburg doch Ardins Blut von den Holzdielen lecken lassen würde, aber ihr etwas anderes als mein eigenes Blut zu verabreichen hatte ich genau einmal versucht. Nie wieder seit dem. Doyle regte sich schon wieder träge, als ich auf ihn zukam. Er war halb zu Boden gerutscht und ich versetze ihm einen harten Tritt, der ihn schmerzerfüllt Grunzen und die Augen aufreißen ließ. Ich packte ihn beim Aufschlag seiner Kleidung, riss ihn in eine aufrechte Position, bis er von selbst stand und bugsierte ihn dann aus dem Raum, nicht ohne sicher zu stellen, dass er einen guten Blick darauf erhielt, wie es für seine neue Liebschaft, den O’Connells aussah. Unweit von Ardin stieß ich den Mann gegen die Wand. Ich hätte das hier auch alleine tun können. Aber was auch immer ich ihm vorzuwerfen wusste – und die Liste war lang – Ardin war nicht dumm. Er würde merken, wenn ich versuchte ihn zu schonen und er würde es nicht zulassen, mir den Versuch allein um die Ohren schlagen. Ich wusste das. Weil ich es selbst nicht anders getan hätte. Doyle schreckte vor Ardin zurück. Guter Anfang. „Guten Morgen, Doyle“, begann ich in sarkastisch guter Laune. „Schön, dass wir wieder wach sind. Du hast nicht viel verpasst…“ Ich hielt inne, als müsse ich überlegen, ob das auch stimmte. „Oh, außer vielleicht, dass James hier jetzt eine wirklich beschissene Laune hat.“ Doyle wich noch ein wenig weiter zurück, aber ich schnitt ihm jetzt auf der anderen Seite des Gangs den Weg ab. „Das war nicht in Ordnung, das mit den O’Connells, das siehst du doch ein, mh?“ Doyle nickte heftig mit dem Kopf. Aber Doyle war ein Schisser, hier und jetzt würde er mir das Leben seiner unseligen Mutter und seiner ungezählten Schar Bälger versprechen. Die Frage war, was er morgen tat. Ich leckte mir über die trockenen Lippen. Aktuell hing Doyle lieber mir an der Brust, als Ardin, also konnte ich ihm so verdammt nah kommen, als ich fortfuhr. „Ich frage mich, was du tun wirst, wenn sie wieder an deiner Türe kratzen, machst du dann wieder die Beine breit wie eine läufige Hündin?“ – „Nein!“, beteuerte Doyle mir mit aufgerissenen Augen, „Nein, natürlich nicht! Das war ein Fehler! Nur ein Fehler. Das kom-m-mt nicht w-wieder vo-…“ Doyle hatte zu stammeln begonnen, etwa zur selben Zeit, da ich begonnen hatte den Kopf zu schütteln. Die Brauen in gespieltem Bedauern hochgezogen. „Nein. Doyle. Irgendwie überzeugt mich das nicht.“ Doyles Blick glitt zu Ardin. Kluger Junge. Er wusste, was das bedeutete.
“Darauf kannst du Gift nehmen!“, erwiderte ich verbissen. Sollte Mulligan toben. Er war es gewesen, der diese Entscheidung gefällt hatte, nicht ich und nicht Otis. Und er hätte uns nicht geschickt wenn er das Risiko nicht gekannt hätte. Sonst hätte er einen Sergeant und seine Constables ausgewählt. Also sollte Otis mir nicht dumm kommen mit Mulligans Wut. Der konnte sich seine Wut in den Arsch schieben. Finster sah ich Otis hinterher als er sich daran machte Doyle aus dem Büro zu zerren. Wenigstens gab es dazu nicht auch noch einen belehrenden Vortrag von Mister Rhode.
Jackdaw hatte sich in der Zwischenzeit sattgefressen. Sie wischte ihren Schnabel an meinem Hemd ab – vielen Dank auch – und trippelte zufrieden krächzend zurück auf meine Schulter. Ich schnalzte kurz strafend und schickte sie nach unten um draußen auf der Straße wieder Wache zu halten. Flatternd verschwand sie die Treppe hinunter. Mein Handgelenk verband ich von neuem und ich war gerade damit beschäftigt den Leinenstreifen Lage für Lage darum herum zu wickeln als Otis den wieder zu sich kommenden Doyle neben mich an die Wand schob. Wie er vor mir zurück wich, die Angst in den Augen. Oh ich konnte wirklich nicht behaupten, dass ich das nicht genoss. Mein Gesicht blieb ausdruckslos, aber mein Blick verfolgte Doyle. Auch während Otis mit ihm sprach. Wobei, sprechen… konnte man das wirklich so nennen? Eigentlich war es besser als das. Ein kleines Stückchen Genugtuung für den Hinterhalt in den Doyle uns hatte laufen lassen. Und als er sich angstvoll zu mir umdrehte, auf erstaunliche Weise erahnend, was folgen würde, da war ich mir abschließend sicher, dass meine Kräfte für die paar Schläge auch noch ausreichen würden. Und so lächelte ich ihn knapp und sarkastisch an, holte aus und verpasste ihm eins mit der gesunden Linken in die Magengegend, dass er zischend zusammen klappte. Dunkler Herr, tat das gut…
Ardin verpasste Doyle einen Schlag, der ihn zusammenklappen ließ. Ich hielt ihn am Kragen fest, so dass er uns wenigstens auf den Füßen blieb. Geduldig wartete ich ab, wollte dass Doyle den Schmerz in vollen Zügen zu spüren bekam. Den Schmerz den es brachte nicht auf unserer Seite zu stehen. Die Polizei von Whitechapel zu hintergehen. Erst als Doyle sich wieder aufgerappelt hatte, fuhr ich fort: „Wenn die O'Connells wieder an deiner Tür kratzen, was machst du dann?“ – „Einen Jungen in die Leman Street schicken“, keuchte Doyle. Ich zog die Mundwinkel tiefer, nickte mit schiefgelegtem Kopf. Das war ein Anfang. „...und?“, half ich Doyle auf die Sprünge, dass das noch nicht alles gewesen sein konnte. Doyle rang nach Worten. Mit der Schulter hatte ich eben noch an der Wand gelehnt. Jetzt stieß ich mich ab und ehe Doyle sich versah, hatte ich ihm mit einem schnellen Ausfallschritt mit meinem Unterarm an seiner Kehle gegen den bröckelnden Putz hinter ihm gepresst. „Und?!“, zischte ich leiser, aber mit mehr Nachdruck. „I-ich we-rd...“ Ich ließ Doyle eine Spur mehr Luft. „Ich werd' ihnen nicht nachgeben. Sie bekommen hier keinen Fuß mehr in die Tür, ich schwöre es!“ Ich entließ Doyle aus meinem Griff, er sank um Atem ringend zu Boden. Mit einem Tritt und einem groben Nicken forderte ich Doyle auf wieder aufzustehen, er tat es zögerlich.
„Gut“, lockte ich ihn mit ein wenig Lob. „Weißt du, Doyle, dein Laden hier, du, ihr steht unter dem Schutz von Recht und Gesetz in dieser Stadt, da möchte ich dich nicht mit dem nächsten hübschen Mädchen tanzen sehen, sobald wir uns umdrehen, mh? So wenig kann dir das nicht wert sein, mein Freund.“ Unglücklich schüttelte Doyle den Kopf. Wer wusste schon, was dieser schleimige Drecksack in Zukunft tun würde, aber ich wusste, dass er sich im Moment wohl eher in die Hosen machen würde, als das unsere Botschaft noch größere Wirkung zeigen würde. Also nickte ich, mehr zu mir selbst. Auf der Straße vor dem Pub erklang der vertraute Schrei des Kutschers, um die Gaffer zurück zu treiben: 'H Division. Polizei!'. Die Kutsche für die Herren O'Connell und Gefolgschaft war eingetroffen. „Du vergisst nicht noch einmal, wem deine Treue gehört, richtig?“ – „Nein“, hauchte Doyle mit glasigen Augen. Mein Blick ging dennoch gespielt abwägend zu Ardin hinüber. „Klang das als ob er lieber in einer Zelle weiter darüber nachdenken will?“ – „Nein!“, protestierte Doyle und fügte dieses Mal mit mehr Einsatz hinzu: „Nein! Das kommt nie wieder vor!“ Ich erwiderte Doyles Blick. Selbst dann noch als die schweren Schritte des Sergeants die Treppe und schließlich den Gang entlang auf uns zu polterten. „Die Männer dort drin in Gewahrsam nehmen“, wies ich den Sergeant an, den Blick jetzt ihm zugewandt. „Alle, bis auf Mr. Doyle“, ich legte Besagtem eine Hand auf die Schulter, „einem tapferen Verteidiger von Abzeichen und Uniform in diesen Straßen.“ – „Ja, Sir“, kam es von dem Sergeant, der unverzüglich die Constables in seinem Gefolge zur Arbeit anwies. Mein Griff an Doyles Schulter wurde härter, bis er sich schmerzerfüllt darunter wand, eine letzte Warnung, dann entließ ich ihn und mit einem letzten absichernden Blick von mir zu Ardin, verschwand er nach unten.
“Extra Vergütung, James!!!? Extra Vergütung!!!!?“, polterte es. Mulligan hatte sich von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch im Superintendant Büro erhoben und vorgebeugt, dass er sich mit den Knöcheln seiner Finger auf der Tischplatte abstützen musste und dabei ein Bild abgab wie ein wütender Gorilla im Zirkus. Ich kannte die Sorte. Ich hatte genug Geld bezahlt um die Viecher zu sehen. Nicht aber um eines davon in meinem Superintendant Büro sitzen zu haben. Aber nach den Viechern fragte mich scheinbar nie jemand. Nach der Dohle, die hinter Mulligan außen am Fenster saß und lästernd über dessen gebeugtes Rückgrat schnatterte, hatte mich ja auch niemand gefragt.
Wir standen vor unserem Superintendant um uns derart anbrüllen zu lassen. Otis und ich. Und ich war verdammt sicher, dass es nicht mit rechten Dingen zuging, dass wir diejenigen waren, die angebrüllt wurden und nicht Mulligan. “Ich hab mich wohl verhört!“, polterte unser irischstämmiger Superintendant weiter. Dunkler Herr, ich begann die Irenhunde wirklich zu hassen. “Mit Nichten, Sir. Die sechshundert Yards hin und zurück werden jedem der Constables verrechnet, der heute diesen Weg gemacht hat. Eine Verwundung im Dienst macht für jeden von ihnen fünfzig Schilling und das für einen Constable, Sir. Nicht weniger verlange ich. Sehen Sies so, Sir, hätten Sie gleich einen Sergeant und seine Constables geschickt, wären Sie weit günstiger gekommen. Aber Sie haben uns geschickt. Entgegen unserer eindeutigen Empfehlung. Rhode hier kann das bezeugen.“ Ich zog Otis da einfach mit rein. Er würde mich dafür hassen, aber dann konnte er wenigstens einmal ein Stück Kameradschaft beweisen. “Und seien wir ehrlich, Sie hatten Recht damit. Ein Sergeant und seine Constables wären von den O’Connells abgestochen worden. Sie hätten Ihre Männer verloren. Stattdessen haben Sie uns geschickt und haben nichts als eine Verwundung, Kampfhandlungen und den Anreiseweg zu zahlen. Im Gegenzug haben Sie vier Mann von den O’Connells in der Zelle sitzen! Kommen Sie, das ist doch nichts im Vergleich zu dem was hätte passieren können, hätten Sie nicht uns geschickt!“ Einen Moment schien Mulligan sprachlos. Aber sein Gesicht pochte rot vor Wut. “Sie sind ein arrogantes, selbstverliebtes Arschloch, James. Und ich wünsche Ihnen Pest und Cholera an den Hals jedes Mal wenn Sie es wagen einzuatmen! Wissen Sie, was an der Whitechapel Road los ist?! Haben Sie auch nur eine Ahnung was es bedeutet, wenn in der besten Gegend der Stadt Aufruhr herrscht?!!!“ - “Dass wir hart durchgreifen, Sir.“, erwiderte ich erbittert, ohne dass Mulligan mir das Wort erteilt hatte. “Dass wir auf unsere Bürger Acht geben und dass wir nicht zulassen dass sich irische Banden in genau dieser besten Gegend der Stadt einnisten.“ Mulligan platzte der Kragen. “NICHTS WISSEN SIE!!!“ Die milchigen Glasfenster des Büros zitterten in ihren Fassungen. “Man wird die Arbeit unserer ganzen Division in Frage stellen!!! Wenn es Tumulte an der Whitechapel Road gibt, wird man sich fragen, wie es dazu kommen konnte! Man wird Untersuchungen einleiten! Und dann, meine Herren, sind nicht nur Sie geliefert. Sondern auch jeder einzelne von diesen Constables da draußen. Wollen Sie aus diesem Büro gehen und Ihren Kollegen das ins Gesicht sagen?! Dass Sie für ihr berufliches Ende gesorgt haben?! Für das Ende ihrer Laufbahn, für das Ende ihrer Frauen, ihrer Kinder?!!!“ Ich senkte den Blick, presste die Kiefer zusammen. Als ich wieder aufsah war mein Blick eisern und meine Stimme resolut. “Vor allen Dingen müssen Sie es ihnen erklären. Es war Ihre Entscheidung, Mulligan.“ Ich schüttelte den Kopf. “Nicht meine.“ Damit drehte ich dem Mann brüsk den Rücken zu und machte mich daran, dieses verfluchte Büro zu verlassen. “Kommen Sie zurück, James, Sie Bastard!!!“ Ich würde einfach zum Zahlmeister gehen. Der würde mir schon geben was ich verlangte. Und Otis würde er genauso auszahlen. Ohne Diskussionen. Nicht wie dieser brüllende Hurensohn.
Und dann war Ardin auch schon aus dem Raum gerauscht und hatte mich mit einem tobenden Mulligan allein gelassen. Ich lehnte seitlich des Fensters an der Wand, die Arme verschränkt, hatte das Theater bisher weitestgehend unbeteiligt beobachtet, immerhin war das hier nicht meine Idee. Klar, nahm ich jeden Penny mit, der sich bot - aber doch nicht um jeden verdammten Preis. Aber der Teufel bewahre, dass ein Ardin James mal für drei Sekunden inne hielt und in die Zukunft sah. War doch abzusehen, dass Mulligan wegen all dem Chaos am Rad drehen würde, war ganz bestimmt der beste Augenblick dem Mann zusätzlich auf den Sack zu gehen. Inzwischen hatte Mulligan den Blick schwer auf den Schreibtisch zwischen seinen massiven Fäusten gesenkt. Zum Schweigen gebracht von der Erkenntnis, dass Ardin ihn doch nicht mehr würde hören können. “Sehen Sie das genauso, Rhode?“, fragte er mühsam beherrscht. 'Nein, Sir, im Gegenteil, ich folge ganz Ihrer scharfsinnigen Einschätzung Inspector James' Charakter.' Cyneburg schnappte so unerwartet nach mir, dass ich trotz all der Jahre noch erschrocken vor ihr zurückschreckte. Ich bin froh, dass Mulligan das nicht gesehen hat. Noch so unendlich viel dankbarer, dass Ardin das nicht zu sehen bekommen hat. Meine Güte, als ob ich das wirklich ausgesprochen hätte. Sicherlich, das hier wäre meine Chance einen Stein ins Brett zu bekommen. Womöglich eines vom Teufel gegebenen Tages endlich (und verdienter Weise!) im Rang über Ardin zu stehen und mir nicht mehr diese ständigen Kompetenzstreitigkeiten geben zu müssen, wer jetzt wann und mit was genau das letzte Wort hatte. Oh, es war wirklich verlockend. Ich wusste immerhin, wann man einem Ranghöheren das Ego zu streicheln hatte, um später davon profitieren zu können. Ich führte mich nicht auf wie ein aufgestachelter Imp. Ich nicht.
Aber nein, natürlich würde ich Ardin jetzt den Rücken decken müssen, nachdem er mir auf so glänzende Art keine andere Wahl gelassen hatte. Ich würde durch den selben beschissenen Schlamm waten und jeden noch so verlockenden höheren Weg, der mich trockenen Fußes darüber hinweg geführt hätte, ignorieren. “Rhode?!“, kam die drohende Erinnerung von Mulligan, dass er noch immer eine Antwort verlangte. “Gute Arbeit muss bezahlt werden, Sir“, erwiderte ich also schlicht. Jetzt sah Mulligan doch mit seinen blutunterlaufenen Bulldoggenaugen auf, fixierte mich damit wie ein tollwütiger Köter. “DAS WIRD EIN NACHSPIEL HABEN!!!“, brüllte er aus vollem Hals weiter, während ich meinem gottverdammten, vom Teufel verfluchten, dämlichen Kollegen raus aus Mulligans Büro folgte. “FÜR SIE BEIDE!! SIE WERDEN MICH NOCH KENNEN LERNEN! SIE...!“ Ich ging von Cyneburg gefolgt an ängstlich glotzenden Constables vorbei und selbst der Desk Sergeant hatte die Schultern hochgezogen, während er peinlich genau die letzten Einträge überprüfte. Er zuckte zusammen, als ich vor ihm stehen blieb. Aber aktuell hatte ich kein gutes Wort für ihn übrig, mit zusammengepressten Kiefer ergänzte ich den Eintrag über Ardins und meine Aktivitäten des Vormittags. “Zufrieden jetzt?!“, knurrte ich, sobald ich mal zu Ardin aufgeschlossen hatte. Mir war schon vor zwölf Uhr mittags damit gedroht worden aufgeschlitzt zu werden und auch wenn es dazu nicht gekommen war, begann mir allmählich jeder Knochen zu schmerzen wegen dieser Scheiße. Mein Arm brannte von dem tiefen Schnitt, den es erfordert hatte, Cyneburg zu füttern. Und ich hatte mich gerade unnötig lange anbrüllen lassen müssen, einzig und allein da Ardin James nicht das geringste Feingefühl besaß. Wunderschöner Tag heute, ehrlich.
Es dauerte eine Weile bis Otis mir nachfolgte. Es war nicht gerade so, dass ich auf ihn wartete. Aber irgendwie war das wie ein Naturgesetz, dass er es nicht auf sich sitzen lassen konnte, wenn ich es wagte das Wort gegen Mulligan zu erheben. Schrecklich, dass ich es wagte die Klappe aufzumachen! Was brachte es uns darauf zu warten, dass Mulligan sich wieder fing? Wenn er meinte, so mit uns umspringen zu können, dann gehörte ihm deutlich gemacht, dass die Dinge nicht so einfach waren, wie er sie sich gerne schönredete. So einfach war die Sache.
Und so sah ich nicht einmal von meiner Akte auf, als Otis neben mir knurrte, einen unverkennbaren wütenden Unterton in der Stimme. Was war er heute wieder empfindlich. „Hier.“ Ich hob ihm nüchtern seinen Scheck vom Zahlmeister hin. Ich war so freundlich gewesen, ihn für uns beide abzunehmen. Der Zahlmeister wusste noch was Respekt war. Wahrscheinlich hätte ich gleich zu ihm gehen sollen, statt den Umweg über Mulligan zu machen. Aber es regte mich auf, wie der Mann der Meinung war, die Verantwortung an seine Leute abgeben zu können. Otis hätte dem Superintendant locker den Arsch abwischen können. Aber so wie es in Mulligans Büro gepoltert hatte, nachdem ich es schon längst verlassen hatte und was für eine beschissene Laune Otis jetzt hatte, war er kameradschaftlich gewesen. Sehr löblich. Dafür bekam er jetzt auch ein hübsches Sümmchen. „Mulligan kriegt sich wieder ein.“, erklärte ich trocken. Immer noch, ohne den Blick zu heben. Mit den Augen ging ich die handschriftlichen Zeilen durch. „Den packt es nur darüber, dass er für seine eigenen Entscheidungen selber gerade stehen soll. Gib ihm einen Tag und er ist wieder bei sich.“ Ich glitt mit dem Zeigefinger meiner verletzten Hand über die Zeilen, bis ich an einer Stelle stehen blieb, kurz darauf klopfte. „Letzten Mittwoch das selbe Muster. Zwei Mal Ruhestörung, ein Kläger, der bereits fort war. Dienstag eine Falschmeldung und vor einer Woche eine Vermisstenmeldung, die sich als Versehen herausgestellt hat.“ Nun hob ich zum ersten Mal den Blick um Otis anzusehen. „Sie tun es immer wieder.“, stellte ich fest. „Jordan.“ |
|
|
Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste


