Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
30.09.1842,
Society of Only the winds Rudeness
Und dann endlich schwieg James und ich spürte die Erleichterung bis in die letzte Faser meines Körpers dringen. Die Stille war eine Wohltat und ich spürte, dass mein Körper zum ersten Mal an diesem Abend ein wenig zur Ruhe kam, wie meine sauer verspannten Muskeln sich allmählich lockerten, während ich nur dasaß. Aus dem Augenwinkel konnte ich Ardins Oberkörper allmählich vorn über sinken sehen, wie der Schlaf ihn dahin raffte und mir damit endgültig die wohltuende Stille sicherte. Ich konnte meine langen, tiefen Atemzüge, gegen die so viel kürzeren meines Jungen spüren. Seinen warmen Körper in meinen Armen. Da war diese tiefe, unbeschreibliche Ruhe in mir, die jeden Gedanken in sich aufsog und mich mit nichts anderem als erfüllter Leere zurückließ. Für ein paar Stunden der gnadenvollen Gedankenlosigkeit überließ. Ich fühlte mich nicht einmal wirklich müde in diesem Zustand des bewegungslosen Ausharrens und ich wusste zwar, dass das eine Täuschung meiner Sinne war, aber ich hätte sie gegen nichts tauschen wollen. Irgendwann in dieser Ruhe spürte ich wie mein Körper auf das Ausbleiben des heutigen Alkohols anschlug, zaghaft erst, ich wusste, dass der zweite Tag weit schlimmer werden würde, wenn ich die neugewonnene Routine seit Judiths Tod weiter durchbrechen wollte. Es war ein Grund mehr wach zu bleiben. Während ich Ben in meinen Armen hielt brauchte ich keinen Alkohol, ihn einfach nur zu Halten, zu wissen, dass er in Sicherheit war, beruhigte meine Gedanken mit so viel mehr Erfolg als jeder Tropfen, ja, selbst jede Bewusstlosigkeit das gekonnt hätte. Aber ich wusste nicht, was geschehen wäre, hätte ich mich dem Schlaf hingegeben.

Irgendwann als es zu Dämmern begonnen hatte, war Ben aufgewacht. Wie ein Vogel mit dem ersten Sonnenstrahl, hatte ich Judiths Worte in den Ohren. Gegen die Stille des Raumes war meine Einbildung laut wie ein gesprochener Laut und beinahe hätte ich ihre Finger auf meiner Schulter spüren können, aber in dem Moment ruckte ich aufrecht und die Realität hatte mich wieder. Bens kleiner Körper streckte sich und ich konnte den Schlaf von ihm abperlen sehen wie Morgentau, aufmerksam betrachtete ich meinen Jungen. Mager war er, aber die Blessuren waren verblasst seit ich ihn zum letzten Mal bei Tageslicht gesehen hatte. Cyneburg saß neben uns, sah Ben mit auffordernd durchdringenden Blick an und in dem ich sie dazu mahnte leise zu sein, entließ ich den unruhig gewordenen Jungen von meinem Schoß. Der schien mit dieser unbequemen Schlafposition weit besser klar gekommen zu sein als sein alter Vater. Lautlos ächzend drückte ich den Rücken durch und bewegte die schmerzenden Knochen ein wenig. Eine Weile beobachtete ich wie Cyneburg und Ben am Boden miteinander spielten, musste sie noch das ein oder andere Mal leise zur Ordnung rufen, damit sie nicht das ganze Haus weckten und irgendwann war Ben doch noch einmal müde geworden. Ich hatte ihm meinen Mantel als Schlafstätte überlassen und natürlich war es Cyneburg gewesen, die sich direkt darauf bequemt hatte, genüsslich halb auf den Rücken gedreht, die Pfoten von sich gestreckt, während Ben schließlich in nicht minder verdrehter Position, an sie gekuschelt und halb auf ihr liegend zur Ruhe gekommen war. Ich hatte schließlich noch mein Jackett über den Jungen gedeckt, damit er auf den Dielen nicht fror und hatte mich dann wieder an den Tisch gesetzt, während Kind und Hund in einer Ecke schliefen. Das Blut auf meinem linken Ärmel war längst durchgetrocknet, und um es ein wenig zu kaschieren hatte ich beide Ärmel bis unter die Armbeuge hochgekrempelt. Der Bow Street hätte ich mich in der Aufmachung nicht auf hundert Fuß nähern dürfen, aber ich fragte mich ob es in der Leman Street überhaupt groß interessieren würde, wenn ich mit durchgebluteten Ärmel den Dienst antrat. Margorys Verband saß noch immer gut, selbst wenn die verbliebene Wunde in der Nacht ein wenig nachgeblutet haben musste, den paar hellen Flecken nach zu urteilen, die bis an die Oberfläche gedrungen waren.

Ich weiß nicht, wie lange ich wieder am Tisch gesessen hatte, das zaghafte graue Morgenlicht, war inzwischen hell ins Innere der Stube gedrungen, als Ardin sich irgendwann unruhig im Schlaf zu bewegen begonnen hatte. Die Bewegung hatte meine Augen eingefangen, noch bevor ich es verhindern konnte. Das hektische Zucken seiner Gesichtszüge, seiner Muskeln, fast als kämpften seine Gliedmaßen verzweifelt gegen die Lähmung des Schlafes an. Bis in die letzte Faser angespannt, den Schweiß auf der Stirn, wie ein Mann, der Höllenqualen erlitt. Im Augenwinkel bemerkte ich die Dohle, die nicht minder hilflos erschien, nicht minder gegen eine unsichtbare Gefahr anzukämpfen schien. Meine Hand ruckte in die  Höhe, ganz instinktiv, und verharrte dann doch, senkte sich langsam wieder. Es war nur ein Traum, oder? Es drohte keine echte Gefahr… oder? Vermutlich wäre Ardin mir nicht minder wütend als vor dem Einschlafen, wenn ich ihn jetzt weckte. Durfte ich ihn überhaupt wecken? Wenn das einer dieser komischen Träume war? Tat das am Ende womöglich den größeren Schaden? Unsicher geworden verharrte ich in meiner sitzenden Position, starrte Ardin an, konnte den Blick beim besten Willen nicht abwenden, der Atem flach wie ein lauernder Hund, abwartend. 

Und dann, ohne jede Vorwarnung gewann Ardin sein krampfartiges Ringen gegen den Schlaf, löste sich sein Körper schlagartig als hätte man ihn von unsichtbaren Fesseln befreit. Schien wie ein wildes Tier um Freiheit kämpfen zu wollen, verlor samt Stuhl jedoch das Gleichgewicht und ging gemeinsam mit ihm krachend zu Boden. Ich war aufgestanden. Irgendwie. Ich registrierte es zu spät, um es zu verhindern. Aber in diesem Augenblick stemmte der gefallene Körper sich bereits wieder in die Höhe und mein eigener sank lahm zurück auf den Stuhl unter mir. Mein mit aufgerissenen Augen starrender Blick begegnete dem von Ardin und für Sekunden konnte ich nicht blinzeln, konnte ihn nicht abwenden. Glotzte nur stumm und ausdruckslos wie ein Fisch. Dann, mich irgendwie einem letzten Sinn für Anstand besinnend, wandte ich beschämt von dem, was ich gesehen hatte, den Blick ab, ausweichend hin zu meinem Jungen hinüber. Der bewegte sich ein wenig, schlief aber weiter. Eine von Cyneburgs Pfoten zuckte träge. Das war alles. Einen feinen Wachhund hatte ich zur Vertrauten. Auch sonst blieb es still in der Wohnung. Ich sah wieder zu Ardin, der hatte sich inzwischen zurück an den Tisch gesetzt, das Gesicht in die Hände gesenkt, die Dohle mit verschreckt aufgeplustertem Gefieder bei ihm. Ich senkte den Blick, zügig, bevor James seinen wieder heben konnte, starrte auf meine in einander liegenden Hände, den Daumen oben auf, die kurzgeschnittenen Nägel, fuhr mit den Augen den Narben nach, als wäre ich angehalten mir jede davon einzuprägen.
Ein paar Atemzüge lang tat ich nichts anderes als das. Atmen. Den Kopf in den Händen, den Blick auf Jackdaw, die unschlüssig vor mir auf dem Tisch saß und mich ansah wie ein Hund, der um etwas zu essen bettelte. Aber um so etwas banales wie Nahrung ging es ihr nicht, das ließ sie mich wissen. Es ging um den Traum. Und als hätte mich das Bild in meinem Kopf, das mich nicht losließ, nicht schon genug gequält, musste sie unablässig darüber sprechen. Ich schluckte, bat sie stattdessen ausnahmsweise höflich, den Schnabel zu halten oder wenigstens das Thema zu wechseln. Sie ließ sich erstaunlicherweise davon abbringen, indem ich ihr eine Aufgabe schenkte, sie als Erinnerungsstütze für letzte Nacht verwendete. Denn viel war davon in meinem Schädel nicht übrig. Aber wozu hatte ich eine vorlaute Dohle?

Jackdaw rief es mir ins Gedächtnis und ich ließ es geschehen. Während Otis auf angenehme Weise schwieg und mein Blick das sonnenhafte Leuchten auf dem Dach gegenüber fixierte, das im nebligen London so verdammt selten war, erzählte Jackdaw von Otis, der zu uns gekommen war, nachdem sein Junge bei Judiths Familie gelitten hatte. Es war der Teil, an den ich mich noch erinnerte, aber ich unterbrach Jackdaw nicht. Ließ die Dinge aus ihrer Sicht Revue passieren.

Ihre Sicht war einfach. Otis Rhode hatte sich zum ersten Mal seit ich ihn kannte an mich gewendet. Mit der Bitte um Hilfe. Aus tiefster Verzweiflung, die ich nicht einmal zu Judiths Ableben von ihm gesehen hatte. Er hatte mich schon einmal um etwas gebeten. Aber nie hatte er dazu auf meiner Schwelle gestanden. Und auch damals war es keine Bitte im herkömmlichen Sinne gewesen. Vielmehr die Pistole auf der Brust. Ich habe hier ein halbes Jahresgehalt. Ich muss den dunklen Lord beschwören. Wir sind Kollegen, deshalb frage ich dich zuerst, aber ich geh zu jemand anderem wenn du nicht willst. Wer sagte Nein zu einem halben Jahresgehalt? Ich hatte es für nichts großes gehalten damals. Weil Rhode keine große Sache daraus gemacht hatte. Aber er hatte die Seele seines Sohnes verkauft. Mit meiner Hilfe. Ich hatte es mit angesehen. Ich und Margory hatten ihm geholfen. Und das war der Anfang all dessen gewesen, was später passiert war. Aber als ich verstanden hatte, als ich wirklich verstanden hatte, was wir da getan hatten, einen kleinen Jungen seiner Zukunft beraubt, einem Mann seine Familie genommen, da war es längst zu spät gewesen. Da war Judith schon tot gewesen. Und nun… nun hatte sogar der kleine Ben darunter gelitten. Mehr als er es sowieso noch tun würde.

Jackdaw sagte mir, dass der Junge in Sicherheit war, dass er bei Cyneburg auf der anderen Seite des Raumes außerhalb meines Sichtfelds schlief und es ihm gut ging. Sie fuhr fort damit, dass Margory unsere Unterstützung zugesagt hatte – auch daran erinnerte ich mich noch – und dass ich es Otis hatte spüren lassen. Dass er schon wieder hier war, obwohl es das erste Mal war. Dass er mich um etwas gebeten hatte und ich ihn angesehen hatte mit dieser stummen Frage ob es schon wieder sein musste. Schon wieder ein Gefallen. Schon wieder Konsequenzen, die niemand absehen konnte. Immer so weiter machen. In die eine Richtung fehl gehen und in die andere ebenso. Da war dieses Bild vor meinen Augen wie Otis‘ Finger den Lichtring der Kerze auf dem Tisch nachfuhr, die jetzt erloschen war. Aber das erste war kein Gefallen gewesen, korrigierte mich meine unsägliche Dohle. Und diesmal hatte sie sogar Recht. Ich hatte die Entscheidung selbst getroffen, ich hatte die Wahl gehabt. Diesmal war es anders gewesen. Margory hatte die Entscheidung getroffen. Und keiner von uns hätte die Wahl gehabt. Niemand von uns hätte es über sich gebracht, Ben Rhode in ein Armenhaus zu geben. Ich konnte Otis Rhodes Tränen noch vor mir sehen. Er war zu mir gekommen. Nach alledem war er zu mir gekommen. Ausgerechnet. Das erste Mal auf meiner Schwelle. Kein dunkler Hinterhof an dem wir uns trafen. Und doch… es graute mir vor allem was noch kommen könnte. Vor allem was Rhode mir ins Haus schleppen könnte. Dabei war Ben nur ein kleiner Junge, der Schutz suchte.

Meine Stimme war rau als ich den Kopf in Rhodes Richtung drehte, ohne ihn anzusehen. “Geht es dem Jungen gut?“ Ich hörte die Stille im Haus. Sie mussten noch allesamt schlafen. Und dafür saß Otis hier. Hatte am Ende dem Schlaf besser widerstanden als ich. Ich hätte alles darum gegeben, hätte er das nicht mit angesehen. Mich wie ich von einem Küchenstuhl kippte. Aber was sollte es schon, das ließ sich nicht ändern. Vor ein paar Monaten wäre Rhode am Morgen nicht mehr hier gewesen. Er hätte seinen Jungen abgeliefert, hätte unsere Gutmütigkeit ausgenutzt und wäre sich irgendwo betrinken gegangen. Aber er war noch hier. Hier in meiner Wohnung. Der Mann, der immer zu stolz gewesen war, jemanden um Hilfe zu bitten. Irgendetwas hatte sich verändert, dass er es dennoch getan hatte und immer noch hier war. Und so hob sich meinen Blick und ich sah ihn an, den Mann, der zu mir gekommen war.
“Geht es dem Jungen gut?“ Ich starrte noch immer auf meine Nägel. Ausgerechnet das wollte James jetzt wissen? Ging das jetzt direkt so weiter? Eine weitere Frage, die sich nicht oberflächlich beantworten ließ. Eine weitere Frage bis tief in die Eingeweide. Von der ich nicht wusste, warum James das gerade jetzt wissen wollte. Gestern Abend vielleicht, mit dem verletzten Jungen auf der Schwelle. Aber jetzt? Es war das erste Mal seit her, dass er den Jungen überhaupt ansprach, überhaupt erkennen ließ, dass er ihn wahrgenommen hatte. Ausgerechnet mit einer solchen Frage? Welchen verdammten Zweck verfolgte James mit all dieser verfluchten Herumstocherei? Ich hob den Blick, entschlossen das Spiel nicht weiter mitzuspielen…

…Und begegnete Ardins blassen, abgeschlagenen Zügen, die Qualen des Traums noch auf das Gesicht geschrieben. Müde. Durch die Mangel gedreht. Schlimmer noch als an jedem Morgen, da er scheinbar nicht ein Auge zugetan hatte in der Nacht. Und mit einem Mal, ohne dass ich nach der Erkenntnis verlangt hatte, kam mir der Gedanke, weshalb James in der Nacht zuvor womöglich so versessen darauf gewesen war zu reden. Weshalb keines meiner Worte ihn groß interessiert hatte, weil es nie um meine Worte gegangen war. Ich war nur das Mittel zum Zweck gewesen, um dem Schlaf zu entkommen. Ich blinzelte, bewegte den Kiefer ein wenig und wandte den Blick dabei ab. Dumm war ich gewesen etwas… anderes darin vermutet zu haben. Ich konnte es spüren, wie es mich mitnahm. So dumm gewesen zu sein. Aber immerhin ergab es einen Sinn jetzt. Immerhin hatte ich jetzt eine Antwort und im wesentlichen hätte diese mich milde stimmen sollen. Aber das tat sie nicht. Sollte ich stattdessen Genugtun darüber empfinden, dass ich so ein schlechtes Mittel zum Zweck abgegeben hatte? Mein Blick glitt zurück zu Ardin, der noch immer dünn und erschlagen wirkte, wie ein Mann, der große Schmerzen ertragen hatte. Nein. Die Antwort war simpel und schlicht. Da war keine Genugtun. Es gab Dinge, die wünschte ich nicht einmal Ardin James. Sollte ich Schuld empfinden darüber, dass ich James hatte einschlafen lassen? Ich wartete darauf, dass sie mich vielleicht überkam. Aber da war nichts. Vielleicht war auch Schuld ein erschöpfliches Gut und eines Tages blieb nur noch Leere übrig.

Geht es dem Jungen gut. Die Frage stand noch immer im Raum und noch immer spürte ich die Abneigung sie zu beantworten, ganz als gäbe ich damit nicht nur etwas aus meinem Inneren preis und wusste ich doch, was James daraus machen würde, sondern auch noch über meinen Jungen. Der so schwach und verletzlich war. Aber ich würde bald nicht mehr da sein, ihn zu schützen. Mir würde bald nichts anderes übrig bleiben als zu hoffen, dass Ardin ihn nicht nur als meinen Sohn betrachtete. Ich musste auf die Hoffnung setzen, etwas anderes blieb mir nicht. Ich musste diese Frage beantworten und hoffen, dass James das Wissen zum Wohl des Jungen nutzen würde und nicht zu seinem Schaden. „So weit…“, begann ich, aber meine Stimme war hohl, kaum hörbar dabei, ich schluckte, leckte mir über die rissigen Lippen. „Er ist zäh“, sagte ich dann und ohne es darauf anzulegen klang der glühende Vaterstolz in mir durch, „Und der Tee hat gut gewirkt. Aber er hat… er hat viel mitgemacht.“ Mein Blick brach und ich starrte auf die Tischplatte. „Er braucht das, James. Er braucht das hier. Eine Familie, etwas, was sicher ist und gut, um vielleicht…“ Ich spürte die Hitze in meinem Gesicht, das Brennen in meinen Augen und ich biss den Kiefer zusammen, bis ich meinte irgendwie weiter sprechen zu können. „…vielleicht das heilen zu lassen, was man nicht sieht.“ Ich schluckte schon wieder, hart, schmerzhaft. Was machte ich hier eigentlich? Ben war mein Junge und er hatte Schäden, die man nicht sehen, die man nicht würde einschätzen können, die er in James‘ Familie tragen würde. Ich sollte nicht weiter sprechen, das wusste ich. Margory hatte mir ihr Wort gegeben. Aber Margory war nicht hier und wer wusste schon wie schwer James all diese Defizite werten würde, die ich hier unabsichtlich angebracht hatte. Ben war nur ein Junge und ich hätte erwartet, was immer zwischen James und mir war, dass es seine Grenzen hatte. Das unsere Kinder ganz sicher und behütet weit jenseits dieser Grenze lagen. Aber hier, an diesem grauen Morgen an James‘ Küchentisch und mit der letzten Nacht im Nacken, war ich mir dessen nicht länger sicher.
Otis schwieg eine Weile nachdem ich gefragt hatte und ich senkte den Blick ein wenig. Ich konnte nicht sagen weshalb. Aber ich wartete. Noch zu erschlagen um ungeduldig zu sein. Nicht nach dieser Nacht. Erst als Rhode sprach hob ich wieder den Blick um ihn anzusehen. So weit. Der Junge war zäh. Ich nickte. Das war gut. Das brauchte der Junge auch. Diese Zähigkeit. In dieser Welt kam man nicht weit wenn man nicht zäh war. Ich bewunderte es dennoch stumm. Verstand den Stolz in Rhodes Stimme. Er hatte jedes Recht dazu. Stolz zu sein. Mir wäre es mit meinen Kindern nicht anders gegangen, auch wenn ich froh darüber war, dass sie nichts dergleichen hatten erleiden müssen. In dem Alter. In Freds Alter. Er hatte viel mitgemacht… Ja, das konnte ich mir vorstellen. Das was Jackdaw von Cyneburg wusste war sicher nur ein Ausschnitt. Es war sicherlich nur das, was sie und Otis heraus gefunden hatten. All die Stunden, die der Junge alleine mit der Familie gewesen war, kannte niemand.

Er braucht das, James. Diese Heftigkeit, wenn nicht in Otis Stimme, dann in seinen Worten, mit der er mich ansprach, den Blick selbst noch auf die Tischplatte gerichtet. Ernst sah ich Rhode an. Hörte was er sagte. Über die Familie. Normalität. Ich schluckte, senkte selbst den Blick. „Ich weiß…“, flüsterte ich rau und es war keine Verbesserung, keine Maßregelung oder Rechtfertigung, wie ich sie gerne in diese Worte Rhode gegenüber legte. Kein „du musst mir nicht erklären wie mein Job funktioniert“. Nur eine Feststellung. Ich weiß. Und ich wusste. Ich war mit Schuld an dem was dem Jungen passiert war. Ich wusste, dass er hatte leiden müssen. Ich wusste, dass er eine Familie verdient hatte. Judiths Sohn. Und ich wusste, dass ich das nicht gesagt hatte. Dass ich es Margory überlassen hatte, das zu sagen. Dass ich feige gewesen war. Ich weiß.

Das heilen lassen, was man nicht sieht. Ich presste die Kiefer aufeinander, schluckte. Sah Otis so wenig an, wie der mich ansah. „Tut mir Leid.“, brachte ich heiser hervor. Ja, verdammt, es tat mir Leid. Dass Otis so etwas über seinen eigenen Jungen sagen musste. Dass er ihm nicht bieten konnte, was der brauchte. Dass er ihn in einer Familie untergebracht hatte, die dem Jungen nicht wohlgesonnen gewesen war. Ich wusste, dass Rhode Mitschuld daran trug. Große Mitschuld sogar. Ich hatte es ihm immer wieder vorgeworfen. So häufig. Aber Mitschuld hin oder her, es war wie es war, oder wie hatte Otis das letzte Nacht gesagt? Ich glaube ich hatte nie zuvor Otis gegenüber mein Leid ausgedrückt, aber jetzt da ich es tat, kam es mir unzulänglich und erbärmlich vor und fast fürchtete ich, Otis würde mir die Worte verächtlich zurück schleudern. Toben über so viel… Ich kannte ihn, er wollte kein Mitleid. Nicht von mir. Aber was hätte ich sagen sollen?

Jackdaw wusste Worte, die ich sagen sollte. Jackdaw wusste sowieso immer alles besser. Aber diesmal… diesmal hatte sie vielleicht recht. Diesmal musste ich vielleicht auf das Wort einer dummen Dohle vertrauen, wenn es mir selber nicht gelang zu sagen was ich sagen sollte. Und obwohl die Worte albern und absurd in meinen eigenen Ohren klangen, sprach ich sie aus. „Er wird sie bekommen, die Familie… die Familie, die er braucht… ich versprechs dir… in Ordnung? Ich pass auf ihn auf. Ich war dabei als wir…“ Ich schüttelte den Kopf, biss mir auf die Unterlippe, der Blick unstet und ohne Ziel. Ich fand die Worte nicht, die ich suchte und diesmal wagte ich es nicht, auszusprechen, was Jackdaw mir vorschlug. „Ich pass auf ihn auf.“, wiederholte ich nur und hoffte, dass die Worte irgendwie ausdrücken konnten, was ich sagen wollte, so unpassend sie mir auch erschienen. Ich konnte gar nicht glauben, dass ich auf diese Weise mit Otis Rhode sprach. Dass ich diesem Mann ein Versprechen gab. Aber ich wusste, dass es überfällig war. Ich hätte es schon am Abend davor tun sollen. Ich hätte… Ich schüttelte nur den Kopf, schluckte, sah Otis dann erst wieder an, versuchte ihm mein aufrichtiges Wort zu geben, so gut ich es vermochte.
„Ich weiß…“ Ich nickte. Ließ jeden Versuch darüber verstummen noch etwas anderes in Worte zu fassen. Schwieg endgültig. Natürlich wusste James, so wie er alles wusste. Und in diesem Fall glaubte ich es ihm sogar. Aber das zu wissen, bedeutete die eine Sache. Ich sah nicht auf. Es bedeutete nicht, dass mein Junge, das was er brauchte auch hier finden würde. Dass James bereit gewesen wäre ihn bei sich aufzunehmen.

Mein Blick hob sich erst, als James sich entschuldigte. Oder… nicht direkt entschuldigte. Es tat ihm Leid. Was denn?, kam die lahme Frage in mir auf. Ich sah noch ein wenig mehr auf, begegnete James Augen. Er sah mich an, wie er mich noch nie angesehen hatte. Wie ein verletztes Tier, das man an einem Straßenrand gefunden hatte. Ein Tier, für das es schon keine Hoffnung mehr gab. Das man nur noch mitleidig anstarren oder aus seinem Leid erlösen konnte. Kraftlos ließ ich den Blick wieder sinken. Ich konnte ihm nicht widersprechen, denn ich sah sie ebenso wenig. Die Hoffnung für mich. Aber das zählte nicht. Denn mochten sie noch so begrenzt sein, noch gab es die paar Jahre, die meinem Jungen blieben. Diese Jahre, die gut werden sollten. In denen ich ihm ein gutes Leben ermöglichen wollte, nach allem was ich ihm bereits angetan hatte in seinen jungen Jahren. Dafür zählte es noch ein paar Jahre jedes Leid zu ertragen, gegen jede mögliche Erlösung anzukämpfen und weiter zu leben.

Und dann gab Ardin mir dieses Versprechen. Ein Versprechen, das ich nicht erwartet hätte. Nicht mehr seit dem gestrigen Abend. Und doch war es da und konnte ich nichts daran finden, das nach Lüge oder Verrat geklungen hätte. Es klang gepresst, fast wiederwillig, aber in keiner Faser unaufrichtig. Doch James beließ es nicht dabei, fuhr fort. Er wäre dabei gewesen, als wir… Als was? Unwissend zog ich die Brauen zusammen, während James abbrach und ich wusste, ich hätte den Worten keine Bedeutung beimessen sollen. Nicht in Anbetracht des Versprechens, das er direkt noch einmal bekräftigte. Ernst. Und ich nickte noch einmal. Sah wieder auf und war überrascht wie viel von dieser blanken Aufrichtigkeit in James Zügen geschrieben stand. „Danke“, sagte ich leise, als er meinem Blick wieder begegnete. Sah ihm entgegen, die Lippen zusammengepresst. Es war mir ernst damit. Ich konnte seine Worte noch einmal hören. Ich war dabei als wir… als wir… als wir… den Teufel beschworen und du deinen Jungen verkauft hast? Ich presste die Zunge gegen die Innenseite meiner Frontzähne. „Manchmal denke ich, wir haben nichts gewonnen.“ Ich dachte an die Schuld zurück, die in den Worten mitgeklungen hatte. Die Art wie James eben noch gesagt hatte, dass es ihm leid tat, wie er mich angesehen hatte. Und ich tat etwas, bevor ich auch nur ein zweites Mal darüber nachgedacht hätte. Undurchdacht und dumm quollen mir die Worte über die Lippen und ich konnte sie nicht davon abhalten. „Es tut mir Leid, dass ich dich damals gefragt habe.“ Irgendjemanden hätte ich fragen sollen, irgendjemanden der Hexen, die wir in den vergangenen Jahren aufgesucht hatten, um etwas über unsere erbärmliche Art zu erfahren, wie die unwissenden Kinder, die wir waren. Irgendjemanden. Und nicht einen Mann und seine Frau mit hinein ziehen, die ein gutes Heim und unbeteiligte Kinder hatten. Ich sollte ihnen nicht einmal das jetzt aufbürden. Aber das war mein Junge und es war der letzte Weg, der mir blieb, ich hätte ihn nicht ungenutzt lassen können, um keinen Anstand der Welt. Ich schüttelte den Kopf hart und unwirsch. Es war wie es war, ich konnte es nicht mehr ändern.
Danke. Ich presste die Kiefer zusammen, zwang mich Rhodes Blick standzuhalten während der die Lippen zusammen gepresst hatte. Kein empörter Aufschrei, Rhode wehrte sich nicht einmal gegen mein Bedauern. Und so albern mein Versprechen auch geklungen hatte, er nahm es ernst. Es bedeutete ihm etwas. Ich konnte es in seinen Augen sehen. Ich schluckte. Nickte, wie um es noch einmal zu bestätigen. Mit Gesten, statt mit Worten, weil mir letztere zur Zeit auszugehen schienen. Aber ich meinte es ernst. Und er meinte es ernst. Und das war an sich schon etwas neues wenn man es so betrachtete.

„Es tut mir Leid, dass ich dich damals gefragt habe.“ Fast irritiert zog ich die Brauen zusammen, versuchte zu verstehen. Ich hatte nicht mit einer Entschuldigung von ihm gerechnet. Überhaupt fühlte es sich so seltsam ungewohnt an, wie oft wir gerade das Wort „Leid“ einander gegenüber in den Mund nahmen. Zwei war unser persönlicher Rekord. Aber ich verstand mit einem Mal was Otis meinte. Damals. Der Junge. Die Teufelsbeschwörung. Ich senkte den Blick sobald ich verstand was er meinte. Schüttelte dann fast unwirsch den Kopf. „Das muss es nicht.“, sagte ich sachte, aber meine Stimme brach schon nicht mehr, nahm an Rauigkeit ab. Als kehrte ich langsam wieder zurück in die Welt der Lebenden. Ich fragte mich woher diese Entschuldigung kam, wie Otis darauf gekommen war, dass es… dass es mir Leid tat. Auch das… damals. Jackdaw musste es mir erzählen. Meine Erinnerung auffrischen. Darüber wie ich mich gestern abend vergessen hatte. Sie tat es behutsam. Meine Mundwinkel zuckten kurz lakonisch in die Höhe, bevor sie zu einem kraftlosen Lächeln verebbten. „Es hat auch etwas Gutes.“, stellte ich fest. „Es ist wie eine Taufpatenschaft, nicht wahr?“ Da war der Anflug eines traurigen Lachens auf meinen Zügen, ich spürte es, wie es in der Abgeschlagenheit nach dieser Nacht versandete. Aber ich meinte es ernst. Es war eine Bindung, die sich nicht wieder lösen würde. Wir hatten getan was wir getan hatten. Ich hatte damals nicht gewusst, wohin das führen würde. Aber ich war mir heute dessen bewusst. Ich bedauerte vieles davon, aber nicht die Art, wie es Margory und mich an Otis und seine Familie gebunden hatte. Obwohl oder gerade weil es uns mitschuldig gemacht hatte.

Das alleine zu erkennen, war erstaunlich genug. Ich hatte es nie zuvor so gesehen. Und ich hatte nie zuvor mit Otis darüber gesprochen. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen. Aber heute morgen war vieles anders. Der Gedanke, jemand anderes hätte Otis diesen Dienst erweisen können damals, jemand der seine Aufgabe erfüllt und Otis dann den Rücken zugekehrt hätte, fühlte sich absurd und seltsam fremd an. So als müsste ich bei dem Gedanken alleine schon eifersüchtig werden – und ich hätte nicht einmal gewusst, weshalb. Das war nichts beneidenswertes. Ich wurde wieder ernster, schüttelte entschlossener den Kopf, den Blick auf die Tischplatte vor mir gerichtet. „Es war nur logisch, dass du zu mir gekommen bist. Ich glaube ich hätte es dir übel genommen, wenn du jemand anderen gefragt hättest.“ Jetzt musste ich doch traurig grinsen bei dem Gedanken. Ja, ich hätte es Otis übel genommen. Heute auf eine andere Weise als damals. Aber dennoch wäre es die selbe dumme, eifersüchtige Wut gewesen, ohne dass Otis Rhode sie jemals verdient hätte.
Ich hatte nicht darauf gewartet, dass Ardin James mir in dieser Sache die Absolution erteilte. Hatte ich verdammt nochmal nicht. Hatte ich? Ich hatte mich nicht entschuldigt um zu hören, dass es mir nicht leid tun musste. Jedenfalls hätte ich das bis eben noch bis auf meine verkaufte Seele hinab beschworen. Aber in dem Augenblick in dem ich Ardins Worte hörte, wusste ich, dass das eine Lüge gewesen war. Die Wahrheit war: Ich hätte nie erwartet, diese Worte zu hören, aber ich hätte bis zu diesem Augenblick, da sie auf meine Ohren trafen nicht gewusst, wie sehr ich mich nach ihnen gesehnt hatte. Nicht weil sie irgendetwas besser gemacht hätten, an dem was ich getan hatte. Aber weil, und es beschämte mich mir das einzugestehen, aber sie berührten etwas tief in meinem Inneren, legten sich mit tröstender Wärme um es und gaben ihm ein paar Momente des Friedens.

Es hätte etwas Gutes, ich ließ mich verwirrt aus diesem Moment wegreißen, sah Ardin in vollkommener Ahnungslosigkeit entgegen. „Es ist wie eine Taufpatenschaft, nicht wahr?“ Ich starrte James noch für mehrere Augenblicke leer an, bis ich irgendwann begriff, den Blick senkte und das Lächeln auf meinen eigenen Lippen spürte. Ich hätte nicht sagen können, wie lange es her war, dass ich gelächelt hatte, so fremd fühlte es sich auf meinen Zügen an. „Judith wollte damals, dass ich dich frage“, kam es mir über die Lippen. „Dich und Margory.“ Ich presste die Lippen zusammen. Es hatte damals ihr Äußerstes gebraucht, dass ich Ardin auch nur zu Bens Taufe eingeladen hatte. Mehr wegen Margory hatte ich es schließlich getan. Wegen ihr und Judith eben. Ich hatte damals schon keine Freunde gehabt, die mir nahe genug oder auch nur geeignet gewesen wären, dass ich ihnen meinen Jungen anvertraut hätte – mehr noch, in meiner unsäglichen Arroganz hätte ich nie erwartet, dass Ben je Paten brauchen könnte. Und Judith hatte am Ende eben ihre Familie gefragt, die Schwester, die ihr am nächsten stand und ihr unseliger Mann, der wohl mein Schwager war. Ich starrte glasig zu dem schlafenden Ben hinüber. „Ich hät’s tun sollen. Seine Paten sind…“ Ich verstummte, mir kam nicht einmal ein Wort in den Sinn, das diese Leute nur ansatzweise hätte beschreiben können. Ich schüttelte den Kopf, sah wieder zu Ardin, eindringlich. „Wenn ich sterbe, ja? Dann darf er nicht zurück zu ihnen.“ Es war keine Bitte, es war eine Feststellung und ich wusste, dass ich es zu weit trieb. Meinen Jungen Ardin unter zu schieben und finanziell für ihn aufzukommen war das eine, aber ein annähernd mittelloses Kind dem nur die karge Hinterlassenschaft seines Vaters bliebe das andere. Ich musste leben, Judiths wahre Todesumstände weiter für mich behalten, um zu verhindern, dass es so weit kam. Aber wie viel Einfluss hatte ich am Ende schon auf mein eigenes Überleben? Hier in diesen Straßen, in die man uns versetzt hatte, im Besonderen. Und dennoch, Ben konnte nicht zurück. Niemals. Unter keinen Umständen. Ich sah Ardin noch einen Moment länger an, um zu prüfen ob er begriff, wie wichtig das war, und zum ersten Mal stellte ich mir die Frage, warum er überhaupt begreifen sollte.

Was wusste er schon was Bens sogenannte Paten getan hatten? Was ich gestern getan hatte? Und doch schien… ich zog verunsichert die Brauen zusammen… und doch schien Ardin es zu wissen. Er hatte Ben am Abend gesehen. Er hatte mich gefragt, ob es Tote gegeben hatte. War das nur Kombination gewesen? Oder… mein Blick glitt zu der Dohle ab, die an Ardins Seite saß wie ein treuer Hausgefährte, ich sah zu meiner genüsslich dösenden Vertrauten, dachte an die Art zurück, wie sie am Abend vor dem Herd gelegen hatte. Selbst der fette Kater, der sie sonst nicht auf drei Fuß in seine Nähe ließ, war begierig zu ihren Pfoten gelegen. Ich senkte den Kopf, meine Hände fanden fast reflexartig in mein Gesicht, ich rieb müde darüber, verharrte mit den Fingerspitzen meiner zusammengelegten Hände einen Moment vor den Lippen wie im frommen Gebet vertieft. „Die Viecher bringen mich noch um“, brummte ich vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen, ließ die Hände dann wieder sinken.

Ich sah Ardin entgegen als er fortfuhr. Dass er es mir übel genommen hätte, wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre. Ich blinzelte, mein Blick brach weg ins Bodenlose, hielt sich irgendwo an der Maserung der Tischplatte fest. Als bräuchte er ebenso wie ich selbst einige Momente sich zu fassen und als ich wieder aufsah, da war meine Stimme fast tonlos als ich sprach. „Ich bin froh, dass ich zu dir gekommen bin.“ So leid es mir auch tat, so wenig ich das heute noch hätte leugnen können. Aber ich war froh, dass es Ardin und seine Frau waren, die mein Abkommen mit dem Teufel bezeugt hatten und nicht etwa ein Fremder. „Ich bin froh, dass du jetzt sein Pate bist“, fügte ich dann hinzu, ein leise verstohlenes Grinsen auf den Lippen. „Und sollte das je einer anzweifeln, sag ihnen der verdammte Gregor hat es bezeugt.“
Ich als Bens Patenonkel. Ich war mir in diesem Moment sicher, wenn Otis mich damals wirklich gefragt hätte, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Nein, Bens Geburt und ein halbes Jahr später die von Fred, hatten zu einer Zeit stattgefunden, da Otis Rhode wenig mehr als ein Kollege und seine Frau Judith eben Margorys Freundin gewesen war. Für Margory hätte ich es vielleicht getan. Aber ich hätte mich trotzdem gefragt, wie sich Otis hatte überreden lassen können. Heute wäre es vielleicht anders gewesen. Falsch, heute war es anders. Otis war immer noch mein Kollege, seine Frau mittlerweile tot. Aber ich war dabei gewesen, als er seinen Jungen gerettet hatte indem er dem Teufel seine Seele verkauft hatte und jetzt, ja, jetzt war ich dabei gewesen als er Ben vor seiner eigenen Familie gerettet hatte.

Er hätte es tun sollen… Vielleicht. Ich konnte wenig dazu sagen außer dass ich die Geste damals wohl nicht zu schätzen gewusst hätte, aber ich schwieg, sah ihn nur an. Beobachtete wie er den Blick zu seinem Jungen wandern ließ, den ich von hier aus nicht sehen konnte. Es war ein plötzlicher Moment in dem er mich wieder ansah. Den Kopf schüttelnd sah er mir so direkt in die Augen wie Otis Rhode mich bisher wohl noch nie angesehen hatte. „Wenn ich sterbe, ja? Dann darf er nicht zurück zu ihnen.“ Immerhin gab es noch ein „Ihnen“. Immerhin waren sie nicht tot. Auch wenn ich hätte nachvollziehen können wenn Otis diesen letzten Schritt auch noch gemacht hätte. Falsch, ich hatte damit sogar gerechnet. Ernst sah ich zu ihm zurück. Nickte dann. Ich hätte sagen können „Du wirst nicht sterben“ oder „Denk nicht über sowas nach“. Aber all das wäre gelogen gewesen. Wir sterben alle einmal. Und es war für einen Polizisten nur eine Frage der Zeit. Besonders hier in Whitechapel. Es war nur realistisch mit der Möglichkeit zu rechnen. Jeder Vater wäre einfältig, wenn er diese Möglichkeit nicht in Betracht zog und für den Fall vorsorgte. Es wäre töricht gewesen, seine Familie diesem Schicksal zu überlassen, ohne sich auch nur ein einziges Mal mit der Möglichkeit auseinander gesetzt zu haben. Ja, ich verstand was Otis meinte. „Dem Jungen wird es bei uns gut gehen, egal was passiert, ich gebe dir mein Wort.“, erklärte ich dann überflüssigerweise. Aber ich wollte, dass Otis das seinerseits verstand. Dass es in seinen Kopf ging. Dass er sich keine Sorgen mehr machte. Warum auch immer mir das plötzlich so wichtig war. Wer war ich, Otis Rhode all die Last abnehmen zu wollen, die er selbst verschuldet hatte? Aber Judith, das war das eine. Judiths Familie, das hatte niemand wissen können. Nicht einmal ich, der ich immer wieder darauf gedrängt hatte, er möge sich um Ben kümmern. Nicht einmal mit solchen Konsequenzen hatte ich gerechnet. Aber vielleicht war das einfach Whitechapel.

Mein Blick glitt zu Otis zurück als der ohne Vorwarnung oder erkennbaren Zusammenhang leise sprach, wie zu sich selbst. Er hatte die Hände gefaltet, die Fingerspitzen an die Lippen gelegt. Eine ungewöhnliche Haltung, die ich so noch nicht an ihm gesehen hatte. Aber sie sprach Bände. Ich konnte nicht anders als zu lächeln, auch wenn die Worte vielleicht nicht für mich bestimmt waren. „Wen nicht?“, antwortete ich leise scherzend auf seine Feststellung. Der Gedanke hatte etwas erheiterndes, dass Otis genauso unter Cyneburg leiden mochte, wie ich unter Jackdaw. Auch wenn sie das nicht gerne hörte und mich als einen Jammerlappen bezeichnete und kurz darauf Cyneburg mit glühender Leidenschaft verteidigte. Ich konnte sie verstehen, Cyneburg war ein aufopferungsvoller Begleiter, so wie sie dort unten außerhalb meiner Sicht schlafend mit einem kleinen Kind zusammen lag. Nicht wie etwaige Dohlen. Aber es hatte eine gewisse Ironie an sich, wie diese Dämonen sich miteinander verbündeten wann immer Otis oder ich nicht hinsahen. Auch darüber hatten wir bislang nie gesprochen. Aber es war mir aufgefallen. Zu oft. Und ich hatte Jackdaw mindestens genauso oft vergeblich zur Raison gerufen. Sie hörte ja doch nicht auf mich. Und meinte auch noch, das wäre gut so. Ja, sie würde ein einsames Leben führen wenn sie auf mich hören würde, ja ja ja… Diese arme gemaßregelte Dohle. Ich warf ihr einen finsteren Blick zu, ein stummes vorwurfsvolles „Bitte.“.

„Ich bin froh, dass ich zu dir gekommen bin.“ Meine Augen wanderten fort von Jackdaw, zurück zu Otis. Ich beobachtete ihn, hörte ihm ruhig zu. Lächelte dann ohne es verhindern zu können, als er mich in Anspielung auf meine vorigen Worte zu Bens Paten erklärte. Ich lächelte immer breiter. Und als Otis grinste und den verdammten Gregor anbrachte, da konnte ich gar nicht mehr anders als selbst zu grinsen. Ich lachte leise amüsiert auf, wirklich ehrlich freudig über dieses Bild vor meinem inneren Auge und ich konnte nicht sagen, wann ich schon einmal ehrlich auf diese Weise mit Otis gelacht hatte. Nicht über ihn, sondern mit ihm. Es fühlte sich ungewohnt und seltsam faszinierend an. Ich schüttelte den Kopf, nicht darüber hinweg kommend. „Darauf kannst du Gift nehmen.“, erklärte ich noch immer grinsend. Meine liebste Versicherung darüber, dass ich etwas ernst meinte. Und voller Inbrunst gesprochen.

Nur langsam erholte sich meine Stimmung wieder, wurde das Grinsen zu einem Lächeln und mein Blick zaghaft wieder ernster. „Danke.“, sagte ich dann, mich meinerseits bei Otis bedankend, ihn diesmal direkt ansehend. Danke für diese Ehre. Ich wollte ihm noch mehr sagen, noch so viel mehr. Woher all das kam, wusste ich nicht. Und ich fand kaum Worte dafür, das war das schlimmste daran. Aber das Gefühl blieb. „Du…“, begann ich fahrig, den Blick verlegen auf die Tischplatte zwischen uns gerichtet. „…du bist ein Freund, weißt du das?" Hatte ich das wirklich gerade gesagt? „Und du bist hier immer willkommen, in Ordnung? Egal was ich sage, hör mir einfach nicht zu, ja? Und nicht nur wegen Margory oder wegen dem Jungen. Sondern…“ Ich atmete tief durch weil mir die Worte schwer wie Blei auf der Zunge lagen und ich doch diesen Drang verspürte sie auszusprechen. Ich schwieg dennoch viel zu lange. „Ich habe nur diese eine… eine Bedingung…“ Ich war niemand, der nervös wurde. Und doch wurde ich es gerade. Meine Hände wurden kalt, ich hörte meinen eigenen Herzschlag in den Ohren und alles was ich sagte, fühlte sich derart fremd und albern an. Ich hätte über mich selbst lachen mögen. Aber es war zu ernst was ich zu sagen hatte. „Sagen wir der alte Gregor meinte es lustig mit uns und es sollte mich zuerst erwischen… hab ein Auge auf Margory und die Kinder, ja?“ Ich hob den bittenden Blick zu Otis. Es hätte fast ein Flehen in meinen Augen sein können. Ich wusste, das war viel verlangt. Viel verlangt von einem Mann, der seine eigene Familie zu großen Teilen verloren wusste. Aber es musste sein. „Ich bitte dich. Es muss nicht heute und nicht morgen sein, ich hoffe doch uns bleibt noch etwas Zeit. Es geht auch nicht um die Mittel, nur darum, dass sie jemanden haben... Dass..." Ich stockte, biss mir auf die Unterlippe. Sah Otis an. „Würdest du es tun?“
„Dem Jungen wird es bei uns gut gehen, egal was passiert, ich gebe dir mein Wort.“ Ich nickte, hart, dankbar. Konnte es noch immer kaum fassen und hatte doch keinen Anlass an Ardins Worten zu zweifeln. Mochte ich ihm vorwerfen, was ich wollte, aber er war kein Mann, der sein Wort brach. Einmal gegeben konnte ich mich auf das verlassen, was er mir zusagte und in diesem Fall, als einzig verbliebener Sorgender für den Jungen, war dieses Wort das kostbarste, was es gab. Die Gewissheit dass, so sehr ich auch verhindern wollte, dass es dazu kam, für meinen Jungen gesorgt war, wenn mich der Teufel denn früher und endgültiger wiedersehen wollte, als mir lieb war.

Wen brachten diese Viecher nicht um den Verstand? Das Lächeln in Ardins Stimme. Ich ließ die Hände sinken, sah hinüber zu James, nur um es auch in seinem Gesicht wieder zu finden. Vage nur sah ich in seine Richtung, nicht ganz sicher, was ich mit dem Blick herauszufinden gedachte. Vielleicht weshalb Ardin sich dazu hinreißen ließ mir auf diese Art etwas über sich und seine Vertraute preis zu geben. Nicht dass ich noch nicht mitbekommen hätte, dass er seinen eigenen Krieg mit diesem Viech führte, dass der Teufel ihm zugedacht hatte. Ich hätte blind sein müssen, dass es mir entgangen wäre, aber das bedeutete nicht, dass wir je darüber gesprochen hätten, dass er mir das, was ich mir durch die Beobachtung zusammengereimt hatte, je durch an mich gerichtete Worte bestätigt hätte. Bis eben. Verstanden hatte ich es nie, tat das auch jetzt nicht. Mit einer Dohle konnte man immerhin etwas anfangen. Eine Dohle war klug und gelehrig. Eine Dohle war nützlich und unauffällig. Eine Dohle hätte nie so viel Blut gesoffen, das es jedes verdammte Mal einem Aderlass gleich kam, oder mich mit ihrem bloßen Antlitz regelmäßig zu Tode erschreckt. Selbstredend hatte ich Ardin das nie gesagt, aber im Stillen hatte ich ihn mehr als einmal um seine Begleiterin beneidet. Doch spätestens seit heute nahm ich an, dass selbst eine Dohle am Ende des Tages wohl nicht minder geschwätzig und nervenzermürbend war wie eine Hündin. Scheinbar gehörte es zum Bestandteil der Arbeit eines Vertrauten seinen Herren um den Verstand zu bringen und irgendwie war ich mir meiner gestrigen Worte nicht länger so sicher. „Möglich, dass er uns doch in den Wahnsinn treiben will“, brummte ich, halb amüsiert, halb bitter. Womöglich hatte der Teufel es doch nur darauf ausgelegt uns um den Verstand zu bringen. Wenn nahmen die Viecher dabei jedenfalls eine Schlüsselrolle ein.

Ardins verschwörerisches Versprechen auf meine Instruktionen hin, was zu tun sei, wenn je einer seine Patenschaft für Ben anzweifeln sollte, ließ mein Grinsen nur noch breiter werden. Dreckig als hätten wir gerade einen Clou nicht gekannten Ausmaßes zusammen geschmiedet und ich hätte es gerne gezügelt, weil das immer noch Ardin James war, der mir gegenüber saß, aber irgendwie wollte es sich ganz und gar nicht mäßigen lassen. Und ich ließ die Bemühung fallen, wollte den Triumph über unsere herrliche Verschlagenheit noch ein wenig auskosten. Weil ich hier mit James am Tisch saß und über den Teufel höchst selbst scherzte und es auf der ganzen weiten Welt keinen anderen gegeben hätte, mit dem ich das hätte können. Keinen anderen, der Bens Pate hätte sein sollen.

„Danke.“ Ardin sah mich direkt an und mein Grinsen verblasste dabei mit einem Mal doch. Ich hätte gerne weg gesehen, wäre dem Moment gerne entflohen und konnte selbst nicht genau sagen weshalb. Es fühlte sich nicht unangenehm an, im Gegenteil. Ich konnte den Ernst und die Aufrichtigkeit in diesem einen Wort spüren. Die Wärme dabei, nach der ich gierte wie ein halb erfrorenes Kind. Und doch wünschte ich mir, James hätte sein in den letzten Monaten zur Routine gewordenes Verhalten nie gebrochen. Ich wünschte so viel mehr er würde mich anbrüllen, mir weiter jeden Vorwurf machen, den ich nur zu sehr verdient hatte zu hören. Ich wollte diese Wärme und diesen Frieden nicht, den ich nicht im Ansatz verdient hatte. Weil ich manchmal fürchtete, wenn ich das Gute nur wieder zuließ. Die Wärme und den Frieden. Dass ich mich dann daran gewöhnen könnte. Dass ich Lernen könnte mit der Schuld zu leben und mich und das Abkommen, das ich mit mir hatte, damit selbst verraten könnte, wenn es soweit war.

Aber jeder dieser Gedanken wurde bereits von Ardins nächsten Worten weggewischt. „Du… du bist ein Freund, weißt du das?“ Ardins Blick lag auf der Tischplatte und einen Moment zweifelte ich, dass er auch nur einen Laut von sich gegeben hatte. Ich schüttelte langsam den Kopf. Nein, das wusste ich nicht. Und ich verstand es nicht. Weshalb jetzt? Vor einigen Monaten. Anfang des Jahres vielleicht. Vor all den Jahren als wir uns kennen lernten. Als wir noch jung gewesen waren, das Leben noch vor uns gelegen hatte. Kürzlich zurückgekehrt in dieses Land, frisch verheiratet, mit der Hoffnung auf eine Karriere, welche die Grenzen unserer Schicht weit überschritten hatte, und in der Gründung einer liebenden Familie. Ich fragte mich, ob es das war, was wir damals hätten tun sollen. Freundschaft schließen. Aber wir hatten es nie getan. Trotz aller vom Teufel verfluchter Gemeinsamkeiten, trotz allem, was wir gemeinsam durchgestanden hatten. Vom ersten Augenblick gegeneinander aufgehetzt wie ausgehungerte Hunde. Durch den ewigen Leistungsdruck unseres Umfelds, den kaum erreichbaren Erwartungen unserer Vorgesetzten und unsere eigenen hochgesteckten Ansprüchen. Wir hätten Freunde sein können, wir hätten dem trotzen und uns gegen all das verbünden können, es gemeinsam durchstehen. Gemeinsam durchgestanden hatten wir es auch so. Alles. Als hätte das Schicksal gar nicht mehr vor uns auch nur für einen Moment voneinander zu trennen. Aber wir waren keine Freunde. Waren wir? Waren wir Freunde, wenn man all das gemeinsam erlebt hat? Wenn man sich immer während an dem anderen gemessen hatte? Sich immer während zu höheren Leistungen angestachelt hatte? Wenn man einander kannte, wie kaum einen anderen Menschen auf dieser Erde? Aber warum jetzt? Jetzt da ich kaum mehr ein würdiger Gegner war. Jetzt da unser Rennen so ein unwürdiges Pflaster erreicht hatte wie Whitechapel. Jetzt da alle Hoffnung so verloren schien. Ich schüttelte noch einmal den Kopf, heftiger dieses Mal, den Blick gesenkt. „‘Ist nicht gut, wenn du vom Stuhl kippst“, stieß ich die Worte von mir, aber mein heiseres Lachen klang mehr nach einem erstickten Schluchzen, was dem rauen Protest schändlich die Wirkung raubte. Verflucht, Otis, reiß dich zusammen. Ich zog die Lippen zwischen die Zähne und verharrte dann kopfschüttelnd mit der Zunge an den Frontzähnen, bevor ich trocken und schwach gestand: „‘Schätze es gab nie ‘nen Freund wie dich.“ Ich sah wieder auf, die Brauen zusammengezogen, hart schluckend. Gab es nicht. In meinem ganzen Leben nicht. Würde es wohl auch nie wieder geben und wär’s anders, dann wäre ich nicht hier gewesen. Dann hätten meine Füße mich nicht ausgerechnet vor Ardin James‘ Tür geführt, wenn ich meinen verletzten Jungen auf dem Arm hatte und keine Zuflucht im ganzen großen London in Sicht. Außer die eine. Die eine Tür, die sich für mich und meinen Jungen geöffnet hatte. Wieder einmal. Trotz allem, was ich schon über Ardins Schwelle gebracht hatte. Was bedeutete das wohl, außer dass man Freunde war?

„Und du bist hier immer willkommen, in Ordnung? Egal was ich sage, hör mir einfach nicht zu, ja? Und nicht nur wegen Margory oder wegen dem Jungen. Sondern…“ Die Stille lag wie ein schweres, gespanntes Tuch zwischen uns. Ich hatte bis zu diesem Augenblick nicht gewusst, was ‚bedeutungsschwer‘ eigentlich hieß. „Ich habe nur diese eine… eine Bedingung…“ Ich sah Ardin weiter stumm entgegen, unsicher ob ich diese Bedingung überhaupt hören wollte. Aber ich hatte keine Wahl. Ich hatte Ardin bereits so wenig Wahl gelassen, dass es wohl nur einer ungekannten höheren Gerechtigkeit entsprach, wenn ich nun meinerseits in Bedrängnis geriet, das dachte ich jedenfalls, bis ich hörte, was die Bedingung sein sollte. „Sagen wir der alte Gregor meinte es lustig mit uns und es sollte mich zuerst erwischen… hab ein Auge auf Margory und die Kinder, ja?“ Da war er mit einem Mal, Ardins Blick in dem meinen und meine Augen weiteten sich instinktiv ob des ungekannten Ausdrucks, den ich darin fand. Diese wortlos verzweifelte Bitte mit der ich ihm ebenfalls begegnet war. Aber meine Frau, sie war tot, gestorben durch meine Hand. Mein Junge geschunden und ohne sichere Obhut. Ich hätte dieselbe Furcht nicht in Ardin vermutet. „Ich bitte dich. Es muss nicht heute und nicht morgen sein, ich hoffe doch uns bleibt noch etwas Zeit. Es geht auch nicht um die Mittel, nur darum, dass sie jemanden haben... Dass...“ Ich starrte Ardin noch immer in derselben beschämend beschränkten Fassungslosigkeit entgegen, als sei ich nicht einmal in der Lage den Inhalt der Worte zu begreifen. Dabei tat ich das nur zu eindrücklich. Vielleicht hätte es mich verwundern sollen, dass Ardin ausgerechnet mich das fragte, aber nach allem, was bereits gesagt war, tat es das schon gar nicht mehr mit dieser Wucht. Es fügte sich vielmehr in ein Bild zusammen, dass ich nie zuvor gesehen hatte, aber das in sich betrachtet eine erschreckende Logik ergab. Es war nicht das, was mich innerlich erstarren ließ. Es war viel mehr… Meinem Jungen blieben die paar erkauften Jahre der Freiheit, aber der Tag, da er dem Teufel gehören würde, war gewiss. In vierzehn Jahren würde ich aller Wahrscheinlichkeit nach nichts mehr für ihn tun können. In vierzehn Jahren war alles, was noch in meiner Macht stand getan, all mein Nutzen verbraucht. Dann war der Tag gekommen, da ich für Judiths Tod Sühne tragen konnte, sei es durch die Justiz dieses Landes oder meine eigene Hand. Das war der Pakt, den ich mit mir selbst geschlossen hatte. Der Pakt mit dem ich mein unbescholtenes Weiterleben, die Vertuschung Judiths Todesumstände, ja, selbst sie zu einer vermeintlichen Selbstmörderin gemacht zu haben vor mir selbst rechtfertigte. Meinem Jungen beizustehen, solange es mir gegeben war und sobald dieses letzte Werk getan war, zu büßen, was ich Unverzeihliches getan hatte. Es hatte etwas fast Tröstliches diese Tage gezählt zu wissen. Die Tage, die ich mit meiner ewigen Schuld noch würde leben müssen, bevor ich mich endlich der Gerechtigkeit beugen würde. Das war mein letzter verbliebener Anstand, den Ardin nun ins Wanken brachte.

„Würdest du es tun?“

Wie könnte ich Ardin das versprechen? Wenn ich doch wusste, dass mir nur noch diese Jahre blieben? Wenn ich ihm das versprach, dann… musste ich dann nicht auch zu meinem Wort stehen? Musste ich dann nicht so lange am Leben bleiben, so es mir gegeben war, um im unseligen Fall der Fälle für Ardins Familie da sein zu können? Ich wäre ein unverzeihlicher Feigling Ardin in dieser Sache zu hintergehen, wenn ich ihm mein Wort geben würde. Aber wäre ich nicht derselbe Feigling, gäbe ich jetzt dieses Versprechen und würde es dann zur Ausrede nutzen der Gerechtigkeit weiter zu entgehen? Mich an mein verdammtes Leben zu klammern, dem Tod und der seelenlosen Verdammnis, die ich so unendlich fürchtete, noch länger zu entfliehen, obwohl ich sie doch bei all meinen unverzeihlichen Taten so unmittelbar verdient hatte?

„Ardin… Alles was in meiner Macht steht. Ich werde es tun“, erwiderte ich ernst, fast heftig, den Mund wie ausgetrocknet und Ardin noch immer mit aufgerissenen Augen anstarrend.

14 Jahre waren eine lange Zeit, um mich der moralischen Implikationen dieser wenigen Worte bewusst zu werden. Einen Ausweg aus dieser Zwickmühle zu finden und wer wusste, ob ich diesen Tag überhaupt je erleben würde, an dem ich mich entscheiden müsste, die eine oder die andere Verpflichtung zu verraten.
„‘Ist nicht gut, wenn du vom Stuhl kippst“ Ich lachte leise amüsiert, aber ohne Otis anzusehen, den Blick erneut auf die Tischplatte gerichtet und das gab der ganzen Sache eine verlegene Note. Wer hätte es mir in diesem Moment auch versagen können? Nein, das war es ganz offensichtlich nicht. Nicht gut, wenn ich vom Stuhl kippte. Da hatte Otis recht. Aber es gab noch mehr das ich ihm sagen musste. Mehr, das ihm wahrscheinlich Sicherheit darüber geben würde, dass ich heute morgen nicht mehr alle beieinander hatte. Aber wer wäre ich, ihm da zu widersprechen? Hier und jetzt, nach dieser Nacht, diesem Morgen. Vielleicht machte es etwas mit einem wenn man sich den Schädel zertrümmerte…

Jetzt stand diese Frage im Raum, diese flehende Bitte meinerseits, die sich beinahe ebenfalls nur durch meinen Sturz erklären ließ. Der gesunde Menschenverstand in mir brüllte dagegen an was ich da von Otis forderte. Aber es war als müssten diese Worte ausgesprochen werden. So lange bis sie eben im Raum standen. Mitten zwischen uns auf dem Küchentisch. Ich starrte in Otis Rhodes Blick. In seine Augen, die mich ebenso starrend unbewegt ansahen als hätte ich Otis bei einem Verbrechen ertappt. Der Herzschlag in meinen Ohren pochte nur umso lauter während ich die Luft anhielt.

„Ardin… Alles was in meiner Macht steht. Ich werde es tun“ Einen Moment länger als nötig sah ich Otis noch an, dessen Blick weiterhin nicht brach. Wagte dann erst wieder zu atmen, die Lippen aufeinander zu pressen und zu nicken. Als wäre es ein Schwur. Schon der nächste Pakt, den wir an diesem Morgen schlossen.

Schließlich wandte ich fast gewaltvoll den Blick ab, konzentrierte mich auf meinen Atem, richtete die Augen auf Jackdaw, die mich stumm ansah als sei sie selber ehrfürchtig geworden vor den Dingen, die wir gesagt hatten. Ich nickte noch einmal, wie zu mir selbst. Ich hatte die Antwort, die ich brauchte. “Danke.“, antwortete ich mit brechender Stimme, sah dann noch einmal kurz zu Otis um ihm meinen Dank auch zu zeigen, ihn nicht nur auszusprechen. Sah dann wieder zu Jackdaw. Ich konnte nicht sagen, dass es sich leichter anfühlte nun zu atmen. Aber es war geschafft.

Jackdaw machte mich auf den Stand der Sonne aufmerksam und zum ersten Mal war ich dankbar für ihre pingelige Drängelei und ihre aufkommende Panik sobald wir auch nur ein Stück von einem gesetzten Zeitplan abwichen. Kurz sah ich zur Versicherung auf das beschienene Dach gegenüber. Ein ungewohnt klarer Tag. “Es wird Zeit, sie werden bald aufstehen.“, erklärte ich, richtete den Blick zurück auf Otis und presste fast entschuldigend die Lippen aufeinander. Ich griff in meine Westentasche, klappte den verbeulten Deckel meiner Taschenuhr auf und warf einen kurzen Blick darauf. Es stimmte. Es wurde Zeit. Schließlich stand ich auf, schob den Stuhl zurück an den Tisch. Mein Blick fiel auf Otis‘ Jungen, der am Boden mit Cyneburg verschränkt schlafend zusammen lag. Ein friedlicher Anblick, den ich mit ernstem Blick musterte. “Komm heute Abend zum Essen.“, schlug ich vor und es war das erste Mal, dass es nicht Margory war, die Otis einlud. “Es wird ihm guttun, dich bald wieder zu sehen. Zur Eingewöhnung.“




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