Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
11.09.1850, Tower of London zwischen Whitechapel und Central London
Society of The methods we employ Rudeness
Bisher war ich nur ein einziges Mal mit der Blackwall Railway gefahren, und zwar bei der Eröffnung der Strecke. Das war mittlerweile neun Jahre her, aber ich erinnere mich noch gut an die Art wie der Schaffner die nächste Station angekündigt hatte. Nächster Halt Cannon Street Road. Ich hatte mich gefragt, wenn du aus jedem Halt den du auf deinem Weg machst, eine Station machen würdest, was wäre das dann nur für eine Bahnstrecke? Tief philosophisch, ich weiß. Aber ich musste daran denken, als wir heute von unserer gewohnten Strecke abwichen und den Schwenk in Richtung Tower Hill machten.

Die klobige Festung erhob sich auf einem sauber gepflegten Grün zwischen einigen Bäumen und Fußwegen, die so parkähnlich anmuteten, dass man hier förmlich riechen konnte, dass man das dicht bebaute East End verließ und wenig später weiter westlich das folgen würde, was man Central London nannte. Aber der Inhalt der Feste war ein so stolzer Teil der Spelunke Whitechapel, dass es die Londoner regelmäßig schockierte, die es wagten nicht nur ihre Besucher in das Gemäuer zu schicken, sondern auch selbst einmal einen Fuß hinein zu setzen. Es hatte also etwas von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung – wie Frederick mir unlängst erklärt hatte – dass der Tower Teil unseres Distrikts war.

Es war nicht ganz von Nachteil, dass die Dinge so standen. Der mehr oder minder heilige Sitz der Kronjuwelen ihrer Majestät – und ich hätte gerne gewusst, wie das biologisch möglich sein sollte – besaß schon aus Gründen des Status und – selbstverständlich – der Sicherheit wegen nicht nur eine eigene Militärabteilung, sondern auch eine Polizei. Männer, die sich verdient gemacht hatten, so etwas wie ihren Vorruhestand in den Mauern zu genießen, denn sie hatten nicht viel zu tun. Dafür waren sie umso geschäftstüchtiger. Und wo Geschäfte gemacht wurden, da war die H Division nicht weit. Unter Gesetzeshütern wusste man sich zu helfen.

Heute allerdings waren wir nicht ihretwegen hier, obwohl wir bei ihnen Halt gemacht hatten, um nach dem Rechten zu sehen. Sondern wegen eines Rufs, der uns über einen Meldejungen erreicht hatte. Wieder einmal. Treffen im Park des Towers. Einen Namen hatte es dazu nicht gebraucht, Rhode und ich kannten ihn auch so. Ein guter Kunde, wenn man es denn so bezeichnen mochte. Charles Langford, Anwalt, Sohn einer gut situierten Familie und… Vampir.

Es gab Dinge, die mich an meinem Hexerdasein zu tiefst störten, aber zu wissen dass Jackdaw die einzige sein würde, die mein Blut auf lange Sicht trinken würde, war doch ziemlich beruhigend. Von allen übernatürlichen Wesen, von denen ich wusste, empfand ich Vampire immer als am furchteinflößendsten. Sie hatten etwas an sich, das mich von Grund auf wachsam werden ließ. Charles Langford war davon keine Ausnahme. Aber man gewöhnte sich daran. Wie man sich daran gewöhnt, nie die Gasse hinter sich aus den Augen zu lassen, wenn man Tag für Tag durch das Labyrinth von Whitechapels Straßen wandert. Die Wachsamkeit wird zum vertrauten Begleiter. Man lebt damit. Und macht das Beste daraus.

Charles Langford machte auch das Beste daraus.

Und so stand ich im Park, nicht weit von den Mauern des Towers entfernt und sah vom Weg hinunter auf sauber angelegte Blumenreihen. Vor jeder der Pflanzen ein kleines metallenes Schild, auf dem in seltsamen Buchstabenkombinationen lateinische Namen für diese Pflanzen graviert waren. „Hey, schau dir das an.“, sagte ich an Otis gewandt ohne den Blick von dem Schild zu heben, vor dem ich stand. Rhode hätte ja sonst doch nur dumm in der Gegend herum gestanden und Löcher in die Luft gestarrt während wir warteten. „Sag mir wie du das aussprechen würdest. Und sag mir, dass du keinen Knoten in der Zunge bekommen würdest, Rhode.“, sagte ich in voller Ernsthaftigkeit, fast erbost als hätten diese Schilder mir persönlich etwas getan, deutete auf dieses hier hinunter und hob nun den Blick um Otis Rhode vorwurfsvoll anzusehen als wäre es auch seine verdammte Idee gewesen, diese Schilder aufzustellen
Ich hatte die Hände in den Taschen meines Mantels vergraben und starrte die nahegelegene graue Mauer an, die hoch vor uns aufragte. Ich kannte den Anblick des Towers mehr als zu genüge, sollte man meinen, war das imposante Gebäude doch gut sichtbar von wo aus ich wohnte. Aber jetzt am Abend, die dunklen Mauern fast schwarz in der Dunkelheit, direkt vor diesem riesigen Steinwall stehend, wirkte die Festung noch so viel eindrucksvoller. Eines der Wahrzeichen unseres Empires, hieß es das nicht? Wie treffend, dass sich dieses über Jahrhunderte hinweg als Bollwerk der Verteidigung erprobte Gemäuer, das einst so bedeutende Institutionen wie die Münzprägeanstalt des Königreichs beherbergte, ausgerechnet zu meinen Lebzeiten zu kaum mehr als einer Zwischenstation für sensationsgierige Durchreisende entwickelte. Jetzt wollten sie doch tatsächlich eine Stelle errichten, an der sich ganz offiziell und in großem Stil Eintrittskarten erwerben ließen. Sie hatten es für das nächste Jahr geplant, hatte einer aus der Tower Police gesagt, vor der Großen Ausstellung im Hyde Park – selbstverständlich. Ich fragte mich, und ich gestand mir selbst ein, wie merkwürdig die Frage war, aber ich fragte mich ob es dem Tower nicht lieber gewesen wäre, wäre er bei dem großen Feuer vor neun Jahren bis auf die Grundmauern abgebrannt. Besser in Würde abgetreten, als sich dieses erbärmliche Nachleben zu geben. Aber natürlich interessierten sich kühle Steinquader nicht für solcherlei Dinge – man konnte sie fast darum beneiden.

Und mitten in diese Gedanken, zerriss Ardin das kostbare Schweigen zwischen uns. Herzlichen Dank auch. Ich fragte mich, was es wohl wert war ihn einfach zu ignorieren, aber ich schätze den Gewinn dessen als gering ein und seien wir einmal ehrlich, ich hatte auch nicht viel besseres zu tun. Also machte ich tatsächlich die paar Schritte zu Ardin hinüber und betrachtete die gravierte Metallplakette, kniff die Augen zusammen, um überhaupt einmal die kleinen Buchstaben im schummrigen Lichtkegel der Gaslaternen entziffern zu können. Ich fragte mich ob die Dohle vorbeigeflattert war, um Ardin einen Tipp aus ihren Augen zu geben, was dort geschrieben stand oder ob der andere mich schlicht zum Narren mit dem unseligen Versuch halten wollte, etwas von den eingravierten Buchstaben bei diesen Lichtverhältnissen zu erkennen. Ich fragte mich auch wo Cyneburg war, wenn ich sie vielleicht einmal hätte gebrauchen können. Oder... eigentlich sparte ich diese Frage geflissentlich aus. Die Antwort war allzu nahe liegend. Vermutlich buddelte sie im gut gepflegten Rasen des Seitenstreifens nach Wühlmäusen und Maulwürfen, wohl wissend, dass ich es verboten hätte, hätte ich sie in der Dunkelheit abseits der von Gaslampen beleuchteten Wege nur sehen können - oder, entscheidender, hätte ein Anderer sie bei diesem ungebührlichen Verhalten beobachten und es mir möglicherweise nachtragen können. Das bedeutete zwar nicht, dass ich Cyneburgs zwanghafte Hetzjagd bei Dunkelheit gebilligt hätte, aber es war mir schlicht den Aufwand nicht wert sie davon abzuhalten. Sollte sie doch dem Viechzeug in diesem Park nachstellen und sich am besten noch von einer Ratte die Augen auskratzen lassen. Viel wert waren die mir aktuell ohnehin nicht, war sie mir doch nicht die geringste Hilfe dabei die lateinischen Worte zu entziffern. Und lateinisch waren sie, dessen war ich mir ziemlich sicher, immerhin hatten Ben und Fred etwas in der Art über die kryptischen Bezeichnungen gesagt, die auf den Schildern vor den verschiedenen Pflanzen standen. Und sie mussten es wissen, dachte ich voller Stolz, besuchten sie in den Abendstunden nach dem Arbeitstag doch das Mechanics‘ Institute in der Chancery Lane, das seit einigen Jahren diverse Abendkurse für Arbeiter anbot, unter anderem Latein. Unvorstellbar. Mein Junge, der Latein lernte, als sei er ein feiner Pinkel. Ich hätte kein stolzerer Vater sein können. Leider brachten die Kenntnisse meines Sohnes mich auch nicht weiter. „Mal…“, begann ich, um nicht länger den Anschein zu erwecken als sei ich nicht einmal des Lesens fähig. „Mal… pig…hia…“ Und genau an der Stelle stolperte ich über die Buchstaben. Aber beim Teufel, wie sollte man das beim besten Willen aussprechen?! „Malpi… g-hilmms…“ Und das war nur das erste Wort das da stand. Ich schnaubte säuerlich und James widerwillig zustimmend brummte ich dann: „Unmöglich.“

Aus der Dunkelheit kam Cyneburg herbei gehetzt, irgendetwas im Maul, das sie mir stolz vor die Füße spuckte. Ein dunkles, unförmiges Ding, das ich mit der Spitze meines Stiefels anstieß. Maulwurf. Und er zappelte sogar noch. An anderen Tagen mochte mir Cyneburgs Talent Tiere lebend zu fangen von Nutzen sein bei der Durchführung von Opferritualen. Heute war keiner dieser Tage. Mit schiefgelegtem Kopf betrachtete ich das Tierchen, das eilig davon in Richtung der Malpig-Pflanze krabbelte und konnte Cyneburg im letzten Moment unwirsch an ihrer Kette packen, bevor sie das arme Ding weiter drangsalieren konnte. Ich hatte keinen Bedarf an einem Maulwurf, tot oder lebendig und ich war kein Freund des sinnlosen Tötens. Auch nicht des Quälens oder des Verstümmelns oder was immer dieser Ausgeburt des Teufels neben mir sonst so eingefallen wäre um sich die Zeit zu vertreiben. Boshaftes Wesen, dachte ich mürrisch und wurde ihrerseits als Spielverderber abgetan.

„Wer kann das aussprechen, mh?“, herrschte ich Ardin dann an, den Blick schon wieder zutiefst missgünstig auf das kleine Schild gesenkt. „Warum stellen die das überhaupt auf?!“ Konsequent drehte ich mich um, Cyneburg saß jetzt einigermaßen brav - wenn auch tief enttäuscht - an meiner Seite, also konnte ich die Hände zurück in die Taschen stecken. Ich hoffte ehrlich, der Vampir würde aufkreuzen, bevor Ardin die nächste blendende Idee hatte, wie man sich beim Warten zusätzlich frustrieren konnte.

Charles Langford


Der Tag war nur schleichend vergangen. Den ganzen Tag hatte er sich den Kopf über Akten zerbrochen, hatte heute ausnahmsweise nicht geschlafen über tags sondern hatte an seinem Fall weitergearbeitet, hatte sein kleines Büro in einen Haufen an herumliegenden Papier verwandelt, hatte seine Notizen im ganzen Raum verteilt und war im Raum wohl mehrere hundert Meter auf und ab gegangen, hatte sich die Aussagen immer und immer wieder durchgelesen, hatte die Beweise sich mehrfach angesehen und bloß stirnrunzelnd dagesessen. Irgendwann reichte es ihm gänzlich, er klappte die Akte zu und verstaute sie säuberlich im Ordner bevor er sich dann doch noch für eine Stunde bis Sonnenuntergang hinlegte, aber mehr als unruhig schlief. Das Sonnenlicht hatte sich gesetzt, keiner der für ihn tödlichen UV Strahlen war mehr am Himmel oder am Boden zu sehen also zog sich der Vampir um, schnappte sich die Akte und machte sich auf den Weg. Er hatte nach zwei seiner Informationsbeschaffer schicken lassen über einen Mittelsmann, da Charles ja dank seines Vampir-Seins in der Sonne verbrannte. Naja, Vampir-Sein hatte doch auch seine Vorzüge, denn er war unsterblich, stark, schnell und heilte schneller; einzig die Nahrung und das Sonnenlicht, das bereiteten ihm Probleme. Schnellen Schrittes lief er zum ausgemachten Treffpunkt mit seinen beiden Informationsbeschaffern. Die Nacht umhüllte ihn wie einen Mantel, die klare Luft wirbelte er mit seinem schnellen Schritt und durchschnitt sie. Er sah die Mauern des Towers bereits, roch die verschiedenen Gerüche klar und deutlich, während er sich schnell an der Mauer hochzog und auf dieser nun lief.

Seit Charles ein Vampir war, hatte er eine Vorliebe dafür entwickelt, alles im Blick zu haben. Er kletterte dafür gern auf Mauern oder Bäume, überblickte die Umgebung und ging dann seines Weges weiter. Nun war es auch wieder so. Er roch Rhode und James schon, wusste also wo sie standen und hörte auch ihre Unterhaltung (welche er, als lateinsprechender doch amüsant fand). Geschickten Schrittes lief er über die Mauer bis er von dieser heruntersprang und direkt vor den beiden landete. "Guten Abend, die Herren.", grüßte er höflich und neigte den Kopf vor den Beiden. "Ich hoffe, es war okay, dass ich Sie durch einen Mittelsmann habe rufen lassen. Wie Sie sicher wissen, ist Sonnenlicht tödlich für mich.", entschuldigte er seinen Ruf via den Mittelsmann. "Dieses mal habe ich eine besondere Aufgabe für Sie. Ich sitze am Mary-Jane Williams Fall, die Zeugenaussagen passen aber für mich mit den Beweisen nicht zusammen.", er händigte Rhode die Akte aus, welche er mitgebracht hatte. Die beiden Hexer hatten ihm bereits gute Dienste erwiesen und die Gegenleitungen von Charles wurden auch klaglos angenommen. Die geschäftliche Beziehung der drei war neutral. Zum Glück, denn Charles hatte die Hilfe der beiden in schweren Fällen immer zu schätzen gewusst. So wie jetzt in diesem Fall.

Ardin


Langsam aber kontinuierlich breitete sich dieses Grinsen auf meinem Gesicht aus und Jackdaw lästerte schon beschämt, dass meine Zähne zu hämisch im Dunkeln leuchteten während sie munter durch das Beet vor uns hüpfte und ab und zu ganz und gar in dem Grünzeug verschwand. Aber es war zu herrlich, meine Theorie derart in diesem Experiment bestätigt zu sehen und hellte meine Laune ungemein auf. Rhode gab sich wirklich alle Mühe. Und klang dabei wie ein stotternder Esel. Besser konnte man nicht auf den Punkt bringen, wie absurd diese Schildchen vor den Pflanzen im Park waren – mochten Fred und Ben auch behaupten was sie wollten. Ich konnte Fred regelrecht vor mir sehen, wie er mich als Kulturbanausen bezeichnete, wie er es so gerne tat in letzter Zeit, wann immer es um das Thema Latein ging; aber ich hatte ein dickes Fell. „Unmöglich.“, stimmte mir Rhode schließlich zu und dass er dazu gezwungen war, war bereits ein Fest für mich, das jede Wartezeit zu verkürzen vermochte.

Ich sagte nichts dazu, der Sieg war immerhin offensichtlich, stattdessen nickte ich einmal bekräftigend und grinste vor mich hin bevor ich Cyneburg dabei beobachtete, wie sie aus der Dunkelheit heran kam, das dunkle Paket vor Rhode ablegte und der es mit der Stiefelspitze anschob, bis es wieder munter geworden davon krabbelte. Als Cyneburg von Otis an der Halskette festgehalten und davon abgehalten wurde, ihr Spielzeug weiter zu verfolgen, sprang allerdings Jackdaw pflichtbewusst für sie in die Bresche. Wir gerufen hüpfte sie zwischen zwei farnähnlichen Kräutern hervor und schnitt dem kleinen schwarzen Paket im Beet den Weg ab. Sie ließ mich stolz wissen, dass es sich in der Tat um einen Maulwurf handelte und nannte es ein besonders prachtvolles Exemplar, für das Cyneburg Anerkennung und nicht den Würgeversuch verdient hatte. Ich ließ diesen Anflug von Protest durch die Vertrautengewerkschaft unkommentiert und beobachtete stattdessen mit Ausdruckslosigkeit Jackdaws Versuche nach den Augen des kleinen Wesens zu picken. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sich das nicht lohnte, die kleinen Dinger konnten nicht viel sehen, keine Augen zu haben wäre für sie kein Verlust, aber Jackdaw glaubte mir kein Wort, stellte stattdessen meine Kenntnisse der Natur offen in Frage und meinte man müsste schon auf Nummer sicher gehen. Die Dohle fing schon an wie mein Fred. Bald würde nur noch Rhode etwas auf mein Wort geben und das war dann doch ein Armutszeugnis. Einmal abgesehen davon, dass er ja doch nie auf mich hörte. Herrgott, ich konnte alsbald mit den Wänden reden und hätte mehr Erfolg.

Rhodes frustrierter Ausruf lenkte mich jedoch erfolgreich ab und hob damit meine Laune wieder um einiges, nachdem sie eine so heftige Talfahrt hingelegt hatte. Das Grinsen kehrte zurück auf meine Züge ob der Wut, die mich da mit voller solidarischer Breitseite traf. Rhode zum Toben zu bringen, war noch immer die beste Ablenkung. Auch wenn er damit nicht ganz alleine war. Ich verstand den Sinn dieser Schilder nicht im Ansatz. Aber ihr Nebeneffekt war doch ganz nützlich gewesen, das konnte ich nicht ganz abstreiten. „Für den Gregor vielleicht…“, brummte ich, meine Zufriedenheit nur mäßig unter der vorgeschobenen Wut verbergend. Aber ich taxierte diese Schilder bereits wieder nachdenklich und stellte mir innerlich die selbe Frage mit der selben antwortlosen Fassungslosigkeit.

Es war dieser Moment, in dem sich Cyneburg neben Otis wieder regte. Und ihre Bewegung zog meine Aufmerksamkeit ungewollt auf sich, hatte sie doch Augenblicke zuvor noch brav und beinahe wie eine enttäuschte Hundestatue neben ihm gesessen, Jackdaw alleinig das Feld der Maulwurffolter überlassend. Ihr Kopf ging hoch zu der Mauer, die an den Garten grenzte. Und es war klar, was kam. Ich warf einen kurzen entnervten Blick zu Rhode und machte mir nicht die Mühe, die Augen zu rollen. Nur kurz nickte ich da hoch, bevor ich mich wieder abwandte, nach Jackdaw sehend damit sie endlich von diesem Maulwurf abließ, den Otis gerade noch vor Cyneburgs Spieltrieb gerettet hatte. Die Dohle sollte sich wenigstens nützlich machen, wenn der verdammte Vampir jetzt endlich an Land kam. Widerwillig ließ sie von dem Spielzeug ab, das Cyneburg ihr so heroisch gejagt hatte, und flatterte hoch zur nächsten Gaslaterne, um ein wenig den Überblick zu behalten, so weit ihre Augen in der Dunkelheit auch reichten – sie sah nicht gut bei diesen Lichtverhältnissen, aber immerhin noch besser als ich. Grund genug sie da oben sitzen zu haben, nur für den Fall der Fälle. Denn mochte ich Charles Langford auch für einen armen Irren halten, er war ein blutsaugender armer Irrer. Und so oft wir nun auch schon ins Geschäft gekommen waren, diesen seltsamen Zug schien er nie zu verlieren.

Als wollte Langford diesen Gedanken meinerseits unterstreichen, kam er just aus der Dunkelheit von der Mauer herab gesprungen zu uns in den Tower Garden. Der Mann schien Spaß daran zu haben, auf irgendwelchen Erhöhungen herum zu spazieren wie ein kleines Kind beim Klettern, um dann selbstdarstellerisch effektvoll von besagten Erhöhungen zu uns Sterblichen auf die ebene Erde hinab zu springen. Eine Eigenheit, die nur einem Vampir einfallen konnte, fand ich. Aber er brachte gutes Geld, wenn er also Freude daran hatte, wer war ich, ihn davon abzuhalten? Die Hände in den Manteltaschen beobachtete ich ihn dabei, wie er sich auf Rhodes Seite des Gartens wieder von seinem Sprung aufrichtete und munter das Wort an uns richtete als sei er gerade eben erst um die nächste Straßenecke gekommen.

Es war durchaus faszinierend, dass Langford nicht nur den Spieltrieb eines Kindes zu besitzen schien, sondern sich auch äußerlich seine Jugend bewahrt hatte. Ich wusste zumindest so viel als dass er um einiges älter war als er aussah und das war das Einzige was mich an der Feststellung beruhigte. Aber ich hatte mich bereits des Öfteren im Stillen gefragt, wie man wohl damit leben konnte, ein Leben lang für vielleicht achtzehn oder zwanzig Jahre im Alter gehalten zu werden, wenn man um einiges mehr an Lebenserfahrung besaß. Kurz ging mein Blick ausdruckslos noch einmal hoch zu der Mauer, die Langford heute als sein Sprungbrett ausgewählt hatte, dann ging er zurück zu dem Vampir. Ich nickte knapp zur Erwiderung des Abendgrußes und überhörte die Bemerkung zum Thema Sonnenlicht geflissentlich – was wurde das? Eine Biologiestunde für Hexer? -, um erst wieder aufmerksam zu werden als er ohne jedes weitere Vorgeplänkel mit dem Grund für unser Treffen begann. Eine besondere Aufgabe. Aha. Meine Augen verfolgten wie das braune Papier einer Akte die Hände wechselte. Nicht in meine. Meine hatte ich in die Manteltaschen geschoben, aber das kaschierte nur meine Vorsicht. In den meisten Akten, die ich kannte, stand ohnehin nichts von Bedeutung. Vielleicht ein Bericht des zuständigen Sergeant, die Anträge, die sie bei Gericht von einem Schreibtisch auf den anderen schoben. Ich sah rüber zu Langford. „Bessere Zeugenaussagen oder bessere Beweise?“, fragte ich knapp in ungesprächiger Manier, bevor ich regungslos zu Rhode hinüber linste um entweder dessen Urteil der Lage zu sehen oder von ihm die Akte entgegen zu nehmen. In dem Licht würde höchstens noch Jackdaw meinen Vorteil an Lesefähigkeit retten können. Aber wenn es so einfach gewesen wäre, dass alles Wissenswerte in den Akten stand, dann hätte Langfords Laufbursche als Kontakt ausgereicht. Nein, da kam sicher noch mehr.
Für James' breites Grinsen hätte ich ihn am liebsten mit einem gezielten Stoß Kopf voran in die Beete geschickt, aber ich verkniff mir diese jungenhafte Reaktion, hatte ich mich doch ohnehin schon dazu entschieden mich hoheitsvoll abzuwenden. Von Cyneburgs Maulwurf, der nun von einer Dohle gepiesakt wurde. Ardins dämlichen  Spielen bei denen ich nur verlieren konnte. Und ganz besonders diesen merkwürdigen kleinen Tafeln, die gerade eben meinen ewig fortwährenden Zorn auf sich gezogen hatten. Für den Gregor. Ich nickte stumm bei mir während ich in die der Mauer abgewandten Seite in die Dunkelheit jenseits der von Gaslaternen erleuchteten Lichtkegel stirrte. Es hätte ihm zumindest ähnlich gesehen. Wer würde nicht seine Seele verkaufen um zu erfahren warum jemand so viel Geld und Ressourcen für mit lateinischen Wörtern geprägte Tafeln ausgab, während an anderen Flecken dieser Stadt die Leute auf der Straße verhungerten? Aber ich hatte ein unbestimmtes Gefühl, dass nicht einmal der Gregor diese Frage zu beantworten wüsste. Die Seele umsonst verkauft. Tja, es wäre nicht der Erste gewesen.

Ich spürte, dass Cyneburg etwas entdeckt hatte, auf dass sie mich eigentlich gar nicht aufmerksam machen wollte. Weil ich es gar nicht verdient hätte von ihren herausragenden Fähigkeiten zu profitieren. Widerwillig drehte ich den Kopf ein wenig, in dem Versuch herauszufinden was Cyneburg bemerkt hatte, ohne ihr mein Interesse zu stark zu zeigen. Ich fing Ardins Blick auf, der mir glücklicherweise - und der Teufel verfluche dieses Wort in einen Satz mit James genannt zu haben - einen passablen Grund gab, um mich wieder dem Geschehen zuwenden zu können. Der Ausdruck in seinen dunklen Augen sprach Bände und unter anderen Umständen hätte alles was es schaffte James so eine Miene zu verpassen meine sofortiges Wohlwollen, in diesem Fall jedoch sagte es mir, was uns bevorstand. Ich nickte nur, hörte den Flügelschlag der Dohle und wandte mich Cyneburgs Blick folgend der Mauer zu. Dem Tower blieb auch wirklich gar nichts erspart, jetzt wurde er bereits zum Kletterspaß für Vampire. Manchmal fragte ich mich ja ob jeder Vampir den Spieltrieb einer Katze besaß, ob es wohl ein innerer Drang war, der sich aus der Verwandlung ergab. Selbst wenn Langford der einzige war, den ich kannte, der so munter auf Mauern und Bäumen herumtollte und von ihnen hinabzuspringen pflegte, als wäre er noch jünger als sein über die Jahre unverändert bubenhaftes Antlitz. Aber meine Bekanntschaften unter Blutsaugern waren nun auch nicht besonders ausgeprägt und mein Interesse an ihrer Spezies war es noch so ungleich weniger. Bei barem Geld war es das deutlich mehr und das war Langford wert, also verzog ich keine Miene, als er gewandt im Tower Garden landete und uns einen Guten Abend wünschte. „'Abend“, erwiderte ich knapp, während Ardin es bei einem Nicken beließ.

Es folgte etwas, das ich nicht einordnen konnte, also schwieg ich. Die Misere des Sonnenlichts unter der jeder Vampir litt, war mir bekannt, aber selbst wenn nicht hätte mich ein Bote kaum gekümmert. Wenige unserer wohlhabenden Auftraggeber nahmen Termine außerhalb ihrer Häuser in die sie uns gelegentlich rufen ließen, persönlich wahr. Aber die Erklärung war höflich und so nickte ich beiläufig. Das wahre Anliegen des Vampir ließ nicht mehr viel länger auf sich warten. Mein flacher Blick verfolgte die Züge Langfords als er sprach. Eine besondere Aufgabe also, das klang vielversprechend lukrativ. Ausdruckslos nahm ich die Akte entgegen, die mir gereicht wurde, versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich davon verwundert war. Kurz öffnete ich den Umschlag, aber es war nichts anderes darin, als man hätte erwarten können. Mit dunkler Tinte beschriebene Blätter, mehr nicht. Würde Langford uns die Dokumente zu diesem Fall überlassen oder hatte er einen Mann beauftragt Abschriften zu erstellen? Ein ungewöhnlicher Zug. Ich schloss die Akte wieder, nicht ganz sicher was ich damit anfangen sollte. Selbst wenn mir das Lesen leichter gefallen wäre, hätte ich bei diesen Lichtverhältnissen kaum eine Chance gehabt etwas davon zu entziffern. Immerhin musste ich mir dadurch nicht die Blöße geben die Papiere an James weiter zu geben. Dafür genoss ich es zu sehr, wenn die Leute meinten ich könne mehr mit Schriftstücken anfangen als ein Ardin James, was - so leid es mir tat - eine Fehleinschätzung war.

Ardin stellte eine Frage, so dass Langford sein Vorhaben präzisieren konnte. Mary-Jane Williams sagte mir nichts. Ich wusste nicht welcher Division der Fall gehörte oder welche Probleme Langford mit dem Fall haben könnte, aber ich war mir gewiss der Staatsanwalt würde sich noch ausdrücken wissen. Wir würden schon zu einer Lösung kommen, die dem guten Mann zum Vorteil gereichte - das waren wir bisher noch jedes Mal. Ardins knapper Blick traf mich, aber es war zu früh für ein Urteil, ich deutete einen Moment auf die Unterlagen, wandte mich an Langford. „Sind das Abschriften oder wird Ihr Bote die Unterlagen morgen wieder abholen?“, fügte ich knapp hinzu, um zu wissen welcher zeitliche Rahmen uns blieb die Akte zu sichten.




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