Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
27.09.1848, Brockwell Park bei Ravenna Blacks Wohnhaus
Society of Foreign pilgrims Rudeness
„Wir müssen die ganze verdammte Strecke auch noch zurück, bei Satans zittrigem Arsch.“, fluchte ich wütend wie ein Kesselflicker vor mich hin als wir endlich nach zwei Stunden Fußmarsch und bestimmt sieben Meilen, die hinter uns lagen, am Brockwell Park entlang liefen, auf der Suche nach der Hausnummer, die uns genannt worden war als wir uns zu dieser Ravenna Black durchgefragt hatten. „Und das kannst du dir nicht mal bezahlen lassen. Nenn mir einen Grund was wir hier unten tun sollten, der nicht die gesamte Met Police auf den Plan ruft, weil die H Division auf der falschen Seite des verflixten Flusses ermittelt?! Die würden uns ans Nordufer zurück setzen und uns mit freundlichen Worten einen Kompass in die Hand drücken, damit wir uns das nächste Mal nicht mehr verlaufen!“ Und tatsächlich waren wir auf der falschen Seite des Flusses. Auf der Südseite, um genau zu sein. Sowas von nicht unser Revier. Und darüber hinaus auch noch irgendwo bei Brixton. Hätte ich gewusst, dass wir einen Ausflug in eine andere Grafschaft machten, hätte ich mehr Geld mitgenommen. Cabs kosteten acht Pence die Meile. Hätte für uns fast fünf Schilling gemacht, nur um hierher zu kommen – rechnen konnte ich, der Navy und unsicheren Fähnrichen sei Dank! Einmal abgesehen von den anderen fünf Schilling, die es uns gekostet hätte, diesen gottverdammten Ort wieder zu verlassen, an dem jedes Haus seinen sauber gepflegten Gehsteig und seinen schmiedeeisernen Zaun besaß. Ich fragte mich, woran wir dieses Haus, das wir suchten, überhaupt erkennen sollten, wenn nicht an der Nummer, sahen sie doch alle gleich aus mit ihren weißen Fensterrahmen, den minzefarbenen Eingängen und ihren sauberen Fassaden. Mit dem Blick zählte ich die Hausnummern ab.

Ich fand die richtige und blieb stehen.

„Das ist ein Scherz, oder?“, fragte ich zweifelnd in diesem Tonfall, der sagte, dass ich wusste, wenn ich verarscht wurde. Ich blickte auf das Haus auf der anderen Straßenseite. Es war das einzige in der Reihe mit einer schwarzen Tür.

„Die lassen sich alle eine Scheiße einfallen… Jeder was Neues.“ Wenn man es genau nahm, war eine schwarze Tür noch das harmloseste was wir bisher gesehen hatten von all den Scharlatanen, die wir bisher erfolglos besucht hatten. Allesamt hatten sie sich dunkle Zeichen für ihre Häuser und Wohnung einfallen lassen, alle hatten sie sich Hexen genannt, keiner war es gewesen. Wie ich dieses frustrierende Spiel hasste. Und jetzt eine schwarze Tür? „Wenn die keine Hochstaplerin ist, weiß ich alles, Rhode.“, meckerte ich weiter und ließ den Blick die Straße hinauf und hinunter wandern, als könnte uns irgendeiner beobachten und die Wetten annehmen, die von nun an abgeschlossen werden würden. Darauf ob wir die Strecke umsonst gemacht hatten, oder... Unwahrscheinlich. Ich war sicher, dass wir umsonst hier waren. Wegen nichts als einem Hirngespinst aus Otis‘ Kindheit von dem man nicht einmal mehr sagen konnte, ob er damals nicht einfach heftig auf den Bordstein geknallt war.

Eine dunkle Kutsche rollte vorbei, zwei trabende Schimmel vorgespannt, die nicht zu vergleichen waren mit den Kleppern, die sich durch Whitechapel schleppten. Ich folgte ihnen mit dem Blick, wartete bis die Straße frei war, um sie dann gemeinsam mit Otis zu überqueren. Als wir am Zaun angekommen waren, flatterte Jackdaw vom Himmel herab. Ich schickte die Dohle ans Fenster. Sie ließ sich neugierig auf das Fenstersims hinab sinken, klappte ihre Flügel ein und stolzierte an der Glasscheibe entlang auf der Suche nach etwas, das sich dahinter im Inneren des Hauses verbergen mochte. Ich betrachtete die dunkle Tür vor uns, atmete tief durch, machte dann einen Schritt zur Seite um Otis den Vortritt zu lassen. „Bitte sehr der Herr, lassen Sie Ihre alte Bekannte nicht warten!“, spottete ich finster und streckte den Arm in Richtung der Tür aus, die Höflichkeit in Person. „Sie verzehrt sich sicher schon nach dir.“, biss ich ihm noch hinterhältig entgegen, um ihn die zwei Stunden Fußmarsch, die ich hinter mir hatte, noch einmal gehörig spüren zu lassen.
Für den Bruchteil einer Sekunde schloss ich die Augen, mir nur selten in dieser Klarheit bewusst darüber, dass ich meine Seele wohl ohne zu Zögern ein zweites Mal verkauft hätte, hätte ich im Ausgleich dazu nur ein paar kostbare Momente Frieden vor Ardin James‘ unseligem Gejammer. Jedem mit guten Pence bezahlten Trauerweib hätte der noch eine Lektion erteilen können. Nicht dass ich damit nicht vertraut wäre, in aller Regel konnte ich Ardins Gezeter ausblenden, aber mit der heutigen Unternehmung wusste sich der zu kurz geratene Mann neben mir einmal mehr selbst zu übertreffen. Gratulation, ehrlich. Cyneburg ihrerseits trabte wie üblich weit voraus, egal wie häufig ich sie schon zurückgepfiffen hatte. Den in einer Sache mochte Ardin wohl recht haben, wir hatten uns weit aus unserem Revier entfernt. Ich wollte vermeiden der L Division in die Arme zu laufen, ebenso, war ich mir Gewahr darüber, dass ein weit vorausstreunender Hund von Cyneburgs Größe und grobschlächtiger Statur hier für Aufsehen sorgen würde. Aber natürlich hörte sie nicht auf mich. Es wäre ebenso aussichtlos sie von ihrem Erkundungsdrang abzubringen, wie Ardin dazu zu bringen für wenige Augenblicke einmal nicht über die Mühen des Fußmarsches – und was immer ihn daneben gerade störte – herzuziehen.

Ardin blieb stehen, ich betrachtete das Haus prüfend und muss missgünstig feststellen, dass es wohl das Richtige sein mochte und ich nicht einmal etwas einwenden konnte. Aber natürlich beließ James es nicht dabei, das richtige Haus gefunden zu haben, nein, er lamentierte direkt weiter vor sich hin. 

„Wär‘s dir lieber, wenn die wieder einen aufgeknüpften Hahn vor der Tür hängen hätte?“, brummte ich mürrisch zurück. „Der bei der letzten hing da bestimmt schon seit zehn Tagen dem Gestank nach.“ Nicht dass es bei jenem schäbigen Kabuff nahe der Themse, in das uns unsere letzte Suche geführt hatte, noch darauf angekommen wäre, dort war der Gestank ohnehin allgegenwärtig. Ich war trotzdem froh keinen toten Hahn oder anderen vermeintlich schwarzmagischen Hokuspokus vor der Haustüre hängen zu sehen. Nein, die Adresse hier war sauber und gepflegt. Ein seltener Anblick. Nicht nur für eine angebliche Hexe auch… – mein Blick ging fast ein wenig scheu die Straße auf und ab… –  ganz allgemein. Ardin und mich hatte es vor etwa acht Jahren nach Whitechapel versetzt und entgegen seines Rufes hatte auch unser Viertel die gepflegteren Straßen, sauber und ruhig, aber dort waren wir selten zu Gast. Es war merkwürdig wie sehr man sich an den Anblick dreckgesäumter Straßenzüge, heruntergekommener Häuser und ausgezerrter Gesichter gewöhnen konnte. So sehr, dass es einen fast einschüchtern konnte, ließ man all das hinter sich und stand in einer Straße auf der Westseite der Themse, einer Straße wie dieser. Einer Straße, die einen beinahe glauben ließ, dass der vielfach gepriesene Fortschritt in all den rasenden Veränderungen unserer Zeit tatsächlich den Weg in eine bessere Zukunft bereiten könnte.

Wir hätten falsch sein müssen, denn von einer schwarzen Tür unter lauter minzgrünen Exemplaren in der unmittelbaren Nachbarschaft einmal abgesehen, wer erwartete hier schon eine Hexe? Mit sauber gestrichenem gusseisernem Zaun vor dem gepflegtem Vorgarten und in guter Umgebung. Doch genau dieser Fakt nährte meine Hoffnung. All die Anderen hatten gewirkt als seien sie die düsterste Saat des Teufels und keiner davon hatte sich als Hexe herausgestellt. Hier dagegen… Hochmütig begegnete ich Ardins Blick als er geradeso weitermeckerte. Dabei musste ich mir selbst eingestehen – und der Dunkle Herr bewahre, dass ich Ardin das eingestand – dass ich trotz jedem Tipp, trotz jeder verschwommenen Erinnerung, trotz jedem Bauchgefühl mit jedem Schritt unsicherer geworden war. Wäre eine Menge verschwendete Energie und Zeit, wenn das hier ein weiterer Reinfall werden sollte und das sollte diese teufelsverfluchte Betrügerin, so sie denn eine war, zu spüren bekommen – davon hatten wir verdammt nochmal zu viele gehabt in letzter Zeit. Aber das würde auch nichts daran ändern, dass Ardin James mir das in diesem Fall bis zu meinen Lebensende vorhalten würde. Ich schnaubte spöttisch über Ardins nächste frotzelnde Kommentare, hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich erwartet, dass ihm das Maul mittlerweile so sehr schmerzte wie die Füße, aber darin war der Knabe unerwartet ausdauernd. Kurz entschlossen trat ich an James vorbei, bereits drauf und dran mit der Faust gegen die Türe zu hämmern, als ich mich eines besseren besann. Ich betätigte den schweren Türklopfer ganz wie sich das gehörte und Ardin auf meiner einen, Cyneburg mittlerweile zu meiner anderen Seite wartete ich geduldig ab.

Ravenna Black


Ein Krächzen holte sie aus ihrer Konzentration, mit welcher sie an ihrem Schreibtisch saß. Darauf verteilt diverse aufgeschlagene Bücher, eines näher an ihre dran als die anderen, während direkt daneben ein Blatt Papier lag, auf welchem sie Notizen niederschrieb. Vor einigen Tagen hatte sich eine Dame an sie gewandt, welche Ravennas Dienste benötigte. Eine unheilbare Krankheit sollte heraufbeschworen werden für den Vorgesetzten ihres Mannes, da sich kürzlich herausgestellt hatte, dass bei der Nachbesetzung seines Postens nur ihr Mann in Frage käme. Daher sollte diese Angelegenheit beschleunigt werden - jedoch nicht in Form eines simplen Mordes. Die Wirkung durfte gerne ein wenig länger dauern, um kein Aufsehen zu erregen. Somit galt es nun einen Zauber zu finden, welcher die bereits vorhandenen Gebrechen dieses Mannes sich zu nutzen machte. Es fügte sich, dass der Herr wohl bereits ein paar ruhelose Seelen hinterlassen hatte, weswegen es für Ravenna ein leichtes war herauszufinden, dass er ein schwaches Herz besaß. Ein klassischer Fall, weswegen sie nun einen Zauber erstellte, welcher bei seinem Zustand nicht förderlich sein würde. Die Manipulation eines Körpers war kein leichtes Unterfangen, vor allem nicht, wenn man abseits des Covens nicht über die vollständigen Kräfte verfügte.

Doch nun schien es fürs erste eine Pause zu geben, weswegen sie den Blick hob und dem ihres Vertrauten folgte. Dieser lag auf dem Fenster, wo eine Dohle auf und ab spazierte. Und inspizierte. Ravenna lebte bereits lange genug um die Vertrauten anderer Hexen zu erkennen. Vor allem, wenn Corvus es ebenfalls bereits getan hatte.
Das Klopfen an der Tür kam daher weitaus weniger überraschend, weswegen sie sich augenblicklich erhob. Der Rabe setzte sich ebenfalls in Bewegung, flog auf sie zu und landete routiniert auf ihrer Schulter, ohne, dass Ravenna dafür innehalten musste.
Gemeinsam gingen sie die Treppe hinab. Angelangt am Fuße flog Corvus davon, setzte sich auf eine für ihn vorgesehene Stange, während Ravenna weiterging, den gesamten Raum durchquerte, ehe sie bei der Tür ankam.
Ohne zu zögern öffnete sie diese weit genug, um auf das Zimmer in ihrem Rücken einen Einblick zu gewähren. Geräumig und vor allem dunkel, wodurch man wahrscheinlich nur wenig erkennen konnte. Ein großer runder Tisch in der Mitte, etliche volle Bücherregale an den Wänden, genau so wie vereinzelte Regale mit weiteren Büchern, Kerzen und anderen vielen kleinen Gegenständen. Corvus könnte man meinen, gehörte auch zu diesen dekorativen Gegenständen, da er weder einen Laut von sich gab, noch sich bewegte. In einer der Ecken befand sich ein kleiner schwarzer Kamin, welcher für Wärme im Raum sorgte.

Ravennas Gesicht zierte ein leichtes, höfliches Lächeln, was jedoch ihre Augen nicht erreichte. Sie erfassten die Gesichter der beiden Herren vor ihrer Tür sowie einen Hund. Hier war es nur eine Vermutung, doch ging Ravenna ebenfalls hierbei von einem Vertrauten aus, anstelle eines übliches Haustieres.
„Meine Herren, wie kann ich Ihnen helfen?“, säuselte sie dem unerwarteten Besuch entgegen, welcher ohne ihre Erlaubnis nicht eintreten können würde. Außer es waren ganz normale Menschen. Vor jedem anderen schützte sie sich - aus gutem Grund. Dafür lagen an dieser, als auch an der Tür zu ihrem kleinen Garten sowie an jedem Fenster Hexenbeutel, um Hexen, Werwölfe und Vampire am unerlaubten Eintreten zu hindern.


Ardin


Wir standen bereits vor der Tür als Jackdaw diese winzige, diese minimal wichtige Information mit mir teilte. Ich verfluchte sie augenblicklich und fragte sie herrisch in Gedanken, warum ich sie überhaupt ans Fenster geschickt hatte, worauf sie direkt eine altkluge Antwort kannte. Aber diese Black war längst auf dem Weg nach unten. „Die hat keinen Hahn, aber einen Raben…“, zischte ich Rhode neben mir zu. Nur kurz warf ich einen Blick zu ihm nach oben. Ich würde es nicht laut aussprechen, aber DAS war ungewöhnlich. Denn ich würde es genauso wenig offen zugeben, aber in dem Punkt hatte Otis Recht: die meisten dieser selbsternannten Hexen hatten sich munter mit Dingen des Todes geschmückt. Den abstrusesten noch dazu. Und sei es ein zehn Tage toter Hahn an der Vordertür. Aber mit etwas lebendigem wie einem leibhaftigen Raben hatte sich bisher noch niemand umgeben. Und das in so einer Gegend. Ich sah noch einmal die Häuserreihe rechts und links hinunter. Wussten die Nachbarn davon? Ich kannte die doch in diesen Gegenden. Mit ihren Mäulern, die sie aufrissen, wann immer sich eine Gelegenheit bot – und sich dann besser fühlen als der Pöbel. Jeder Pöbel hatte mehr Anstand als die hier. Jackdaw für ihren Teil war überzeugt davon, dass es sich bei dem Raben um einen Vertrauten handeln musste. Es hatte nur diesen Anblick gebraucht und sie war überzeugt davon, dass wir diesmal richtig waren. Aber ich wusste mit dem Wort einer läppischen Dohle umzugehen. So einfach würde ich mich nicht überzeugen lassen. Wer wusste schon, wann sie das Vieh nicht doch noch an die Tür nagelte.

Eben die öffnete sich im nächsten Moment. Weit und einladend. Keine Abwehr. Nichts als freundliche Gastfreundschaft. Oder so ähnlich. Wir standen einer dunkelhaarigen Frau gegenüber. Sie trug ein edel, aber nicht übertrieben anmutendes Kleid, sauber bis zum Hals geschlossen, wie es sich gehörte und wenn ich sie nach ihrem Erscheinen hätte beurteilen müssen, ich hätte gesagt wir hatten eine ehrbare Dame in ihrer Nachmittagsruhe gestört. Aber da war mehr an dieser Frau. Helle, stechende Augen, die Lider kohlegeschwärzt, und trotz ihres freundlich, höflichen Lächelns lag da eine Kälte unter der Fassade, die mich an einen gewissen Herrn der Unterwelt erinnerte.

Hinter ihr lag ein Raum, der vor allem dunkel wie die Haustür erschien. Undeutlich konnte ich einige mit Büchern gefüllte Regale und einen Durchgang zu Treppe erkennen, aber ich erinnerte mich auch nach all den Jahren noch zu gut an die Vorträge zum Thema Verhalten an der Haustür einer Dame, um nicht näher hinzusehen. Glücklicherweise waren wir nicht mehr in der Bow Street, aber leider Gottes auf fremdem Revier. Besser wir machten keine Pferde scheu. Und so lächelte ich breit als diese Frage kam, die ebenso davon kündete, dass die Frau, die wir vor uns hatten, nicht der feinsten Londoner Gesellschaft angehörte. Dienstleisterin, wie sie alle. „Oh, das werden wir sehen, Miss.“, erklärte ich lächelnd in munterem Tonfall, ohne ihr einen guten Tag zu wünschen und sah dann weiterhin lächelnd zu Otis hoch, um ihm die glorreiche Aufgabe zu überlassen, sich mit unserer neuen Bekanntschaft vertraut zu machen. Immerhin hatte sie nur auf ihn gewartet, nicht wahr?
Uns wurde geöffnet und es überraschte mich einer Frau gegenüber zu stehen, die allem Anschein nach die Hausherrin war und nicht etwa eine Bedienstete. Ihre Augenlider waren von geheimnisvoller Tiefe, aber ihre Mundwinkel hatten einen grausamen Zug, selbst während sie sprach und als mein Blick von ihren edlen, blassen Zügen abwich, konnte ich im Gang hinter ihr auf einer Stange hockend den Raben erkennen, von dem die Dohle wohl berichtet hatte, starr als sei er ausgestopft. Im Augenwinkel bemerkte ich, wie Cyneburg etwas merkwürdiges tat. Sie senkte den massigen Körper tiefer, die Nase fast am Boden, witternd. Abgelenkt von diesem seltsamen Verhalten herrschte ich sie an, was sie meinte da zu tun. Aber ihre Antwort war zögerlich. So zögerlich, dass es meine Aufmerksamkeit nur noch so viel mehr fesselte. Die weit geöffnete Türe, nichts weiter als die schmalschultrige Frau, die es bei Seite zu schieben galt, um ins Innere zu gelangen, was uns wiederum weit größeren Handlungsspielraum gegeben hätte, an die Antworten zu kommen, nach denen es uns verlangte, als hier auf der Straße – das alles kam einer Einladung gleich. Aber Cyneburg warnte mich. Sie wusste nicht zu sagen, was es war, aber sie verlangte, dass ich genau hier stehen bleiben sollte – und wer wäre ich schon gewesen meinem dummen Köter von einer Vertrauten zu widersprechen. Herrlich. Ardin erwies sich als nicht minder nicht hilfreich. Na denn. Blieben wir eben hier stehen und sprachen an der Türe vor wie Bittsteller, die wir genau genommen ja auch waren. 

Mit einem Mal war ich wieder elf Jahre alt, eines der ersten Male auf Londons zahlreichen Kanälen unterwegs, die Hände schwarz von der Kohle, die wir aus Northampton den Fluss Nene hinab damals noch über den Grand Junction Canal Richtung Süden nach Brentford, London, transportiert hatten. Die kleinen Häfen der zahlreichen Flüsse, die London durchzogen, abklappernd und Kohle an die Haushalte dort verkaufend. Wenn wir irgendwo für eine längere Zeit Halt machten, konnte ich manchmal mit den Kindern spielen, die geschickt worden waren, unsere Kohle zu kaufen. Murmel- oder Würfelspiele um die paar Pence in unseren Taschen. Den meisten Spaß brachte das Spiel mit den Dienstjungen, die immer irgendwelchen Klatsch aus den vornehmen Häusern zu berichten hatten. Es gab eine Geschichte, die hatte ich nie vergessen. Sie wurde noch über Jahre hinweg weitererzählt, von den unterschiedlichsten Burschen, in den unterschiedlichsten Varianten und jedes Mal wurde sie ein wenig blutiger, ein wenig gruseliger, bis sie gänzlich zu einer Geschichte aus der Welt der Sagen geworden war. Aber ich hatte sie damals von dem Jungen gehört, der als erstes behauptet hatte, dabei gewesen zu sein. Nicht älter als ich selbst war er gewesen, blass, während seine Freunde ihn genötigt hatten den versammelten Kindern in unserer Runde zu erzählen, was er gesehen hatte. Tee hatte er serviert, aber weil der Besuch seiner Herrschaften ihm doch so wunderlich erschien, war er später vor der Tür stehen geblieben und hatte durch den Spalt gelinst. Und was er zählt hatte, hatte so unfassbar geklungen, dass wir alle ihn später ausgelacht hatten. Den Geist eines Toten hätte die fremde Dame heraufbeschworen, so hatte es der Junge jedenfalls berichtet. Einen bösen Geist, der das Zimmer verwüstet und die Herrschaften verletzt haben soll. Natürlich hatte ich gelacht, wie all die anderen Kinder auf der Straße gelacht hatten, aber in den Nächten hatte diese Geschichte und das blasse Gesicht des Jungen mich noch lange verfolgt. Bis ich schließlich meinem Vater davon erzählt hatte. Die Ohrfeige, die ich dafür gefangen hatte, würde ich auch nicht mehr vergessen. Weil es so etwas gotteslästerliches wie Geister oder Hexen schließlich nicht gab. Nun ja, ich wusste jedenfalls heute, wie es darum stand. Die Geschichte von damals hätte ich trotz allem in die Welt der Sagen verortet, wäre da nicht der Name jener unheilvollen Besucherin damals gewesen. Ein Name, der mir kürzlich wiederbegegnet war. Ein Name, der so wunderlich düster klang, wie die Erzählung selbst und der sich später passend in die zahlreichen Spukgeschichten eingefügt hatte: Ravenna Black. Es wäre eine Lüge gewesen zu sagen, dass mir heute nicht derselbe Schauer über den Rücken gelaufen wäre wie damals.

„Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, Madame Black“, begann ich mit höflichem Lächeln. „Man hat uns Ihre Dienste empfohlen, wenn es einem nach Antworten verlangt, die kein Lebender einem zu Geben bereit wäre.“ Weiterhin sah ich der Dame in argloser Bescheidenheit entgegen. Es war ihre Entscheidung, ob sie weiterhin vor der Türe mit uns sprechen wollte, doch ich wollte ihr immerhin die Gelegenheit für Diskretion einräumen. Immerhin war das hier ja scheinbar eines der ganz exklusiven Geschäfte.




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