Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
16.04.1822, Brunswick Quay am Greenland Dock in Rotherhithe, London
Society of Cling and fail Rudeness
She could be your cay. Come to the fore. Ship Ahoy!

- 1822 -

Sie sagten, wer aus Vergnügen zur See geht, der fährt auch aus Spaß in die Hölle. Aber jetzt in diesem Moment fand ich, dass mir auf See zu sein sehr viel mehr Spaß gebracht hatte als mein derzeitiger Zustand. Und das musste etwas heißen.

Als Margo Flint mich geheiratet hatte, da hatte sie gemeint, einen Seemann zum Mann zu nehmen. Und nicht nur einen einfachen Matrosen, sondern einen verdammten Surgeon’s Mate. Einen, den sie auf den East India Schiffen sofort nehmen würden. Das zumindest hatte ich ihr gesagt. Sie hatte keine Sekunde gezögert mich zu nehmen und ich weiß nicht, ob es das war, was mir so verdammte Sorgen bereitet hatte. Ich hätte gehen sollen. Ich wäre auf einem Seelenverkäufer der East India so viel besser aufgehoben gewesen als hier. In dieser Stadt. Diesem Teufelsloch. Ich fragte mich welche See rauer sein konnte als dieses Pflaster, das mir jeden Tag aufs Neue Angst machte. Ich sagte Margo nichts davon. Was hätte sie auch denken sollen. Sie, die hier aufgewachsen war, die schlimmere Ecken dieser Stadt gesehen hatte als nur ihre Straßen. Das war mein Problem. Und es würde schon irgendwann weg gehen. Ich würde mich daran gewöhnen. Sagte ich mir. Immerhin hatte ich mich dazu entschieden, in der Stadt zu bleiben. Nicht mehr raus zu fahren. Bei Margo zu bleiben. Es war meine Entscheidung gewesen. Ich wollte nicht einer von diesen Feiglingen sein, die eine Frau nahmen und sie dann für den Rest ihres Lebens allein an Land zurück ließen. Langsam begann ich mich zu fragen, ob nicht ich der Feigling war, dass ich an Land geblieben war.

Es war besser hier auf der Jolle der Watermen, die mich vom Nordufer zurück ans Südufer der Themse brachte. Der Kahn war nicht überfüllt, nur eine Handvoll Leute an Bord. Seit die Dampfschiffe auf der Themse verkehrten und immer mal wieder ein paar der kleinen Ruderboote der Watermen bei Unfällen versenkt wurden – Kollateralschäden wie es schien – machten die meisten Menschen aus Angst einen Bogen um die Ruderboote, die früher den Haupttransport auf dem Fluss ausgemacht hatten. Ich hatte es von meinem Kahnführer gehört, der mich ans Nordufer bei Wapping gebracht hatte. Wasserratten redeten nicht all zu viel, aber das was er gesagt hatte, hatte Sinn ergeben. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, ich wäre lieber auf dem Boot der Watermen geblieben als in den Straßen dieser Stadt. Aber das hatte auch keinen Zweck. Die Dampfschiffe würden die Boote vertreiben hatte mir der Kahnführer erklärt. Es hatte keinen Sinn mehr, sich als Waterman zu melden. Die waren auf einem absteigenden Ast. Wie so viele in dieser vermaledeiten Stadt.

Ich war in der High Street gewesen. Hatte mich bei der Thames River Police beworben, die sich um den Schutz der Docks kümmerte. Es war der perfekte Plan gewesen. Nahe beim Wasser, nahe am Hafen, wie früher in Plymouth. Harte Arbeitszeiten, aber das war nichts, das mir unbekannt war. Aber das entscheidende: jeden Tag etwas anderes. Schichten schieben, ja. Aber nicht mehr nach den Glasen, sondern nach der Uhrzeit und jede Schicht brachte andere Herausforderungen. Das hatten sie auch auf die Blätter gedruckt, die sie verteilt hatten. Sie suchten Männer. Bitterlich. Aber das hielt sie scheinbar nicht davon ab, die Leute nach der Größe auszusortieren.

Ich biss die Kiefer fest zusammen bei der Erinnerung daran wie sie mich noch wenige Augenblicke zuvor aus der High Street geworfen hatten. Zu klein, hatten sie gesagt. ZU KLEIN. Der Navy war ich damals nicht zu klein gewesen und ich hatte schon mit zwölf Jahren Untergröße gehabt, wie sie es genannt hatten. Trotzdem hatten sie mich genommen. Die East India hätte mich genommen. Ich konnte anpacken. Ich arbeitete. Ohne zu murren. Ich wusste, wie man die Klappe hielt und seine Arbeit machte. Und trotzdem hatte keines dieser Argumente gezogen. Ich hatte sogar versucht den Rekrutierer zu bestechen – das letzte Mittel. Aber ich hatte nicht annähernd genügend Geld bei mir gehabt und auf Versprechungen hatte der Mann sich nicht eingelassen. Ich war schließlich wütend geworden – und hinaus geflogen. In hohem Bogen.

Ich atmete tief durch. Jetzt war ich auf dem Weg zurück nach Rotherhithe. Wo Margory noch in der Schenke arbeitete. Nur noch diesen Monat. Bevor sie als Wäscherin beginnen würde. Wenn ich bis dahin keine Arbeit hatte, dann war ihr Gehalt aufgebraucht. Und wenn sie dann keine Arbeit fand, dann saßen wir auf der Straße. So hatte ich das nicht geplant. Dabei hatte ich mir jede Einzelheit so schön zurecht gelegt. Es hätte alles funktioniert, hätte dieser Holzkopf von einem Rekrutierer nur mit sich reden lassen.

Es war nichts neues dass ich wegen meiner Größe Probleme bekommen hatte. Als sie mich damals in Plymouth mitgenommen hatten, hatten sie gemeint ich würde noch wachsen. Mein Vater hatte ihnen irgendetwas davon erzählt meine Mutter wäre eine Größe gewesen. Es war lange kein Thema mehr gewesen. Bis ich in ein Alter gekommen war, in dem ich hätte aufgeholt haben müssen, was mir zu dem Zeitpunkt noch an Größe gefehlt hatte. Im Zwischendeck hatten sie dann schnell zu spotten angefangen. Aber ich hatte ihnen gezeigt was es hieß über mich zu spotten. Immer und immer wieder. Ich hätte es ihnen auch jetzt gezeigt. Aber die River Police verstand da keinen Spaß.

Das schlimmste daran: ich würde es Margory sagen müssen. Dass ich mit leeren Händen nach Hause kam. Dass es mit der Polizei nichts werden würde. Dass ich bei den Docks anfangen müssen würde. Und ich kannte die Docks mittlerweile. Ich würde nicht der einzige sein, der allmorgendlich an den Toren stehen und um Arbeit betteln würde. Ich hasste den Gedanken jetzt schon.

Als wir am Commercial Dock Pier anlegten, ging mein Weg vorbei an den Dockbauten in Richtung Rotherhithe Central. Aber ich hätte irgendwo links abbiegen müssen, um nach Hause zu kommen. Ich ging stur an der Abzweigung vorbei gerade aus. Der nächste Pub, der in meine Sichtweite kam, war meiner. Ich trat ein ohne einen einzigen klaren Gedanken in meinem Schädel. Und ich begann damit sämtliches Geld, das ich bei mir trug zu versaufen. Es war das Geld, das Margory mir mitgegeben hatte. „Nimm die Dampfschiffe, tu mir den Gefallen.“, hatte sie gesagt. Ich hatte es ihr versichert und beschlossen, die Watermen zu besuchen. „Und den Rest für die Uniform.“ Eine Uniform würde ich nicht mehr brauchen. Mein altes Matrosenhemd von der Severn und der Mantel, den ich dürftig darüber trug, würden wohl erst einmal ausreichen. Ich wusste, ich hätte ihr das Geld wieder mitbringen müssen. Ich wusste es ganz genau, während ich es ausgab.

Als die Nachtwache vorbei ging, wankte ich irgendwie nach draußen. Es fühlte sich ein wenig an wie damals als die Severn in London vor Anker gegangen war und wir das erste Mal seit langem wieder aufs Festland gespült worden waren. Irgendwo beim Greenland Dock in der Nähe des Brunswick Quays verbrachte ich die Nacht. Eine Bande weckte mich zwischendurch kurz auf, aber ich trug schon nichts mehr bei mir das sie von mir hätten haben wollen.

Es musste irgendwann am Morgen sein, die Sonne war noch nicht aufgegangen, die Dämmerung waberte noch irgendwo zwischen den letzten glühenden Gaslaternen und dem dichten Rauchnebel, der wie eine Glocke über der Stadt ging, hin und her. Ich würgte die Reste meines eher flüssigen Abendessens der letzten Nacht hoch, dann suchte ich langsam meine Kräfte zusammen und suchte die nächste Wasserpumpe. Ich hatte begonnen die labyrinthartigen Straßen und Plätze von Rotherhithe zu verstehen, sie mir wie eine geistige Karte einzuprägen. Es begann sich bekannt anzufühlen, auch wenn ich hier erst seit wenigen Wochen mein Dasein fristete. Ich spülte meinen Mund aus, trank so viel ich vertrug, wusch mir das Gesicht ab. Dann beschloss ich, dass es an der Zeit war, dem unausweichlichen ins Gesicht zu sehen. Rückkehr zu Margory, wie der geschlagene Hund, wie der ich mich fühlte.

Ich versuchte nicht darüber nachzudenken. Während es um mich heller wurde und ich meinen Weg zurück zum Brunswick Quay suchte, ging ich in Gedanken die Dinge durch, die ich ihr sagen würde. Ich würde mich zusammen reißen, sagte ich mir. Ich würde ehrlich sein, schwor ich mir. Und doch klang jedes Wort, das mir einfiel, in meinem Kopf lächerlich. Ich hasste es alleine schon, erklären zu müssen, weshalb ich nicht direkt nach Hause gekommen war. Nicht nur hatte ich den verdammten Job nicht bekommen, von dem ich Margory gesagt hatte, es wäre eine Leichtigkeit ihn zu bekommen, sondern ich hatte auch noch das Geld regelrecht in die Themse gekippt das sie mir für gänzlich andere Zwecke mitgegeben hatte. Ausgerechnet ich. Wäre das einem anderen passiert, ich hätte den Mund nicht voll genug bekommen können an Hohn und Spott. Verdammte Scheiße.

So tief war ich in diese Gedanken vergraben, dass mich nicht einmal die Gruppe Dockarbeiter kümmerte, die sich bereits im Morgengrauen am Tor zum Greenland Dock versammelt hatte, um auf Arbeit zu warten. Wie sie alle dort standen und froren und hofften. Bald würde ich zu ihnen gehören, besser ich sah nicht genau hin. Und so stieß und rempelte ich mir meinen Weg erbarmungslos quer durch die Gruppe. Bis ich gegen einen Mann wie eine Steinsäule stieß, der das Vergnügen besaß, mitten in meinem Weg zu stehen und nicht rechtzeitig Platz zu machen. Ich taumelte zurück. Mein finsterer Blick, unwirsch in die Realität zurück geholt, ging hoch um das Gesicht dieses Baumes von einem Mann zu entdecken und musste doch immer weiter hochsehen. Ein großer Kerl mit dunklem Haar, großer Stirn und Nase. Grobschlächtig sah er aus und das war alles was ich in diesem Moment brauchte. „Was wirfst du dich in meinen verdammten Weg, Taugenichts?! Häh?!“, schnauzte ich ihn in meinem breiten heimatlichen Devon Akzent an, ohne auch nur einen Moment lang darauf zu achten, mich - wie ich mich sonst bemühte - wie ein braver Londoner anzuhören. Ich stieß den großen Kerl grob mit beiden Händen von mir, nur darauf wartend, dass er sich wehrte. Zog die Nase kraus und zeigte ihm meine gebleckten Zähne als ich mit ihm sprach. Diesem Nichtsnutz von einem Dockarbeiter. Den hätten sie sofort bei der Police Station genommen. Ich sah es richtig vor mir mit welcher Kusshand sie ihn begrüßt hätten. „Hast du dich verlaufen, Kleiner, ja?!“, zischte ich ohne Sinn und Verstand, bevor ich meine Rechte zur Faust ballte und das erste Mal in die Nieren des Größeren schlug.


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Devon Akzent [ Link ]
drearily and tired
the hours all spent on killing time



again all waiting
Wir standen vielleicht seit anderthalb Stunden vor den gusseisernen Toren des Greenland Docks, irgendwann war ich müde geworden die regelmäßigen Schläge der nahen Kirchturmuhr zu zählen, geschweige denn einen Blick in Richtung des alle umliegenden Gebäude überragenden Turms zu werfen. Das erste blasse Sonnenlicht vermischte sich bereits mit den Lichtern der umliegenden Gaslaternen und machte die Wahrscheinlichkeit auf Arbeit mit jeder verstreichenden Minute geringer. Ich fragte mich, ob es sich wohl noch lohnte weiter hier im nieselnden Regen stehen zu bleiben. Gestern hatte der Vorsteher unserer Wohnbarracke uns wenig Hoffnung gemacht an diesem Tag Arbeit zu finden, aber am Morgen hatte er uns schließlich doch in aller Frühe aus dem Schlaf gerissen. Einem Gerücht nach, bestand für jeden arbeitsfähigen Mann, der sich in den morgendlichen Stunden am Brunswick Quay einfand die Chance guten Lohn zu machen. Ein Gerücht war immerhin besser als ein Tag des untätigen Hungerns. Die Arbeit war rar gewesen in den letzten Wochen und das nagende Gefühl des ungefüllten Magens war mein ständiger Begleiter geworden.

Die Möglichkeit auf Arbeit konnte ich nicht verstreichen lassen, also hatte es mich noch im Dunklen mit den anderen Dockarbeitern in den kalten, regnerischen Aprilmorgen hinaus getrieben. Inzwischen fragte ich mich jedoch ob die Aussicht auf Arbeit nicht doch nur ein Gerücht bleiben sollte. Vielleicht sollte ich mich auf zur St. Mary's machen. Die Kirche unterstütze die Dockarbeiter mit ihrer Mildtätigkeit und im Ausgleich übernahm unsereins allerlei Hilfsarbeiten in der Instandhaltung des Gotteshauses. Die Arbeit dort würde mir zwar am Abend keinen in barer Münze ausbezahlten Lohn einbringen, aber vielleicht konnte ich auf irgendetwas Essbares hoffen und selbst wenn nicht, half beschäftigt zu sein noch immer am besten gegen jedes Hungergefühl.

Außerdem, und der Gedanke allein trieb meinen Herzschlag in die Höhe, würde ich vielleicht wieder einen Blick auf dieses eine Mädchen werfen können, das regelmäßig in der Kirche aushalf. Zu Ostern vor etwas mehr als einer Woche hatte sie Kränze aus Frühlingsblumen geflochten, um die Kirche für den Gottesdienst zu schmücken. Ich wusste inzwischen welche Blumen ihr die liebsten waren und ich wusste in welchen Mauerritzen die zarten, hellen Blüten wucherten wie Unkraut. Ich könnte auf dem Weg von hier ein paar für sie Pflücken, ihr vielleicht ein Lächeln entlocken, das mir jedes Mal bis ins Mark ging... Längst waren die paar verstohlenen Worte, die wir ab und an ausgetauscht hatten zu langen Gesprächen geworden, wann immer uns die Gelegenheit dafür blieb. Und das Gefühl ihrer weichen Haut unter meinen Fingern, wann immer sich unsere Hände häufiger als jedes Versehen streiften... Als ich Braunston für die Armee verlassen hatte, war ich noch zu jung gewesen um mehr als ein paar unbeholfene Küsse und Berührungen mit einem Mädchen während des Dorffestes ausgetauscht zu haben, gut verborgen vor den Augen der Erwachsenen hinter einem Scheunentor, von der ersten unzüchtigen Tollerei der Jugend getrieben. Meine Unschuld hatte ich schließlich in mehrfacher Hinsicht in der Kolonie verloren. Aber das hier war ein anderes Verlangen, eines, das ich in den zwanzig Jahren meines Lebens noch nicht gehabt hatte. Sicherlich nicht frei von unzüchtigen Trieben und gleichzeitig war dieses eine Mädchen von solcher Reinheit, solcher Schönheit, spürte ich so sehr, dass auch ich ihr gefiel, dass ich mir so viel mehr von ihr wünschte. Dass ich mir so viel mehr für sie wünschte. Nicht von kurzer Hand geleitet von Gottes Wegen abbringen wollte ich sie, sondern im heiligen Gelübde, dass er für uns alle vorgesehen hatte mit ihr vereint sein.

Doch wie sollte ich je auf ein Mädchen wie sie hoffen, wenn es mir nicht einmal gelang den eigenen Magen zuverlässig zu füllen? Diese ewige Frage lag mir wie ein harter unlösbarer Knoten im leeren Bauch und ließ mich verbissen weiter an Ort und Stelle ausharren. Die Männer in meiner Nähe bewegten sich unruhig in der nassen Kälte des Morgens. Traten von einem Bein auf das andere oder liefen durcheinander wie Schafe, aber das war etwas, dass sie einem in der Armee vom ersten Tag an aberzogen. Ich hatte während meiner Ausbildung genug Stunden bewegungslos in Englands dünnem Regen gestanden, als dass die starre Haltung während des Wartens längst mein Unterbewusstsein durchdrungen hatte. Es war immer noch besser als unter der mörderischen Sonne von New South Wales Apell zu stehen, sagte ich mir jedenfalls, während meine dünne Kleidung das klamme Nass immer weiter in sich aufsog.

Bewegungslos stand ich noch immer, als die Anderen um mich herum längst einem dahinwankenden Nachzügler aus einem der unweit gelegenen Pubs auswichen. Jedenfalls sprachen Zustand seiner Kleidung und der üble Geruch dafür, dass es nicht die hartverdiente Arbeit war, die seinen Kopf senkte und seine vorhängenden Schultern beschwerte. Aber es kümmerte mich nicht aus welchem Loch er gekrochen war, er konnte mir so gut ausweichen wie ich ihm – und ich sah überhaupt nicht ein den ersten Schritt zu machen. Nicht während er hier durch uns Dockarbeiter spazierte, als gehöre dem Herrn die Welt. Nur das der zu kurz geratene Kerl es ebenso wenig einzusehen schien auszuweichen und so kam es, wie es kommen musste und der vermaledeite Suffkopf rempelte ungebremst in mich hinein. Ungehalten zog ich die Oberlippe hoch und presste den Kiefer dabei zusammen. Der Bursche sah auf zu mir und es bereitete mir eine gewisse Genugtuung, wie weit er den Kopf dabei in den Nacken legen musste.

Jung war der Kerl, konnte kaum älter sein als ich selbst. Aber wahrlich klein geraten von Fuß bis Haarspitze. Selbst einem anderen Mann gegebüber als mir. Seit ich den ersten Wachstumsschub hinter mir gehabt hatte, war ich als hochgewachsen durchgegangen, etwas das mir meinen Platz bei der Armee gesichert hatte, etwas, das jeden über mein tatsächliches Alter hatte hinweg sehen lassen. Wie sehr das für mich in der Vergangenheit von Vorteil gewesen war, mochte auf einer anderen Seite stehen, aber unter all den anderen hageren und eingefallenen Dockarbeitern, konnte ich mich mit blanker Körpergröße doch immerhin meist für die begehrte Arbeit qualifizieren. Das und der angenehme Fakt, dass die meisten mir bei Streitereien aus dem Weg gingen, war nicht zu verachten. Letzteres galt eindeutig nicht für den Kurzen, der in mich hinein gerannt war. Nein, der hatte direkt die Stirn im breiten Devon-Akzent ausfallend zu werden und zu versuchen mich von sich zu stoßen. Stirnrunzelnd wich ich einen halben Schritt zurück. Mochte ich ihn doch um einen guten Kopf überragen, so war der Bursche doch deutlich kräftiger und sein feistes rundes Gesicht sprühte vor blanker Aggression.

Es war mehr ungezügelte Kraft, als ich von der stumpfsinnigen Herde um mich herum gewöhnt war. Unser dröges Leben bestand aus nicht viel mehr als der Arbeit, die uns die paar Pence für gerade so viel Nahrung und eine Unterkunft einbrachten, die es brauchte um die nächste Arbeit ausführen zu können, das und die gelegentliche Hilfstätigkeit für die Kirche, die uns im Gegenzug jeden Monat ein paar Almosen aus der Kollekte zugestand, um die Miete der Gruppenunterkünfte zu zahlen. Es reichte um dem Arbeitshaus gegenüber dem südlichen Ende der Coburg Street zu entgehen, aber ließ einen trotz allem an den meisten Tagen hungrig und am Rande seiner Kräfte zurück. Niemand hier hielt sich mit unnötigen Auseinandersetzungen auf, selbst den kleinsten Reibereien gingen die meisten aus dem Weg. Und ich fügte mich seit wenigen Monaten, seit ich dieses Land wieder betreten hatte, in ihren Reihen ein. Ich war einer von ihnen, ein braves Schaf dieser Herde, das unbescholtener Arbeit nachging, das kein Gebet ausließ und sich für das Heilige Haus der Kirche aufopferte. Ein anständiger Mann, der vergessen konnte wie schändlich er Gottes Ordnung in den Jahren seiner Jugend missachtet hatte – und vielleicht würde Gott das eines Tages auch vergessen können oder mir doch wenigstens etwas Frieden zurück geben.

Warum nur war der unbändige Hass der mir von dem Kurzen entgegen schlug, der nach unmittelbarer Erwiderung verlangte, dann wie blanke Energie? Warum trieb es mir die aufputschende Mobilisierung letzter verborgener Kräfte prickelnd durch die Adern und stieg mir mit lang verdrängter Freude zu Kopf?

„Oi, Rhode, der spricht mit dir“, kam es jetzt von einem der Umstehenden, ebenso überrascht wie sensationsgierig. Ich drehte mich zu ihm hin. „Ach ja, Fenn?! Ist mir gar nicht aufgefallen“, knurrte ich ungehalten durch die Zähne. Ein paar Andere lachten verhalten, aber glotzten mich nicht minder herausfordernd erwartungsvoll an wie Fenn. Ich wusste was die Jungs erwarteten, die schon viel zu lang ohne jede lohnenswerte Ablenkung von ihrem miserablen Los warteten. Ich wusste, was der Kurze erwartete. Spätestens als der den Moment der Ablenkung zu nutzen wusste in dem er mir die Faust in die zu ihm hin geöffneten Nieren jagte. Ich grunzte auf vor Schmerz, stieß ihn durch einen ausfallenden Schritt mit dem Körper von mir, aber beließ es damit schon wieder. Ich war zu hungrig, um mich zu schlagen, richtig? Die Energie steckte ich besser in die Stunden auszehrender Arbeit, die mich hoffentlich erwarteten, ja? Einmal davon abgesehen, dass bei einer Prügelei erwischt zu werden bedeutete, dass der Kaimeister einen auf unbestimmt von der Arbeit ausschloss und der Mann hatte ein erschreckend gutes Gedächtnis, für die kleinsten Vergehen. Nicht dass ich nicht gewusst hätte meine Ellbogen einzusetzen, wenn ich mir gewiss sein konnte, nicht dabei erwischt zu werden, aber ich würde keine offene Schlägerei riskieren, wenn der Mann, der mir für den Tag Arbeit geben könnte, jeden Augenblick auftauchen mochte.

„Verpiss dich einfach, Suffkopf“, brummte ich entschieden und mit Nachdruck. Ich warf dem zu kurz geratenem Streithahn einen warnenden Blick zu. Und etwas in mir wusste, dass ich es dabei hätte belassen sollen. Dass, wenn es denn überhaupt eine Chance gab, dass der versoffene Unruhestifter einfach weiter torkelte, sie hier in diesem Moment lag. Darin, dass ich jetzt schwieg und mich nicht weiter provozieren ließ - selbst nicht weiter provozierte. Und doch kamen die Worte über meine Lippen, noch während ich diesen Gedanken hatte. „Vergrab dich mit den anderen zu kurz geratenen Imps wieder in deiner Höhle, ja?“, setzte ich voll höhnischer Süffisanz hinterher. Der verdammte Schlag in die Nieren hatte weh getan, ich war nass bis auf die Knochen, ausgehungert und das Versprechen von Arbeit hier war doch ohnehin ein schlechter Scherz.

Vielleicht wollte ich ja gar nicht, dass meine einzige Ablenkung von all dem einfach so wieder davon zog.



Schmerzen konnte er wenigstens spüren, Schmerzen spürten sie alle. Aber anstatt zu reagieren und mir eine zu verpassen, schob der Kerl mich nur weg. Ich fand mein Gleichgewicht zurück – es wäre auch niemand mehr hinter mir gewesen, der meinen Sturz hätte abfangen können – und sah mit hämischem Grinsen zu dem Langen hoch, der sich nur minimal gerührt hatte um mich wieder loszuwerden. „Was ist, hast du Angst, kleiner Docker?“ Mein süffisantes Grinsen wurde nur noch niederträchtiger. Mir gefiel der Gedanke, dass es Angst sein könnte, die den Langen abhielt. Immerhin war er nicht aus dem Weg gegangen. Er stand immer noch hier. Es war offensichtlich, dass es keine Angst war. Aber wie alt war der Lange? Noch nicht alt genug um den Vorwurf, Angst zu haben noch auf sich sitzen zu lassen, oder? „Vielleicht solltest du dann nächstes Mal nicht mehr in meinem Weg stehen, wenn ich hier lang gehe.“, gab ich ihm den Rat und funkelte selbstzufrieden zu ihm hoch während ich fühlte, dass mein Gleichgewicht doch mehr unter der vergangenen Nacht gelitten hatte als ich es vermutet hatte.

Er tat mir den Gefallen nicht. „Verpiss dich einfach, Suffkopf“ Er klang nach London, der Kleine. Ich fing den warnenden Blick auf, stierte ihm einen Moment stumm und ausdruckslos entgegen. Als würde ich darauf warten, dass sich mein Schwanken wieder einstellte. Fast enttäuschend diese resolute Haltung des Langen. Ich verzog das Gesicht schließlich zu einer grinsenden Grimasse, dann spuckte ich abfällig vor dem Langen aus und gab es auf. Es hatte keinen Zweck. Ich versuchte ja doch nur, den Moment hinaus zu zögern an dem ich zuhause ankommen würde. Besser ich machte mich auf den Weg. Ich wollte mich abwenden, aber ich bekam erneut das Schwanken, kippte, jemand Griff nach mir um mich aufzufangen. „Hey!!! Fass mich nicht an, ja!!!“, herrschte ich den Fremden an, mich nur wage in die Richtung drehend und dabei wieder stolz auf meine eigenen Füße zurück kehrend – immerhin einen Rest Gleichgewichtssinn besaß ich noch. Das war nur ein Moment der Schwäche gewesen, so viel war sicher. Kein Grund mich gleich auf eine Bare zu packen. Ich hatte hier schließlich gerade einen Punkt gemacht. Also rückte ich meinen Mantel zurecht und machte mich daran, meine Unternehmung fortzusetzen, mich abzuwenden und meines Weges zu ziehen.

Und dann kam dieser Satz. Von Imps und einer Höhle. Zu kurz geraten. Ich blieb stehen. Wie fest gefroren in meiner Bewegung. Ich presste meine Lippen kurz zusammen, nicht benennen könnend was es war, das mich in diesem Moment ergriff. Ich drehte mich um, langsam nur, aber mit angemessener Geschwindigkeit, wie ich fand. Ich nahm mir die Zeit, kam zurück. Zurück bis meine Schritte mich vor den Langen geführt hatten, ich dicht vor ihm stehen blieb und mit schmalen Augen zu ihm nach oben sehen konnte. „Was hast du gesagt?!“, hakte ich mit gefährlich leiser Stimme nach, die ernsthafte, ruhige Abscheu auf meinem Gesicht zur Schau getragen. „Sag das nochmal, kleiner Docker, sag mir das ins Gesicht.“ Mein Finger zeigte wie gerufen auf meine Visage während ich den Langen ansah ohne zu blinzeln, die Nase kraus gezogen in meiner herablassenden Abscheu. Und nur nebenbei nahm ich wahr, wie alles in mir danach schrie, dass der Lange der Aufforderung einfach nachkam. Die Faust zu meiner Rechten war längst schon wieder geballt.
Ein letztes Ausspucken und der Kurze gab nach, wandte den Blick ab, wandte den Körper ab – oder versuchte es zumindest. Wankend zog der Janner sich zurück. Ich ließ die instinktiv angespannten Schultern ein wenig fallen, zog die Nase hoch und starrte rastlos vor mich hin. Es war gut so, richtig so. Sollte der Andere den Schwanz einziehen und Land gewinnen. So war es recht. Und doch ließ der unerwartete Rückzug mich mit giftiger Unzufriedenheit zurück, konnte ich die Klappe doch nicht halten. Weil er recht hatte, der kleine Janner mit seinem breiten Heimatakzent. Ich hatte Angst. Nicht vor der Herausforderung, nicht vor so einem halb abgeschlagenen Stumpen wie ihm. Aber ich hatte Angst. Angst auch heute keine Arbeit zu finden, Angst tatsächlich als Taugenichts auf der Straße oder dem Arbeitshaus zu landen. Angst an dieser Arbeit hier zu Grunde zu gehen, nie wieder den Weg hier raus zu finden und mit ein paar Jahren mehr auf dem Buckel, wenn meine jugendlichen Kraftreserven nachließen an Krankheit und Erschöpfung dahinzusiechen, wie so viele der älteren Männer, die hier mit mir im kalten Regen standen. Ich konnte ihren keuchenden Husten in der Menge hören und er verfolgte mich wie ein Alptraum einen Jungen.

Und der einzige Grund, der mich vernünftig sein ließ, der mich davon abhielt mich mit dem Kurzen zu schlagen, war – und mir wurde selbst übel von der kranken Argumentation – meine Angst jede Aussicht auf diese Arbeit zu verlieren, die mich zu Grunde gehen ließ. Das und die alte Warnung meines Vaters. Mit den Jungen in Braunston hatte ich mich häufig geschlagen, es war das Mittel unserer Wahl gewesen, wann immer Worte nicht mehr ausgereicht hatten. Aber ich spürte sie noch immer, die warnende Hand meines Vaters auf der Schulter, als ich mich zum ersten Mal mit einigen Londoner Kindern hatte schlagen wollen. Weil London nicht Braunston war, du konntest nie wissen, wann du einem Wahnsinnigen begegnest, der dir bei einer harmlosen Prügelei ein Messer zwischen die Rippen steckt und deine Taschen leert, noch während du auf dem Pflaster verblutest. Er hatte mir beigebracht solchen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, klüger zu sein. Es hatte mich bis heute in London überleben lassen, es hatte mir auch in der Armee mehr als einmal den Hals gerettet. Aber heute, heute war es mir egal und wenn es ein Messer zwischen den Rippen war mit dem ich enden sollte, sei es drum. Wenigstens waren meine Taschen leer bis auf die letzten Pence. Und hier am Brunswick Quay im heruntergekommenen Rotherhithe unter dem kalten Aprilregen ausgehungert und schwindelig vor Erschöpfung gab es nichts an das ich mich klammern, vor dem ich so viel Angst haben sollte, um klein bei zu geben. 

Die Worte wirkten genau das Wunder, das ich mir erhofft hatte. Mit düsterer Zufriedenheit beobachtete ich, wie der Kurze ins Stocken geriet. Wie er sich wieder umdrehte, vielversprechend langsam. Bedächtig fast – aber vielleicht war das auch nur seiner durchzechten Nacht zu verdanken, wer wusste das schon. Ich lächelte salbungsvoll, während er brav zu mir zurückkam. Und die warnende Stimme in meinem Inneren, die mich ängstlich anzischte, was ich hier eigentlich tat, ignorierte ich mit aller Konsequenz. Ja, mochte sein, dass ich gerade meine beste Chance verspielte nicht als Prügelknabe für einen frustrierten Säufer zu enden. Mochte sein ich riskierte verletzt und als Krüppel zu enden. Mochte sein, ich verlor jede letzte verzweifelte Hoffnung auf Arbeit. Aber für diesen einen Augenblick war es das wert.

„Kleiner. Zu kurz geratener. Imp.“ Jedes Wort wiederholte ich mit Freude für ihn.



Ich sah hinauf zu Augen, die genauso gut einer Frau hätten gehören können. Mandelförmig, fast zart und mit langen Wimpern, was dem Langen trotz seiner vorspringenden Stirn und der großen Nase auf den zweiten Blick ein jungenhaftes Aussehen verlieh, dass er fast jünger schien als ich, aber seinen Blick zu mir hinunter nicht minder hinterhältig erscheinen ließ. Wie er selbstgefällig lächelte als wäre er der verdammte Prinz irgendeines nordafrikanischen Barbarenstamms, der meinte ihm läge die Welt zu Füßen. Aber er würde nicht die Eier haben, damit war ich mir sicher als ich zu ihm hoch funkelte.

Aber er hatte die Eier. Der Lange lächelte mir ins Gesicht und ich konnte die Zufriedenheit auf seinen derben Zügen sehen als er es mir doch tatsächlich mit Genuss wiederholte, was er mir an den Kopf geworfen hatte. Nicht im original Wortlaut. Nein, er hatte die Freundlichkeit, mir die besten Teile noch einmal zu sezieren und in einer feinen Aufstellung zu präsentieren. Dass er es wagte. Dass er es tatsächlich wagte. Ich presste die Lippen aufeinander. Nickte, als wäre es das gewesen was ich hatte hören wollen, als wäre ich nur deshalb hier. Und doch hielt mich damit nichts mehr auf. Ich rammte die geballte Faust mit aller eiserner Härte, die ich nach dieser Nacht aufbringen konnte, in die Magengegend des Langen. Der Docker klappte vornüber zusammen unter dem Schlag, ich hob den anderen Arm und bekam seinen Nacken zu fassen, jetzt da sein Kopf auf meine Höhe geschnellt war. Fest nahm ich ihn unter den Arm, fixierte ihn, meinen Arm um seinen Hals geschlungen an meinem Oberkörper, an dem der Mantel nass herunter hing. Tropfen fielen mir aus dem regenkrausen Haar ins Gesicht während ich das Gesicht zu einer Grimasse verzog. Halb unter der Anstrengung, halb unter der puren Wut, die durch meinen Körper raste und nur danach verlangte diesem Großmaul den Atem zu nehmen. “Weißt du was der verdammte Imp mit dir macht, kleiner Docker?!!!“, brüllte ich ihn wütend an, bevor ich meine Stimme wieder etwas mäßigte damit der Lange die Pointe ja nicht verpasste. “Der schlägt dir all deine hübschen Beißerchen aus und verfüttert dich an die Haie.“ Ich zog die Lippen über die Zähne während ich rang um ihn weiter festzuhalten. “Ich werd dich kielholen bis du nach deiner Mama schreist, du verdammtes Großmaul! Na wie ist die Luft hier unten bei uns Zwergen?“ Und jetzt grinste ich ihn tatsächlich zufrieden an. Aber ich spürte wie mein Griff nachließ, lange würde ich ihn nicht mehr halten können. Was ich dann tun würde, war mir schleierhaft. Aber es hatte auf irritierende Weise keinerlei Bedeutung.

Auf der Severn wäre das hier noch eine freundliche Rauferei gewesen. Solange man seine Streitigkeiten im Zwischendeck behielt, hatte man alles veranstalten können, was einen Mann nicht arbeitsuntauglich machte. Aber sobald es daran ging Knochen zu brechen oder so viel Unruhe zu stiften, dass der Rest der Mannschaft miteinstieg, schickten sie die Fähnriche oder den Bootsmann nach unten um für Ruhe zu sorgen. Ich verschwendete in diesem Moment zum ersten Mal einen Gedanken daran, dass wir nicht allein auf weiter Flur waren. Dass da eine Horde Dockarbeiter um uns stand, die mit dem Langen unter meinem Arm immerhin die Beschäftigung gemeinsam hatten. Aber sie waren keine Mannschaft, sagte ich mir. Sie kannten keine Loyalität oder Kameradschaft. Das war nichts als Gesindel. Und selbst wenn sie mit einem Mal ihre Kameradschaft entdeckten, sollten sie es doch. Es wäre mir in diesem Moment sogar egal gewesen, wenn sie mich in Stücke gerissen hätten. Hauptsache den Imp nicht auf mir sitzen lassen. Ich hatte es ihnen schon auf der Severn gezeigt, was es hieß mich zu kurz zu nennen. Ich würde es ihnen auch hier zeigen. Und wenn ich kämpfend unterging. Ich würde es ihnen zeigen.

Ganz besonders dem verdammten Langen unter meinem Arm.


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Powerplay abgesprochen
Schnell war er, das musste ich dem Kerl lassen. Das oder es war die dröge Erschöpfung, die meine Wahrnehmung verzerrte. All die Wochen der stumpfsinnigen Arbeit. All die Tage an denen ich die Armee und was sie mich gelehrt hatte, versucht hatte zu vergessen. Das hatte ich jetzt davon. Im Schwitzkasten gefangen wie ein Schuljunge in der Rangelei mit einem Gleichaltrigen. Ich stöhnte noch vor dem dumpfen Schmerz in meiner Magengrube, als der selbsternannte Herr des erbärmlichen Rotherhithe längst seine Reden schwang. Ich bleckte die Zähne unter der blanken Anstrengung meine Finger unter den gut gesicherten Griff des Kurzen zu bekommen, mich irgendwie los zu kämpfen – oder doch wenigstens etwas mehr Luft zu bekommen. Viel bekam ich nicht mit in der blanken Panik, die der Luftmangel und die starken Arme um meinen empfindlichen – so zerbrechlichen – Nacken in mir auslösten. Aber dass es eine Drohung war, das konnte ich mir trotz allem zusammenreimen, konnte irgendetwas von Haien und Kielhohlen aufschnappen. Wenn das nicht alles dafür sprach, dass der Janner auch noch ein stinkender Matrose war. Aber sicher doch, was taten die auch sonst im dahinrottenden Devon wenn ihnen die stinkenden Fische zum Fressen ausgingen? Da blieb nur die Navy für einen Janner. Beim Herrn im Himmel, den Arsch versohlt von einem Matrosenbengel, ich war wirklich eine Schande für das ganze 48th…

Der Gedanke putschte meinen Widerstand noch einmal auf. Immerhin hatte der Bursche nicht die Körpergröße mich nach oben zu zerren, mir endgültig die Luft abzuschnüren, allein durch mein eigenes Körpergewicht, wie man das bei einem solchen Griff sonst tat. Aber was es dem Kurzen an Größe fehlte, machte er mit reiner Kraft wett, verzweifelt versuchte ich weiter eine Hand unter seinen Arm um meine Kehle zu bekommen. Mich los zu reißen, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, wie mir das vielleicht in einem besseren Zustand gelungen wäre – aber der Imp stand wie ein Fels. Ich kam nicht frei, meine Schulter knallte mit jedem erfolglosen Versuch nur immer wieder gegen den Oberkörper des Kerls und ich spürte, seinen Griff fester werden. Spürte wie mir die Luft eng wurde, wie jeder Versuch mich zu Befreien zu einem erhöhten Risiko wurde und mir gleichzeitig viel zu viel von der Kraft raubte, die ich nicht hatte. Ich würde mir an dem stählernen Griff des Kurzen eher das Genick brechen, als frei zu kommen und so tat ich das einzige, was mir übrig blieb, ich schlug mit der flachen Hand gegen seine Eier. Nicht hart, nur so, dass er reflexartig eine Hand von seinem Schwitzkasten lösen musste – keinem Mann wäre es wohl gelungen das nicht zu tun. Die Gelegenheit nutzend drehte ich augenblicklich die Schulter ein, damit er den Griff nicht wieder schließen konnte. Gewaltsam riss ich seinen verbliebenen Arm um meinen Hals mit dem Körper nach oben und jagte dem Kurzen gleichzeitig den Ellbogen, gegen seine Rippen, um mich weiter hinter seinen Körper drehen zu können. In der Bewegung bekam ich Stoff und blanke darunter arbeitende Muskeln zu fassen. Ich packte den Arm des Janners und drehte ihn mit mir, versuchte ihn hinter seinem Rücken zu fixieren und ihn mit der blanken Gewalt letzter Kräfte nach unten zu drücken. „Versuch… es… doch…“, gelang es mir unter drei heftigen Atemzügen zu keuchen.

Und ich wusste: Das würde er tun.



Was ging die Landratte mir an die Eier?!! Reflexartig löste sich mein Griff bei diesem beschissenen Gefühl zwischen meinen Beinen – wer kam auf so eine beknackte Idee?! – und musste feststellen, dass der heftige Schlag ausblieb. Stattdessen nutzte der Lange den Moment der Unaufmerksamkeit um sich aus meinem Griff zu winden und als ich das realisierte und die Empörung über die hinterlistige Täuschung mich packte, da war es längst zu spät. “Du mieser kleiner Landstreicher!“, fauchte ich wütend bevor meine Worte von meinem eigenen Zischen unter dem Schlag in die Rippen abgebrochen wurden. So schnell konnte ich gar nicht schauen wie mein Arm sich auf meinen Rücken drehte, ohne dass ich mehr tun konnte, als mich einfangen zu lassen wie ein gestrandeter Wal.

Es half auch nichts, dass ich noch einen Arm frei hatte, weil mir der andere so noch unten geschoben wurde, dass ich meinte, es würde mir die Schulter auskugeln! Und weshalb war ich hier gelandet?! Nur wegen diesem miesen Trick dieser mindestens genauso miesen Landratte. Kleiner verdammter Docker!!! So in meinem Geist vor mich hin fluchend blieb mir wenig anderes übrig, als mir etwas einfallen zu lassen, wollte ich meine Schulter nicht alsbald verlieren. Und mit verrenkter Schulter würde mich keiner mehr nehmen. Ich folgte dem Reflex, holte mit der freien Hand aus und krallte mich in das zottelige, nasse Haar des Dockarbeiters. Ich würde bald abrutschen bei all der Nässe, aber es reichte um meinen Oberkörper an ihm herum zu ziehen und ihm damit die Hebelwirkung für den verrenkten Arm ein wenig zu nehmen, sodass ich ihm immerhin wieder ins Gesicht sehen konnte, dem kleinen Docker, der mir an die Eier gegangen war.

Und dem spuckte ich jetzt ins Gesicht.
Das wütende Fluchen des Kurzen ließ mich fast Grinsen. Was erwartete er denn?! Dass ich mich brav und ohne mich zu wehren von ihm schlagen ließ, nur weil er eine versoffene Nach hinter sich hatte? Da hätte er sich einen anderen aussuchen müssen. Einen von denen, die ihm reflexartig ausgewichen waren. Nicht ausgerechnet mich. Vielleicht, ja, vielleicht, wenn ich ein frommerer Mann gewesen wäre, dann hätte ich die andere Wange hingehalten, dann hätte ich vielleicht gar nicht erst die Klappe aufgerissen. Vielleicht mit ein paar Monaten mehr bei den Dockarbeitern, vielleicht wäre ich dann auch zu stumpf und müde gewesen mich mit Betrunkenen zu schlagen. Aber noch war es mein letzter Trumpf. Mein letzter Beweis mir selbst gegenüber, dass ich noch den Mumm hatte, dass ich, solange ich nur noch ein wenig Kraft übrig hatte, sie dafür aufwenden würde einem saublöden Matrosen aufs Maul zu geben. Und diese heilige Mission würde ich mit jedem Mittel vorantreiben. Aber vielleicht hatte der kurze Imp ja geglaubt, dass er der einzige war, der hier mit miesen Tricks arbeiten konnte…

Der Janner wand sich in meinem Griff und ich hatte nicht die Kraft ihn mit derselben Gewalt zu halten, die dem Kurzen in den Knochen steckte. Die Erkenntnis traf mich mit ungeahnter Wucht: Ich kämpfte noch immer, als hätte ich die Kraft dafür. Ich musste anders vorgehen, wenn ich nicht doch noch gehörig den Frack vollbekommen wollte. Immer weiter musste ich zulassen, dass der Kurze Raum gewann, bis es ihm schließlich gelang mit der freien Hand meine Haare zu packen zu bekommen, der ziehende Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen und ich keuchte trocken auf. Mit der eigenen freien Hand hieb ich dem Janner gegen die Seite, wich gleichzeitig unkontrolliert rückwärts, die Menge wich uns widerwillig aus. Das dumme Schwein drehte jetzt auch noch den Kopf und spuckte mir ins Gesicht, ich war längst schon zu durchweicht vom Regen, um die weitere Feuchtigkeit auf der Haut noch zu spüren. Aber was sollte das denn?! Erst zog er mir an den Haaren, jetzt spuckte er mich an wie ein Mädchen? Als nächstes würde er wohl versuchen mir die Augen auszukratzen wie eine Furie. Hätte ich mich nicht eben davon überzeugen können, dass der Matrose da eindeutig was zwischen den Beinen hatte, kämen mir inzwischen wahre Zweifel. Wütend verpasste ich ihm mit einem trocken Hieb die Revenge in die Nieren. Ich hätte ihn jetzt gerne von mir gestoßen, aber der Kurze hielt ja noch immer meine Haare umklammert, ich konnte also nichts anderes tun, als seinen verrenkten Arm los zu lassen. Mit dem freien Unterarm schlug ich seinen Arm hinunter mit dessen Hand er noch in meinen Haaren hing. In der Aufwärtsbewegung stieß ich ihm dabei den Ellbogen Richtung Gesicht, um ihn dadurch endgültig zu zwingen den Griff lockerer zu lassen, um mich losreißen zu können.



Das schien ihm nicht zu gefallen. So wie er mich ansah mit diesem irritierten Blick. Und ich grinste obwohl er mich noch immer am Arm hatte. Nicht mehr lange. Er ließ mich los. Aber er war schnell. Sein Ellenbogen jagte in meine Richtung. Ich zuckte reflexartig zurück, dabei glitten mir seine Haare durch die Finger und ich ließ los. Aber noch während ich zurück stolperte biss ich die Kiefer aufeinander. Das hatte der sich so gedacht! Ich duckte mich unter seinem Ellenbogen weg sobald ich wieder einen annähernd festen Halt unter den Füßen hatte, nutzte den Spielraum, den er mir so plötzlich gab und rannte mit der Schulter in seine vorgebeugte Vorderseite, mit der Linken ausholend und ihm erneut einen Schlag in die Nieren verpassend, während ich mich mit der Rechten an seinem nassen Mantel festkrallte, um nicht abzurutschen und ihn daran zu hindern, mich einfach wieder wegzuschieben wie ein lästiges Stück Vieh.

So schnell würde er mich nicht loswerden. Und so grinste ich hämisch und siegesgewiss gegen seinen Mantel noch während ich zuschlug. Ich dachte an nichts mehr als daran, den nächsten Schwung gegen den Langen zu setzen. Und es war mir eine Genugtuung. Mit den Beinen breit in den Matsch unter uns gestemmt, das Wasser längst bis auf die Haut durchgesickert, fühlte ich weder die Kälte um uns herum, noch die Nässe, die unentwegt über meine Haare in mein Gesicht tropfte. Ich fühlte nur noch die Wärme, die wie neues Leben in meine Gliedmaßen strömte und für diesen einen Moment, war es sogar egal, dass sie mich aus der River Police geworfen hatten. Es war egal, dass ich hier fest saß. Egal dass ich Margorys Geld versoffen hatte. Egal, dass wir Ende des Monats auf der Straße sitzen würden und uns ein Zimmer mit zwanzig Menschen in einem baufälligen Gebäude teilen würden, in dem sie keine Miete nahmen weil es längst von der Stadt als unbewohnbar gekennzeichnet worden war. Egal, dass zu meinen Füßen Dreck und Unrat so wassergetränkt dick auf dem Pflaster stand, dass man die Steine nur noch vage unter den Stiefeln fühlen konnte. Egal, dass das Matrosenhemd von der Severn das einzige meiner Hemden war, das noch keinen Flicken trug. Egal, dass es bald mehr tragen würde als man zählen konnte. Egal, dass ich einer dieser herumlungernden Dockarbeiter werden würde. Egal, dass ich bald genauso wenig Kraft besitzen würde wie der kleine Docker an meiner Schulter. Egal, dass ich hier verdammt nochmal feststeckte.

Es war egal, solange ich nur zuschlug und diesen Langen all das spüren lassen konnte, was er verdient hatte. Ich war mehr als diese vermaledeite Stadt mir zugestand. Mehr als nur ein Zahnrad in diesem Teufelsloch. Nicht verloren auf See und erst recht nicht verloren in Rotherhithe. Und ich war kein verdammter Imp.
Der Griff in meinen Haaren löste sich. Augenblicklich versuchte ich von dem zu kurz geratenem Matrosen weg zurück in eine aufrechte Position zu kommen, aber es gelang mir wohl nicht schnell genug. Wie ein vom Hafer gestochener Stier, preschte der Kurze jetzt vorwärts gegen meine Schulter, zwang mich rückwärts und schlug mit einer Faust auf mich ein. Die andere klammerte sich in meinen Mantel, wie ich feststellte, als ich dem Janner schlicht mit einem Ausfallschritt entkommen und ihn ins Leere laufen lassen wollte. Aber er folgte mir brav weiter wie ein Hund am Arsch eines anderen. Wir waren uns jetzt so dicht, dass ich nichts als Alkohol, nächtlichen Schweiß und Erbrochenes in der Nase hatte. Ich hatte nicht die Kraft mich dem Kurzen entgegen zu stemmen und all seine Wucht zu halten und ich kam nicht weg von ihm, um einen anderen Angriff zu starten. Meine Eingeweide fühlten sich längst warm und breiig an von all den Schlägen, aber den Schmerz fühlte ich kaum mehr, blinzelte gegen die dunklen Flecken vor meinen Augen an, der bleiernen Müdigkeit meines Körpers, während ich immer weiter zurückgedrängt wurde.

Wir kamen der Mauer und den schmiedeeisernen Palisaden um das Dock jetzt immer näher, das spürte ich, ohne es zu sehen. Das Pflaster war hier weniger ausgetreten und -gefahren und deshalb höher. Der Schlamm wurde vom Regen weg geschwemmt und der Boden unter meinen Füßen wurde fester, härter, das metallene Gatter konnte nicht mehr weit sein. Mit einer Hand fasste ich fahrig hinter mich, streckte sie aus so weit ich konnte. Und in dem Moment in dem ich den Stein spüren konnte, nahm ich jeden verfluchten Funken meiner letzten Kraft zusammen, die Hände im Mantel des Matrosen vergraben, packte ich ihn und riss ihn gewaltsam herum. Wir drehte uns einmal herum, die Wucht des Kurzen gegen ihn selbst nutzend, donnerten wir gegen Mauerwerk und metallene Palisaden, nur dass mein Aufprall hauptsächlich von dem Matrosen aufgefangen wurde. Mit meinem Körpergewicht fixierte ich ihn gegen das Hindernis hinter ihm, schlug nun meinerseits zu, getrieben von den letzten glühenden Funken meiner erlöschenden Kraft. Es war diese eine letzte Handlung an die ich mich ohne jeden Sinn und Verstand klammerte wie ein Ersaufender an ein nutzloses Stück Treibholz. Und ersaufen würde ich, das wusste ich. Ich würde ersticken an dieser kohlegeschwängerten Luft Londons, an einem kleinen Dock in Rotherhithe zu Grunde gehen wie all die Anderen ohne Namen und Geschichte und nichts würde die Welt davon abhalten ohne ein Zucken weiter zu machen. Es machte keinen Unterschied - das wurde mir in diesem einen, klaren Moment des Deliriums Gewahr - ob hier oder in New South Wales, ich war verloren vom ersten Tag. Ich würde verloren bleiben und niemanden würde es kümmern. Es machte schon keinen Unterschied mehr ob ich dort gestorben und sie mich in sandiger, rötlicher Erde verscharrt hätten. Ich war längst tot und verloren und das einzige was mir das Gegenteil bewies war weiter auf den Kurzen einzuschlagen, bis die tanzenden Flecken vor meinen Augen mich endgültig in kostbare Dunkelheit hinübertrugen.

Es war erst der gellende Pfiff, der mich aus dieser Blase riss in der nur noch der Matrose und ich und die Schläge, die wir für den Anderen übrig hatten, existierten. Nur vage nahm ich wahr, dass die Menge der wartenden Dockarbeiter sich für eine näherkommende Kutsche teilte, die Hufe der Pferde dumpf gegen den tiefen Schlamm der Straße. Der übliche Ruf der die Thames Police ankündigte blieb aus und gleichzeitig sprach alles für diese von denen da Oben eingesetzten Ordnungshüter. Nicht trauen durfte man denen, das hatte mein Vater immer gesagt, die gab es nur, weil unsere Herrscher weiter auf ihrem fetten Thron hocken wollten und verhindern, das so etwas wie in Frankreich geschah. Deshalb nahmen sie den normalen Leuten auf der Straße ihre selbstgewählten Wachleute und ersetzten sie mit den spionierenden Augen sogenannter Staatspolizei. Selbst wenn, aber das hatte ich meinem Vater nie ins Gesicht gesagt, es für umherreisende Boater wie uns auch schon egal gewesen war, ob nun die staatliche Polizei oder die privaten Wachmänner, in Acht nehmen mussten wir uns vor ihnen allen. Und daran hatte sich für mich seit ich wieder in England an Land angekommen war nichts geändert.

Die Kutsche begleitete ein einzelner Reiter und erst als der sein Pferd unmittelbar vor dem Matrosen und mir zügelte, bemerkte ich, dass ich mich noch immer an dem Kurzen festgeklammert hatte, ich ließ los, als hätte ich mich verbrannt. Aber es war schon zu spät und ich hätte nicht mehr die Kraft zu rennen gehabt, selbst wenn der Gedanke früher meinen Kopf verlassen hätte. Der Reiter sprang ab. „AUF DEN BODEN!!“, brüllte er aus vollem Hals. Aus der Kutsche folgten ihnen zwei Weitere, älter als der Reiter, edler gekleidet als es die Thames Police je wäre, aber nicht minder schnell mit dem Knüppel, als ihrer Aufforderung nicht schnell genug nachgekommen wurde. Viel Gegenwehr gegen die Hiebe leistete ich nicht mehr, sank unweit der Dockmauer auf das nasse Pflaster, fiel halb und lag schließlich mehr am Boden als zu knien. Keuchend, den Blick gesenkt, noch kaum registrierend wie tief die Scheiße war, in der ich steckte.

Vage glitt mein Blick höher, die drohende Präsenz eines der Männer ragte vor mir und dem Matrosen auf. Der Jüngere, der geritten war. Die anderen waren dabei Ordnung in die aufgescheuchten Dockarbeiter zu bringen, die in Panik geraten waren wie eine Herde blökender Schafe. Ich hätte dieselbe Panik spüren sollen, dass wusste ich, und doch erreichte mich kein einziges Gefühl. Stumpf und geschlagen kauerte ich auf dem Boden. Wie ein Verbrecher. Ein nutzloser Taugenichts, wenn das schon ein dahintorkelnder Säufer in mir sah, was würden dann diese fast vornehm, gegen all die Dockarbeiter in ihren Lumpen, gekleideten Männer zu sehen meinen? Und inzwischen stank ich vermutlich nicht minder nach Fusel wie dieser unselige Matrose unweit von mir. Dabei war ich nur hier gewesen um auf Arbeit zu warten. Gute ehrliche Arbeit. Weil ich ein anständiger Mann war, seit vielen Wochen schon folgte ich den Predigten des guten Paters und hatte keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Aber wer würde mir all das schon glauben, wenn ich es sagte? Ich sah in die Gesichter der Dockarbeiter, die inzwischen in Reihe standen und sich von den Männern begutachten ließen, wie sie sich den Kopf verrenkten, ganz ungeniert in meine Richtung glotzten. Wie sie sich später das Maul zerreißen würden. Später. Wenn ich nicht mehr hier sein würde... Und die Erkenntnis traf mich wie ein Schwall kalten Wassers. Wer zwang schon jemanden zu Boden und ließ ihn bewachen, um ihn dann laufen zu lassen? Welches Vergehen mochte eine Prügelei auf offener Straße wohl sein? Wenn Herumlungern hinzukam, ohne feste Arbeit, die ich nachweisen hätte können und wer von den Dockarbeitern hätte mir schon noch ein Leumund gesprochen jetzt und hier. Zu was hatte ich mich nur hinreißen lassen?!

„...nicht ein einziger tauglicher Mann und dafür all die Meilen Fahrt...“ Die Männer aus der Kutsche kamen zurück. „Wer hät‘s schon wissen können...“ Das war der Reiter, säuerlich klang her. „Gesagt hab ichs dir, vom ersten Moment, hab ich es nicht?“„Bei allem dem du einen schlechten Ausgang prophezeist, sollten wir nicht einen Finger mehr rühren“, feixte jetzt der Dritte. „Was ist mit unsren Streithähnen?“ Zu Dritt standen sie jetzt vor uns. „Scheinen mir mehr Hähnchen zu sein“, grinste der Jüngere ungeniert. Älter als der Matrose und ich war er allemal und doch störte mich sein dreistes Urteil ungemein. Der Feixende und der Jüngere lachten jetzt, während der Skeptische uns mit mehr Ernst und scharfem Blick musterte. „Der ist zu klein und an dem ist doch schon nichts mehr dran“, monierte er dann, als hätte er zwei Schlachthammel vor sich und fürchtete um das Osterfest. Bei den letzten Worten, als müsste er sie zusätzlich unterstreichen, stieß er mir mit dem Stiefel in die Rippen.

Es ging so schnell, dass es mir nicht einmal gelang mich in meiner eigenen Tollkühnheit zu stoppen. Eben noch hatte ich vor Erschöpfung halb auf der Erde gelegen, im nächsten Moment war ich vorgeschnellt, hatte den Fuß gepackt, der nach mir getreten hatte. Der Mann strauchelte und kippte neben mir in den Dreck. Mit einem Mal war ich Auge in Auge mit ihm, konnte das mörderische Glimmen darin sehen und für einen Augenblick war ich mir so gewiss als könnte ich seine Gedanken lesen, dass er tun würde, was dem Kurzen nicht gelungen war. Dass er mir jeden Zahn ausschlug, bis ich an der schäumenden, blutigen Masse ersticken würde. Ich hörte es kaum, dass Lachen der anderen zwei Männer. Einer seiner Kameraden klopfte dem zu Boden gegangenen besonnen auf die Schulter und half ihm auf. Der andere hatte die Dreistigkeit mir mit einer Hand in das regennasse Haar zu fassen, wie einem Hund oder einem Jungen, der ich vielleicht für sie war. Er packte zu, zog mich schmerzhaft zurück in eine sitzende Position, aber ich zerbiss jeden Schmerzenslaut zwischen den Zähnen, auch wenn es mir noch so die Tränen in die Augen trieb, und wagte mein Glück kein weiteres Mal herauszufordern in dem ich mich wehrte. „‘kleiner Kämpfer“, brummte der Mann dabei gut gelaunt jovial und ließ endlich los. „Das wolltest du doch, einen Kämpfer. Jetzt hast du sogar zwei.“

Mit einem Mal schien der Skeptische, den ich zu Fall gebracht hatte, es sich anders zu überlegen. Noch einen weiteren Blick warf er auf den Matrosen und mich. Nachdenklich erst, dann mit einem teuflischen Lächeln. „Schön, nehmt sie mit in die Bow Street“, entschied er. Meine aufgerissenen Augen starrten blicklos auf die dreckigen Schlieren, die zwischen meinen Knien vom Straßenrand hin Richtung der Fahrrinnen liefen. Bow Street. Ausgerechnet den gottverlassenen Runners war ich in die Fänge gelaufen.




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