Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
16.04.1822, Brunswick Quay am Greenland Dock in Rotherhithe, London
Society of Cling and fail Rudeness



Ich stöhnte auf als der Docker mich herum riss, mein Rücken heftig gegen die harte Verankerung des abgesperrten Docktors knallte und das Gewicht des Langen mir die Luft aus den Lungen presste. Das heftige Gefühl, meine Eingeweide würden sich in meinem Inneren umdrehen und mich jeden Moment erneut das von mir geben lassen, was da noch an letzten Resten in meinem Magen zu finden sein mochte, stoppten jede meiner Bewegungen abrupt und ließen mich mit dem Schock des Aufpralls in einer nach Luft ringenden Lähmung zurück. Erst als die Schläge des Dockers unerwartet wieder einstiegen, fanden meine Muskeln ihre Bewegungsfähigkeit zurück. Ich krümmte mich, versuchte mich unter den Schlägen wegzudrehen, aber der Lange hielt mich unermüdlich mit seinem Gewicht an die Wand genagelt. Meine Fäuste schlugen nach ihm aus, ohne etwas mehr zu treffen als seine spitzen Knochen unter dem Mantel. Ich tat mir mehr weh als ihm. Aber er war so unerwartet schnell mit seinen eigenen Hieben, dass mir kaum Zeit blieb, meinen Kopf zusammen zu sammeln. Ich wurde vollkommen fertig gemacht, zerstört von einem einfachen Docker, und ich realisierte erst dass das noch mein geringstes Problem in diesem Augenblick war, als mit einem Mal die hohe Gestalt eines Reiters über der Schulter des Dockers auftauchte.

Ich starrte zu der Gestalt hoch und bemerkte nicht einmal, dass die Schläge des Langen aufgehört hatten. Auch jetzt erst fiel mir dieser Pfiff ein. Mein Blick glitt träge zu der Pfeife, die der Reiter über der schwarzen Uniform mit ihren silbernen Knöpfen um den Hals hängen hatte. Polizei, erklärte mir mein nebliges Hirn. Kein Bootsmann. Kein Kapitän-an-Bord. Nicht annähernd so melodisch. Nur ein Pfiff. Ordnung. Mehr nicht. Natürlich. Polizei. Aber was… war ich?

Erst als mich der Lange rabiat los ließ und von sich stieß als hätte ich die Cholera, packte mich die plötzliche Panik, die mich schon im ersten Moment beim Anblick dieses Reiters hätte erfassen sollen. Der war jetzt längst abgestiegen. Er war nicht alleine. Da war noch eine Kutsche und die Dockarbeiter jagten in alle Richtungen. Aber das war nicht von Belang. Denn da kam nur dieser Ruf von dem Reiter und der erhobene Stock – und ich stand immer noch wie gelähmt mit dem Rücken zum Docktor als er mich das erste Mal traf.

Er schlug mehrmals zu, warf den Langen und mich zu Boden. Kurz noch fanden mich meine Lebensgeister wieder und ich versuchte mich fortzuwenden, aber der Stock traf mich an der Schläfe und zwang mich mit schwarzen Flecken vor den Augen neben dem Docker in den Dreck zu sinken. Meine Hände griffen in durchnässten Dreck und braunen Schlamm. Ein letzter Schlag traf mich in die Magengegend und kippte mich zur Seite. Ich kam halb wieder auf alle Viere, mich mit den Ellenbogen im Dreck abstützend. Würgend. Das letzte Bisschen Magensaft von mir gebend, das mein Körper noch zu erübrigen hatte. Ich blieb wo ich war als die Schläge aufhörten. Den Kopf gesenkt. Darauf wartend was immer folgen würde. Es war mir längst egal. Es folgte immer irgendetwas. Wer auch immer die waren. Denen würde schon was einfallen.

Irgendwann als nichts geschah hob ich doch ein wenig den Kopf. Die Knie mittlerweile wieder unter meinen Körper gezogen, fand mein Blick als erstes den Docker. Der sah mich nicht an. Ich drehte ein wenig den Kopf, wollte zu den Stiefeln sehen, die unweit von mir abwartend im Dreck standen, aber ich bemerkte jetzt erst, dass mein Sichtfeld nach rechts hin eingeschränkt war. Fast heiß gegen die Kälte des Regens lief mir mein eigenes Blut über die Augenbraue ins Gesicht. Ich sah zurück auf den Dreck vor mir und meinte Jim Cartwrights Stimme zu hören. Old Jimmy. Der Doc. Dreck und Blut, das verträgt sich nicht gut. Was nützte es mir jetzt? Und mit einem Mal wurde mir klar, dass ich mehr als nur eine Nacht von Zuhause wegbleiben würde. Dass egal was ihnen mit mir und dem Docker einfiel, es mich nicht nach Hause bringen würde. Margory würde nicht wissen, wo ich steckte. Sie würde Tage nichts von mir hören. Und das war wahrscheinlich noch das beste was mir passieren konnte. Resignierend ließ ich die Stirn auf meine geballten, verdreckten Hände sinken. Ich hatte es dermaßen versaut. Es war schlimm genug gewesen, diesen Job nicht zu bekommen. Noch schlimmer, all das Geld, das ich bei mir gehabt hatte, versoffen zu haben. Aber eine Schlägerei anzuzetteln und mich dabei erwischen zu lassen… Ich war am Arsch.

Zu dem Stiefelpaar gesellten sich noch zwei, ich hörte sie näherkommen. Hörte ihre Stimmen, ohne ihnen zuhören zu wollen. Streithähne. Hähnchen. Lacht ihr nur, dachte ich und beließ es bei der Stirn auf meinen Händen. War mir ganz recht wenn ich diese Säcke nicht sah. Ich hatte mittlerweile genug von denen gesehen. Zu klein. Ich schnaubte leise gegen den Dreck. Natürlich. Schon wieder. Wofür zu klein? Zum hängen? Ach, sollten sie doch alle zum Teufel gehen. Vielleicht war ich zu klein. Sollte es mir egal sein. Aber den Langen, den stießen sie an. Und der rührte sich. Ich sah nicht was er machte, aber mit einem Mal lag einer von den Typen im selben Dreck wie wir. Direkt in meinem Sichtfeld. Ich drehte den Kopf auf meinen Händen in Richtung des Dockers neben mir und sah ihn finster an. Musste der alles schlimmer machen?! Wenn sie einen hatten, dann hatten sie einen. Dann hatte es keinen Zweck, sich noch zu wehren. Damit landete man nur an der Gräting. Oder was immer sie hier an Land mit unsereiner machten. Ich beobachtete wie der Mann am Boden innehielt und den Langen anstarrte und der Lange zurück starrte. Und wie sie beide dieses Funkeln in den Augen hatten, dass ich zu wissen meinte, dass die Sache jeden Moment eskalieren würde. Und zwar so eskalieren, dass ich besser ein paar Inch zur Seite rutschte damit es mich nicht mit erwischte. Aber ich rührte mich nicht vom Fleck. Und mit einem Mal war der Moment vorbei. Der Uniformierte rappelte sich wieder auf, mit Hilfe einer Hand, die ihm gereicht wurde. Ein Anderer war plötzlich hinter uns und riss den Docker in eine aufrechte Position wie ein Stück Vieh bereit zum Schlachten. Mit den Augen verfolgte ich die Bewegung, rührte mich sonst aber nicht. Besser ich blieb hier unten außerhalb der Schusslinie und vermied jede Aufmerksamkeit, die sie auf mich richten könnten.

Aber damit war es nicht genug. Kämpfer. Du wolltest Kämpfer. Wozu? Zum Hängen? Damit sie schön zappelten wenn es ihnen den Hals umdrehte? Was wollten die mit Kämpfern? Und das passte zum ersten Mal seit ich wieder klarer zu denken vermochte, nicht zusammen. Mein Blick ging zu den Dockern, die in der Ferne sauber aufgereiht standen. Ich sah vorbei an meinem nassen Haar zu den Rädern der Kutsche, die dort im Matsch stand. Wieder zurück zu meinem Docker. Die hatten jemanden gesucht. Die Schritte, die hinüber gegangen waren… Diese Worte… Kämpfer, die sie suchten. „Schön, nehmt sie mit in die Bow Street“

Die Bow Street. Wer kannte nicht die Bow Street? Selbst mir sagte die Bow Street etwas. Kein Vergleich zu den Säcken aus Wapping, die mich vor die Tür gesetzt hatten. Waren das etwa… Runner? Waren das…? Und sie suchten…? Was? Wozu Kämpfer? Eine Neuauflage von Hahnenkämpfen?! Ein bisschen Belustigung für die Herren Oberen?!

Am Kragen meines Mantels wurde ich im Nacken auf die Beine gezogen, noch während ich diese irritierten Überlegungen anstellte. „Na los, Bewegung!“ Ich machte mir nicht die Mühe, mir das Gesicht des Mannes anzusehen, der mit mir sprach, und ließ mich einfach wegführen.

Sie setzten uns hinten auf die Kutsche. Das Gitter, auf das sie uns schoben, hatte etwas von einem umgebauten Lakaienstand. Die Beine hingen frei, unsere Rücken drückten sich an die Rückwand der schwarzen Kutsche, die von der Form her aussah wie jene, die auf den Highways fuhren um Urlaubsgäste von einem Ort zum Nächsten zu bringen. Ich hatte sie jemanden Growler nennen gehört, aber es war mir in diesem Moment reichlich gleichgültig. Mein linkes Handgelenk landete in Handschellen, das andere Ende machten sie an einem geschwungenen Querbalken auf Schulterhöhe fest, was mich zwang, den Arm in dem Eisen hängen zu lassen. Es wäre auch zu schön gewesen, sie hätten uns hier einfach sitzen lassen und wir hätten an der nächsten Straßenecke abspringen können. Wir. Ich. Mein Blick ging finster zu dem Langen neben mir hinüber, der schuld an dieser ganzen Misere war, bevor ich dunkel geradeaus starrte, beobachtend wie sich das noch immer geschlossene Dockgatter von uns entfernte als sich die Kutsche rumpelnd und schaukelnd in Bewegung setzte, wir hinten auf - verdreckt, blutverschmiert und vom Regen bis auf die Knochen durchnässt. Der Reiter war wieder aufgestiegen und ritt hinter der Kutsche her, ganz so als wollte er Acht geben, dass wir nicht mit einem Mal Zauberkräfte entwickelten und uns aus unseren Eisen befreiten. Was dachte der Mann sich?! Auf diese Weise gebunden, verließen wir Rotherhithe.

Sie nahmen die London Bridge um den Fluss zu überqueren. Der Verkehr dort war dicht und undurchschaubar. Überall waren Menschen und Kutschen. Selbst der uniformierte Reiter schaffte es nicht die ganze Zeit über in der Nähe der Kutsche zu bleiben. Eine glänzende Gelegenheit, wäre da nicht das Eisen an meinem Handgelenk gewesen. Finster starrte ich von der Brücke auf die Themse hinab, die übersäht war von festgemachten Seglern, Ruderbooten und vereinzelten Dampfschiffen. Uns beachtete niemand, wie wir so hinten auf der Kutsche saßen. Es war als existierten ich und der Lange gar nicht wirklich. Und tatsächlich war es mir auch ganz recht so. Sollten sie alle vorbei hasten und ihr geschäftiges Leben führen. Jene, die die Brücke zum Queren nutzten. Es waren Männer und Frauen der oberen Schichten. Sie sahen Leute wie uns nicht einmal wenn sie uns direkt ins Gesicht sahen. Irgendwo auf dem Weg spuckte ich aus. Und sei es nur um den bitteren Nachgeschmack meines eigenen Magensaftes im Mund loszuwerden.

In der Gracechurch Street machten wir plötzlich Halt. Ich hörte es in der Kutsche klopfen, das Signal für den Kutscher, dass er die Gäule zügeln sollte. Auch der Reiter wurde langsamer, ließ uns aus den Augen und führte sein Pferd an die Seite der Kutsche, wo sich nun ein Fenster öffnete. „Culpepper meinte gerade wir sollten unsere Hähnchen unerfreulicherweise füttern damit sie uns nicht gänzlich von der Stange fallen, ist es nicht so, Culpepper? Der Coster dort hat die besten Pasteten der Stadt, das wird unsere Hähnchen zur Genüge wieder auf Trab bringen, vermute ich. Also Birdwhistle, würdest du uns den Gefallen tun?“ Das Wort „Coster“ ließ mich hellhörig werden. Ich hielt mich an dem Querbalken fest, an dem mein Handgelenk festgemacht war und spähte um die Ecke der Kutsche nach vorne. Ich entdeckte den Stand. Und ich entdeckte den Coster. Rasch zog ich mich von der Kante wieder zurück. Ich kannte das Gesicht. Margory kannte es auch. Sie kannte fast alle der Coster in der Stadt. Sie waren ein kleines Völkchen. Und sie kannten mich. Weil ich Margory kannte. Das war nicht das schlechteste, das Problem in der Rechnung war nur leider Gottes Margory. Wenn sie das erfuhr…

Ich spürte noch meine Ohren rot werden als mir mit einem Mal ein in Zeitungspapier gewickeltes Gebäckstück entgegen gehalten wurde. „Nimm schon, Hähnchen.“, befahl der Reiter harsch. Ich nahm ihm das Ding zaghaft ab und starrte einen Moment darauf hinab. Das war also eine Pastete? Was genau machte man damit? Als würde ich eine Antwort auf meine unausgesprochene Frage bei ihm finden, hob ich den Blick und sah den Langen zum ersten Mal seit sie uns hier festgesetzt hatten wieder an. Noch während ich ihn ansah und doch keine Antwort fand, setzte sich die Kutsche wieder in Bewegung und nahm Kurs auf die Bow Street.
Jedes Schlagloch, jede Unebenheit der Straße rüttelte meinen ganzen Körper durch und auf dem regennassen Gitter auf dem ich hockte, nachdem es mir denn mit Mühe gelungen war es zu besteigen, war ich unerwartet froh über die Kette, die mich wenigstens mit einem Arm an der Kutsche fixierte. Sie verhinderte immerhin, dass ich nach unten hin abrutschte, im Dreck der Straße landete und unter die Hufe und Räder der dicht an dicht nachfolgenden Kutschen geriet. Selbst ohne die Eisen hätte ich es kaum gewagt abzuspringen, aus Angst vor dem grausamen Tod auf der Straße. Der Anblick der zur Unkenntlichkeit zugerichteten Verkehrsopfer hatte sich zu sehr in meinem Schädel eingebrannt. Aber ich wäre wohl früher oder später unfreiwillig abgerutscht, hätte das Eisen mein in die Höhe gezwungenes Handgelenk nicht unbarmherzig festgehalten. Mein Inneres fühlte sich längst an als wäre es zu Brei geschüttelt worden von der holprigen Fahrt und mehr als einmal hätten die dunklen Flecken vor meinen Augen beinahe die Oberhand gewonnen, ganz als hätten die Ereignisse des Morgens meine letzten Kräfte nun endgültig mit sich gespült. Ich erinnerte mich an den Entschluss des Skeptischen, wie man den Matrosen und mich auf die Füße gezwungen hatte. Die starrenden Blicke der Dockarbeiter. Mein letzter Blick auf den Brunswick Quay. Die abgeschlagenen Gäule vor der Kutsche, die trotz allem nicht gar so erbärmlich aussahen, wie die meisten anderen Klepper auf den Straßen Londons. Die Kutsche, meinen blitzartig aufgetauchten Gedanken, dass ich in meinem Leben noch mit keinem so vornehmen Exemplar mitgefahren war. Selbst wenn man weder den Matrosen noch mich auch nur einen Blick ins Innere des Gefährts hatte werfen lassen und die Fahrt auf dem Gitter hinter der Kutsche war auch nicht angenehmer als die auf den groben Karren die ich vom Land oder der Armee kannte. Wie man uns mit schweren Eisen festgemacht hatte, wie ein Gepäckstück, dass man nicht verlieren wollte.

Der Reiter, der den Kurzen und mich im Blick behielt, was auch immer er meinte, das wir so gebunden noch Schändliches hätten versuchen können. Das alles vermischte sich vor meinem inneren Auge zu einem einzigen alptraumhaften Abbild. Vermischte sich mit meiner fieberhaften Vision dessen, was wohl gewesen wäre, hätte ich den Matrosen einfach ignoriert. Hätte ich mich einfach nicht provozieren lassen, wäre stoisch mit den anderen Schafen stehen geblieben. Vielleicht ohne Zukunft, aber jetzt hatte ich ja nicht einmal mehr eine Gegenwart. Was würde mir in der Bow Street wohl bevor stehen? Gefängnis, Arbeitshaus oder der Weg zurück in die Kolonie, nur dieses Mal auf der anderen Seite des Gitters? Vielleicht war es ja doch besser sich von der Kutsche zu stürzen, immerhin ein schnelleres, selbst gewähltes Ende. Nicht das nächste endlose Warten. Warten... warten... der Gedanke hallte leer in mir nach, während der Druck auf mein Handgelenk sich wieder schmerzhaft verstärkte, das Eisen sich einschnitt und ich mich mühsam zurück auf das Gitter zog, von dem ich schon wieder, halb weggetreten, abzurutschen drohte. Es wurde von Mal zu Mal schwerer bei Bewusstsein zu bleiben, den Schmerz um das Handgelenk überhaupt noch zu spüren durch den immer dichter werdenden Nebel in meinem Schädel.

Dumpf klangen die Worte der Runner bis zu mir nach hinten. Pasteten. Für die Hähnchen. Für... wen...? Den... den... Matrosen... und... mich...? Der Kurze nahm einiges auf sich über die Kutsche hinweg zu spähen, scheinbar nicht minder ungläubig. Ich konnte es trotz allem nicht glauben, selbst als mir etwas später das Gebäckstück in die Hand gedrückt wurde. Erst als die noch dampfende Pastete mir die klammen Finger verbrannte, kehrten meine Lebensgeister zurück. Meine Mutter hatte häufig kleine Pies gebacken, die ganz ähnlich ausgesehen hatten. In einem einfachen Teig aus Mehl, Wasser und Schmalz ließen sich die unansehnlichsten Schlachtabfälle und alten Gemüsereste zu irgendetwas verarbeiten, das am Ende irgendwie noch überraschend lecker schmeckte. Vielleicht auch schlicht, weil man es beim Essen nicht vor Augen hatte. Ich fragte mich auch in diesem Fall besser nicht welchen Inhalt jene Pastete hatte - es hatte wohl seine Gründe warum die Londoner Pastetenverkäufer auf der Straße mit den Rufen einer miauenden Katze verspottet wurden. Was wahrscheinlich noch eine der harmloseren Varianten wäre. Immerhin ließ sich Katzenfleisch beim Entbeinen wohl nur durch eine zusätzliche Rippe von Hasenfleisch unterscheiden, wie ein alter Armeekoch mich einmal hatte wissen lassen, die Verarbeitung war dieselbe und der Geschmack gab sich nicht viel. Es kümmerte mich ehrlich nicht, als mir der heiße Fleischsaft über die Finger lief. Nach dem ersten Bissen kippte ich mir gierig den stückigen Inhalt der Pastete in den Mund, bevor ich den buttrigen Teigmantel verschlang. Noch bevor die Kutsche sich wieder in Bewegung setzte hatte ich die letzten Reste der Pastete vom Zeitungspapier gekratzt und ließ eben jenes wenig später achtlos auf den Straßenboden fallen. Ich konnte unmöglich sagen, wann ich das letzte Mal etwas warmes und derart nahrhaftes zu Essen gehabt hatte. Jedenfalls fühlte ich mich jetzt schon von der einen Pastete so voll und satt, dass mein Magen beinahe dagegen rebellierte.

Das beständige Ruckeln und Schaukeln der Kutsche, das ich jetzt wieder deutlicher wahrnahm, machte es nicht besser, aber ich nahm mir mit eiserner Verbissenheit vor alles bei mir zu behalten. Erst da bemerkte ich den Blick des Matrosen, der über seiner eigenen Pastete zögerte. Ich sah zu ihm hinüber. Jetzt an die Rückseite einer Kutsche gebunden, kam er mir fast noch kleiner vor, nicht mehr annähernd so kräftig und bedrohlich. Mehr jungenhaft mit dem kurzen, dunklen Haar, das ihm regennass ins Gesicht hing, den rundlichen, fast weichen Zügen und dem Blut das davon hinabtropfte. Den dunklen, kleinen Augen, die ich mir besser bei einem Lachen vorstellen konnte, als mit all dem verkniffenen Ernst und der Wut. Aber er war der verfluchte unselige Grund, warum ich überhaupt hier war, warum mir all das hier passiert war. Ich wollte ihn mir gar nicht beim Lachen vorstellen. Kurz ging mein Blick zu der unberührten Pastete in seiner Hand. War wohl nicht fein genug für den Herrn oder sein versoffener Magen rebellierte jetzt schon gegen so viel Fett und Fleisch. Oder aber, und der Gedanke machte mir weit mehr Angst, er fürchtete man könne uns vergiften wollen. Manchmal hörte man diese Geschichten, von Nutzlosen und Landstreichern, die sie auf den Straßen vergifteten wie streunende Hunde oder Ratten in der Gosse. Wer wusste schon ob das mehr war als Schauermärchen, aber gerade jetzt versetzte es mir einen scharfen Stich. „Wird dich schon nicht umbringen“, brummte ich rau und wusste selbst kaum ob an den Matrosen oder doch eher mich selbst gewandt. Das Zeug hatten sie immerhin von den Costers geholt und was hätte es schon gebracht uns hier anzuketten, um uns zu vergiften, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Ich wusste trotz allem langsam nicht mehr wo her mein flaues Gefühl im Magen eigentlich kam. Von den ungezählten Schlägen, die ich dort eingesteckt hatte, der holprigen Kutschfahrt, meinem ungekannten Schicksal, der unerwartet reichhaltigen Nahrungsaufnahme oder doch die Angst als vermeintlicher Taugenichts vergiftet zu werden.

Der Bow Street kamen wir jetzt unaufhaltsam näher. Die Häuser hier in Covent Garden waren groß und ragten einschüchternd neben der breiten Straße auf als wollten sie eben jene einer tiefen Schlucht gleich einrahmen. Scheu aber mit unverhohlener Neugier starrte ich die aus massiven hellen Steinen errichteten Bauten mit ihren schmuckvollen Elementen an, blickte über so viel saubere und geordnetere Straßen und die edel gekleideten Menschen am Rande der Fahrwege und in den Kutschen um uns. Aber bald ließ ich es sein, den Blick schweifen zu lassen. Hier wo die Leute weniger vom straffen Alltag geplagt waren und nachdem der Regen nachgelassen und der Morgen vorangeschritten war, gab es genug, die sich die Zeit nehmen konnten auf den Matrosen und mich zu deuten und uns mit gaffenden Blicken zu verfolgen, wie wir da an der Kutsche angekettet saßen. Ich versuchte den Kopf instinktiv abzuwenden, selbst wenn ich nicht zu erwarten brauchte, dass mich hier einer erkannte, aber es gefiel mir nicht angeglotzt zu werden wie ein Tier im Käfig, selbst wenn ich eben selbst noch gestaunt hatte wie ein Kind. Die Kutsche hielt mit einem letzten Rucken an, unsere Ketten wurden gelöst und es gelang mir nun mit mehr Geschick von der Kutsche herunter zu klettern, selbst wenn die lange Fahrt mich zittrig auf den Beinen machte. Wie Verbrecher wurden wir in das ehrerbietungsheischende Gebäude geführt, den Blick noch immer gesenkt nahm ich kaum wahr, wohin sie uns brachten, bis wir in einem Eck der hinteren Stuben auf eine Holzbank vor einen Mann an einem Tisch geschoben wurden, der einige Daten auf einem Papierstück notierte.

„Name?“, bellte er und deutete mit der freien Hand auf mich, ohne aufzusehen. „Otis Rhode“, antwortete ich wahrheitsgemäß weil es ja doch keinen Unterschied machte. „Name, nicht die Adresse.“ Ich biss mir auf die Zähne, verfluchte ein wenig, dass ich das 'e' am Ende nicht so sehr betonte wie mein Vater, selbst wenn sich die Leute immer darüber lustig gemacht hatten. „R-h-o-d-e“, wiederholte ich verbissen die Buchstaben aufsagend. Der Mann nickte nur. Ich hätte etwas von den üblichen Nachfragen und Kommentaren erwartet, aber der Schreiber schien stur auf seine vorgegebenen Fragen fixiert. „Geburtsdatum?“„15. März 1803“„Adresse?“„St. Marychurch Street, Rotherhithe“, erwiderte ich und hielt es von da an vage, ich wusste nicht ob die Dockarbeiter nicht leugnen würden, dass ich bei ihnen Unterkunft hatte, nur um jeden Kontakt mit der Polizei zu meiden und ich wollte es nicht zu einfach machen mir nachzuweisen, angeblich ohne Obdach zu sein. Der Mann fragte ohnehin nicht weiter nach. „Arbeit?“„Bei den Docks und... und der St. Mary's Church.“ Irgendjemand, nur irgendjemand dort würde doch bezeugen, dass ich arbeitete, oder? Dass ich nicht nur nutzlos irgendwo herum lungerte, sondern Arbeit annahm, wo ich nur konnte, bezahlt oder auch nicht. Der Mann sah jetzt doch einen Moment auf. „Welches Dock?“ Ich starrte ihn an, konnte er ernsthaft so ignorant sein? „Das, das mir für den Tag Arbeit gibt.“ Unwirsch schüttelte er meine Antwort mit einem Kopfrucken von sich. „Letzte feste Arbeit?“ Ich presste die Zunge gegen die Rückseite meiner Frontzähne, zog die Lippen dabei etwas zurück. „48th Regiment, Northamptonshire. Lance Corporal.“ „In New South Wales gewesen?“ Ich nickte. „Grund der Ausmusterung?“„Meine sieben Jahre waren vorbei.“

Das war so nicht ganz richtig, immerhin hatten sie mir als ich hatte gehen wollen eröffnet, dass sie meine Dienstjahre erst ab Volljährigkeit zählen könnten und dass eine siebenjährige Verpflichtung, wie man sie zu Zeiten des Krieges gegen Frankreich und in den unmittelbaren Jahren danach noch versprochen hatte, schon nicht mehr möglich war. Dreißig Jahre oder länger wollten sie mich behalten, sonst könne ich  nur freiwillig gehen, was nicht nur schlechten Eindruck machte, sondern mich auch jeden Pensionsanspruch der Armee verlieren ließ, selbst wenn drüben in der Kolonie einige eben das getan hatten, um dort ein neues Leben als Siedler zu beginnen. Aber ich hatte gar keine Lust hier und jetzt darüber zu diskutieren. Sieben Jahre hatte ich versprochen, eben die hätte ich geleistet, aber übers Ohr hauen ließ ich mich nicht. Keine zehn Pferde hätten mich zurück zur Armee gebracht, was ich dort gesehen hatte, hatte sich für ein ganzes Leben eingebrannt, was ich dort getan hatte, würde ich nie wieder tun, das hatte ich Gott versprochen, als ich das Fieber überlebt hatte. Ich würde fortan ein gutes, anständiges Leben leben, selbst wenn es nicht mehr als die gelegentliche Arbeit an den Docks und den ständigen Hunger bereit hielt. Selbst wenn – und das hatte mein frommes Vorhaben in den vergangenen Wochen mehr als alles andere herausgefordert – es bedeuten mochte, diesem eine Mädchen aus der St. Mary's Church nie näher kommen zu können als verstohlene Worte und Berührungen und damit letztlich zusehen zu müssen, wie sie eines Tages einen anderen zum Mann nahm. Aber all das waren nun ohnehin Überlegungen der Vergangenheit, stumpf vor mich hinstarrend wartete ich ab, dass man dem Matrosen dieselben Fragen stellte, nur am Rande nahm ich wahr, dass die drei Runner, die uns auf der Straße aufgegriffen hatten, noch immer unweit von uns standen, die Blicke wie hungrige Wölfe auf uns klebend und sich halblaut über irgendetwas berieten. Dumpf kam mir der Gedanke, wie ungewöhnlich all dieses Interesse an zwei halbstarken Taugenichtsen wohl sein mochte, aber ich war kaum in der Position Fragen zu stellen, also dachte ich nicht weiter darüber nach.



Der Docker hatte seine Pastete längst hinunter geschlungen als ich ihn ansah. Entweder vollkommen übermüdet oder vollkommen gelangweilt sah er mich an. „Wird dich schon nicht umbringen“ Sofort verfinsterte mich mein Blick als er das sagte, mit seinen schleppenden Worten. „Wer hat dich denn gefragt?!“, herrschte ich ihn an, stierte kurz wütend zu ihm hinüber und sah dann demonstrativ fort, als brauchte ich seine Hilfe nicht. Dabei hatte ich ihn wahrscheinlich angeglotzt wie ein Ertrinkender das Rettungsseil.

Die Kutsche rumpelte und holperte weiter über das Kopfsteinpflaster und meine Wut auf den Docker war von einem Moment auf den anderen wieder so flammend wie davor. Dass er überhaupt meinte, mir sagen zu müssen, dass man das was ich da in der Hand hatte essen konnte. Natürlich war mir das klar. Was dachte sich dieser miese kleine Dockarbeiter eigentlich?! Dennoch begann ich fast verstohlen von meiner Pastete abzubeißen. Demonstrativ genug, um dem Langen zu zeigen, dass ich keine Angst hatte. Und doch abgewandt genug, um genauso deutlich zu machen, dass ich nicht wegen ihm damit begonnen hatte zu essen. Ganz sicher nicht wegen ihm. Wofür hielt der sich auch?

Ich bemühte mich langsam zu essen. Nicht weil ich meinte dem Docker etwas beweisen zu müssen. Gut, vielleicht nicht nur. Aber vor allen Dingen, weil ich nicht sicher war, wie gut mein Magen die feste Nahrung vertrug. Es fühlte sich gut an, einen anderen Geschmack in den Mund zu bekommen, aber mein Hals war noch immer rau und wund von der Reaktion meines Körpers auf die versoffene Nacht. Jeder Schluck fühlte sich an als würde ich noch einen Haufen Nägel mitessen.

Sie hielten an einem herrschaftlichen Gebäude, von dem ich nur vermuten konnte, dass das die Bow Street Number 4 war. Und als die Kutsche zum Stehen kam und sie zu uns nach hinten gingen um unsere Handeisen zu lösen, da waren wir längst die Attraktion der Straße. Ich fragte mich ob wir schon der größte Fang der Runner in dieser Woche waren, dass sie uns so anstarrten als ob sie sonst noch nie im Leben Verbrecher gesehen hätten, und starrte in wildem, unverhohlenem Widerstand zurück, bevor sie unsere Hände von Neuem banden und uns in das Gebäude bugsierten.

Wie wir da so saßen in unserem Eck fühlte es sich fast an als wäre nichts passiert. Keine Schlägerei im Hafen, keine durchsoffene Nacht. Nur diese Pfütze, die sich unter uns und unserer Bank bildete, auf die man den Docker und mich gesetzt hatte. Das einzige Zeugnis dessen, dass wir direkt vom Regen in die Traufe geraten waren. Ich fühlte das Blut auf meinem Gesicht bereits stocken und gemeinsam mit dem Dreck auf meinem Mantel und meiner Haut verkrusten. Eigentlich war es einfach, dachte ich, ich musste mir keine Sorgen darum machen ob der Coster mich erkannt hatte. So wie ich aussehen musste, hätte mich sicher niemand mehr erkannt, der mein Gesicht je zuvor gesehen hatte. Ich starrte dumpf auf das Papier vor dem Mann, der uns gegenüber an einem Tisch saß. Verfolgte mit den Augen die Bewegungen der Feder, wie sie über das Papier glitt.

Erst als der Mann ohne aufzusehen auf den Langen deutete und in diesem harschen, knappen Befehlston seinen Namen aufrief, wurde etwas in mir wieder wach, als hätte mich jemand aus tiefem Schlaf gerissen. Ich regte mich nicht, aber während mein ernster Blick weiter auf der Schreibfeder lag, lauschte ich mit einem Mal wachsam. Otis-Road, nannte der Docker seinen Namen. Nicht die Adresse. Der Name. Mein Mundwinkel zuckte kurz verräterisch als der Lange den Namen buchstabierte. Ich versuchte mir die Buchstaben vor dem geistigen Auge vorzustellen. Sei es um mich auf etwas zu konzentrieren. Und erst allmählich, während ich dabei zuhörte wie der Docker die Fragen nach seinen Daten beantwortete, wurde mir bewusst, dass ich in Kürze die selben Fragen beantworten müssen würde. Ich fühlte regelrecht wie mir das Herz in die Tiefe sank bei der Erkenntnis und etwas in mir unruhig wurde. 15. März 1803. St. Marychurch Street, Rotherhithe. Arbeit bei den Docks, St. Mary’s Church. Dock. Da erst kam der Lange aus dem Tritt, ein wenig drehte ich den Kopf, ohne den Blick von der Schreibfeder zu heben. Ich konnte es nicht verhindern hellhörig zu werden, während ich mich fragte, wie ich das selbe beantworten sollte. Ich schluckte, senkte den Blick. Ich konnte ihnen die Geschichte von der River Police erzählen, aber vermutlich würden sie nur lachen. Besser lachen oder besser Arbeitshaus, na Mister James, was hätten Sie denn gerne? „48th Regiment, Northamptonshire. Lance Corporal.“ Mein Docker war ein Soldat gewesen. Verflucht noch eins. Ich hatte ein Pech. „In New South Wales gewesen?“ Australien. Aus dem Augenwinkel sah ich zu dem Docker. Sah wie er nickte. Der Lange war in der Welt herum gekommen. Alle Achtung. Ich senkte den Blick, sah zwischen meinen Beinen durch als wäre ich nicht da. Sieben Jahre vorbei. Ich wartete, dass da noch etwas kam. Irgendeine Frage, auf die ich mich schon einmal vorbereiten konnte. Ein weiterer Punkt auf der Liste der Dinge, die ich lieber nicht heraus gerückt hätte. Aber es folgte Schweigen, nur das Kratzen der Feder auf dem Papier war zu hören. Und dann ging es von vorne los.

„Name?“ Ich fühlte wie mir der Magen wieder flau wurde. Ich sah hoch, sah gerade noch wie der Mann über seine Notizen kurz die Mundwinkel verzog als hätte er einen ebenso unangenehmen Geschmack im Mund wie ich in diesem Moment. Jetzt sah er auf und sah mich direkt an. „Name!“, wiederholte er und sah mich an als wollte er sagen, dass er die Antwort auch aus mir heraus prügeln konnte. „Ardin James, Sir.“, antwortete ich wahrheitsgemäß, aber verhalten, bemüht nach sauberem Englisch zu klingen und die Spur Devon aus meinem Tonfall zu verbannen, auch wenn es mir beim „r“ nicht ganz gelingen wollte. Ich hatte noch immer keine blasse Ahnung, was ich dem Runner auf die nächsten Fragen antworten sollte. Das „Sir“ hintenan zu hängen war ein bloßer Reflex – ich hatte nicht einmal Ahnung ob der Mann vor mir irgendeinen Rang bekleidete, wenn ja welchen und es hatte ihn auch nicht interessiert, dass Otis-Road nicht gegrüßt hatte, aber ich fand es war nicht das schlechteste auf Nummer Sicher zu gehen und vermied es mich zu korrigieren. „Wie der Vorname?“„Aye, Sir…“ Der Mann verzog das Gesicht beinahe ausdruckslos über seinem Papier. Unsicher beobachtete ich ihn dabei und krallte mich in meine Handeisen. „Geburtsdatum?“„27. Juni 1802“ Der Docker war nur ein Jahr jünger als ich, warum auch immer mir das jetzt in den Sinn kam. Mein Blick ging über den Schreiberling vor uns hinweg zu den drei Männern, die uns von der Kutsche bis hierher gebracht hatten und nun gemeinsam in der Ecke standen und für mich unverständlich diskutierten. Sie machten nicht gerade den Eindruck als würden sie sich den Mund über den Docker und mich zerreißen und doch hatte es etwas seltsam skurriles wie sie da standen, die Blicke auf uns geheftet. Freuten die sich schon auf die Prügel, die sie uns verpassen konnten?! „Adresse?“ Ich sah zurück zu dem Schreiber, biss mir kurz auf die Unterlippe. „Fawcett Road Number Five, St. Mary Rotherhithe, Sir.“ Ich senkte den Blick auf die Feder in seinen Händen. Es war die Cornbury Road, die Parallelgasse, aber ich wollte diese Leute nicht direkt zu Margory führen und mit etwas Glück würde sich niemand um meine Adresse kümmern. Und wenn doch, dann würde Margory es rechtzeitig wissen, wenn sie in der Parallelgasse Nummer Fünf nach mir suchten. Aber diese Antwort war noch immer nicht die größte Herausforderung. Die nächste Frage stellte mich vor ein Problem. „Arbeit?“„Bei den Docks, wie Road.“ Ich nickte mit dem Kopf knapp rüber zu dem Langen, ohne ihn anzusehen. Es war nichts als die blanke Lüge, aber ich setzte alles darauf, dass der Schreiber sie nicht bemerkte und mich der Lange nicht verriet. Wenn doch, hatte ich ein Problem, aber dann konnte ich mir immer noch irgendetwas Neues einfallen lassen. „Kein festes Dock, Sir.“, kam ich dem Schreiber deshalb zuvor. Und vielleicht sah er mich deshalb so prüfend an. Aber ich verzog keine Miene. Und schließlich notierte er wieder etwas auf seinem Papier. „Letzte feste Arbeit?“ Ich biss mir wieder auf die Unterlippe, zögerte einen Moment. Atmete dann tief durch, bevor ich die Wahrheit sagte. „Royal Navy, Surgeon’s Mate auf seiner Majestät Fregatte Severn, Sir.“„Grund für das Ende der Beschäftigung?“„Sie haben sie aufgebrochen, Sir. In Portsmouth. Wir sind in London geblieben.“ Ich konnte nicht verhindern, dass es klang, als hätten sie ein Familienmitglied von mir getötet. Wir. Ein Großteil der Mannschaft der Severn. Von dem mittlerweile nur noch ein Bruchteil an Land zu finden war. Die meisten waren zur East India gewechselt, wie ich es ebenfalls vorgehabt hatte. Besser ich hätte es einfach getan.

Sie hatten genug von den Fragen wie es schien. Sie zogen uns von unserer Bank hoch und brachten uns in einen anderen Raum, wo sie eine Schüssel Wasser auf einen Tisch gestellt hatten. Ich fragte mich wer die wohl hatte herschleppen müssen, tat aber wie mir geheißen als sie uns die Handschellen abnahmen und uns anwiesen uns zu reinigen. Ich wusch mir das Blut und den Dreck aus dem Gesicht, von den Händen, zog Mantel und Hemd aus, um mir den Nacken zu waschen. Sie ließen uns auch die restliche Kleidung ablegen, stellten uns an die Wand, begannen uns zu vermessen. Ich fragte mich ob sie mich wieder laufen lassen würden weil ich zu klein war…

Der Lange hatte Tätowierungen an den Armen. Das eine davon konnte ich als Schlange erkennen. Wären wir nicht gerade in den Fängen der Bow Street gewesen, hätte ich ihn vielleicht sogar gefragt, woher die stammten und wofür sie waren. Ich kannte kaum jemanden, dessen Tattoos nichts bedeuteten. Jedes Bild unter der Haut bedeutet etwas. Ich hätte die Geschichten gerne gehört. Aber ich würde mir das merken für den Moment wenn wir in irgendeiner Zelle kauerten und uns die Zeit viel zu schnell lang werden würde. Da würde es noch genügend Gelegenheit geben, da war ich mir in diesem Moment sicher.

Sie ließen uns unsere nassen Sachen wieder anziehen, dann führten sie uns zurück in den ersten Raum und setzten uns zurück auf die Bank. Ohne Eisen diesmal. Sie schienen sich langsam sicherer zu werden, dass wir keinen Mist anstellten. Aber wo hätten wir hier auch hin sollen? An den Türen hasteten immer wieder Uniformierte vorbei, die irgendwelche Papiere von hier nach dort trugen. Da hätten wir keine Chance gehabt. Über Ruhe vor den Fragen hatte ich mich allerdings zu früh gefreut. Der Schreiber war zurück gekehrt und jetzt setzte er sich uns gegenüber wieder an den Tisch um die Feder von Neuem in die Hand zu nehmen und in Tinte zu tauchen. Was sollten sie jetzt noch von uns wissen wollen?
Jetzt war er plötzlich nicht mehr so ein Großmaul, dachte ich bei mir über den versoffenen Matrosen, aber es gab mir auch keine wirklich Genugtuung. Sogar ein ‚Sir‘ hängte der Janner hinter jeden Satz, der kleine Kriecher. Ich verzog ein wenig die Mundwinkel, aber natürlich würde ich kein Wort sagen. Und am Ende, am Ende wollte der wohl nur das beste herausschlagen, nicht anders als ich. Auch wenn ich kaum glaubte, dass der Kurze hier mit Schmeicheleien weiterkam, aber vielleicht nahm ich mir besser ein Beispiel. Wenn ich eines in den zwanzig Jahren meines Lebens gelernt hatte, dann dass es immer noch einen Schlag tiefer gehen konnte und das hier war keine Ausnahme. Hatte ich vorhin an den Docks noch geglaubt nichts zu verlieren zu haben, so hatte ich da doch immerhin noch meine Freiheit gehabt. Ich glaubte besser nicht, dass sie mir meinen Aufenthalt hier nicht noch unangenehmer gestalten konnte, nur weil ich nicht artig grüßte. In mir sträubte sich trotz allem alles dagegen. Ich hatte es schon in der Armee gehasst. Besser ich gewöhnte es mir wieder an. Wenn es dem Matrosen am Ende eine Scheibe trockenes Brot mehr einbrachte, weil er hier so brav schmeichelte, dann würde ich mir später die Haare darüber raufen – oder ich schlug dem Kurzen den Schädel dafür ein, viel drin war wohl ohnehin nicht, sonst wären wir nicht hier auf dieser Bank. Wenn sie den Matrosen denn überhaupt in eine Zelle steckten, wirklich daran glauben tat ich ja nicht, selbst wenn sie ihn bis hier her gezerrt hatten.

Ein James war er also… oder ein Ardin? Unmöglich zu sagen was jetzt Vor- und was der Nachname war. Den Respekt wie ein Mann beim Nachnamen genannt zu werden, hatte der Kurze ohnehin nicht verdient. Wer sich wie ein Bub aufführte, der konnte auch wie einer beim Vornamen genannt werden, entschied ich bei mir, dass es mich nicht weiter kümmern sollte ob nun James oder Ardin. Vielleicht, so fand ich, war es auch ganz passend, dass keiner davon klang als wäre er ein richtiger Name. Klang beides nach Bub. Dabei war der Kurze sogar ein Jahr älter als ich selbst es war. Wer hät’s auch gedacht. Stur starrte ich weiter gen Boden, konnte die schweren Eisen um meine Handgelenke kaum übersehen dabei, das eine davon längst blutig gescheuert durch die Fahrt. Ich hoffte wenigstens in einer Zelle, würden sie sie uns abnehmen, aber ich wusste aus der Kolonie gut genug wie unnötig lang sie Häftlinge in Ketten lassen konnten. Meine Knie zitterten ein wenig und ich hoffte, dass keiner es sah – war ohnehin nur weil ich nass und durchgefroren bis auf die Knochen war.

Ich hob nicht einmal den Kopf, als der Matrose log. Ich hatte ihn noch nie bei den Docks gesehen und man kannte sich doch in der Regel als Dockarbeiter in einem Gebiet. Vermutlich musste ich mein Urteil jetzt auch revidieren. Wäre der Mann Matrose auf Landgang, dann hätten er das gesagt. Vermutlich hätten sie ihn dann unmittelbar laufen lassen, zumindest wenn er der Navy angehört hätte und unter ihre Gerichtbarkeit gefallen wäre. Und erst jetzt bemerkte ich, wie sehr ich irgendwie genau davon ausgegangen war. Davon, dass der Janner Matrose war, dass er den Trumpf früh genug ausspielen und ich allein hier sitzen würde. Aber den schien der Andere auch nicht zu haben und ich sah keinen Sinn darin ihn zu verpfeifen, selbst wenn ich mir fast sicher war, dass der Kurze meinen Namen ganz absichtlich noch so viel mehr nach Road klingen ließ. Aber an den Docks würden sie mich ohnehin leugnen, als wäre ich ähnlich dem Janner keinen Tag dort gewesen. Es machte keinen Unterschied. Es machte keinen Unterschied, dass ich jeden Tag seit ich in London war, um Arbeit bettelte, an den Docks und in der Kirche schuftete auch wenn es kaum genug zum Leben bereit hielt und der Janner - mit was auch immer er das Geld machte, das er dazu brauchte und es doch nicht die Polizei wissen lassen wollte - munter durch die Straßen torkelte, für Ärger sorgte und vermutlich keinen Finger krumm machte an ehrlicher Arbeit. Hier in dieser Schreibstube waren wir für die Leute, die uns festgenommen hatten, ein und dasselbe. Da würde dem Janner weder seine Lüge noch sein kriecherisches 'Sir' auch nur einen Deut weiter helfen.

Ha, und bevor der Kurze entschieden hatten, dass er sich das nettere Leben faul und volltrunken an Land gestalten konnte, war er also doch Matrose gewesen. Navy. Als hät‘s nicht noch schlimmer kommen können. Auf dem Weg in die Zellen der Bow Street ausgerechnet mit so einem geleckten Matrosenbengel. Konnte man gerade noch hoffen, dass sie wenigstens die Anklagebank sortenrein hielten, wenn wir denn eine zu sehen bekamen. Aber ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als mir von hinten eine grobe Hand unter den Arm geschoben und ich weg bugsiert wurde von der Bank, die Eisen schlugen mir mit jedem Schritt unangenehm gegen die Handgelenke und ich hatte noch nicht so ganz raus ob ich sie besser eng am Körper oder davon weghielt. Aber es war immer noch besser sich darüber Gedanken zu machen, als darüber, was sie wohl mit mir tun würden. Zuerst einmal jedenfalls wollten sie, dass wir uns den Dreck abwuschen. Warum das? Glaubten sie etwa dem Ungeziefer in den Zellen Herr zu werden, in dem sie nur jeden Neuen gründlich waschen ließen? Oder brauchte man ein sauberes Gesicht um im verfluchten Covent Garden einzusitzen? Viel Zeit für Unsicherheiten blieb mir nicht, immerhin war das nur eine einzige Schüssel Wasser und ich hatte sie mit dem versoffenen Matrosen zu teilen. Immer noch besser als mit zwanzig anderen Mann, aber ich wollte verhindern mich nur mit dem Dreckwasser des Anderen zu waschen. Mit zugeschnürter Brust musste ich daran denken, wie ich mich am Morgen in Rotherhithe mit dem eiskalten Wasser aus der Pumpe gewaschen hatte, es kam mir schon wie ein halbes Leben entfernt vor.

Endlich wieder ohne Ketten, aber auch gänzlich ohne Kleidung stand ich jetzt in dieser kleinen Stube in der Bow Street, ließ mich begutachten, wie ich es schon einmal für die Armee hatte lassen. Und versuchte nicht allzu sehr an einen Pferdemarkt zu denken. Sie nahmen gar Maße, wie damals als sie hatten beurteilen wollen für welche gebrauchte Uniform sie mich den größten Teil meiner Rekrutierungsprämie, die ich bereits meiner Familie versprochen gehabt hatte, abtreten ließen. Fieberhaft ging ich im Kopf die Möglichkeiten durch, was diese Maßnahmen wohl über unser Schicksal aussagen mochten. Ich wusste wie penibel Buch sie über die Strafgefangenen führten, die sie in die Kolonie schickten, aber dabei ging es vor allem um auffällige Narben und Tätowierungen, Dinge durch die man sie im Falle einer Flucht wiedererkennen konnte. Niemand kümmerte sich um meine Tätowierungen oder die inzwischen verblassenden Hundebisse oder die bleibenderen Narben. Auch diese Tätowierung auf dem Unterarm des Matrosen, irgendeine Fisch-Frau und ein Anker schien für Niemanden der Notierung würdig. Es nährte meine Hoffnung, dass sie niemanden in die Kolonie schickten bloß wegen einer Prügelei, aber wozu dann der ganze Aufwand? Wäre das ein Pferdemarkt, dann wären wir der kleinste und der magerste Gaul des Tages. Die, die sie nicht einmal mehr an den Schlachter los bekamen – aber das Arbeitshaus war nicht so wählerisch, soweit ich wusste, das Gefängnis schon gar nicht, da konnten sie sich diesen ganzen Zirkus doch sparen, oder? Ich spürte die lodernde Wut unter all der lähmenden Angst. Ich machte genau so brav, was sie mir sagten, wie damals als angehender Rekrut, aber da war ich nur ein ‚growing lad‘ gewesen, wie sie mich genannt hatten, dabei hatte ich die fünf Fuß sechs schon damals gehabt. Fragen hatte mir damals schon keiner beantwortet und es hatte nur dazu geführt, dass ich heute gar keine mehr stellte. Fast als erwarte ich auch jetzt noch nur an die Backen zu bekommen dafür. Ich zog mir verbissen meine regennassen Sachen wieder an. 

Kurz darauf waren wir wieder in diesem Raum mit dem Schreiber, ich starrte auf die tintennasse Spitze seiner Feder knapp über dem Papier. „Tauglich?“, fragte er nur in der üblichen monotonen Stimme. Verwirrt starrte ich ihn an, aber die Frage ging gar nicht an mich, auch nicht an den Matrosen. „Wir nehmen sie“, antwortete einer der Männer, die uns aufgegriffen hatten. Der Mann uns gegenüber notierte etwas. „Tauglich?“, kam es mir wie ein Echo über die Lippen, der Schreiber sah auf, fast es käme es in seiner Erfahrung nicht vor, dass jemand ihm gegenüber unaufgefordert sprach. Aber jetzt da ich mir seiner Aufmerksamkeit gewiss war, konnte ich die Gelegenheit nicht verstreichen lassen. „Wofür?“ Und knapp zwei Herzschläge später schob ich ein „Sir“ hinterher. Mochte mein kriecherischer Matrosenbengel mit seiner Taktik richtig fahren oder sei es nur dem Zufall geschuldet, aber der Schreiber ließ sich tatsächlich zu einer Antwort herab. „Die Arbeit“, antwortete er knapp und mir rutschte das Herz bis in die Magengrube, klopfte dort in mitten meiner sauren Angst weiter. „In der Lower Street?“ Meine Frage war fast ein heiseres Flüstern, so sehr ich auch versuchte fest dabei zu klingen. In der Lower Street war das Arbeitshaus in Rotherhithe. Oder würden sie ein anderes wählen? Der Schreiber sah drein als hätte ich einen Scherz gemacht, den er nicht einmal eines müden Lachens der Höflichkeit wert sah. „Das hier ist die Bow Street“, ließ er mich herablassend wissen und wandte sich wieder seinen Aufzeichnungen zu. Leer starrte ich auf seinen gesenkten Haaransatz. Die blanke Angst lähmte jede Wut, die ich hätte empfinden können und selbst ohne den tadelnden Schlag in den Nacken hätte ich kein Wort mehr herausgebracht. „Fragen beantworten“, kam die Anweisung von hinten, „Antworten bekommt ihr früh genug.“ Und die nächste Frage kam auch direkt. „Familie, Angehörige?“ Ich dachte für einen Augenblick an meinen Bruder, aber es bestand kein Grund ihn hier hinein zu ziehen. „Nein, niemanden“, antwortete ich also. „Unverheiratet?“, hakte der Schreiber nach. „Ja.“„Bekenntnis?“ Ich starrte für einen Wimpernschlag lang weiter auf den Haaransatz des Mannes mir gegenüber. Es gab nur einen Grund, eine solche Frage zu stellen. „Anglikanisch“, erwiderte ich und dieses Mal blieb meine Stimme fest. So viel sicherer als ich mich fühlte. Man stellte diese Frage, um zu wissen nach welchem Ritus man einen Mann zu beerdigen hatte.



Ob wir tauglich waren?! Das wollten sie von uns wissen?! Tauglich wofür? Warum? Wieso? „Wir nehmen sie“ Stur sah ich auf die Feder in der Hand des Schreibers, die jetzt einen Haken aufs Papier setzte, so als könnte sie mir verraten was hier passierte. Wir wurden genommen. Von… wem? Es schien auch den Langen zu interessieren. Er stellte genau die selben Fragen. Aber laut. Und hatte sofort die Aufmerksamkeit unseres Schreibers. Eine Aufmerksamkeit um die ich ihn nicht beneidete. Ich hielt den Blick gesenkt. Arbeit. Und dann kam die Nachfrage des Soldaten-Dockers. „In der Lower Street?“ Und da hob ich dann doch auch alarmiert den Blick um dem Schreiber ins Gesicht zu sehen, bangend erwartend was der darauf antworten würde.

Die Deptford Lower Street in Rotherhithe. Ein einzelnes Haus in der Straße machte die Adresse über den ganzen Stadtteil hinweg berüchtigt. Schmal und dunkel war es, eingezwängt zwischen zwei langen hellen Lagerhausblöcken, dass man hätte meinen können, den Mauern müsste so eingesperrt die Luft weg bleiben wie einem Weib in einer zu eng geschnürten Korsage. Weiße Treppen führten zu einer dunklen Tür hinauf und drei Stockwerke sauber angelegter Fenster, von denen die Farbe abplatzte, durchbrachen die Mauern, dass das Haus gut Fenstersteuer hätte zahlen müssen, damals als sie London noch nach Fenstern besteuert hatten und die Wände daher ohne Durchbrüche gebaut worden waren, wie Enoch es mir einmal erzählt hatte. Ich war dort schon gewesen. Nur vorbei gegangen, aber ich hatte es sehen wollen. Den Ort, an dem sie Margory gehabt hatten. Und so war ich den ungepflasterten Fußweg Richtung Deptford gegangen, um das Haus mit der schlammigen Wiese und den Büschen davor mit eigenen Augen zu sehen. Das Arbeitshaus von Rotherhithe. Margory hatte mir verrückte Dinge von dort erzählt. Dinge, gegen die ein Kriegsschiff nichts war, wie ich fand. Sie erzählte nie alles, das merkte ich ihr an. Aber sie hatte von einer Krankenschwester dort erzählt, die alle in Angst und Schrecken versetzt hatte, die in ihre Obhut gekommen waren. Versoffen war sie gewesen und hatte den Männern ihr Bier abgeknöpft damit sie sie in Ruhe ließ. Das Fleisch, das sie ihnen gegeben hatte, hatte aus wenig mehr als kaltem Fett bestanden und wenn ein Kranker einmal gar zu unleidig geworden war, dann hatte sie ihm Opium gegeben und ihn auf die linke Seite gelegt, um ihn sterben zu lassen. Ich hatte nicht gewusst, dass man sterben konnte, wenn sie einen nach links drehten, aber Margory hatte es mehr als einmal beobachtet.

Bast spleißten sie in Rotherhithe. Öffneten alte Taue und Kabel und zogen die Fasern heraus, die man als Füllmaterial in Paketen oder im Museum verwenden konnte. Margory hatte noch heute ganz raue Finger von der Arbeit und das, obwohl sie nun schon seit mindestens drei Jahren in der Schänke im Hafen arbeitete. Und dort wollten sie uns hinschicken? In die Lower Street, war es das? Mein Herz raste mit plötzlicher Heftigkeit. Sie sagten ein Arbeitshaus sei kein Gefängnis, jeder der dort war, dem stand es frei zu gehen – aber ich wusste es besser aus den Geschichten. Es gab solche wie diese Krankenschwester, die hätten einen Krug Bier nicht eingetauscht gegen ein freies Leben. Sie hielten einen fest, solange sie konnten.

„Das hier ist die Bow Street“ Ich starrte den Schreiber weiter an ohne zu verstehen was er damit sagen wollte oder was das nun für uns bedeutete. Gab es ein Arbeitshaus in der Bow Street? Wollten sie uns dahin schicken? Das in Rotherhithe hätte ich wenigstens gekannt. Aber sie verpassten dem Docker-Soldaten einen Schlag gegen den Hinterschädel und wie von selbst senkte ich ebenfalls den Kopf, damit sie mir nicht schon aus Solidarität ebenfalls eine verpassten. Wir würden Antworten bekommen, versprachen sie uns. Herrlich, ich freute mich schon darauf. Und dachte mir, wenn wir in einer Zelle saßen oder im Essensraum des Arbeitshauses, dann würden wir unsere Antworten schon bei Zeiten haben. Ganz sicher. Solche Versprechungen konnte ich auch machen.

Aber es waren die Fragen, die sie jetzt erneut dem Docker stellten, die mir Sorgen machten. Denn auch vor denen würde ich nicht verschont bleiben. Und es waren Fragen, die ich gerne vermieden hätte. Ich fragte mich was es das Arbeitshaus interessierte. Aber der Docker hatte viel zu schnell geantwortet, ich kam an die Reihe, bevor ich mir etwas hätte denken können. „Familie, Angehörige?“, richtete sich jetzt die Frage an mich und ich biss mir auf die Unterlippe. Ich wollte Margory da raus halten, sie nicht mit mir in Verbindung bringen, zumindest sie in Sicherheit wissen. Andererseits kannte sie die Arbeitshäuser wenigstens. Sie wusste wo sie hingehen musste. Und wenn sie dann vielleicht erfuhr, was mit mir geschehen war, wusste sie immerhin wo ich war. Auch wenn sie toben würde. Und ich ihr das gerne erspart hätte. Vielleicht konnte sie mich auslösen. Vielleicht konnte sie sich auch einfach umdrehen und sich einen neuen Mann suchen. Fair genug wäre es ihr gegenüber gewesen.

Der Schreiber klopfte ungeduldig mit der flachen Hand auf den Tisch. „Familie und Angehörige!“ Er sah mich jetzt direkt an, kurz sah ich zu ihm hoch, hielt dann den Blick wieder gesenkt als ich antwortete. „Verheiratet, Sir.“ Die Feder senkte sich wieder hinab auf das Papier. „Name und Anschrift.“ Ich atmete lautlos durch bevor ich mit der Adresse heraus rückte. „Margory James, geborene Flint. Fawcett Road Number Five, St. Mary Rotherhithe.“ Es war noch immer die Cornbury Road, aber was in die Fawcett Road kommen würde, würde auch in die Cornbury Road kommen und Margory würde davon erfahren, ohne dass ich sie ganz bloß stellte. „Bekenntnis?“, folgte direkt die nächste Frage. Der Soldat hatte es mit einer vergleichsweisen Inbrunst ausgesprochen. Anglikanisch. Natürlich, er arbeitete ja auch in der Kirche, richtig? Kleiner frommer Bursche. So viel Überzeugung wie mein Docker konnte ich dabei nicht empfinden. Ich fand diesen ganzen Kirchenzirkus mehr als nur überflüssig. Sie versuchten ja doch nur, die arbeitende Bevölkerung davon abzubringen, sich gegen das zu wehren was ihnen widerfuhr. So etwas wie einen Gott gab es ja doch nicht, wenn man sich ansah, was er in London mit den Menschen machte. Und wenn es ihn gab, dann war er nicht der heilsbringende Vergeber aller Sünden, als den ihn alle Kirchen, die ich kannte, hinstellten. Aber ich war getauft. Und damit immerhin würden sie sich schon zufrieden geben, dachte ich. Und wenn sie mich beerdigen würden, tja, dann sollten sie irgendetwas nehmen, das ihnen passte. Ich hatte genügend Männer eingenäht in ihre Hängematten über eine Planke ins Meer gekippt, um mir keine Sorgen mehr darüber zu machen, wo mein toter Körper einmal landen würde, wenn es mich erwischte. Es war dann vorbei. Aus. Ende. Keine Probleme mehr. „Auch Anglikanisch.“

Die Feder notierte auch das auf dem gelblichen Papier, dann fand sie ein Ende und wurde zurück in die Halterung ihres Ständers gelegt. Schließlich trat der Mann wieder hinter uns, der dem Langen den Schlag über den Schädel gegeben hatte. „Mitkommen.“, befahl er und wer wären wir gewesen uns zu widersetzen gegen diesen freundlich harschen Griff unter den Armen? Wir gingen einen Flur hinunter bis zu einem Tresen, an dessen Seitenwand eine Kreidetafel angebracht war, die mit allerlei Dingen vollgekritzelt war. Offenbar wurden Striche geführt. Darüber stand in weiß „Quartiermeister“ notiert. Ich fragte mich ob die Leute sich bei der Bow Street bislang immer vertan hatten und es sich nicht um eine Polizeieinheit handelte, sondern viel mehr um ein Arbeitslager. Wir wurden an den Tresen geschoben, ein Mann mit Brille dahinter musterte uns kurz kritisch, nahm dann ein Stück Papier von einem unserer Begleiter entgegen, musterte es kurz und wandte sich dann ab, um in einem der zahlreichen Regale hinter ihm irgendetwas zu suchen. So viel anders wie auf einem Schiff schien es hier auch nicht zu laufen. Der Mann kehrte schließlich zurück, zwei Stapel dunkelblauen Stoff in Händen und legte sie vor uns ab. „Für den Kleinen.“, kommentierte er den Stapel auf meiner Seite, „Für den Großen.“, kommentierte er den auf der Seite des Dockers. Natürlich musste es nach der Größe gehen. Was in aller Welt lief bitte nicht über die verdammte Größe?! Dann musterte der Mann uns lang über seine Brille hinweg als seien wir eine ganz interessante Sorte Naturphänomen und meinte schließlich an die drei Männer, die uns hierher geführt hatten, gewandt: „Nun denn, viel Erfolg mit eurem Fang, meine Herren.“ Er lächelte breit und selbstzufrieden als sei er ein großartiger Spotter und bekam entsprechend eine kurze Antwort. „Vielen Dank auch, Mister Cook.“ Aber die Stimme wandte sich direkt an uns. „Mitnehmen und weitergehen.“ Ich nahm also den Stapel Kleidung vom Tresen und folgte der Anweisung. Kurz ging mein Blick auf den Stoff hinunter, der sich fest und stabil in meinen Händen anfühlte. Ganz anders als das was sie in den anderen Arbeitshäusern als Uniform ausgaben. Ich fand Knöpfe daran. Silberne Knöpfe. Unauffällig und mit einem Mal wieder nervös schielte ich zur Seite. Und fand die selben silbernen Knöpfe wieder an der Uniform des Reiters, der uns noch immer begleitete. Wenn die uns ins Arbeitshaus steckten, fraß ich einen Besen.

Kaum hatte ich das gedacht, hatten wir eine Tür passiert und standen mit einem Mal in einem Stall. Es roch nach Pferden und als ich aufsah konnte ich die Abteile für die Gäule sehen. Irgendwo raschelte Heu, der vielstimmige Atem von Tieren war zu hören. „Halt.“ Wir blieben stehen. Und dann hatten wir sie wieder vor uns. Der Docker an meiner Seite, uns gegenüber die Drei vom Brunswick Quay.

„Also gut, Zeit für Antworten.“, begann der Mann in der Uniform in diszipliniertem, knappem Tonfall. „Hier im Stall könnt ihr euch umziehen. Was ihr in Händen haltet ist eure neue Uniform. Ihr werdet sie jeden Tag tragen, wenn ihr hier zum Morgengrauen zur Arbeit erscheint, und ihr werdet sie erst ablegen, wenn ihr zu Sonnenuntergang nach Hause geht. Ihr seid jetzt Mitarbeiter der Bow Street. Verhaltet euch entsprechend. Die Uniform ist sauber zu halten. Ihr könnt sie für einen Sixpence zur Wäsche beim Quartiermeister abgeben. Trunkenheit im Dienst ist nicht gestattet. Ihr erhaltet zehn Schilling in der Woche, ihr könnt sie euch am Sonnabendabend beim Zahlmeister abholen. Sonntags wird nicht gearbeitet. Eure Aufgaben werden alles betreffen was in diesem Haus passiert. Tut was man euch sagt. Ihr habt einen Monat Zeit, um zu zeigen, dass ihr es Wert seid. Derjenige von euch, der sich besser schlägt, den nehmen wir im Mai in das Training zum Bow Street Police Officer. Der andere hat seine Chance verpasst und wird zurück an die Docks geschickt. Wir haben vor zwei Jahren einen guten Mann verloren. Den besten, will ich meinen. Diese Stelle steht seitdem leer, sie muss dringend besetzt werden. Nach absolviertem Training gibt es ein Pfund in der Woche. Überlegt euch das gut. Und noch etwas: ihr mögt Kämpfer sein, aber verlagert euren Kampf darauf, euch hier gut anzustellen. Wenn ich einen von euch dabei erwische, wie er sich in eine Schlägerei begibt, setzt es Prügel.“ Er deutete mit dem Finger zwischen dem Docker und mir hin und her. „Wenn ihr angesprochen werdet, antwortet ihr mit einem ,Sir‘, wenn ihr Probleme habt kommt ihr zu mir, mein Name ist William Birdwhistle, merkt euch das. Diese beiden Herren hier“ Er zeigte von sich auf seine beiden Begleiter, die seit dem Brunswick Quay zufrieden in ihrer Kutsche gesessen hatten, „haben euch fürs erste nicht zu interessieren. Aber sie werden genauso ein Auge auf euch haben wie ich, also haltet euch bedeckt. Nun denn, zieht euch um und dann an die Arbeit. Ihr werdet vom Quartiermeister erwartet, ihr werdet ihn dabei unterstützen, die Ausrüstung für die kommende Woche vorzubereiten.“

Auch als der Mann geendet hatte, starrte ich ihn noch immer an, ohne gänzlich zu verstehen, was er mir und dem Langen gerade gesagt hatte. Einen Moment musterte er uns noch kritisch, dann schien er zu meinen, dass es wohl keinen Unterschied machte ob wir ihn verstanden hatten oder nicht und wandte sich von uns ab. Die Drei vom Brunswick Quay verließen den Stall und der Docker und ich blieben alleine zurück. Ich senkte den Kopf und starrte auf den Stoff in meinen Händen hinunter. Eine Uniform. Eine Uniform mit Silberknöpfen. Ich hatte nicht im Ansatz verstanden was mir gerade passiert war. Ja, man konnte es so sagen, in der Bow Street gab es ein Arbeitshaus; aber nicht von der herkömmlichen Sorte. Vielleicht waren wir hier gelandet um zu arbeiten, aber… Zehn Schilling in der Woche. Zehn. Verdammte. Schilling. In. Der. Woche. War ich im Himmel oder in der Hölle gelandet?! Nur vage spürte ich wie sich ein Grinsen auf meinen Zügen breit machte. Ich konnte gar nicht anders als die Mundwinkel zu verziehen bis sie schmerzten während ich auf den Stoff hinabsah. Ich war losgezogen um bei der Thames River Police genommen zu werden und jetzt war ich in der Bow Street gelandet?! Das konnte nicht deren Ernst sein, oder? Das Grinsen verschwand schlagartig von meinen Zügen. Das war es doch, oder? Ich ging in Gedanken die Worte immer und immer wieder durch während ich die Uniform weglegte und damit begann, mich mit einer Bedächtigkeit von Neuem auszuziehen, als hätte ich es noch immer nicht ganz verstanden. Und wenn ich ehrlich war, dann hatte ich das auch nicht.
Meine Hände klammerten sich an den Stoff. Guten Stoff. Fest und dicht gewebt. Ich folgte dicht auf, ganz wie angewiesen und wusste doch nicht warum ich es tat. Warum folgte ich so artig, auch wenn sie mir nicht sagten, was sie mit mir vorhatten. Hoffnung? Feigheit? Ich hätte mich wehren, ich hätte nach Antwort verlangen sollen. Mich nicht von einer Pastete und der vagen Furcht, dass es mir noch so viel schlimmer ergehen könnte, bis in die Folgsamkeit einlullen lassen. Aber ich tat es. Entgegen jeder besseren Vernunft. Ich folgte bis in die Stallungen. Der süßlich-herbe Geruch nach Pferd und Leder lag in der vom Heu staubigen Luft. Die unverwechselbaren Geräusche der nahe Gäule gaben mir fast etwas von trügerischer Sicherheit. Es waren die Gerüche und Geräusche meiner Kindheit. Hier war es trocken und warm, das spürte ich bis unter meine regennassen Kleider hinab auf meine klamme Haut.

Aber der Anblick der Männer uns gegenüber wusste mir jedes bisschen davon direkt wieder zu nehmen. Der Jüngere, der der geritten war, stand ihnen voran und ich konnte nicht verhindern, wie meine Schultern sich augenblicklich anspannten, meine Haltung aufrecht wurde, allein mein Blick schaffte es nicht sich von dem Mann zu lösen, undiszipliniert starrte ich ihn an, den Kopf ihm zugewandt. Ungläubig. Vielleicht war es einfach zu viel gewesen heute. Vielleicht war meine Auffassungsgabe einfach erschöpft. Vielleicht war ich einfach nicht mehr in der Lage zu begreifen.
Vielleicht wollte ich auch gar nicht begreifen.

Umziehen, dachte ich lahm. Unsere neue Uniform, die Kleider, die wir in den Händen hielten. Jeden Tag sollten wir sie tragen. Für was denn? Die Arbeit. Nicht in der Lower Street in Rotherhithe, wo sie uns für so einen guten Stoff ohne Zögern die Kehle aufgeschlitzt hätten. Sondern in der Bow Street. Arbeit in der Bow Street. Ich zog die Brauen zusammen, ließ die Verwirrung völlig ungehindert von meinen Züge Besitz ergreifen. Arbeit in der Bow Street. Was in Gottes Namen… Arbeit, verdammte Arbeit… feste Arbeit… hier in diesem Haus. Für zehn Schilling die Woche, ein halbes Pfund, das war nicht allzu viel, bedachte man wie teuer London war. Aber es war ein regelmäßiges Einkommen und deutlich mehr als alles, was ich an den Docks in einer Woche zu verdienen hoffen konnte. Und ich konnte sogar zusehen, dass ich an den freien Sonntag zusätzliche Arbeit fand irgendwo. Konnte das denn möglich sein? Träumte ich etwa? Und alles, was ich zu Stande bringen musste, um diese Arbeit zu behalten, war mich besser anzustellen als der Janner. Ich warf dem Kurzen einen knappen Seitenblick zu. Ein Kinderspiel, würde der sich doch schon allein am Punkt der Trunkenheit für die Arbeit disqualifizieren. Keine Woche gab ich ihm hier. Nur dass… dass es dabei nicht bleiben würde. Nicht bei irgendwelchen Tätigkeiten im Haus. Nein. Den, der diesen Monat überstand, wollten sie zu einem Police Officer ausbilden. Ich zwang mich nicht daran zu denken. Zuzuhören, nur zuzuhören, nicht zu denken. Zehn Shilling, das schlug man nicht aus, wenn man anderenfalls mit leerem Magen an den Docks hockte. Zwanzig Schilling wenn ich es schafften den Kurzen zu übertrumpfen. Keine Schlägereien und ein ‚Sir‘ – das sollte ich gerade noch hinbekommen. Es kostete mir immer mehr Mühe nicht siegesgewiss zu Grinsen. Birdwhistle. Schön, schön. Ich nickte artig. Nur kurz ging mein Blick hin zu den älteren Knaben, die uns nicht zu interessieren hätten. Aber auch das stellte kein Problem dar, denn ich interessierte mich kein Stück für sie. War wohl ohnehin besser wenn ich um den einen von ihnen, den ich zu Fall gebracht hatte, einen Bogen machte in naher Zukunft. 

All die Angst des Tages, all die Gewissheit in der tiefsten Scheiße zu stecken, nur um jetzt zu erfahren, dass ich schon am nächsten Sonnabend zehn Schilling in der Hand haben sollte und feste Arbeit für mindestens einen Monat hatte – das alles machte mich glückstrunken in diesem Moment, ließ mich keinen Gedanken an Konsequenzen verschwenden. Ich hatte eine Pastete im Magen, Aussicht auf Arbeit, alles andere würde sich geben. So viel zügiger als vorhin noch legte ich meine nassen Oberkleider wieder ab, zog die von dem Quartiermeister ausgegebene Garnitur an und schob die silbernen Knöpfe sorgfältig durch die Löcher der Uniform. Die nassen Kleider hängte ich notdürftig irgendwo auf, sie waren so häufig geflickt, dass ich kaum einen Diebstahl zu fürchten hatte. Gemeinsam mit dem Matrosen ging ich den Weg, den man uns geführt hatte zurück bis zu dem Quartiermeister. Es war ein seltsames Gefühl sich innerhalb einer Polizeiwache frei zu bewegen. Nicht, dass ich vor diesem Tag schon einmal eine betreten hatte, ich hätte gut und gerne mein restliches Leben darauf verzichten können. Aber für eine zu arbeiten, das hätte ich noch so viel weniger je erwartet… Ein Arbeiter der Bow Street zu sein… verhaltet euch entsprechend, klang es in meinen Ohren wieder. Verflucht, wenn ich jetzt aufwachte und nur wirr geträumt hätte, es wäre mir sehr viel wirklicher vorgekommen, als das hier, was – so ich es denn beurteilen konnte – wohl die Wirklichkeit war.

Der Quartiermeister sah von seinen Unterlagen auf als wir uns näherte. „Rhode?“ Ich gab mich mit einer Geste zu erkennen und erinnerte mich dann gerade noch rechtzeitig an Birdwhistles Anweisung. „Ja, Sir“, schob ich hinterher. „James.“ Der Quartiermeister wandte sich dem Kurzen zu, musterte uns beide für einen Moment, als hätte er uns nicht eben schon wie zwei besonders merkwürdige Tiere betrachtet. Es war ein Blick, der durch seine Brille noch so viel aufdringlicher wurde und ich musste mich zwingen das Gestell mit den Gläsern nicht zu offen anzuglotzen, besonders oft hatte ich noch keines gesehen und es faszinierte mich ungemein. „Mein Name ist Cook, ich bin für die Ausrüstung zuständig. Wenn ihr etwas braucht, dann wendet euch an mich, wenn ihr etwas kaputt oder unvollständig zurückbringt, dann lasst euch besser gar nicht mehr blicken.“ Ich starrte durch die geschliffenen Gläser hindurch in seine Augen und hatte doch keine Ahnung ob Cook einen Schmerz gemacht hatte oder die Drohung sein voller Ernst war. Aktuell tendierte ich zu letzterem, ich nickte unter einem trockenen Schlucken. „Heute werdet ihr mir zur Hand gehen. Die Ausrüstung muss regelmäßig durchgesehen und auf Tauglichkeit bewertet werden, sortiert und für die folgenden Tage vorbereitet. Die Überprüfung übernehme grundsätzlich ich, aber ihr werdet mir zuarbeiten und lernen, verstanden?“„Ja, Sir“, gab ich erneut die stumpfsinnige Antwort, die mir besser wieder in Fleisch und Blut überging.

Zeit für Geplapper schien der Quartiermeister nicht vergeuden zu wollen. „Beginnen wir mit der standardmäßigen Ausstattung eines Officers hier in der Bow Street. Da haben wir die Handschellen, mit denen habt ihr euch ja schon vertraut gemacht, wie ich gehört habe.“ Cook legte ein paar Eisen auf dem Tresen ab und schenkte uns dabei ein widerlich süffisantes Grinsen. „Einen Knüppel für die gewöhnlichen Einsätze.“ Er griff nach einem knotigen kurzen Stock, der an der Griffseite mit Leder umwickelt war. „Das Leder darf sich nicht lösen, der Knüppel muss gut greifbar sein und nicht Gefahr laufen beim nächsten Einsatz zu brechen.“ Nach kurzer Überprüfung legte Cook den Knüppel neben die Eisen. „Und dann wäre da dieses Schätzchen, eine William Lacey.“ Der Blick des Quartiermeisters wurde glasig, als er eine Pistole an sich nahm und sie fast liebevoll ebenfalls auf dem Tresen ablegte. „Wir haben noch andere Modelle, aber alle vom selben Typ. Bevorzugt als Taschen-Pistole.“ Der Quartiermeister wandte sich einen Moment ab, kam dann mit einem kurzen Säbel zurück. „Ein kurzes Entermesser für gewaltsame Einsätze.“ Er nickte heftig, als hätten wir ihm Ungläubigkeit entgegen gebracht. „Ja, ja, ja, das ist die übliche Ausrüstung. Jeder altgediente Officer entwickelt sein eigenes Arsenal über die Jahre, aber das ist der Standard.“ Er deutete auf die Eisen, den Knüppel und die Pistole, dann auf das Entermesser. Ich folgte seiner Geste mit dem Blick, keine Ahnung ob ich etwas eindrucksvolleres erwartet hatte, ein Gewehr oder ein Langmesser vielleicht. Aber ehrlich gesagt hatte ich mir nie zuvor Gedanken darüber gemacht. Ein Knüppel war im Grunde alles, was ich an Einsatzkraft der Polizei bisher erlebt hatte.

„Ich sage euch, als Ruthven am 23. Februar, vor zwei Jahren ist das gewesen, den Einsatz angeführt hat, da waren seine Männer mit nicht mehr bewaffnet. Mit keinem Deut mehr! Nur William Laceys und Entermesser, das ist es gewesen. Davidson, dieser Spitz, hatte eine Kurzgewehr und ein Schwert. Thistlewood, der Hund, eine Blunderbuss und ebenfalls ein Schwert. Unterlegen waren sie, unsere Männer, an Waffen und an der Zahl. 13 Mann gegen bald doppelt so viele Halunken. Der Thistlewood hat unseren guten Smithers mit einem Schwertstich nahe des Herzens erwischt! Fast sofort tot war er! 'Oh, mein Gott!', das soll das letzte sein, das er ausrief. Guter Mann, Smithers, der Besten, das sage ich euch! Könnt nur hoffen eines Tages halb so viel zu sein wie er!“ Der Quartiermeister nickte noch unruhig, scheinbar tief ergriffen von der eigenen Erzählung. Mir dagegen rutschte das Herz tiefer. Natürlich sagte mir Thistlewood etwas. Selbst wenn es zwei Jahre her war, selbst wenn ich zu der Zeit nicht einmal im Land gewesen war. Aber vom Thistlewood und von der Cato-Street-Verschwörung hatte man gehört, das ließ die Gemüter noch heute hochkochen. Aber Herr im Himmel, den Mann den die Bow Street dort verloren hatte, den wollten sie mit einem von uns ersetzen?! Ich warf dem Matrosen einen Seitenblick zu. Den vielleicht, den würde ich in die Tasche stecken. Aber doch keinen von denen, die eine Verschwörung ausräucherten wie die in der Cato Street. Warum konnten sie nicht einfach einen Mann suchen, der tat was man ihm sagte und sich nicht allzu ungeschickt dabei anstellte? Das konnte ich sein, das wusste ich. Ob es mir gefiel oder nicht, aber das konnte ich sein. Doch ohne mein Licht unter den Scheffel zu stellen, einer dieser großen Männer war ich nicht. Verbrechen verfolgen und Verschwörungen aufdecken wie die großen Männer von denen in der Zeitung geschrieben stand und von denen sie sich flüsternd auf der Straße oder in der Schenke unterhielten. Unmöglich. Weder der Matrose noch ich gaben das her. Nie im Leben. Aber das musste ich diese Leute ja nicht wissen lassen. Solange die meinten, dass ihr kleiner Versuch hier das Geld wert war, würde ich mir eben das holen. Danach ließ sich immer noch weiter sehen.

Der Quartiermeister schien sich allmählich wieder zu fangen und zurück ins Hier und Jetzt zu finden. „Da“, knurrte er plötzlich und deutete auf einen hinteren Tisch. „Lappen, Fett und alles Andere, macht euch dran die Waffen zu reinigen, die bekomme ich dann zur Kontrolle. Auf jetzt! Schnell, schnell!!“ Ich griff nach der Pistole, die bereits auf dem Tresen lag, aber kam nicht einmal bis zu Tisch. „Zieh verdammt nochmal die Jacke aus!! Wollt ihr eure Uniform schon am ersten Tag, ruinieren, häh?!“ Ich zögerte – wie war das noch gewesen von wegen nie die Uniform ausziehen? War das ein Test? Aber ich entschied, dass der Quartiermeister wohl Recht hatte und hoffte, dass er die Verantwortung übernahm, wenn Birdwhistle um die Ecke kam. „Nein… Sir“, antwortete ich also, weil Cook uns noch immer wütend als hätten wir gedroht eines seiner Kinder durch Unachtsamkeit in die Themse zu stoßen anstierte, legte die Waffe ab und zog die Uniformjacke aus, schob die Ärmel des dünnen Kittels hoch, den ich noch darunter hatte. Ich hockte mich an den Tisch und begann die Pistole zu reinigen.



Ich folgte dem Docker weil ich gerade fand, dass es nicht schlecht sein könnte, ihm zu folgen, während er so durch das Gebäude der Police Station wanderte, vom Stall zurück zum Quartiermeister. Immerhin war ich mit ihm eingeteilt und auch wenn ich es ungern zugab, teilten wir im Augenblick noch immer das selbe Schicksal. Auch wenn sich dessen Charakter gerade rasant verändert hatte. So richtig bewusst wurde mir das erst als wir wirklich vollkommen frei durch diese Räume gingen, keine Handschellen, keine Wachen, nur Schreibtische und Papier und Menschen, die bei der Arbeit waren, sich Dinge zuriefen und uns vollkommen ignorierten als gehörten wir zum Inventar. Es musste die Uniform sein, die das machte. Der Stoff war fest und dicht gewebt. Nicht einfach nur Baumwolle, die nicht trocken hielt, das war richtiger Kersey. Ich hatte in all der Zeit bei der Navy keinen Stoff getragen, der sich mit dieser Uniform hätte vergleichen lassen. Es fühlte sich sogar anders an, darin zu gehen. Als wäre man von einem Moment auf den anderen ein anderer Mensch. Egal ob übernächtigt oder unrasiert. Und dieses Gefühl war noch so viel mehr Ausdruck für all das was sich verändert hatte.

Während wir den Gang hinunter gingen, lagen meine Augen überall. Unauffällig drehte ich den Kopf hin zu jeder offenen Tür, an der wir vorbei gingen, immer darauf bedacht nicht zu viel Zeit zu vergeuden und den Docker nicht zu verlieren. Aber es war unglaublich was ich sah. Eine Police Station. Das hier war wahrhaftig die Bow Street. Und jetzt erst wurde mir das so richtig bewusst.

Als wir beim Quartiermeister ankamen, sprang mir das Herz längst vor Aufregung in der Brust und ich wäre am liebsten direkt auf die Straße gelaufen, um irgendjemand wildfremdem zu verkünden, dass ich jetzt ein verdammter Mitarbeiter der noch viel verdammteren Bow Street war!!!! Einer Einrichtung, die so viel weiter oben lag als mein eigener Stand, dass ich mich fühlte als wäre ich in ein anderes Leben katapultiert worden. Aber als ich den Blick durch die Brille wahrnahm, die dieser Cook auf uns richtete als wir bei ihm ankamen, erinnerte ich mich wieder dessen, was der Reiter gesagt hatte. Der Reiter. Birdwhistle. Dass wir uns beweisen mussten. Ein Monat. Und dann würden sie einen von uns nehmen. Dann erst würde derjenige wirklich ein Mitarbeiter der Bow Street werden. Ein Peace Officer. Ich wollte verflucht sein, wenn ich mir diese Chance entgehen lassen würde. Den Docker würde ich sowas von in die Tasche stecken. Der hatte doch keine Ahnung von Polizeiarbeit – ich hatte mich immerhin schon seit guten zwei Wochen auf genau so eine Aufgabe vorbereitet. Und ich war lernbereit. Ich würde alles lernen was nötig war. Ich wusste es in diesem Moment, in dem mir das Ziel so sehr bewusst wurde. Ich fokussierte mich darauf und eine fast vorfreudige Anspannung erfasste mich, bereit zu kämpfen und zu lernen, wie früher im Hafen von Plymouth. Damals, als nur derjenige die Lastenaufgaben bekommen hatte, der die Arbeit bereits gekannt und sich am geschicktesten angestellt hatte. Ich würde mich geschickt anstellen. Und wenn das nicht reichte, dann würde ich noch um einiges mehr in Gang setzen.

Mein Name. Ich nickte. Erinnerte mich dann rechtzeitig dank des vorbildlichen Verhaltens des Dockers an die Vorgaben. „Aye, Sir.“, meldete ich mich und sah den Quartiermeister das erste Mal wirklich an. Von jetzt an würde ich mir jedes Gesicht einprägen, jeden Namen auswendig lernen bis ich ihn im Schlaf aufsagen konnte und jeden Handschlag üben, bis mir die Finger wund wurden. Und es würde mir eine Freude sein. Ich hörte dem Quartiermeister also zu, als erklärte er für uns das nächste Manöver. Ein Mann, der klare Grenzen steckte und seine Sachen im Blick hatte. Damit konnte ich etwas anfangen. Cook. Ich lächelte sachte über den rauen Tonfall, den er anschlug. Ein Tonfall, der mir bekannt vorkam, ein Humor, wie ihn auch viele meiner Kameraden besaßen. Wir konnten sicher sein, viergeteilt zu werden, würden wir jemals mit zerstörter Ausrüstung zu ihm kommen. Und diese Gewissheit gab mir ein fast heimatliches Gefühl von Vertrautheit.

Ausrüstung durchgehen. Wie Birdwhistle es prophezeit hatte. Zuarbeiten, lernen. Wie an Bord. Ich mochte ein Surgeon’s Mate gewesen sein, aber es hätte mich genauso gut zum Shipman’s Mate verschlagen können. Der Prozess machte keinen Unterschied. Es war zusehen, lernen und anfangen selbstständig Aufgaben zu erledigen. So lief es überall. Selbst hier. Ich konnte gar nicht sagen, wie gut diese Erkenntnis tat und so antwortete ich brav gemeinsam mit dem Docker „Aye, Sir!“ und es tat fast genauso gut.

Standardausrüstung eines Bow Street Officers. Handschellen. Ein Kommentar im Nebensatz von Cook. Mein Blick lag ungerührt auf den Eisen, die er uns auf den Tresen gelegt hatte, seinen unwichtigen Scherz ignorierend. Es gab jetzt wichtigeres. Den Knüppel zum Beispiel. Den hätte ich mir gerne genommen um dem Reiter zu zeigen wie sich das anfühlte, wenn man damit geschlagen wurde. Ich fühlte die Wunde noch an der Braue ziehen, auch wenn sie mittlerweile ausgewaschen war. Aber der Reiter hatte sich ja mittlerweile in meinen Brotgeber verwandelt. Besser ich versuchte nicht ihm irgendetwas beizubringen. Leder nicht lösen. Nicht brechen. Ich beobachtete Cooks Handgriffe, merkte sie mir. Aber wenn ich gemeint hatte, der Knüppel wäre spannend, dann hatte ich nicht mit der Pistole gerechnet, die Cook als nächstes hervor holte. Sie hatten hier Schusswaffen. Das hatten sie an der Themse nicht. Richtige, lange Steinschlosspistolen. Wunderschön aus Holz und Messing gearbeitet. Den Naval Sea Service Pistolen nicht ganz unähnlich, die sie in der Navy verwendeten. Die hatte ich schon auseinander gebaut. Mit denen hatte ich auch schon geschossen. Mein Blick ging vom Tresen zu Cook hoch als der auch von anderen Modellen sprach. Peace Officers mit einem wirklich Druckmittel. Kein Wunder, dass die Runner überall berüchtigt waren.

Als Cook schließlich mit einem Entermesser ankam, fühlte ich mich vollends wie Zuhause. Ich betrachtete die vertraute Klinge und lächelte zufrieden in mich hinein. Wenn ich gekonnt hätte, dann hätte ich mich nicht lange damit aufgehalten, all diese Dinge zu reinigen und in Stand zu halten, sondern mich damit bewaffnet und mir die nächste Rauferei gesucht. Aber der Pfad machte nun mal Umwege, und dann würde ich diese Umwege mit aller nötigen Gewissenhaftigkeit mitnehmen. Jeder altgediente Officer entwickelte sein eigenes Arsenal. Oh, das war gut. Das war mehr als gut. Und ich beschloss darauf zu achten. Wer wusste schon, wem man einen Gefallen tun konnte, oder wessen Ohr man erhielt, wenn man für seine akkurate Ausrüstung sorgte? An sowas dachte der Docker bestimmt nicht.

Cook kam während dessen ins erzählen, sprach vom 23. Februar, von vor zwei Jahren und ich musste daran denken was Birdwhistle von der Stelle gesagt hatte, die zu besetzen war. Und meine dunkle Vermutung wurde bestätigt während Cook von Entermessern und Kurzgewehren sprach. Da fielen Namen wie Davidson und Thistlewood. Und Smithers… Smithers der tot war. All meine Siegesgewissheit war dahin als ich diese Namen hörte und ich fühlte wie meine Augen vor Entsetzen groß wurden. Und das nicht etwa wegen der Großartigkeit von Cooks Erzählung, sondern viel mehr vor der Wahrheit, die er uns damit offenbarte. Smithers war die freie Stelle. Smithers, der bei der Zerschlagung der Cato-Street-Verschwörung ums Leben gekommen war. Dieser Kern der Bow Street war berühmt und noch immer in aller Munde. Helden der Mittelschicht. Selbst von der Unterschicht angebetet obwohl die sonst die Mittelschicht zu Recht für jedes ihrer Schicksale verantwortlich machte. Das sollten wir werden? Ich korrigierte mich in Gedanken: einer von uns. Und Cook fasste es gut zusammen: „Guter Mann, Smithers, der Besten, das sage ich euch! Könnt nur hoffen eines Tages halb so viel zu sein wie er!“ Ich ließ lakonisch den Kopf zur Seite kippen. Wo Cook Recht hatte, da hatte er Recht. Es war mir ein Rätsel wie diese Runner den Docker und mich hatten auswählen können. Für so eine Aufgabe. Eine Aufgabe, die der Mittelschicht vorbehalten war. Brauchten sie jedes Jahr zwei Armenhäusler um die Quote zu erfüllen? Oder meinten die das am Ende wirklich ernst mit uns? Gut, sollte das deren Sorge sein. Für mich würde erst einmal nur ein Pfund die Woche rausspringen. Und selbst wenn sie es sich kurzfristig anders überlegten mit ihrem Sozialprojekt, dann hatte ich bis dahin Arbeit und zehn verdammte Schilling in der Woche. Und ich konnte dem Docker auf die Nerven fallen. Was wollte ich mehr?

Wieder beruhigt sah ich also Cook entgegen, der wie weg getreten noch ein wenig in Gedanken bei seiner Erzählung zu hängen schien, ganz wie ein Mann, der eine wichtige Geschichte erzählt hatte und sie noch immer selbst nicht ganz zu fassen vermochte. Mein Blick wurde jedoch kritischer je länger er so vor sich hin stierte. Das war doch noch nicht alles gewesen, oder? Konnte der Mann bitte wieder zu sich kommen?! Aber wer wäre ich, einen Vorgesetzten meine Ungeduld spüren zu lassen. Jammern nannten sie das dann und straften einen ja doch nur. Man machte besser einen guten Eindruck. Und so kämpfte ich stumm mit meiner eigenen Ungeduld, nicht unterdrücken könnend, einmal auf dem Fußballen in den Stiefeln zu wippen um mich dann wieder auf die Füße sinken zu lassen. Ich warf einen Seitenblick zum Docker, als wüsste der, wann es hier weiter im Text ging.

Aber das Ende von Cooks Träumereien kam plötzlich und unerwartet. Es war als sei der Quartiermeister von einem Moment auf den anderen zurück in die Welt der Lebenden gekehrt und bereute jetzt, jemals fort gewesen zu sein. Er hatte etwas harsches, das mich direkt wieder gerade stehen ließ, als er in Richtung eines Tisches deutete. Waffenreinigen. Und jetzt konnte es ihm gar nicht schnell genug gehen. Verstehe einer diesen Mann. Ich machte mich daran, dem Docker zu folgen, hin zu diesem Tisch. Immerhin Waffenreinigen war nichts das mir unbekannt war. Damit würde ich klar kommen. Aber Otis-Road krallte sich direkt das beste Stück vom Tresen indem er die Lacy nahm. Aufgebracht stierte ich seiner Hand kurz hinterher, ließ mich aber nicht aufhalten und nahm mir stattdessen das Entermesser, womit ich ihm auf dem Fuß hin zum Tisch folgte.

Weder er noch ich kamen dort an. Jacke ausziehen. Ob wir sie dreckig machen sollten. Heiliger Strohsack, der nahm es aber genau. In der Navy hatte es wenigstens keinen interessiert wie dreckig die Uniform aussah solange man die Paradegarnitur nicht verdreckte. Wer zog seine Paradegarnitur bitte im Alltag an?! Aber ich schwieg brav während der Docker antwortete, mir sicher, dass es keines Chorus bedurfte um diese Antwort zu geben und zog meine Jacke aus um sie über den Stuhl zu hängen, den ich mir schließlich heran zog um mich zu setzen, das Entermesser heran zu ziehen und mit einem Lappen die gröbsten Unreinheiten weg zu wischen.

Kurz hob ich den finsteren Blick zu dem Docker mir gegenüber. Der, der sich die Pistole geschnappt hatte. „Nimm ja das Steinschloss raus, Otis-Road.“, giftete ich leise zu ihm herüber, aber der Quartiermeister hatte es gehört. „Heda! Mund halten und eure Arbeit machen! Wenn ich auch nur einen Makel an den Waffen finde, nachdem ihr mit ihnen fertig seid, könnt ihr noch einmal von vorn beginnen!“ Das wiederum glaubte ich Cook sofort, starrte Rhode ein letztes Mal finster an und senkte dann den Blick auf meine Arbeit.

Wir waren noch nicht lang dabei stumm vor uns hin zu putzen und zu reinigen, mit Fett und Tuch über bewegliche Teile zu gehen und trocken zu reiben, als Cook, der mittlerweile damit begonnen hatte, in seinem Lager hin und her zu gehen und Dinge von einem Ort an den anderen zu bringen, aus dem Nichts heraus wieder zu erzählen begann, als hätte einer von uns stummen Fischen ihn danach gefragt. „Thistlewood konnte fliehen, wisst ihr? Zusammen mit Brunt und Adams und Harrison. Ellis hat noch versucht ihn zu erschießen. Aber weil Smithers ihm in die Arme gefallen war, hatte er keine Chance und verfehlte ihn. Kann man ihm nicht vorwerfen, dem alten Ellis. Hat sein bestes gegeben.“ Zutiefst betrübt auf eine kalte Öllampe hinab blickend, schüttelte Cook den Kopf, bevor er ihn hob und grob in unsere Richtung nickte. „Ihr könnt froh sein, dass Ruthven ein Auge auf euch geworfen hat. Keiner kannte Smithers wie er ihn kannte.“ Damit versank Cook zurück in seine scheinbar charakteristische Nachdenklichkeit, während ich einen Blick zu dem Docker hinüber warf. Diesmal nicht finster, sondern versichernd, dass der auch gehört hatte, was ich gehört hatte. Und irgendwie hatte ich die Hoffnung, dass es ihn auch nur ansatzweise ähnlich gruselte wie mich, dass einer wie George Ruthven, den sie noch heute in der Zeitung abbildeten, uns für tauglich hielt, einen Richard Smithers zu ersetzen. Und das warum? Weil Otis-Road ihm ein Bein weg gezogen hatte...
Ruthven. Der Name ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Natürlich hatte ich ihn schon gehört, vor allem wegen dieser Sache in der Cato-Street. Und diesem Mann hatte ich den Fuß weggezogen. So leicht als wäre es irgendeiner, der mir in die Rippen getreten hatte. Nur ein Reflex, eine Verzweiflungstat. Aber dennoch, es fühlte sich falsch an, wie folgenlos diese Tat geblieben war. Weil man den großen Männern der Geschichte nicht einfach so ein Bein wegziehen können sollte. Weil jemand wie ich so einem Mann gar nicht erst begegnen hätte sollen. Birdwhistle hatte ganz recht, wenn er diese Männer von einfachen Taugenichtsen und Tagelöhnern wie dem Matrosen und mir abschirmte. Folgenlos war die Tat schließlich auch nicht geblieben. Man hatte uns bis hier her in die Bow Street gekarrt und hatte uns Arbeit geben. Ich presste die Lippen zusammen. Arbeit in der Bow Street. So sehr ich mir auch vorgenommen hatte mir des halben Pfunds wegen, das mir diese Woche einbringen würde keine weiteren Gedanken darüber zu machen – es fiel doch verdammt schwer. Besonders nachdem der Quartiermeister uns den Tag über jedes Detail des 23. Februars auf und ab diktiert hatte, während wir die Ausrüstung geschrubbt hatten, und besonders Ruthvens Rolle dabei hatte ihm scheinbar besondere Freude bereitet immer weiter auszuschmücken. Und natürlich die des armen Smithers, Gott habe seiner Seele gnädig. Es war fast als wolle Cook uns noch an diesem ersten Tag jede Hoffnung nehmen, dass sie überhaupt einen von uns am Ende des Monats nehmen würden. Und wenn ich ehrlich war, dann sah ich es ganz genauso wie der Quartiermeister, aber natürlich hielt ich die Klappe. Wenn die einen nehmen würden, und sei es nur aus Verzweiflung, dann ja wohl mich. Der Ruthven hatte es schließlich gesagt: Der Matrose war zu kurz geraten. Ich konnte zulegen, wenn sie mir nur noch ein paar von diesen Pasteten spendieren würden – aber der Matrose würde wohl kaum noch wachsen, egal wie viele Pasteten er noch verdrückte. So einfach war diese Sache. Auf einem Schiff, da war es vielleicht gut, wenn man zu klein war, mochte sein. Aber hier an Land, im Dienst der Polizei, da brauchte es große Männer. Keine Imps, die sich aufführten wie tollwütige Dingos. Tja, wenn ich etwas wusste, dann wie man tollwütigen Dingos Fallen legte und sie auf einem Holzpflock aufzog, bevor sie den Pferden oder den Kötern der Armee zu nahe kommen konnten. Diese kleinen Bastarde hielten sich für ähnlich schlau wie der Matrose, der sollte nur abwarten, wie es ihm bekam wenn er versuchte mir ans Bein zu pissen. Es vor dem Quartiermeister so aussehen lassen als würde ich schlechte Arbeit leisten, das konnte die kleine Ratte, aber der würde schon noch sehen. Das würde ich ihm gewiss nicht vergessen.

Gegenwärtig jedoch blieb mir ein ganz anderes Problem. Mein Dienst für den Tag war geleistet und man hatte mich mit dem Matrosen nach Hause geschickt. Nur… dass ich nicht den Funken einer Ahnung hatte, wo das über die nächste Woche hinweg sein sollte. Bei den Dockarbeitern hatte ich Unterkunft, solange ich mich um Arbeit bei den Docks bemühte und nur häufig genug meine Schuld beim Vorsteher beglich. Mag sein, sie hätten mir Milde entgegengebracht, hätte ich irgendwo in der Stadt Arbeit gefunden, aber nicht in der Bow Street. Denn ja, der Name Ruthven sagte mir etwas, sie flüsterten ihn mit Ehrfurcht – aber nicht aus Bewunderung in den Ecken der Stadt in denen ich mich bewegte. Und das war mit Sicherheit nicht Covent Garden. An den Docks arbeiteten genug alte Veteranen, die nach dem Krieg gegen Frankreich keine Arbeit gefunden hatte, Textilarbeiter, die durch die neuen Maschinen ihre Arbeit verloren hatten, so viele Männer, die in den schwachen Jahren nach dem Krieg und dem Jahr ohne Sommer so viel verloren hatten. Genug, die noch von dem erzählten, was man hier in London von Peterloo mitbekommen hatte, von den Aufständen in den Midlands und Lowlands, an die auch ich mich noch erinnerte. Auch für mich hatte es nach dem Tod meines Vaters kaum Arbeit gegeben, nicht einmal auf den Kanälen. Und selbst jetzt, all die Jahre später, nachdem ich aus New South Wales zurück war, sah es nicht besser aus. Statt den Kornpreis zu senken oder irgendetwas von den anderen Forderungen der einfachen Leute zu erfüllen, hatte das Parlament ihnen ins Gesicht gespuckt und die Six Acts erlassen.

Widerstand gegen Gottes fromme Ordnung, all die Akte der Gewalt und der Missgunst waren Sünde, so predigte es der gute Pater in der St. Mary’s Church. Die Sprüche 13, 3 und 4 würde er wohl rezitieren: Wer seine Lippen hütet, bewahrt sein Leben; wer aber unbedacht redet, kommt ins Verderben. Der Faule begehrt und kriegt's doch nicht; aber die Fleißigen kriegen genug. In der Kirche senkten sie ihre Köpfe und wiederholten brav die Verse, aber ich kannte sie, die Männer die noch nicht gänzlich der Erschöpfung und dem lahmen Trott verfallen waren. Die Männer, deren Herzen bei Thistlewoods Plänen höher geschlagen hatten, die auf die große Revolution gehofft hatten. Die den Ruthven und Männer wie ihn nur als die bewaffneten Handlanger der Unterdrücker sahen, die sich dafür hergaben die alte Ordnung zu wahren. Die dafür sorgten, dass sie weiter brav den Schädel senkten, damit die da Oben ihnen den Stiefel ins Genick drücken konnten. Thistlewood und seine sogenannten Mitverschwörer waren vor zwei Jahren vor den Toren von Newgate gehängt worden, ihre Köpfe waren noch vor der Menge abgeschnitten worden. Angeblich sollen manche ganze drei Pfund gezahlt haben, um an diesem Tag einen guten Blick auf die Hinrichtungsstätte zu haben. Glauben konnt‘ ich’s kaum. Mir wär jedenfalls wesentlich besseres mit drei Pfund eingefallen, aber so waren die Leute nun mal.

An den Docks gab es keinen Thistlewood, die große Mehrzahl waren dröge Schafe, deren wütende Tage längst von Entkräftung abgelöst worden waren. Aber es war ein Fehler letztere mit Unterwürfigkeit zu verwechseln. Sicher, an den Docks wirst du immer einen Mann finden, der deine Arbeit ohne viel Fragen oder Fordern erledigt und dabei noch ausdauernder und zäher ist, als er aussieht. Vielleicht war es dieses Versprechen, dass die Runners heute nach Rotherhithe getrieben hatte auf der Suche nach tauglichem Material. Aber es sprach für ihre Ignoranz den einfachen Leuten gegenüber, es auch nur unter diesen zu versuchen – oder, letztlich, womöglich auch für ihre gute Menschenkenntnis. Mit dem Versprechen um ein halbes Pfund in der Woche hatten sie den Matrosen und mich schließlich mit Leichtigkeit für sich gewonnen. Dennoch, ich hielt besser meine Klappe an den Docks und ich sah mich besser früher als später nach einer neuen Bleibe um, wenn sie mich denn überhaupt noch eine Nacht bei sich duldeten. Der Gedanke allein bereitete mir Bauchschmerzen.

Und mit genau diesem klammen Gefühl trat ich hinaus auf die Straße. Die verdammte Bow Street, blickte über den regen Verkehr auf der breiten Straße, versuchte mich irgendwie zu orientieren, mich zu erinnern aus welcher Richtung die Kutsche am Morgen gekommen war. Die Kanäle Londons mochte ich aus meiner Jugend kennen wie ein dicht gewobenes Netz, das sich in mein Gedächtnis gebrannt hatte, aber die Straßen waren eine ganz andere Sache und hier in dieser Umgebung kannte ich mich erst recht nicht aus. Ich wandte mich zu dem Matrosen um, mehr um den Moment der Unsicherheit zu überspielen, kurz vergewisserte ich mich, dass kein Officer in unserer Nähe war, dann zischte ich nicht minder giftig wie der Andere am Vormittag noch: „Dann geh dich mal wieder schön besaufen, ja?“ Dabei wäre mir selbst gerade gut und gerne danach gewesen jeden klaren Gedanken aus dem Schädel zu trinken. Aber dem hatte ich abgeschworen und Gott wusste mein frommes Vorhaben schon darin zu unterstützen, dass mir jegliche finanziellen Mittel für so etwas fehlten. Bis zum Ende der Woche konnte ich froh sein mir auch nur irgendetwas Essbares leisten zu können – und das war schon das nächste Problem auf einer endlos werdenden Liste. Ich meinte eine Hausecke vom Morgen wieder zu erkennen und marschierte zügig los in besagte Richtung.

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Es hatte schon Tage gegeben an denen ich erschlagener gewesen war als heute. Das bisschen Waffenreinigen war nicht übermäßig anstrengend gewesen, aber die kurze und unruhige Nacht machte sich bemerkbar als der Quartiermeister uns schließlich entließ. Vermengt mit der absoluten Absurdität der heutigen Ereignisse hatte ich das Gefühl, dass mein einziges Ziel mein Zuhause sein sollte, um mich dort hinzulegen und ein paar Jahre zu schlafen. Gleichzeitig kam mir der Gedanke erst als Otis-Road und ich wieder auf der Straße standen und ich mich ziellos fühlte wie ein ausgesetzter Hund, den man seiner Aufgabe beraubt hatte. Seit sie uns in diese Uniformen gesteckt hatten, hatte ich wenig mehr im Kopf gehabt als die Arbeit in meinen Händen und das Ziel zu dem sie mich führen könnte. Aber jetzt dachte ich zum ersten Mal seit sie unsere Daten aufgenommen hatten wieder an Margory. Daran, dass sie mich noch immer vermisste. Und dass ich weit weg von dort war wo ich hingehörte.

Fast war ich froh aus dieser Feststellung heraus gerissen zu werden, den Blick noch auf vorbei hastenden Menschen und Kutschen, als der Docker mich dumm von der Seite anmachte ich sollte ich wieder besaufen gehen. Ich lachte lautlos, tat ihm aber den Gefallen zu ihm hochzublicken und ihn finster anzusehen. Der würde sich noch wundern. Der hatte ja keine Ahnung mit wem er es zu tun hatte. Finster sah ich ihm auch hinterher als er sich abrupt in Bewegung setzte und eine Richtung einschlug. Da schob sich doch ein Grinsen auf meine Züge. Wo wollte der hin? Dachte der das da wäre der Weg in Richtung Rotherhithe?! Da hatte ja jemand mal so gar keinen Orientierungssinn. Ich gluckste kurz leise vor mich hin, bevor ich ihm hinterher rief: “Du gehst in die falsche Richtung, kleiner Docker!“ Ich biss mir auf die Unterlippe vor Freude über den Fehler des Langen, nahm die Beine in die Hand und holte zu dem Langen auf um munter neben ihm herzugehen. Natürlich nur um zu sehen wohin er wohl den Weg einschlug. Tatsächlich hatte ich mir die Abzweigungen eingeprägt, die die Kutsche von Rotherhithe nach Covent Garden genommen hatte. Und ich merkte mir auch jetzt den Weg, den wir nahmen. Aber hätte jemand von mir verlangt nicht den selben Weg zurück zu nehmen, den ich gekommen war, so wäre ich mindestens so verloren gewesen wie der Docker. Deshalb merkte man sich die Ecken ja gerade… “Es sei denn natürlich du willst unserem werten König einen Besuch abstatten!“ Ich schielte feixend zu dem Langen auf, mich ganz und gar der Sicherheit darüber erfreuend, dass ich ihm ganz gewiss auf die Nerven fallen würde, alleine damit dass ich ihn mit meiner unablässigen Gesellschaft beschenkte.

Ich dachte mir nicht einmal etwas dabei und die Leute nahmen auch keine Notiz von uns. Ich hatte die Uniform im Stall gelassen und mein Hemd von der Severn wieder übergezogen, das mittlerweile glücklicherweise wieder so trocken war wie der Londoner Himmel, auch wenn man das von den Straßen leider nicht in derselben Weise behaupten konnte. Es musste nicht sein, dass man mit einer Runner Uniform durch Rotherhithe stiefelte. Überhaupt musste das niemand wissen. Ich hatte zu River Police gewollt, aber die Bow Street war etwas komplett anderes. Die Bow Street gehörte zu einer anderen Welt. Einer Welt, die der Oberschicht angehörte. Räuber, die reiche Ladies bestahlen, Staatsaffairen, Politik. Dinge, von denen ich keine Ahnung hatte. Dinge wie die Cato Street Geschichte. Jetzt da die Bow Street hinter uns lag fühlte sich all das schon wieder fürchterlich weit weg an. Und wäre der Docker nicht gewesen, hätte ich gemeint ich hätte all das nur geträumt, so unwahrscheinlich erschien es mir, dass jemand wie ich in der Bow Street arbeiten sollte.

Natürlich konnte der Matrose nicht einfach seiner Wege gehen. Natürlich nicht, unmöglich. Ich konnte sein Lachen und Rufen hinter mir hören, seine Schritte, schnell hinter mir her. Zügig beschleunigte ich die meinen, aber da er rannte, konnte ich ihn doch nicht abhängen. „Was geht’s dich an?!“, raunzte ich ihn an. Was wusste er schon wohin ich gehen wollte? Mein Nacken glühte dennoch, umdrehen hätte ich müssen, aber ich hätte mich wohl doch nicht besser zurecht gefunden. Ich hätte mich auf den Matrosen verlassen müssen, aber Gott weiß wo der mich hingeführt hätte. Vertrauen konnte ich ihm ja doch nicht und die Blöße geben ihn um Hilfe zu bitten erst recht nicht. Gleichzeitig, während ich mir sehnlichst wünschte, dass der Matrose das Weite suchte, machte mir genau der Gedanke Angst. Er war der einzige, der hier so fehl am Platz war, wie ich selbst. Der einzige, der dort hin wollte, wo auch ich hin musste. Wenn er mich hier zurückließ, dann…

“Es sei denn natürlich du willst unserem werten König einen Besuch abstatten!“ Wie angewurzelt blieb ich stehen, noch am Rand der Straßenseite von No. 4, Bow Street, aber bereits den Wechsel auf die andere Seite anvisiert. Ein edel gekleideter Spaziergänger musste ebenso abrupt stoppen und machte mit pikiertem Blick eine Kurve um den Matrosen und mich als wäre so eben eine Ratte aus dem Kanal geklettert. Ich beachtete ihn nicht. Den König besuchen. In diesem Fall blickte ich wohl in Richtung St. James Palace, parallel links von der Straße müsste in diesem Fall die Themse verlaufen. Würde ich mich nach rechts wenden und immer weiter der Bow Street und dieser folgenden Straßen weiter gehen, dann würde ich also bis zum neugefassten Regent’s Canal kommen und das bedeutete, dass hinter mir der Weg in Richtung London Bridge lag. Wenn ich die Entfernung von der passierten Brücke bis zur Bow Street noch richtig in Erinnerung hatte… Ich drehte mich um, sah in die Richtung in der ich die Themse vermutete, dann auf den Boden zwischen meinen Füßen. Wenn das alles stimmte, dann musste ich in etwa mittig zwischen dem unterirdischen River Tyburn und dem was noch, trotz der Überbauung, vom River Fleet übrig war, stehen. Wenn ich nur die Reste des uralten River Fleet Canals erreichte, dann würde ich auch die Blackfriars Bridge finden. Baufällig durch Abwässer und das mit der Flut kommende Salzwasser, würde sie mich trotz allem auf die andere Seite der Themse bringen, einmal in Southwark würde ich mich wieder zurechtfinden und der Weg bis zu den Docks von Rotherhithe war ein Kinderspiel.

Mit neuer Selbstgewissheit schlug ich den Weg an der herrschaftlichen Straßenecke Bow Street/Broad Court ein. Eine dunkle, vergitterte Kutsche passierte uns, ein Gefangenentransport. Nur vage ging mein Blick zu dem Matrosen, konnte die Verunsicherung nicht gänzlich daraus tilgen. Nicht weil ich mir des Weges nicht sicher gewesen wäre, im Gegenteil, rund um den ehemaligen River Fleet Canal, diesem stinkenden, verseuchten Gebiet, lagen die meisten Gefängnisse Londons. Es war vielmehr dieses harte, beißende Gewissheit in meiner Magengrube, die mir sagte, dass ich genau in dieser Kutsche hätte sitzen können. Hätte sitzen müssen, eigentlich… Fast instinktiv hatte ich den Kopf zwischen die Schultern gezogen, den Blick von der Straße abgewandt. Dabei war es nicht so, als suchten sie mich. Es war so, dass ich darauf und daran war einer der ihren zu werden. Ich schluckte, folgte zügig der Gefängniskutsche und konnte schon an der sich verändernden Umgebung sagen, dass es der richtige Weg war. Schon über hundert Jahre konnte man den River Fleet nicht mehr befahren, die übermäßige Verschmutzung hatte es unmöglich gemacht und man hatte begonnen ihn zu überbauen. In den wenigen noch offenen Bereichen, inzwischen Fleet Ditch genannt, stand der Schlamm so hoch, dass man darin ersaufen konnte. Aber seitlich davon verlief bis heute die Seacoal Lane, inzwischen nur noch eine enge Gasse. Aber einst hatten hier die Gäule der Küsten-Boater die Kohleboote gezogen, so hatten es mir die Alten erzählt. Die Seacoal Lane verlief wie jeder Treidelpfad parallel zum Fluss, wenn ich ihr folgte erreichte ich die Mündung des River Fleet in die Themse und die dort errichtete Blackfriars Bridge.

Die Aussicht nach Rotherhithe zu kommen gab mir, jetzt da ich mir wieder sicherer war, dass es mir gelingen würde, kaum ein Gefühl von Erleichterung. Unendlich schwer wogen all die unlösbaren Probleme. Viel zu schwer, um sich jetzt schon Gedanken darum machen zu können, ich musste einen Schritt nach dem anderen tun. Vielleicht blickte ich mich deshalb feixend nach dem Matrosen um, weil er meine einzige Ablenkung von all dem war. „An den Docks arbeitest du nicht“, stellte ich fest, aber echten Triumph brachte dieser Fakt, der uns beiden klar war und den doch keinen interessierte mir auch nicht, also schob ich hinterher: „Hat dich denn kein Schiff mehr nehmen wollen, he?“

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