Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Larkin ist kein Name, den ich in Verbindung mit Nikola erwartet hätte. Drozdov. Nikola Drozdov. Ja. Mit dem Namen unserer Mutter. Hätte ich diesen Namen gehört, hätte ich mich wappnen können. Dann hätte ich zumindest wenige Sekunden vorher gewusst, was folgen würde. Aber Larkin? Darauf bin ich nicht vorbereitet. Wie gesagt: es gibt Dinge mit denen ich rechne und es gibt Dinge mit denen ich nicht rechne. Und gerade in diesem Moment kann ich es gerade noch abwenden, dass Nascha die metaphorische Teetasse herausholt und mich verrät. Aber es ist zu spät. Ich bin zu langsam. Alleine schon ihr Versuch zu entkommen und wie ich sie eigenhändig wieder einfangen muss, verrät mich, obwohl es das Gegenteil hätte bezwecken sollen. Und das spüre ich schmerzhafter als es hätte sein können, wenn ich sie hätte fliegen lassen. Es wäre größer gewesen, Nascha fliegen zu lassen und dazu zu stehen. Es hätte nicht weniger Angriffspunkte bedeutet, aber es hätte weniger Emotionen verraten. Das hier verrät Davies so viel mehr über mich. Ich bemerke es an der Art wie der Blick des Habichts in meinem Augenwinkel auf mir liegt. Wie er mich gierig anzustarren scheint. Ich sehe nicht hin aber sein Blick jagt mir einen Schauer über den Rücken und noch während ich Nikola unentwegt ansehe, wird mir bewusst, dass ich die Situation falsch eingeschätzt habe. Dass ich die falsche Entscheidung getroffen habe. Naschas Flügel schlagen heftig gegen meinen Schädel, bringen mein Haar in Unordnung und bringen mich dazu, nur ein wenig den Kopf wegzuneigen. Aber ich halte sie weiterhin fest. Fehlentscheidung hin oder her, jetzt kann ich nicht mehr zurück und es wäre inkonsequent, jetzt etwas anderes zuzulassen als die Ausdruckslosigkeit, die ich krampfhaft versuche zu wahren.

Trotzdem: mein Bruder in Diensten. Das hier ist der letzte Ort an dem ich ihn erwartet hätte. Dabei ergibt es Sinn. Unsere Mutter ist in Diensten, warum sollte er es nicht sein? Aber nicht mit diesem Namen. Ich habe ihn jahrelang nicht gesehen. Fast habe ich vergessen, dass es ihn gibt. Zumindest bin ich bis zu diesem Moment davon ausgegangen, dass es so ist. Dass alles was wir erlebt haben nichts als ein ferner Traum ist, etwas das nicht bestehen kann gegenüber der harten Realität. Und da ist er nun. Als Teil dieser Realität. Dort wo er nicht hin gehört. Und dennoch kein Teil mehr irgendeines Traums. Er ist erwachsen geworden. Sein Daemon hat eine feste Gestalt. Die eines Hundes wie es bei so vielen Dienern der Fall ist. Ich weiß nicht warum ausgerechnet dieser Anblick mir so viel Bedauern versetzt. Als hätte irgendjemand meinen Bruder genommen und ihn zerstört. Ihn zu nichts erklärt als einer kindischen Naivität aus meinen Erinnerungen. Willkommen in der wirklichen Welt. Auf seinen Zügen liegt eine fast beängstigend sachliche Kühle. Vom Leben gestählt, bereit zu tun was getan werden muss. Es liegt in seiner ganzen Haltung. Das ist nicht unüblich für einen Valet. Als höhere Diener repräsentieren sie ihren Herrn und haben dabei eine strikte Haltung einzunehmen. Aber es passt nicht zu dem Jungen, den ich in Erinnerung habe. Etwas zieht quer durch meine Brust. Ich hätte lieber meine Erinnerungen behalten.

Nascha faltet endlich ihre Flügel und beruhigt sich etwas. Ich lasse ihre Krallen los. Sie unternimmt keinen erneuten Versuch, sich von mir zu trennen. Aber sie senkt etwas den Kopf und stößt drei schwere klagende Töne aus. Wie ein tiefes trauriges Seufzen während sie sich meinem Wunsch ergibt. Ich lasse sie gewähren. Für dieses Mal. Aber darüber müssen wir noch reden und ich weiß jetzt schon, dass es mir nicht leichtfallen wird.

Während ich noch damit beschäftigt bin meine Gedanken zu sortieren, ergreift Nikola das Wort. Larkin, versuche ich mich zu erinnern. Larkin. Einen Valet rufst du nicht bei seinem Vornamen. Einen Moment starre ich ihm nur weiterhin in die Augen während sich in meinem Kopf ganz langsam der Verstand wieder einschaltet. Natürlich. Er tut das Richtige. Gepäck. Wir sind hier nicht allein. Wir haben ein Protokoll zu befolgen. Wir sind längst keine Brüder mehr. Wir sind ein Herr und sein Valet. Nichts anderes als das. Und der Valet wird von seinem Herrn ungeniert angestarrt. Ich schlucke, wende kurz aber gewaltsam den Blick ab um nachzudenken. Nascha ist jetzt ruhig auf meiner Schulter, aber ich weiß was sie mir sagen würde, wenn sie meine Vorschriften brechen würde. Konzentrier dich. Sie tut es nur nicht, weil wir nicht allein sind. Und ich kann ihre Wut auf mich spüren. Das macht es nicht einfacher. Gepäck. Zug nach Sheffield. Der nächste würde heute Mittag gehen. Am Abend der letzte. Ich muss meinem neuen Valet eine Vorgabe machen. Er hätte schon gar nicht erst sprechen dürfen um mich an meine Pflichten zu erinnern. Dass er es muss ist schlimm genug. Meine Unzulänglichkeit, die ihn etwas kosten könnte. Und ich habe das ungute Gefühl Davies giert nur danach. Es beschämt mich regelrecht wie viel besser Larkin mit der Situation umzugehen scheint als ich. Ich räuspere mich, dann sehe ich ihn ernst und so abgeklärt geschäftlich an, wie es mir möglich ist. „Gegen elf Uhr, bitte. Ich nehme den Zug um dreizehn Uhr vom Hauptbahnhof aus. Lassen Sie gegen zwölf um einen Wagen bitten. Danke sehr.“ Einen Moment noch sehe ich ihn an. Ich verspüre den Drang ihm die Nummer meines Zimmers mitzuteilen, das ich hier bewohne, aber er wird es von den Dienstboten erfahren, wenn er es nicht längst schon weiß. Damit sollten die Dinge erledigt und das Protokoll erst einmal erfüllt sein.

Konsequent wende ich jetzt den Blick wieder ab. Ich habe nicht vor ihn noch einmal anzusehen. So viel Schwäche werde ich nicht noch einmal zulassen und ihn damit als unzulänglicher Versager, der ich bin, in Verlegenheit bringen. Stattdessen sehe ich stählern konzentriert zu Davies zurück. Mein Blick sachlich, fast abweisend. Ich möchte diese Geschichte nun so schnell wie möglich hinter mich bringen. „Gibt es irgendwelche letzten Instruktionen, Sir?“, frage ich und reize damit auch meine Befugnisse unnötig weit aus. Davies sammelt sich wieder, es macht mir fast den Eindruck als sei er enttäuscht und nicht darauf vorbereitet, sich nun wieder in ein Gespräch mit mir zu begeben. Aber gemütlich wie er ist, setzt er sich betont entspannt wieder in seinem Schreibtischstuhl auf, zieht gemächlich die Brauen hoch und beginnt dann endlich zu sprechen, während der Habicht auf deiner Stange noch immer so untrüglich den starren Blick auf mich gerichtet hat. Nun, zum ersten Mal sieht er fort, hinüber zu Larkin. „Nun, die gibt es. Selbstverständlich.“ Nun sieht auch Davies zu Larkin und nickt einmal mit dem Kopf. „Danke sehr, Larkin.“ Damit entlässt er meinen Bruder. Eine Sorge weniger. Ich versuche nicht hinzusehen, sondern meinen Blick auf Davies zu nageln. Selbst wenn der das als ebenso unhöflich empfinden wird, aber ich habe das vage rebellische Gefühl, dass er es verdient hat.

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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
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