„Dann stehe ich e-…“, will ich dem Schaffner noch wütend hinter herwerfen. Mehr sarkastisch über dessen Unfähigkeit, als in tatsächlicher Erwägung dessen – wobei, so sicher bin ich mir darüber nicht. Asya auch nicht. Sie schneidet mir den Weg ab, damit ich dem Mann nicht folgen kann. „Du willst den Weg bis Sheffield stehen?“, feixt sie ehrlich amüsiert. „Mach dich nicht lächerlich. Das ist keine Straßenbahn von Piccadilly bis zum Parlament.“ – „Und was schlägst du vor?“ – „Tun was der Kerl gesagt hat. Erklär es ihm. Es ist ja nicht so, als hättest du die Karten gekauft.“ – „Und du denkst das interessiert irgendjemanden…?“, erwidere ich mutlos. Ich weiß warum ich Dinge gerne selbst erledige. Sie drückt mir die Schnauze gegen meine Hand. Nur einen Moment. „Und du denkst du kannst etwas ändern?“, fragt sie fast sanft für ihre Begriffe. Meine Mundwinkel zucken freudlos in die Höhe, ich weiß dass ich geschlagen bin. Wir hatten diese Gespräche. Asya hält nichts davon unmöglich gewordenen Optionen nachzuheulen und ich weiß ja wie recht sie damit hat. Ich kann nichts ändern und ich habe keine Alternativen. Weder kann ich bis Sheffield im Zwischenabteil stehen, noch irgendwo im Gang rumlungern wie ein Landstreicher. Damit hätte ich meinen Herrn dann erst recht bloßgestellt. Mir bleibt nur die eine Möglichkeit und die muss ich mit Fassung tragen – oder es komplett verhauen. Es ist ganz egal, ich muss sie angehen.
Immer wieder ertappe ich mich dabei aus Gewohnheit zu zügig zu werden, dann gehe ich wieder langsamer. So langsam wie nur möglich. Ich ertappe mich sogar bei dem Gedanken, ob, wenn ich nur ganz langsam gehe, ich es vielleicht doch schaffen könnte die Fahrt bis Sheffield zu überbrücken. Aber ich weiß Asya würde das nicht zulassen. Ich kann mir ihren Spott schon ausmalen, wüsste sie auch nur von diesem Gedanken. Ich habe noch einen anderen Gedanken. Nicht viel angenehmer vielleicht und Father Ibrim würde es kaum gut heißen, doch wenn mein Vorhaben gelingt, hätte ich schließlich keine andere Chance, nicht wahr? Meine Chancen, dass es klappt, stehen nicht schlecht. Immerhin wirkt Mr. Langdon alles andere als erpicht ausgerechnet mich zu seinem Valet zu haben und das wiederum kann ich ihm kaum verdenken. Was bin ich denn als die Erinnerung an den Fehler seines Vaters, an den Makel in seinen eigenen Adern und an alles, was er verlieren könnte? Ich weiß, dass Asya mir darauf eine Antwort geben würde, aber die will ich nicht hören. Und ich bin froh noch keine Zeit gefunden haben mich damit auseinander zu setzen oder mehr als ein paar Worte mit Asya zu wechseln und irgendwie meidet sie das Thema so sehr wie ich, was ihr nicht ähnlich sieht. Dabei war es nicht so, als hätte ich besonders viel zu tun gehabt. Mein eigenes Gepäck hatte ich bereits gepackt gehabt, das Gespräch mit Father Ibrim war kürzer verlaufen als erwartet und ich hatte das Glück, dass Mattis als Fahrer verfügbar war. Ich kenne ihn, er ist ein guter Fahrer, nicht dass ich mich je in so einer motorisierten Kiste sicher fühlen würde, aber bei Mattis kommt das dem immerhin so nah wie möglich. Außerdem hat er fast immer etwas Interessantes zu berichten, es war einfach gewesen mir den Klatsch anzuhören, den er zu erzählen hatte und mich davon ablenken zu lassen. Als ich um elf wiederum bei Mr. Langdon angekommen war, hatte der bereits gepackt und war persönlich nicht zu gegen. Mein Job war also getan – und, sagen wir so, das war ein eindeutiges Zeichen. Der Steward hatte darüber hinaus darauf bestanden in seinem eigenen Haus auch persönlich das Auto anzukündigen. Ich hatte ihn nicht aufgehalten. Daraufhin bei Mattis im Wagen zu warten, war schon beinahe respektlos, aber immerhin hatte Mr. Langdon mir zu verstehen gegeben, dass er meine Arbeit nicht für nötig – oder zumindest nicht für angemessen – hielt. Was ich ihm wie erwähnt kaum verdenken kann. Und doch stehe ich jetzt vor seinem Abteil. Kann förmlich spüren, wie sich mir fast der Magen umdreht, als ich anklopfe und schließlich so diskret wie möglich die Abteiltüre öffne. „Sir“, setze ich schlicht an, „bitte verzeihen Sie die Störung, es… gab ein Problem bezüglich meines Platzes. Er… ist nicht verfügbar und es gibt keinen alternativen freien Platz mehr im… ganzen Zug.“ Ich habe Mühe die Worte einigermaßen flüssig vorzutragen. Mir ist ja selbst bewusst wie unwahrscheinlich das klingt. Es ist der Mittagszug und wie der Chaplain erwähnt hatte, es ging auf das Wochenende zu. Dennoch… nicht ein Platz in diesem ganzen Zug… wie viel Pech muss man dafür schon haben? Oder was für ein ungeeignetes Tier zum Daemon... „Ich kann an der nächsten Station aussteigen und den nächsten verfügbaren Zug nehmen.“ Bitte nimm die Option an, flehe ich dabei in Gedanken. Einen Moment lang stelle ich mir vor, wie es wäre an der nächsten Station zu stehen. Zu warten, dass der nächste Zug am Abend Richtung Sheffield fahren würde. Vielleicht gäbe es keine Karten mehr. Vielleicht wäre es mir nicht möglich in absehbarer Zeit in Sheffield einzutreffen. Ich frage mich, ab wann man meine Arbeit wohl als gescheitert ansehen und mich zurück nach London rufen würde. Aber im selben Atemzug spüre ich Asyas drängende Präsenz neben mir. Hätte sie mich streng angesehen, es hätte nicht mehr Wirkung gehabt. Also spreche ich nach kurzem Zögern und so respektvoll wie möglich die Alternative aus: „Oder ich müsste in Ihrem Abteil reisen. Sir.“ Aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie Asya den Fang vorstreckt. Es irritiert mich so sehr, dass ich beinahe den Blick gesenkt hätte, nur um zu sehen, was sie da macht. Ich weiß nicht ob sie einen besseren Blick in das Abteil erreichen will oder ob sie wittern will. Ich weiß nur: Sie macht so etwas für gewöhnlich nicht mehr. Früher. Als wir noch jünger gewesen sind. Sie hat ständig den Kopf vorstrecken müssen, hat immer vor mir voraus laufen wollen, alles erkunden und sämtliche Gerüche im Raum aufnehmen. Sie hat inzwischen subtilere Wege gefunden ähnliche Ergebnisse zu erzielen. Vor allem jedoch sind wir älter geworden und das Leben, das wir geführt, die Wege, die wir gegangen sind, waren nicht immer nett zu Asya gewesen. Sie hat mehr Opfer gebracht als ich. Ich bin schon immer ein Feigling gewesen, jemand der sich an die gegebenen Umstände anpasst und seine Fragen und Zweifel tief in sich begraben kann. Ich weiß, dass ich in der Lage bin Dinge zu tun, die mir zutiefst zu wider sprechen, ohne dass sie mich tiefer beeinträchtigen würde, so lange ich die Welt um mich nur auf einem oberflächlichen Level halte. So lange ich nur meine wahren Gedanken und Gefühle und Werte tief in mir begraben halte, wo sie sicher und geschützt sind. Asya kann so etwas nicht. Sie hat gelernt, so zu tun. In langen, qualvollen Lektionen, an die wir uns nur ungern erinnern. Sie ist darauf gedrillt mir nicht von der Seite zu weichen. Zu sitzen, wenn ich stehe. Ruhig und kontrolliert zu wirken, wie es sich für den Daemon eines Dienstboten gehört, wie es für den Daemon eines Soldaten notwendig ist. Immerhin mag diese Art der Disziplin strikte Abläufe und diese wiederum sein Überleben sichern. Und wenn man es so sieht bedeutet die Grundausbildung vor allem einem Haufen unkontrolliert durcheinander laufender und mit einander agierender Daemonen beizubringen unter sämtlichen Umständen in Reih und Glied mit ihren Menschen zu stehen. Es ist etwas, dass uns ins Blut übergegangen ist und ich merke erst jetzt, dass ich nicht mehr darüber nachgedacht habe, bis ich ihre dunkle Schnauze so ungewohnt im Rand meines Blickfelds wahrnehme.
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