An den schweren Toren des Kais erwartete uns bereits ein blau uniformierter Constable, der uns den Weg wies, vorbei an Lagerhäusern und Unterkünften der Dockarbeiter. Einige Männer standen dort in erzwungener Untätigkeit, ihre Blicke folgte uns wie zornige Krähen im Winter. Wir hatten diese Männer um den Lohn eines halben Tages gebracht, in dem ihre Arbeit von Uniformierten unterbrochen worden war – vielleicht schlimmeres noch und der Kahn, der heute von Verzögerungen betroffen war, würde das nächste Mal einen anderen Hafen anlaufen. Ich würde wetten, sie wünschten sich noch so viel mehr als ich, die Schlammsucher hätten den Toten einfach zurück in sein nasses Grab gestoßen. Cyneburg hielt sich jetzt an meiner Seite, ich konnte ihren Pelz gegen den Stoff meiner Hose streifen spüren, einen Moment versenkte ich die Finger in ihrem dichten Nackenfell. Immerhin war der Kai an den Shadwell Docks gut zu kontrollieren und wir mussten wohl nicht mit allzu vielen neugierigen Augen rechnen.
Als wir am Kai ankamen, lag dort bereits der Tote. Einige Polizisten um ihn versammelt, die die wenigen Dockarbeiter zurückhielten, die noch nicht genug gesehen hatten. Einige andere Uniformierte suchten noch das verschlammte Ufer seitlich des Docks nach möglichen Besitztümern des Toten oder anderweitig Verdächtigem ab. Ich ging bis vor an die Kaimauer wagte einen Blick auf das trübe, stinkende Gewässer und die unweit davon arbeitenden Männer. Dann drehte ich mich wieder um, hin zu dem Sergeant neben der Leiche, nahm meinen Hut dabei ab. „Schlammsucher haben ihn vor zwei Stunden gefunden“, wusste der Mann zu berichten. Ich nickte nur. So viel war uns bereits bekannt, ich ging neben dem Toten in die Hocke, um ihn besser in Augenschein nehmen zu können. Hatte man genug Zeit als Polizist in einer Stadt wie London verbracht, die durchzogen war von Flüssen, dann hatte man auch seine Erfahrung mit Wasserleichen. Diese hier war nicht die erste und, so ich es noch eine Weile auf diesen Straßen machte, sicher nicht die letzte, die ich zu sehen bekam, es war also nicht weiter schwer für mich einige Dinge zu erkennen. Die Zeit im Fluss war nicht gerade gnädig zu dem Mann gewesen, die Haut war rau und aufgedunsen, das Alter schwer zu bestimmen dadurch. Jünger als vierzig konnte er jedoch kaum sein. Noch hatten sich keine Teile des Toten abgelöst, seine Kleidung schien noch weitestgehend intakt. Lange konnte er nicht im Wasser verbracht haben. Einen Tag vielleicht, höchstens zwei. Ich betrachtete den Anzug des Kerls, fühlte den nassen Stoff zwischen den Fingern. „Gute Kleidung“, brummte ich an Ardin gewandt. Nichts ausgefallenes, aber in diesem Viertel hier hätte er eindeutig herausgestochen damit. Ich hob die Hand höher, schob die aufgedunsene Oberlippe des Toten ein Stück über den verzerrt geöffneten Mund zurück. Gepflegte Zähne. Ich griff an den gesteiften Kragen des Hemdes, der jedoch bereits ausgeleiert war, mochte es am Flusswasser liegen, aber… Ich hob einen Arm des Toten an, konnte einen Blick auf den Stoff unterhalb des Ellbogens werfen. Die Fasern waren rau und abgerieben, der Stoff zeigte deutliche Gebrauchsspuren. Nicht genug um die Kleidung in ein Armenhaus zu geben, aber eindeutig nichts, das ein edler Herr noch getragen hätte, wenn er etwas auf sich hielt. „Gepflegt, aber abgetragen…“

