Am Kai war viel los. Nicht zu viel. Aber die Arbeit stand still. Und ich konnte sie regelrecht hören, die Dock Verwalter, wie sie argumentierten Zeit sei Geld und jede Stunde Tatenlosigkeit brächte Unannehmlichkeiten. Und dann würden sie argumentieren, dass sie die armen Männer, die hier standen und zornig drein blickten, nicht würden bezahlen können für Arbeit, die nicht getan war. Und dann würden sie ihre Familien anbringen, die heute Abend würden hungern müssen. Aber sie hätten nicht hungern müssen, wären die Verwalter gewillt gewesen, den Dienstausfall auszugleichen. Nur ein einziges Mal. Messt sie an ihren Taten. Ich hätte gerne ausgespuckt bei dem Gedanken. Aber sie hätten es uns übel genommen, die Arbeiter, die hier warteten und es nicht einsahen dass die Polizei ihre Arbeit aufhielt.
Ich folgte Otis an die Wasserkante, blieb etwas abseits davon stehen um einen kurzen Blick auf unseren Fund zu werfen und mit unseren Leuten zu sprechen. Am Kai lag ein Dreimaster, den sie nicht ins Dock geschafft hatten. Entweder war es voll oder der Kahn sollte bald wieder ablegen. Nicht nur der Zeitplan der Dockverwalter würde sich verschieben. „Coromandel“ konnte ich am Heck die Aufschrift lesen. Der Verladekran ausgefahren zum Kai hin, bereit Waren an Bord zu hieven. Auf dem Deck standen untätig Männer oder hingen an der Reling um zu uns hinab zu blicken. Ich sah einen Moment zurück, bevor ich den Blick zu den Masten hob, zwischen denen die Möwen krächzend ihre Kreise drehten in der Hoffnung auf etwas Essbares, das für sie abfiel. Auf einer der Rahen hatte sich eine Dohle niedergelassen als seien Masten ihr Zuhause. Ich sagte Jackdaw sie sollte auf sich Acht geben, wandte dann den Blick ab und sah zu Otis, der das Gebiet um das Kai mit den Augen absuchte. Vorspringende Stirn und große Nase gegen das Londoner Grau. Es wäre ein Bild wert gewesen.
„Zwischenfälle?“, fragte ich unseren Sergeant knapp als Otis sich bereits über die Leiche beugte. „Keine, Sir. Die Jungs haben aufgepasst diesmal.“ Ich nickte knapp, zufrieden mit der Antwort und ließ den Blick noch einmal über die Gesichter der Arbeiter gleiten. Letztes Mal hatte ich unserem Sergeant die Hölle heiß gemacht als es einen Vorstoß von wütenden Anwohnern hin zur Leiche gegeben hatte. Sie hätten uns den Toten beinahe in Stücke gerissen. Ich senkte den Blick auf den Angeschwemmten. Seine Augen waren geschlossen, aber seine Züge wirkten seltsam verzerrt. Seine Haut war blass und aufgeschwemmt, sie machte den Eindruck mehr aus Wachs zu bestehen als aus Fleisch. Ich fragte mich, welcher Fisch hungrig genug war, noch eine Wasserleiche anzufressen. Jedes Mal. Aber die Biester waren nicht wählerisch.
Gute Kleidung. Ich sah zu Otis. Die Brauen ernst zusammen gezogen. Hatte es uns am Ende eine Lordschaft vor die Füße geschwemmt? „Mindestens vom West End angespült.“, antwortete ich trocken. Hob dann den Blick um nachdenklich auf den Fluss hinaus zu sehen. Möglich wäre es. Das Wasser der Themse war kalt zu dieser Jahreszeit. Dann blieben sie länger unten. Aber die Strömung des Flusses sorgte in der Regel dafür, dass sie schnell genug an einem Ufer aneckten und damit doch wieder an die Oberfläche gerieten. Wenn sie hoch kamen. Es musste genug arme Teufel geben, die für immer dort unten geblieben waren. Es hätte zwei Tage dauern können bis dieser hier vom West End angekommen war. Bei ablaufendem Wasser ging es schneller. Fragte sich wann er wo festgehakt war. Das machte die Sache Variabel. Es war Nachmittag, gerade stand die Flut im Fluss. Vermutlich hatte sie unseren Freund an Land getragen. „Ein, zwei Tage.“, teilte ich meine Vermutung knapp mit Otis.
Aber die Feststellung, die er am Ärmel des Toten machte war… schwierig. Keine Lordschaft. Eine Lordschaft hätte keine abgetragene Kleidung getragen, vorher hätte sie sich erhängt. Aber Dienstboten pflegten die Kleidung ihrer Herren weiterzutragen. Kurz zog ich die Mundwinkel an. „Bediensteter?“ Ich zog die Hände aus den Manteltaschen und ging am Kopfende des Toten in die Hocke, klappte mit der Hand den Kragen des Mannes um, auf der Suche nach einem Emblem oder einer Aufstickung. Nichts. „Tascheninhalt, Sergeant?“, fragte ich knapp, ohne aufzusehen. „Eine Taschenuhr, Sir.“ Ich klappte den Kragen wieder um. „Graviert?“ Unwahrscheinlich, aber möglich. „Bitte, Sir?“ – „Spreche ich Kisuaheli?!“, fuhr ich den Sergeant ungeduldig an und sah ungehalten zu dem Mann hoch. „Ist die Taschenuhr graviert?“, wiederholte ich meine Frage für Dumme. „Nein, Sir.“, gab der Sergeant unter tapferer Disziplin zurück, aber ich sah die Wut regelrecht unter seiner Haut schwelen. War mir ganz recht so. Dann hatte der Mann wenigstens etwas zu tun. Ich senkte den Blick wieder auf das Gesicht des Toten, betrachtete es einen Moment nachdenklich. Wäre auch zu schön gewesen, hätte es so einen einfachen Hinweis gegeben. Ich stand wieder auf.
„Abtransport?“, fragte ich knapp an Otis gewandt, bevor ich den Blick noch einmal kritisch über das Kai wandern ließ. Besser wir forderten unser Glück nicht zu lange heraus.

