So vorbildlich präpariert, das Hemd längst wieder in der Hose, die Weste geschlossen, die Krawatte nicht annähernd so liebevoll gebunden wie Margory das tat, hing ich auf meinem Stuhl in jenem Moment. Die Beine ausgestreckt und die Stiefel auf der umgedrehten Getränkekiste abgelegt. Ich war schon misstrauisch als Otis nur die Tür schloss und von Mulligan anfing. Meine Brauen schnellten so schnell auf meiner Stirn zueinander um eine tiefe Furche zwischen sich zu bilden, dass Otis nicht einmal zu Ende gesprochen hatte. Aber ich merkte an der Art wie sein Satz versandete, dass er keinen würdigen Abschluss bekommen würde.
Kritisch und wachsam beobachtete ich Otis‘ rasche Schritte hin zum Schreibtisch und meine innere Alarmglocke schrillte bereits dramatisch. Sie wäre beinahe aus ihrer Verankerung gesprungen als Otis unter wahllosem Aufgreifen irgendwelcher Gegenstände auf seinem Schreibtisch diesen zweiten Satz ergänzte und diesmal beendete.
Dein Fall.
In der Division.
Krachend stieß ich die Kiste mit den Füßen von mir, mein Kiefer unwillkürlich angespannt, sprang auf, fuhr um meinen Schreibtisch herum und war schon halb bei Tür um Mulligan mit meiner rasenden Wut den verdammten Walrossschädel einzuschlagen, als ich mich besann und unter höchster Aufbietung all meiner Disziplin mitten im Raum stehen blieb. Den Blick stur nach vorne gerichtet, die Hände an meinen Seiten zu Fäusten geballt. Wütend schob ich die Zunge von innen gegen meine Oberlippe ohne den Mund zu öffnen. Mulligan, dieses Rindvieh. Dieses stinkende, voreilige Rindvieh!!! Zu eitel um auch nur einen Moment nachzudenken!!! Da mühte ich mich ab, Otis bei Sinnen zu halten und was machte unser Erzengel Gabriel in seinem Übermut?!
Es war absurd. Ich hätte mich darüber freuen sollen. Ich hätte Otis mit breitem Grinsen unter die Nase reiben sollen, dass er seinen Fall los war. Dass ich ihn verdrängt hatte ohne auch nur einen Finger zu rühren. Mein größtes Meisterstück. Dass noch nicht raus war ob es wirklich so kommen würde, wäre vollkommen unwichtig gewesen. Stattdessen stand ich hier auf halbem Weg um Mulligan den Schädel einzuschlagen und machte mich zum Affen. Einmal abgesehen davon, dass es nichts bringen, nichts verändern würde. Und ich hörte Jackdaws eindringlichen Vortrag dazu von dem Fenstersims, ohne dass es mir gelang sie auszublenden. Wie sie auf mich einredete, als wüsste ich nicht selbst, dass es keinen Zweck hatte. Dass ich es nur schlimmer machen würde. Willst du es für Otis schlimmer machen?, fragte sie mich. Und ich hasste sie dafür, dass sie Otis anbrachte, ohne dass ich etwas dagegen hätte sagen können. Ja verdammt, wenn es Mulligam zur Vernunft gebracht hätte.
Unter Anstrengung ließ ich meine Hände locker, drehte mich um, kehrte an meinen Schreibtisch zurück. Zog scheppernd meinen Stuhl zurück als würde der dadurch einen Teil meiner Wut lindern, und ließ mich mit verschränkten Armen darauf nieder. Ein einziges Standbild des Protests. “Dieser Wichtigtuer…“, spuckte ich verächtlich aus während Otis neben mir ziellos kippelte wie ein Schuljunge, den man gnädigerweise zur Strafarbeit dabehalten hatte statt ihn zu verdreschen und der sein Glück dennoch nicht annehmen wollte. Das zweite Abbild des Protests ohne dass der Kerl es darauf anlegte. Und Jackdaw gefiel der Anblick der Eintracht gar nicht schlecht. “Ach halt die Klappe!!!“, fuhr ich sie verdrossen - und ausnahmsweise laut - an und drehte mich dazu kurz zum Fenster, worauf sie draußen gackerte, aber das war besser zu ertragen als ihre Ratschläge und ihr mütterlicher Stolz.
Westminster. Ich richtete meinen finsteren Blick auf Otis, mich an dem Wort festhaltend. Fast froh darum, dass der noch darüber nachdachte. Über Westminster. Über den Toten. Anstatt alles von sich zu werfen wie Mulligan es gerne gesehen hätte. Alte Bekannte, Klatsch von belowstairs. Ich richtete meinen Blick vor mich auf den Schreibtisch, um nicht eingestehen zu müssen, dass das eine gute Idee war. Ach was solls. “Besser als direkt zur Zeitung zu rennen.“ Fast ein Kompliment. Ich wurde weich auf meine alten Tage. “Gierige Aasgeier.“, schimpfte ich hinterher um es ein wenig zu kaschieren. Der bissige Köter. Mein Blick wanderte in meine Augenwinkel um Otis finster von der Seite anzusehen. Aber mein Mundwinkel verriet mich, machte das zu einem schwer unterdrückbaren, düsteren Lächeln. Ich bedachte Otis kurz mit diesem Blick bevor ich erwiderte: “Der Hund wird noch Schlagzeilen machen, merk dir meine Worte. Nichts für ungut, Cyneburg.“ Kurzer Blick zu der dunklen Hündin, ein Zwinkern.
Plötzlich Unruhe unter uns. Schon wieder. Schritte, die hastig die Treppe hinauf rannten. Anklopfen. Die Tür öffnete sich. Constable Blair trat erstaunlich gemessenen Schrittes ein, dafür dass er dermaßen gerannt war. “Der Schröpfer ist jetzt da, Inspectors. Darf ich Sie warnen? Er ist nicht in seiner besten Verfassung.“ Ich löste die Arme und erhob mich von meinem Stuhl um das Jackett wieder anzuziehen. Das konnte ja heiter werden. Wenn der Mann schon halbtot war, dann machte es am Ende gar keinen Eindruck mehr auf ihn wenn ich ihn aufknüpfen wollte… “Danke, Blair für Ihre Besorgnis aber ich schätze das ist seine Alltagsverfassung.“, feixte ich. “Diesmal ist es schlimmer, Sir, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.“ Blair schürzte die Lippen. Ich sah kurz zu Otis. Das konnte wirklich heiter werden.

