Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
15.09.1850,
Society of Trouble's what you're in Rudeness
Ein Knall. Ardin hatte die Kiste vor ihm weggetreten, war aufgesprungen. Ich betrachtete ihn abwägend, noch immer mit dem Stuhl zurückgekippt. Was zum Teufel war das jetzt? Mitten im Raum stand er, hart atmend wie ein Ackergaul oder besser noch ein Bulle kurz vor dem Angriff. Die Sekunden verstrichen. Ardin regungslos und ich hätte ihn gerne angeraunzt, was er da bitte tat. Ich hätte ihm wirklich, wirklich gerne irgendetwas böses unterstellt. Aber die – beschämende – Wahrheit war, ich wusste, was er da tat und es ließ mich den Blick senken. Nach all den Jahren kannte ich wohl keinen Menschen auf dieser Welt besser als Ardin. Ich kannte jede der vielfältigen Facetten, die seine Wut annehmen konnte. Ich wusste, wie es aussah, wenn er vor Zorn kochte, wann immer er meinte einem Opfer sei so unverzeihliches Unrecht getan worden, dass er es nicht tatenlos hinnehmen konnte. Ich starrte auf meine Knie, die Art, wie die Fasern des Stoffes dort rau und ausgebeult wurden, trotz all meiner Bemühungen diese Alterserscheinungen zurück zu halten. Ich fuhr mit einer Hand sacht darüber, verzog das Gesicht. Wie ich Ardin dafür hasste, dass er das tat. Jedes Mal wieder. Sollte er sich seinen gerechten Zorn doch um jemandes Willen aufsparen, der sich dessen verdient gemacht hatte. Denn ich war nicht das Opfer. Nicht ich, sicher nicht ich. Wenn sie redeten hinter meinem Rücken, wenn Mulligan mich zurückpfiff, dann war das ein kleiner Preis im Vergleich dessen, was mir eigentlich zugestanden hätte. Vor den Toren von Newgate hätte ich hängen sollen für mein Tun und nichts anderes. Wenn es nur irgendeine Gerechtigkeit in dieser Welt geben würde. Doch die gab es nicht und ich war noch immer hier, spielte das Spiel immer weiter. Weil ich mich als noch so viel größerer Feigling erwiesen hätte, wenn ich meinen Jungen nach alle dem einfach mit dem Schicksal zurückgelassen hätte, das ich für ihn geschaffen hatte. Aber genau deshalb konnte Ardin mir gestohlen bleiben mit seinen gut gemeinten Worten und mit seinem Zorn. Denn in Wahrheit hätte es, trotz all meiner Bemühungen, nicht einen einzigen Tag geben dürfen, an dem ich mir meiner Schuld nicht bewusst war. Und diese Erinnerung heute, hätte ich bereitwillig annehmen sollen.

Ardins Fluchen zerriss die Stille des Büros, zerriss meine Gedanken und ich sah blinzelnd wieder auf, während Cyneburg zustimmend mit der Rute auf den Boden klopfte. Ich konnte ihre Begeisterung spüren, wie sie Ardin förmlich zujubelte, dummes, verräterisches Stück. Hatte sie sich mit Ardin nicht ohnehin schon immer so viel besser verstanden? Sollte sie doch, sollte sie doch am besten direkt die Fronten wechseln und zu ihm überlaufen. Trotzig sah ich von meiner angeblichen Vertrauten hinüber zu Ardin, der es sich rausnahm mich anzubrüllen. Unbeeindruckt zog ich die Brauen hoch. Seine ständige Übermüdung schien bizarre Züge anzunehmen, was hatte ich denn bitte gesagt?! Erst im nächsten Augenblick registrierte ich, dass Ardin mit der Dohle gesprochen hatte, die draußen auf dem Fenstersims hockte und vor Triumpf laut mit dem Schnabel klackerte.

Immerhin Westminster schien Ardins Gemüt beruhigen zu können und ich wäre verdammt dankbar, wenn wir das Thema damit sein lassen konnten. Besser als direkt zur Zeitung zu rennen. Ich hätte mit Ardin darüber streiten können, dass ich das doch gerade gesagt hatte und ich weiß, wie viel Spaß mir das einst gebracht hätte. Aber ich war müde und vielleicht, vielleicht wurde ich auch einfach zu bequem für solche Haarspaltereien. Am Ende wusste ich ja doch, dass Ardin mir damit nur – erzwungenermaßen – zustimmte. Und vielleicht, nur vielleicht zuckten meine Mundwinkel ein ganz klein wenig nach oben, als Ardin mir fast so etwas, wie ein dunkles Lächeln zuwarf. Was wir nicht für alte Hunde wurden. Hund war genau das Stichwort. Ardin wollte nicht von dieser Theorie lassen und das schlimmste war, dass ich nicht einmal eine plausible Alternative hatte, um ihm zu widersprechen. Ein wenig zu Spotten konnte ich mir nicht verkneifen, aber am Ende musste ich mir eingestehen, dass wir nach einem Hund zu suchen hatten. Was sonst hätte den Diener in den Straßen Londons anknabbern sollen? Und da war sie wieder, diese verschwörerische Stimmung zwischen Cyneburg und Ardin. Hoheitsvoll ignorierte ich, dass Cyneburg die – vermeintliche – Herausforderung mit einem spielerischen Grollen annahm. Der Teufel bewahre, dass Ardin meine Vertraute gerade jetzt auch noch zu höheren Schandtaten anstachelte als Maulwürfe zu quälen.

Glücklicherweise war das der Moment in dem Blair in unser Büro kam. Anstandsvoll wie eh und je, aber mit seiner Unterwürfigkeit übertrieb er es dann doch ein wenig. Doch ich hatte gegenwärtig andere Sorgen. Was Blair uns zu sagen hatte, klang nach ganz großer Freude zum Dienstende hin. Ich ließ langsam den Atem entweichen. Wundervoll. Wirklich wundervoll. Ich begegnete Ardins Blick, sah dann zurück zu dem Constable. „Gut, Blair, bringen Sie dem Mann einen starken Tee und uns einen Eimer Wasser.“ Der Schröpfer konnte es auf die eine oder auf die andere Art haben. Jetzt da wir schon einmal das seltene – und stark zweifelhafte – Glück hatten, dass der Mann uns in der Leman Street die Aufwartung machte, mussten wir ihn irgendwie zurechnungsfähig genug für eine ärztliche Prognose bekommen.

Gemeinsam mit Ardin machte ich mich auf den Weg nach unten. Bereits auf halbem Weg konnte man das zornige Lallen eines Betrunkenen und die Ausdünstungen von Scotch und Ale wahrnehmen, die auch für einen ganzen Pub genügt hätten. Dr. Ellen hing mehr auf dem Tresen der Leman Street, als dass er noch auf eigenen Füßen stand und hatte die Hände wild um sich grabschend nach etwas ausgestreckt, was ich erst erkennen konnte, als ich näher kam. Es war der Desk Sergeant, der sich, die Aufzeichnungen des Tages so schützend an sich geklammert, als seien sie das Neugeborene seiner Frau, in die hintere Ecke verschanzt hatte und als zweite Stimme zu Ellens Zorneslallen undeutliche Anweisungen brabbelte. Eine dieser Anweisungen hatte Ellen wohl in die Rage eines Berserkers versetzt. Das oder es war der simple Fakt, dass man gewagt hatte ihn volltrunken wie er war aus seiner sogenannten Praxis zu zerren. Beim dunklen Herrn der Hölle, der Junge der diese Leistung vollbracht hatte, gehörte ausgezeichnet dafür – so er denn noch unter den Lebenden weilte. In diesem Augenblick hätte ich mehrere Dinge machen können. Ich hätte ein paar der verschreckten Constables auffordern können, ihre verdammte Pflicht zu tun und den Mann, der die Division hier völlig allein in Aufruhr versetzte, endlich zu überwältigen. Ich hätte den Desk Sergeant anschnauzen können, dass er eine Schande für die gesamte Wache darstellte. Oder ich hätte fragen können, ob Mulligan mal wieder früher gegangen war oder es schlicht nicht für nötig hielt in seiner eigenen Division für Ordnung zu sorgen. Ich tat keines davon. „Doctor Ellen“, machte ich gelassen auf uns aufmerksam, als sei Ellen ein zivilisiert wartender Gast der Leman Street. Das Wort war in gewöhnlicher Lautstärke gesprochen, aber es hatte erstaunliche Wirkung. Ellen erlahmte augenblicklich in der Bewegung, für einen Augenblick wirkte es, als sei er sich seinen eigenen Sinnen unsicher, dann drehte er sich in aller wankenden Eleganz eines Betrunkenen zu uns um. „RHODE!!“ röhrte er wie ein verwundeter Hirsch und mit einer Zielsicherheit und Kraft, die ich ihm nicht mehr zugetraut hatte, kam er auf uns zugepoltert. Auf halben Weg wurde sein Tritt unsauberer und statt was immer der Mann vorgehabt hatte, krachte er mir förmlich in die Arme – was wahrlich kein Vergnügen war, denn Dr. Ellen war ein Bär von einem Mann. Einen halben Kopf größer als ich, mit dem Kreuz eines Zugochsen und die Ausmaße geformt von gutem Essen, großen Mengen Alkohol und wenig Bewegung. Ich tat trotz allem mein möglichstes, dass der Mann auf den Beinen blieb, so sehr ich die Berührung auch hasste. Stöhnend hieb ich ihm mit dem Ellbogen in die Rippen, um dem benommenen Ellen wieder die Lebensgeister zurück zugeben. Er grunzte in Protest, aber rappelte sich einigermaßen wieder auf.

„Das‘ mein freier Nachmi’dag…“, lallte er undeutlich, fast wie ein trotziges Kind. Ach ja, der Herr nahm sich einen freien Nachmittag. „Wir haben eine Leiche“, klärte ich Ellen in gedämpftem, aber eindringlichem Tonfall auf. Ellens unsteter Blick machte sich auf die Suche nach dem meinen und es kostete ihm sichtlich Mühe den Gedanken auszuformulieren: „Hab‘ ihr das nich‘ immer?!“ In seinen stumpfen grauen Augen stand die Tatsache geschrieben zu dessen Erkenntnis er mich so offensichtlich zwingen wollte: Das ist nichts Besonderes. Das ist kein Grund. Und etwas in der Art, wie ich seinen Blick erwiderte, schien Ellen trotz seines Zustandes Erkennen zu lassen, dass es noch etwas Besonderes geben musste, weshalb wir ihn haben herkommen lassen. „Du wirst dir den Toten ansehen, Ellen, oder du verbringst die Nacht in der Zelle, verstanden?“ Ellen rümpfte die Nase, ließ die Schultern zurücksacken. „Schon gut“, knurrte er. Wir hatten Ellen oft genug in einer übernachten lassen, so dass die Drohung zog. Aber das gute Geld, das ihm ein Blick auf eine unserer Leichen einbrachte, zog eben mehr – also trieb es ihn doch immer wieder in unsere Arme. Mehr wörtlich heute, als mir lieb war. Jetzt da Ellen wieder einigermaßen sicher auf den Beinen war, stieß ich ihn grob von mir und brachte so endlich wieder Abstand zwischen uns, bevor ich mich mit Ardin und Ellen zu den Zellen auf machte.


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