Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Verstohlen betrachte ich Mr. Langdon einen Moment aus dem Augenwinkel. Er hat den Kopf noch immer gegen die Fensterfront gewandt. Ich kann seinen von mir weggedrehten Hals und die Wange sehen. Bemerke die feinen Kratzer, die sich darüber ziehen, als hätte er sich kürzlich durch eine Dornenhecke gekämpft. Sie sind bereits von einer ersten Schicht Schorf bedeckt, aber noch frisch und gerötet. Heute Morgen waren sie eindeutig noch nicht da. Da ist eine fast schon gequälte Verbissenheit in Mr. Langdons Haltung, die mich zurück an den Punkt führt, an dem ich mich am liebsten in Luft aufgelöst hätte. Ich sehe fast sofort wieder weg, dabei hätte ich ihn zu gerne weiter beobachtet. Aber ich hätte es wohl nicht ertragen, wenn er mich dabei erwischt hätte. In Ermangelung einer Ahnung, wo ich nur hinsehen sollte, betrachte ich eben weiterhin Asya und Nascha. Die Art, wie sie miteinander raufen. Wie Nascha spielerisch die Krallen nach Asya wirft, die schnell genug ausweichen kann oder von ihrem langen Deckhaar und der dichten Unterwolle geschützt… wird. Geschützt vor nadelspitzen Krallen… Ich blinzle, verenge etwas die Augen. Muss mich zwingen, nicht noch einmal reflexartig zu Mr. Langdon zu sehen. Die Kratzer die er hat, fein wie… Nein. Ich sehe unbestimmt zu Boden. Das Gelände des Magisteriumshauptsitzes in London hat keine Rosenhecken, denke ich dabei lahm. Spüre wie mein Kopf mich dazu verführen will weiter in diese Richtung zu denken. Wie mir die Frage keine Ruhe lässt. Wie sie auf mich eindringt zusammen mit unzähligen weiteren. So heftig und unerwartet, dass ich vollkommen von ihnen überwältigt werde. Was ist geschehen? Warum ist er kein Lord mehr? Weshalb steht er im Dienst der Kirche? Ich weiß, dass er einen jüngerem Bruder bekommen hat. Dode Manor liegt nicht allzu entfernt von London und, nun ja, ich habe den Klatsch um die Langdons verfolgt, so weit es mir eben möglich gewesen ist, ohne Aufsehen damit zu erregen. Doch es hat mehr Fragen aufgeworfen, als es geklärt hat und im Grunde habe ich mich schlussendlich mehr dafür verflucht, mich nach Informationen von der Familie zu sehnen, die ich doch nicht in dieser Tiefe bekommen würde, wie ich sie gerne hätte. Ich sehe noch immer zu Boden. Meine sorgsam polierten Schuhe mit dem rotbraunen Oberleder im Blickfeld. Asya und Nasha in der Mitte des Abteils. Mr. Langdons Schuhe auf der anderen Seite. Es sind nicht viel mehr als zwei Schritte, die uns trennen und doch kann ich in diesem Augenblick den Abgrund dazwischen fast körperlich spüren. So tief und finster, dass ich ihn kaum überblicken kann. Ich hätte dort hinab klettern können. Versuchen die andere Seite zu erreichen. Die Option erscheint so nah. So greifbar. Aber ich war nie besonders mutig in diesen Dingen.
 
Ich kann Asyas Ausgelassenheit noch immer hinter der Glasscheibe spüren, die mich zu einem teilnahmslosen Beobachter macht. Sie hat sich inzwischen auf den Rücken gedreht und die Eule lässt sich spielerisch auf sie hinabstürzen, während sie mit den Pfoten nach ihr haut. Ich kann kaum fassen wie entspannt Asya sich in einer derart empfindlichen Position verhält. In der Regel dreht sie sich höchstens mal entspannt auf den Rücken, wenn wir beide allein in einem Raum sind. Nascha hält einen Moment inne plappert nicht weniger ausgelassen drauf los. Mein Blick verliert mit einem Mal jeden Fokus, während ich unbestimmt ins Leere blicke. Nascha hat recht. Tatsächlich habe ich daran nicht einmal gedacht. Es sind inzwischen erstaunlich viele Dinge, über die ich nicht mehr nachgedacht habe. Die mir erst heute wieder auffallen. Heute da alles anders ist, die Erde unter meinen Füßen sich wie erschüttert anfühlt. Larkin war nicht mein Name, als ich von Dode Manor weg bin. Mr. Langdons Stimme erklingt und ich sehe fast automatisch auf. Reflexartig. Aber er meint gar nicht mich, er weist seinen Daemon zurecht. Ich sehe wieder weg. Erneut überlege ich fieberhaft, ob er wohl von mir erwartet Asya in den Griff zu bekommen. Aber ich wüsste nicht, wie ich es schaffen sollte, ohne Nasche dabei ungebührend nahe zu kommen. Sie sich in Asyas Brustfell geschmiegt, dass man beide Körper kaum von einander unterscheiden kann. Ich erinnere mich, wie ich im Büro des Chaplains gedacht habe, dass ich noch nie eine so dunkle Schleiereule gesehen habe. Ebenso wie Asya ungewöhnlich dunkel für ihre Art ist… Nascha fährt ihrem Menschen fast augenblicklich über den Mund und, wenn es nur im entferntesten möglich wäre, verstärkt das Gefühl besser nicht hier sein zu sollen sich noch. Wieder scheint Asya mein Unwohlsein nicht zu bemerken – oder doch wenigstens gekonnt zu ignorieren. Sie denkt jedenfalls scheinbar nicht mal daran ihre Kuschelstunde mit Nascha zu unterbrechen. Kichert stattdessen verschwörerisch über Naschas Worte. Ich spüre die Hitze meinen Nacken hinaufwandern und hätte einiges dafür gegeben, dass Asya nur ein bisschen mehr Zurückhaltung und Taktgefühl besessen hätte. Aber das hat sie noch nie. Nicht in diesen Dingen. Und darauf gedrillt zu sein sich im Griff zu haben, bedeutet nicht dass man ein Gespür für Feingefühl entwickelt hätte. Sie ist noch immer derselbe Trampel. Ich hätte Mr. Langdon gerne mindestens entschuldigend angesehen. Aber das wäre wohl kaum angemessen gewesen. Angemessen… Hätte Asya meine Gedanken gekannt, es wäre sicher nicht bei einem Kichern geblieben, sie hätte mich wohl lauthals ausgelacht. Ich spüre meinem nervösen Atem nach, als ich allen Mut zusammen nehme und den Blick hebe, Mr. Langd… Anisim entschuldigend ansehe. Meine Mundwinkel zucken dabei für einen Augenblick in die Höhe. Nur kurz und ich sehe wieder weg. Bin im selben Moment unendlich froh, dass Asya das nicht gesehen hat. Besser ich mache mir wieder meine Gedanken über Angemessenheit und überlasse die soziale Spontanität weiter Asya. „Tjaaa…“, triumphiert diese in diesem Augenblick, als wäre das eine ganz tolle Sache etwas zu wissen, was Nascha nicht weiß. Sie lässt sich tatsächlich noch einen Moment Zeit mit den Pfoten verspielt in Richtung der Eule zu schlagen, bevor sie weiter spricht. Ich denke mir, dass sie mich wenigstens einmal hätte ansehen können, wenigstens einmal stumm um Erlaubnis hätte bitten können eine Geschichte zu erzählen, die uns beide betrifft. Aber was erwarte ich schon? „Mama hatte geheiratet. Drei Jahre nachdem wir von euch weg sind.“ Sie hält einen Moment inne. Presst der Eule die Schnauze gegen die Brust, nur kurz. „Der Name unseres Stiefvaters war Larkin. Also Larkin.“ Asya könnte selbst die Erdgeschichte von ihrem Ursprung im Garten Eden bis in die Gegenwart im Jahr 1922 klingen lassen wie der Bericht um ein versehentlich heruntergefallenes Taschentuch. „Was ist mit dem ‚Lord‘ passiert, huh?“, stellt sie die Gegenfrage ebenso unbekümmert. Nein, Asya, das ist ganz bestimmt kein wundes Thema. Ganz sicher wirst du damit keine Wunden aufreißen und Gefühle verletzen. Nein, die Chancen stehen wirklich minimal, feixe ich in Gedanken und kann doch gleichzeitig nur zusehen, wie sie uns ins Verderben reitet. Ich tröste mich damit, dass es kaum mehr schlimmer werden kann.

[Bild: nico-s.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
RE: The verification mission - von Nikola Larkin - 06.06.2020, 21:31
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RE: The verification mission - von Rory Evening - 15.11.2020, 09:48



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