Es war Margory, die mir Antwort gab, ganz wie ich erwartet hatte. Ihre schlanken, fast zerbrechlichen und doch so kraftvollen Finger wanderten über den Tisch hinweg, baten nach den meinen, doch ich konnte sie nur anstarren, während sie sprach. Während sie sich für meinen Jungen aussprach. Meinen Jungen, der an all dem nicht noch mehr Schaden davon tragen sollte. Und dem sie ein Heim und eine Bleibe geben wollte. Ich presste die zitternden Lippen zusammen und hätte ich nicht zuvor geheult bis auf den letzten Tropfen meiner Tränen, dann hätte ich es jetzt vor Erleichterung getan. Ich konnte Margory kaum ansehen dabei, starrte nur immer fort auf ihre Hand und griff jetzt doch danach, heftig und ungelenk wie ein Ertrinkender nach dem letzten Zweig. Bereits im nächsten Augenblick hätte ich sie am liebsten wieder losgelassen als hätte ich mich verbrüht. Gleißender Schmerz explodierte bis in die letzte Faser meines Körpers, zentrierte sich hinter meinen Schläfen. Ich konnte spüren wie die Realität mir wie Wasser durch meine hohle Hand schlüpfte, das Bild einer warmen, aufgeräumten Küche vor meinen Augen schwand. Ich war klein, so unsagbar klein. Hunger und Angst krümmten meinen Körper vor Schmerz, mehr noch als ich sie je hätte empfinden können. Es waren der Hunger und die Angst eines kleinen Mädchens. Ein Mädchen ausgelaugt von zu vielen Stunden der Arbeit, eingepfercht zwischen unzähligen Leibern in einem dunklen, klammen Raum.
Das Bild verschwamm wieder vor meinen Augen und ich starrte Margory jetzt an. Fassungslos, mit aufgerissenen Augen. Ich wusste, dass sie aus ärmlichen Verhältnissen kam, aus einer Costers-Familie, halb auf der Straße aufgewachsen. Ich wusste wie leicht unsere hohen Herren – deren Willen ich so häufig durchzusetzen hatte – eben jene, die ihr Leben auf der Straße verdingten als Taugenichtse abtaten, sie in die Mühlen von Zucht- und Arbeitshäusern zwangen. Ich hatte nicht geahnt, dass Margory diese Hölle in jungen Jahren erfahren haben könnte. Ich senkte den Kopf beschämt davon, dass sie diese Erinnerung so unfreiwillig mit mir geteilt hatte. Ich wollte die Hand zurückziehen, während die Schmerzen weiter dumpf hinter meinen Schläfen hämmerten, aber sie hielt sie weiter fest, drückte sie leicht. Und ich wusste, dass sie nicht wissen konnte, was eben geschehen war. Welchen Blick in ihre Vergangenheit, ihr privates Innerstes sie mir unwillentlich gewährt hatte. In all meiner Dreistigkeit in der ich hier bereits saß, in dem ich ihren Schlaf störte, ihren Tee trank und ihr als Krönung meinen Jungen unterschob. Wie wenig ich es verdient hatte, dass sie mir auf diese Art trotz allem das Gefühl gab als sei es in Ordnung. Ihre Worte klangen in meinen Ohren wieder, mir solle kein Leid mehr geschehen – meine Mundwinkel zuckten sacht in die Höhe. Nicht einmal meine eigene Mutter hatte mich je so liebevoll belogen. „Danke“, brachte ich kaum hörbar vor Heiserkeit hervor. So klein und so schlicht dieses Wort auch war. So wenig es auch ausdrücken konnte, was ich im Angesicht ihrer unendlichen Güte empfand. Ich zwang mich wieder aufzusehen, nickte ernst und nahm nun endlich meine Hand zurück, legte sie wieder um meinen schlafenden Jungen, sah wieder hinab auf ihn, der noch nicht wusste, welche Zukunft ihn erwartete und lächelte für einen kurzen Moment, überwältigt von der unverhofften Sicherheit, dass immerhin seine unmittelbar nächsten Tage Gute werden würden.

