Aber ich war müde, viel zu müde um auch nur ein Wort davon auszusprechen. Ich war Ardins Hass müde, ich war meinem eigenen Hass so unendlich müde. Ich war müde zu kämpfen und wusste doch gleichzeitig, dass das war, als würde ein Bäcker sagen er wäre des Mehlstaubs müde. Und wusste ich nicht, was mit einem Rennpferd geschah, das des Rennens müde war? Ich würde kämpfen müssen, um zu tun was nun mal meine Arbeit war. Ordnung zu wahren, die guten Menschen zu schützen. Dabei wusste ich, dass es eben diese Menschen waren, die mir sagen würden, dass ich meine Nase aus ihren Angelegenheiten fern halten sollte. Und hatten sie nicht jedes Recht dazu? Sicherlich, ohne Regeln und ohne den, der dafür sorgte, dass eben jene Regeln eingehalten wurden, lebten Menschen schlimmer als die Tiere. Sie waren gierig, missgünstig und von ihrer eigenen Lust der Befriedigung gesteuert. Sie taten selten was gut für sie war, noch viel weniger was gut für ihren Nächsten wäre. Darüber mussten wir nicht diskutieren. Aber wer wäre denn in der Lage gewesen zu entscheiden, was gut für sie war? Welche Regeln sie zu befolgen hatten? Menschen, die nicht besser waren als sie selbst? Während meiner Tage in der Bow Street hatte ich das Verbrechen in jeder Schicht unserer Gesellschaft erfahren, allgestaltig, in all seiner Brutalität, es gab keine besseren oder schlechteren Menschen. Höchstens mächtigere, einflussreichere und weniger mächtige. Sollten diese Menschen, nur weil sie einer höheren Schicht angehörten, nur weil sie sich selbst als moralisch rein bezeichneten, entscheiden dürfen an welche Regeln sich der Rest von uns zu halten hatte? Sie oder ein Gott, der sich so wenig um uns scherrte?
Und da fragte Ardin mich, was wir hier taten? Was hatten wir denn je getan?
Ben regte sich einmal mehr im Schlaf, als Ardins Faust auf die Tischplatte traf, aber am Ende schlief er so tief und unbesorgt weiter, wie zuvor. Ich strich meinem Jungen sacht über den Rücken. Wir konnten die Zeit nicht zurückdrehen. So war es nun einmal. Aber was wir hier taten…? Wer wusste das schon. Aber wer hatte das je gewusst? Vage lag mein Blick auf Ardins Faust, die Faust, die er eben noch gegen die Lippen gepresst hatte, wie ein Kind, das sich vor dem gesichtslosen Monster im Dunklen fürchtete.
Und dann kamen die leise versiegenden Worte.
“Wenn du wenigstens sagen könntest, es hätte sich gelohnt…“
Nicht länger man.
Nicht länger wir.
Du.
Meine blanken Hände lagen um Ben. Der lebte, der atmete. Aber der mir schon so bald nicht mehr gehören würden, der einer ungewissen Zukunft in den Diensten des Teufels entgegen ging. Aber noch, noch war er ein Junge. Ein Junge, der es verdient hatte, die Tage, die ihm blieben ein gutes Leben zu führen. Ich konnte nicht sagen, dass es sich gelohnt hätte, aber ich konnte deswegen nicht aufgeben. Er war alles, was ich hatte. Hatte Ardin mir das nicht Tag für Tag gesagt? Kümmer dich um den Jungen, weil er alles ist, was du noch hast. Weil sich nichts ändern lässt, an dem was passiert ist. „‘Ist wie es ist“, brachte ich so heiser hervor, dass die Worte beinahe in meiner aufgerauten Kehle hängen blieben. „Wir können nur irgendwie weiter machen, wie wir es immer haben, oder?“ Ich sah auf, hin zu Ardin und meine Augen brannten schon wieder unsäglich. Es gab ihn nicht den Weg zurück, dessen waren wir uns einig. Es gab ihn nicht, den großen Lohn unserer Taten. Keinen Preis, um den es sich gelohnt hätte, das wir so viel geopfert hatten. Nicht für mich. Und selbst Ardin, im Kreise seiner Familie, was hatte er schon gewonnen? Aber noch hatte er eine Familie. Noch hatte ich Ben. Wie hätten wir etwas anderes tun können, als weiter zu machen? Egal was es kostete, egal wie wenig höheren Zweck es auch erfüllte. Es gab nicht anderes als unser Leben, egal wie hässlich. Es gab nichts anderes als es irgendwie weiter zu leben.

