Irgendwann als es zu Dämmern begonnen hatte, war Ben aufgewacht. Wie ein Vogel mit dem ersten Sonnenstrahl, hatte ich Judiths Worte in den Ohren. Gegen die Stille des Raumes war meine Einbildung laut wie ein gesprochener Laut und beinahe hätte ich ihre Finger auf meiner Schulter spüren können, aber in dem Moment ruckte ich aufrecht und die Realität hatte mich wieder. Bens kleiner Körper streckte sich und ich konnte den Schlaf von ihm abperlen sehen wie Morgentau, aufmerksam betrachtete ich meinen Jungen. Mager war er, aber die Blessuren waren verblasst seit ich ihn zum letzten Mal bei Tageslicht gesehen hatte. Cyneburg saß neben uns, sah Ben mit auffordernd durchdringenden Blick an und in dem ich sie dazu mahnte leise zu sein, entließ ich den unruhig gewordenen Jungen von meinem Schoß. Der schien mit dieser unbequemen Schlafposition weit besser klar gekommen zu sein als sein alter Vater. Lautlos ächzend drückte ich den Rücken durch und bewegte die schmerzenden Knochen ein wenig. Eine Weile beobachtete ich wie Cyneburg und Ben am Boden miteinander spielten, musste sie noch das ein oder andere Mal leise zur Ordnung rufen, damit sie nicht das ganze Haus weckten und irgendwann war Ben doch noch einmal müde geworden. Ich hatte ihm meinen Mantel als Schlafstätte überlassen und natürlich war es Cyneburg gewesen, die sich direkt darauf bequemt hatte, genüsslich halb auf den Rücken gedreht, die Pfoten von sich gestreckt, während Ben schließlich in nicht minder verdrehter Position, an sie gekuschelt und halb auf ihr liegend zur Ruhe gekommen war. Ich hatte schließlich noch mein Jackett über den Jungen gedeckt, damit er auf den Dielen nicht fror und hatte mich dann wieder an den Tisch gesetzt, während Kind und Hund in einer Ecke schliefen. Das Blut auf meinem linken Ärmel war längst durchgetrocknet, und um es ein wenig zu kaschieren hatte ich beide Ärmel bis unter die Armbeuge hochgekrempelt. Der Bow Street hätte ich mich in der Aufmachung nicht auf hundert Fuß nähern dürfen, aber ich fragte mich ob es in der Leman Street überhaupt groß interessieren würde, wenn ich mit durchgebluteten Ärmel den Dienst antrat. Margorys Verband saß noch immer gut, selbst wenn die verbliebene Wunde in der Nacht ein wenig nachgeblutet haben musste, den paar hellen Flecken nach zu urteilen, die bis an die Oberfläche gedrungen waren.
Ich weiß nicht, wie lange ich wieder am Tisch gesessen hatte, das zaghafte graue Morgenlicht, war inzwischen hell ins Innere der Stube gedrungen, als Ardin sich irgendwann unruhig im Schlaf zu bewegen begonnen hatte. Die Bewegung hatte meine Augen eingefangen, noch bevor ich es verhindern konnte. Das hektische Zucken seiner Gesichtszüge, seiner Muskeln, fast als kämpften seine Gliedmaßen verzweifelt gegen die Lähmung des Schlafes an. Bis in die letzte Faser angespannt, den Schweiß auf der Stirn, wie ein Mann, der Höllenqualen erlitt. Im Augenwinkel bemerkte ich die Dohle, die nicht minder hilflos erschien, nicht minder gegen eine unsichtbare Gefahr anzukämpfen schien. Meine Hand ruckte in die Höhe, ganz instinktiv, und verharrte dann doch, senkte sich langsam wieder. Es war nur ein Traum, oder? Es drohte keine echte Gefahr… oder? Vermutlich wäre Ardin mir nicht minder wütend als vor dem Einschlafen, wenn ich ihn jetzt weckte. Durfte ich ihn überhaupt wecken? Wenn das einer dieser komischen Träume war? Tat das am Ende womöglich den größeren Schaden? Unsicher geworden verharrte ich in meiner sitzenden Position, starrte Ardin an, konnte den Blick beim besten Willen nicht abwenden, der Atem flach wie ein lauernder Hund, abwartend.
Und dann, ohne jede Vorwarnung gewann Ardin sein krampfartiges Ringen gegen den Schlaf, löste sich sein Körper schlagartig als hätte man ihn von unsichtbaren Fesseln befreit. Schien wie ein wildes Tier um Freiheit kämpfen zu wollen, verlor samt Stuhl jedoch das Gleichgewicht und ging gemeinsam mit ihm krachend zu Boden. Ich war aufgestanden. Irgendwie. Ich registrierte es zu spät, um es zu verhindern. Aber in diesem Augenblick stemmte der gefallene Körper sich bereits wieder in die Höhe und mein eigener sank lahm zurück auf den Stuhl unter mir. Mein mit aufgerissenen Augen starrender Blick begegnete dem von Ardin und für Sekunden konnte ich nicht blinzeln, konnte ihn nicht abwenden. Glotzte nur stumm und ausdruckslos wie ein Fisch. Dann, mich irgendwie einem letzten Sinn für Anstand besinnend, wandte ich beschämt von dem, was ich gesehen hatte, den Blick ab, ausweichend hin zu meinem Jungen hinüber. Der bewegte sich ein wenig, schlief aber weiter. Eine von Cyneburgs Pfoten zuckte träge. Das war alles. Einen feinen Wachhund hatte ich zur Vertrauten. Auch sonst blieb es still in der Wohnung. Ich sah wieder zu Ardin, der hatte sich inzwischen zurück an den Tisch gesetzt, das Gesicht in die Hände gesenkt, die Dohle mit verschreckt aufgeplustertem Gefieder bei ihm. Ich senkte den Blick, zügig, bevor James seinen wieder heben konnte, starrte auf meine in einander liegenden Hände, den Daumen oben auf, die kurzgeschnittenen Nägel, fuhr mit den Augen den Narben nach, als wäre ich angehalten mir jede davon einzuprägen.

