…Und begegnete Ardins blassen, abgeschlagenen Zügen, die Qualen des Traums noch auf das Gesicht geschrieben. Müde. Durch die Mangel gedreht. Schlimmer noch als an jedem Morgen, da er scheinbar nicht ein Auge zugetan hatte in der Nacht. Und mit einem Mal, ohne dass ich nach der Erkenntnis verlangt hatte, kam mir der Gedanke, weshalb James in der Nacht zuvor womöglich so versessen darauf gewesen war zu reden. Weshalb keines meiner Worte ihn groß interessiert hatte, weil es nie um meine Worte gegangen war. Ich war nur das Mittel zum Zweck gewesen, um dem Schlaf zu entkommen. Ich blinzelte, bewegte den Kiefer ein wenig und wandte den Blick dabei ab. Dumm war ich gewesen etwas… anderes darin vermutet zu haben. Ich konnte es spüren, wie es mich mitnahm. So dumm gewesen zu sein. Aber immerhin ergab es einen Sinn jetzt. Immerhin hatte ich jetzt eine Antwort und im wesentlichen hätte diese mich milde stimmen sollen. Aber das tat sie nicht. Sollte ich stattdessen Genugtun darüber empfinden, dass ich so ein schlechtes Mittel zum Zweck abgegeben hatte? Mein Blick glitt zurück zu Ardin, der noch immer dünn und erschlagen wirkte, wie ein Mann, der große Schmerzen ertragen hatte. Nein. Die Antwort war simpel und schlicht. Da war keine Genugtun. Es gab Dinge, die wünschte ich nicht einmal Ardin James. Sollte ich Schuld empfinden darüber, dass ich James hatte einschlafen lassen? Ich wartete darauf, dass sie mich vielleicht überkam. Aber da war nichts. Vielleicht war auch Schuld ein erschöpfliches Gut und eines Tages blieb nur noch Leere übrig.
Geht es dem Jungen gut. Die Frage stand noch immer im Raum und noch immer spürte ich die Abneigung sie zu beantworten, ganz als gäbe ich damit nicht nur etwas aus meinem Inneren preis und wusste ich doch, was James daraus machen würde, sondern auch noch über meinen Jungen. Der so schwach und verletzlich war. Aber ich würde bald nicht mehr da sein, ihn zu schützen. Mir würde bald nichts anderes übrig bleiben als zu hoffen, dass Ardin ihn nicht nur als meinen Sohn betrachtete. Ich musste auf die Hoffnung setzen, etwas anderes blieb mir nicht. Ich musste diese Frage beantworten und hoffen, dass James das Wissen zum Wohl des Jungen nutzen würde und nicht zu seinem Schaden. „So weit…“, begann ich, aber meine Stimme war hohl, kaum hörbar dabei, ich schluckte, leckte mir über die rissigen Lippen. „Er ist zäh“, sagte ich dann und ohne es darauf anzulegen klang der glühende Vaterstolz in mir durch, „Und der Tee hat gut gewirkt. Aber er hat… er hat viel mitgemacht.“ Mein Blick brach und ich starrte auf die Tischplatte. „Er braucht das, James. Er braucht das hier. Eine Familie, etwas, was sicher ist und gut, um vielleicht…“ Ich spürte die Hitze in meinem Gesicht, das Brennen in meinen Augen und ich biss den Kiefer zusammen, bis ich meinte irgendwie weiter sprechen zu können. „…vielleicht das heilen zu lassen, was man nicht sieht.“ Ich schluckte schon wieder, hart, schmerzhaft. Was machte ich hier eigentlich? Ben war mein Junge und er hatte Schäden, die man nicht sehen, die man nicht würde einschätzen können, die er in James‘ Familie tragen würde. Ich sollte nicht weiter sprechen, das wusste ich. Margory hatte mir ihr Wort gegeben. Aber Margory war nicht hier und wer wusste schon wie schwer James all diese Defizite werten würde, die ich hier unabsichtlich angebracht hatte. Ben war nur ein Junge und ich hätte erwartet, was immer zwischen James und mir war, dass es seine Grenzen hatte. Das unsere Kinder ganz sicher und behütet weit jenseits dieser Grenze lagen. Aber hier, an diesem grauen Morgen an James‘ Küchentisch und mit der letzten Nacht im Nacken, war ich mir dessen nicht länger sicher.

