Und dann endet Nascha. Wenn er sich nicht so schämen würde... Minderwertigkeitskomplexe... Ich höre den eigenen Herzschlag in den Ohren, spüre den Puls scharf an meinem Hals. Es fühlt sich an, wie unerwartet geschlagen worden zu sein. Dabei habe ich es doch geahnt. Ist es wirklich so überraschend? Stur sehe ich geradeaus. Blicke die herrschaftlich roten Sitze mir gegenüber an und sehe doch durch sie hindurch. Kann niemanden in diesem Abteil ansehen. Nicht einmal Asya. Wo ist die Wut wenn man sie so dringend braucht, um sich an ihr festzuklammern? Und gleichzeitig weiß ich, dass es besser so ist. Besser nicht wütend zu werden, sondern das Gefühl zu haben rückwärts von einer Klippe zu fallen. Völlig unkontrolliert, nur mit diesem Gefühl im Magen, dass es abwärts geht, dieser entsetzlichen Haltlosigkeit. Es ist angemessener nicht wütend zu werden. Denn, kann ich es ihm verdenken? Und gleichzeitig weiß ich, dass meine Zurückhaltung allein, die Tatsache, dass ich mir selbst unter diesen Bedingungen noch Gedanken über Angemessenheit mache, mich genau als das auszeichnet, was ich eben bin. Ein Diener. Selbst unter der Arbeiterklasse seltsam entkoppelt und kaum als Arbeit angesehen, wie mich das Treffen mit dem Gewerkschafter so nett erinnert hat. Wir sind eine eigene Klasse, eine deren Arbeit als am besten erfüllt gilt, wenn man sie nicht bemerkt – die Arbeit wie die Person dahinter. Ich dagegen falle in diesem Moment entsetzlich auf. Kann ich ihm wirklich verdenken sich dafür zu schämen? Dass ich ihn so aktiv daran erinnere, dass sein Bruder ist, was seine Mutter gewesen ist: Ein Diener. Und damit auch in ihm zur Hälfte dieses Blut fließt. Immerhin, so wie Nascha es ausspricht, so wie sie mit Asya umgeht, liegt es weniger in uns als Person begründet, als in dem was wir eben sind. In dem, was auch Mr. Langdon minderwertig macht. Was ihn den Titel und die Familie und das Erbe gekostet hat. Ich kann es ihm nicht verdenken. Es wäre vermessen das zu tun. Ich kann mir nicht einmal vorstelle, wie es ist so viel besessen und so viel verloren zu haben.
Mr. Langdon fährt seinen Daemon so scharf an, dass ich beinahe darunter zusammen zucke. Ich bin es in gewisser Weise gewohnt. Es ist eine seltsame Eigenschaft, dass so viele Herrschaften sich von der Anwesenheit eines Dieners nicht in intimen Gesprächen mit ihren Daemonen stören lassen. Ich kann mir nicht vorstellen auch nur ein Wort mit Asya zu wechseln, das nur für unsere Ohren bestimmt ist, wenn ein Anderer anwesend ist. Weil es sich für einen Diener nicht gehört in der Anwesenheit von Herrschaften mit anderen Dienern oder dem Daemon zu sprechen. Aber auch… elementarer. Ich hätte Angst davor, schätze ich. Angst was Andere über mich erfahren könnten. Und das ist exakt der Punkt, der das hier eben nicht gewohnt macht. Oder zumindest nicht mehr. Es hat etwas vertrautes, etwas wie aus Kindertagen. Wie Anisim und Nascha sich einfach vor unseren Ohren streiten, genau wie früher. Als er erneut spricht, registriere ich erst im nächsten Moment, dass er dieses Mal nicht seinen Daemon meint. Aber selbst, als ich es dann realisiere, sehe ich ihn nicht an. Ich spüre den Reflex und ich spüre den Moment verstreichen, in dem ich ihm eigentlich hätte folgen müssen. Ich verstehe es nicht. Dass er sich entschuldigt. Oder für was. Noch weniger verstehe ich die Vertrautheit darin. Er klingt müde und verbittert. Aber vor allem vertraut. „Ist schon in Ordnung“, erwidere ich. Noch immer ohne ihn anzusehen. Die Worte fühlen sich widerlich an. Dumpf nur bringe ich sie hervor. Spüre erst in diesem Moment wie sehr es eben nicht in Ordnung ist. „Ich schätze, es würde mir ähnlich gehen, wäre es andersherum.“ Ich hoffe, es wäre nicht so. Ich hoffe, wäre ich du, dann würde ich mich nicht für dich schämen. Ich hoffe, wäre ich du dann würde ich dir nicht das Gefühl geben, das schlimmste zu sein, das in meinem Leben passiert ist, selbst wenn es so ist. Und da ist sie mit einem Mal doch, die Wut. Heftig und unerwartet. Ich beiße die Zähne zusammen, um nichts davon auszusprechen. Ein Muskel in meinem Kiefer zuckt dabei, ich kann es spüren. Stille. Selbst unter den Daemonen und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor Asya spricht, bemerke ich, dass ich vielleicht einen Fehler begangen habe. „Sie meinen nicht uns, Nico.“ Ihre Stimme hat mit einem Mal jede Ausgelassenheit verloren. Es liegt eine konzentrierte Wachsamkeit darin. Ungläubig drehe ich jetzt doch den Blick. Bitte, was? Ich kann Asyas Augen von hier aus nicht sehen. Also starre ich stattdessen Mr. Langdon an. Was dann?!, hätte ich am liebsten hervor gestoßen und schaffe es nicht, dafür bin ich mir viel zu wenig sicher, dass Asya überhaupt recht hat.
![[Bild: nico-s.png]](https://i.ibb.co/BzLRBDj/nico-s.png)

