Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Der Moment in dem wir uns ansehen ist kurz und peinlich und ich kann wohl froh sein, dass er einfach wegsieht ohne mich auszulachen, wie Asya es getan hätte, oder mich zu rügen, wie es ihm zugestanden hätte. Wenn es auch nicht seine Aufgabe gewesen wäre, ich hätte mich besser im Griff haben sollen. Es ist gut sich weiter von den Daemonen ablenken lassen zu können. Asya die über den Wechsel unseres Namens spricht, als wäre es nur eine unbedeutenden Belanglosigkeit. Ich weiß, dass sie das auch als eine Art von Verteidigungslinie tut. Oder zumindest, dass sie zwei Arten hat über Dinge zu sprechen. Knapp und oberflächlich und ausführlich und tief. Beide Versionen haben bis auf den groben Informationsgehalt nichts gemeinsam. Das hier ist die grobe Variante. Die bei der man keine störenden Gefühle braucht, bei der man einfach spricht, Wissen austauscht und dabei auf einer – nicht weniger liebevollen – aber doch im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlichen Ebene bleibt.  Das ist Spiel, das ist Wiedersehensfreude und die wird Asya verteidigen. Die wird sie nicht so schnell aufgeben, nur um eine ach so tragische Familiengeschichte zum Besten zu geben. Dass sie Mr. Langdon damit erzählt, dass seine Mutter neu geheiratet hat und dass sie mir all die alten Erinnerungen aufreißt – das ist nicht ihr Problem. So hart und pragmatisch wie sie mit sich selbst in diesen Dingen ist, so hart ist sie mit anderen. Nascha scheint damit kein Problem zu haben. Im Gegenteil, sie scheinen beide im selben… Zug zu sitzen in dieser Hinsicht. Sie beantwortet tatsächlich Asyas Frage. Das mit dem Sohn hatte ich gewusst und doch ist es etwas anderes es von Nascha bestätigt zu haben. Die Countess hat also einen Sohn geboren. Es waren nur zwei Mädchen gewesen, bevor ich von Dode Manor weg bin. Die Kinder der Countess… und des Earls. In gewisser Weise damit auch meine Halbgeschwister. Der Gedanke fühlt sich falsch an. Es ist einfacher sie als Mr. Langdons Geschwister zu sehen. Und doch, zumindest der Sohn scheint so viel mehr sein Konkurrent als ein Bruder gewesen zu sein. Ein über zehn Jahre jüngerer oben drein. Einer, der alles verändert hat. Ich hatte es nicht erwartet. Es hatte da diese Gerüchte gegeben, ja. Aber Gerüchte gibt es immer. Doch dass unser Vater tatsächlich… dass er seinen Erstgeborenen... Der in dem das Blut unserer Mutter fließt, dass er ihn tatsächlich derart hat wegwerfen können, wie Nascha es nennt. Ich begreife es kaum. Ich kann mich nur verschwommen an den Earl erinnern, habe das Gefühl ihn kaum eine handvoll Mal gesehen zu haben. Aber ich denke, ich hatte ihn immer als gerecht angesehen. Er hat mir mehr ermöglicht als jeder andere Lord seinem Bastard wohl ermöglicht hätte und selbst nachdem meine Mutter und ich Dode Manor haben verlassen müssen, hat sie immer dafür gesorgt, dass ich ihn nie mit Hass betrachte. Immer wieder hat sie mir Dankbarkeit eingebläut und mit einem Mal, bei Naschas Erzählung, frage ich mich, wie sehr ich das was meine Mutter mich – und womöglich auch sich selbst – hat glauben machen wollen, mit der Realität verwechselt habe. Ob die Bastarde die der Earl gezeugt hatte, nicht viel mehr Last für ihn gewesen waren. Den einen hatte er los bekommen, warum dasselbe nicht mit dem Anderen versuchen, nachdem es möglich geworden ist ohne zugleich die Chance auf einen Erben aufzugeben? Asya lacht als Nascha die Geschichte so überspitzt zu ihrem Höhepunkt führt. Doch auch bei ihr kann ich bittere Ungläubigkeit darunter hören. Kann sie spüren. Die Verachtung, die sie schon immer für diese Dinge gehegt hat, egal was unsere Mutter auch gesagt hat.
 
Und dann endet Nascha. Wenn er sich nicht so schämen würde... Minderwertigkeitskomplexe... Ich höre den eigenen Herzschlag in den Ohren, spüre den Puls scharf an meinem Hals. Es fühlt sich an, wie unerwartet geschlagen worden zu sein. Dabei habe ich es doch geahnt. Ist es wirklich so überraschend? Stur sehe ich geradeaus. Blicke die herrschaftlich roten Sitze mir gegenüber an und sehe doch durch sie hindurch. Kann niemanden in diesem Abteil ansehen. Nicht einmal Asya. Wo ist die Wut wenn man sie so dringend braucht, um sich an ihr festzuklammern? Und gleichzeitig weiß ich, dass es besser so ist. Besser nicht wütend zu werden, sondern das Gefühl zu haben rückwärts von einer Klippe zu fallen. Völlig unkontrolliert, nur mit diesem Gefühl im Magen, dass es abwärts geht, dieser entsetzlichen Haltlosigkeit. Es ist angemessener nicht wütend zu werden. Denn, kann ich es ihm verdenken? Und gleichzeitig weiß ich, dass meine Zurückhaltung allein, die Tatsache, dass ich mir selbst unter diesen Bedingungen noch Gedanken über Angemessenheit mache, mich genau als das auszeichnet, was ich eben bin. Ein Diener. Selbst unter der Arbeiterklasse seltsam entkoppelt und kaum als Arbeit angesehen, wie mich das Treffen mit dem Gewerkschafter so nett erinnert hat. Wir sind eine eigene Klasse, eine deren Arbeit als am besten erfüllt gilt, wenn man sie nicht bemerkt – die Arbeit wie die Person dahinter. Ich dagegen falle in diesem Moment entsetzlich auf. Kann ich ihm wirklich verdenken sich dafür zu schämen? Dass ich ihn so aktiv daran erinnere, dass sein Bruder ist, was seine Mutter gewesen ist: Ein Diener. Und damit auch in ihm zur Hälfte dieses Blut fließt. Immerhin, so wie Nascha es ausspricht, so wie sie mit Asya umgeht, liegt es weniger in uns als Person begründet, als in dem was wir eben sind. In dem, was auch Mr. Langdon minderwertig macht. Was ihn den Titel und die Familie und das Erbe gekostet hat. Ich kann es ihm nicht verdenken. Es wäre vermessen das zu tun. Ich kann mir nicht einmal vorstelle, wie es ist so viel besessen und so viel verloren zu haben.
 
Mr. Langdon fährt seinen Daemon so scharf an, dass ich beinahe darunter zusammen zucke. Ich bin es in gewisser Weise gewohnt. Es ist eine seltsame Eigenschaft, dass so viele Herrschaften sich von der Anwesenheit eines Dieners nicht in intimen Gesprächen mit ihren Daemonen stören lassen. Ich kann mir nicht vorstellen auch nur ein Wort mit Asya zu wechseln, das nur für unsere Ohren bestimmt ist, wenn ein Anderer anwesend ist. Weil es sich für einen Diener nicht gehört in der Anwesenheit von Herrschaften mit anderen Dienern oder dem Daemon zu sprechen. Aber auch… elementarer. Ich hätte Angst davor, schätze ich. Angst was Andere über mich erfahren könnten. Und das ist exakt der Punkt, der das hier eben nicht gewohnt macht. Oder zumindest nicht mehr. Es hat etwas vertrautes, etwas wie aus Kindertagen. Wie Anisim und Nascha sich einfach vor unseren Ohren streiten, genau wie früher. Als er erneut spricht, registriere ich erst im nächsten Moment, dass er dieses Mal nicht seinen Daemon meint. Aber selbst, als ich es dann realisiere, sehe ich ihn nicht an. Ich spüre den Reflex und ich spüre den Moment verstreichen, in dem ich ihm eigentlich hätte folgen müssen. Ich verstehe es nicht. Dass er sich entschuldigt. Oder für was. Noch weniger verstehe ich die Vertrautheit darin. Er klingt müde und verbittert. Aber vor allem vertraut. „Ist schon in Ordnung“, erwidere ich. Noch immer ohne ihn anzusehen. Die Worte fühlen sich widerlich an. Dumpf nur bringe ich sie hervor. Spüre erst in diesem Moment wie sehr es eben nicht in Ordnung ist. „Ich schätze, es würde mir ähnlich gehen, wäre es andersherum.“ Ich hoffe, es wäre nicht so. Ich hoffe, wäre ich du, dann würde ich mich nicht für dich schämen. Ich hoffe, wäre ich du dann würde ich dir nicht das Gefühl geben, das schlimmste zu sein, das in meinem Leben passiert ist, selbst wenn es so ist. Und da ist sie mit einem Mal doch, die Wut. Heftig und unerwartet. Ich beiße die Zähne zusammen, um nichts davon auszusprechen. Ein Muskel in meinem Kiefer zuckt dabei, ich kann es spüren. Stille. Selbst unter den Daemonen und in dem Bruchteil der Sekunde, bevor Asya spricht, bemerke ich, dass ich vielleicht einen Fehler begangen habe. „Sie meinen nicht uns, Nico.“ Ihre Stimme hat mit einem Mal jede Ausgelassenheit verloren. Es liegt eine konzentrierte Wachsamkeit darin. Ungläubig drehe ich jetzt doch den Blick. Bitte, was? Ich kann Asyas Augen von hier aus nicht sehen. Also starre ich stattdessen Mr. Langdon an. Was dann?!, hätte ich am liebsten hervor gestoßen und schaffe es nicht, dafür bin ich mir viel zu wenig sicher, dass Asya überhaupt recht hat.

[Bild: nico-s.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
RE: The verification mission - von Nikola Larkin - 07.06.2020, 08:55
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