Charaktere
Otis Rhode » Ardin James
Datum & Ort
30.09.1842,
Society of Only the winds Rudeness
„Dem Jungen wird es bei uns gut gehen, egal was passiert, ich gebe dir mein Wort.“ Ich nickte, hart, dankbar. Konnte es noch immer kaum fassen und hatte doch keinen Anlass an Ardins Worten zu zweifeln. Mochte ich ihm vorwerfen, was ich wollte, aber er war kein Mann, der sein Wort brach. Einmal gegeben konnte ich mich auf das verlassen, was er mir zusagte und in diesem Fall, als einzig verbliebener Sorgender für den Jungen, war dieses Wort das kostbarste, was es gab. Die Gewissheit dass, so sehr ich auch verhindern wollte, dass es dazu kam, für meinen Jungen gesorgt war, wenn mich der Teufel denn früher und endgültiger wiedersehen wollte, als mir lieb war.

Wen brachten diese Viecher nicht um den Verstand? Das Lächeln in Ardins Stimme. Ich ließ die Hände sinken, sah hinüber zu James, nur um es auch in seinem Gesicht wieder zu finden. Vage nur sah ich in seine Richtung, nicht ganz sicher, was ich mit dem Blick herauszufinden gedachte. Vielleicht weshalb Ardin sich dazu hinreißen ließ mir auf diese Art etwas über sich und seine Vertraute preis zu geben. Nicht dass ich noch nicht mitbekommen hätte, dass er seinen eigenen Krieg mit diesem Viech führte, dass der Teufel ihm zugedacht hatte. Ich hätte blind sein müssen, dass es mir entgangen wäre, aber das bedeutete nicht, dass wir je darüber gesprochen hätten, dass er mir das, was ich mir durch die Beobachtung zusammengereimt hatte, je durch an mich gerichtete Worte bestätigt hätte. Bis eben. Verstanden hatte ich es nie, tat das auch jetzt nicht. Mit einer Dohle konnte man immerhin etwas anfangen. Eine Dohle war klug und gelehrig. Eine Dohle war nützlich und unauffällig. Eine Dohle hätte nie so viel Blut gesoffen, das es jedes verdammte Mal einem Aderlass gleich kam, oder mich mit ihrem bloßen Antlitz regelmäßig zu Tode erschreckt. Selbstredend hatte ich Ardin das nie gesagt, aber im Stillen hatte ich ihn mehr als einmal um seine Begleiterin beneidet. Doch spätestens seit heute nahm ich an, dass selbst eine Dohle am Ende des Tages wohl nicht minder geschwätzig und nervenzermürbend war wie eine Hündin. Scheinbar gehörte es zum Bestandteil der Arbeit eines Vertrauten seinen Herren um den Verstand zu bringen und irgendwie war ich mir meiner gestrigen Worte nicht länger so sicher. „Möglich, dass er uns doch in den Wahnsinn treiben will“, brummte ich, halb amüsiert, halb bitter. Womöglich hatte der Teufel es doch nur darauf ausgelegt uns um den Verstand zu bringen. Wenn nahmen die Viecher dabei jedenfalls eine Schlüsselrolle ein.

Ardins verschwörerisches Versprechen auf meine Instruktionen hin, was zu tun sei, wenn je einer seine Patenschaft für Ben anzweifeln sollte, ließ mein Grinsen nur noch breiter werden. Dreckig als hätten wir gerade einen Clou nicht gekannten Ausmaßes zusammen geschmiedet und ich hätte es gerne gezügelt, weil das immer noch Ardin James war, der mir gegenüber saß, aber irgendwie wollte es sich ganz und gar nicht mäßigen lassen. Und ich ließ die Bemühung fallen, wollte den Triumph über unsere herrliche Verschlagenheit noch ein wenig auskosten. Weil ich hier mit James am Tisch saß und über den Teufel höchst selbst scherzte und es auf der ganzen weiten Welt keinen anderen gegeben hätte, mit dem ich das hätte können. Keinen anderen, der Bens Pate hätte sein sollen.

„Danke.“ Ardin sah mich direkt an und mein Grinsen verblasste dabei mit einem Mal doch. Ich hätte gerne weg gesehen, wäre dem Moment gerne entflohen und konnte selbst nicht genau sagen weshalb. Es fühlte sich nicht unangenehm an, im Gegenteil. Ich konnte den Ernst und die Aufrichtigkeit in diesem einen Wort spüren. Die Wärme dabei, nach der ich gierte wie ein halb erfrorenes Kind. Und doch wünschte ich mir, James hätte sein in den letzten Monaten zur Routine gewordenes Verhalten nie gebrochen. Ich wünschte so viel mehr er würde mich anbrüllen, mir weiter jeden Vorwurf machen, den ich nur zu sehr verdient hatte zu hören. Ich wollte diese Wärme und diesen Frieden nicht, den ich nicht im Ansatz verdient hatte. Weil ich manchmal fürchtete, wenn ich das Gute nur wieder zuließ. Die Wärme und den Frieden. Dass ich mich dann daran gewöhnen könnte. Dass ich Lernen könnte mit der Schuld zu leben und mich und das Abkommen, das ich mit mir hatte, damit selbst verraten könnte, wenn es soweit war.

Aber jeder dieser Gedanken wurde bereits von Ardins nächsten Worten weggewischt. „Du… du bist ein Freund, weißt du das?“ Ardins Blick lag auf der Tischplatte und einen Moment zweifelte ich, dass er auch nur einen Laut von sich gegeben hatte. Ich schüttelte langsam den Kopf. Nein, das wusste ich nicht. Und ich verstand es nicht. Weshalb jetzt? Vor einigen Monaten. Anfang des Jahres vielleicht. Vor all den Jahren als wir uns kennen lernten. Als wir noch jung gewesen waren, das Leben noch vor uns gelegen hatte. Kürzlich zurückgekehrt in dieses Land, frisch verheiratet, mit der Hoffnung auf eine Karriere, welche die Grenzen unserer Schicht weit überschritten hatte, und in der Gründung einer liebenden Familie. Ich fragte mich, ob es das war, was wir damals hätten tun sollen. Freundschaft schließen. Aber wir hatten es nie getan. Trotz aller vom Teufel verfluchter Gemeinsamkeiten, trotz allem, was wir gemeinsam durchgestanden hatten. Vom ersten Augenblick gegeneinander aufgehetzt wie ausgehungerte Hunde. Durch den ewigen Leistungsdruck unseres Umfelds, den kaum erreichbaren Erwartungen unserer Vorgesetzten und unsere eigenen hochgesteckten Ansprüchen. Wir hätten Freunde sein können, wir hätten dem trotzen und uns gegen all das verbünden können, es gemeinsam durchstehen. Gemeinsam durchgestanden hatten wir es auch so. Alles. Als hätte das Schicksal gar nicht mehr vor uns auch nur für einen Moment voneinander zu trennen. Aber wir waren keine Freunde. Waren wir? Waren wir Freunde, wenn man all das gemeinsam erlebt hat? Wenn man sich immer während an dem anderen gemessen hatte? Sich immer während zu höheren Leistungen angestachelt hatte? Wenn man einander kannte, wie kaum einen anderen Menschen auf dieser Erde? Aber warum jetzt? Jetzt da ich kaum mehr ein würdiger Gegner war. Jetzt da unser Rennen so ein unwürdiges Pflaster erreicht hatte wie Whitechapel. Jetzt da alle Hoffnung so verloren schien. Ich schüttelte noch einmal den Kopf, heftiger dieses Mal, den Blick gesenkt. „‘Ist nicht gut, wenn du vom Stuhl kippst“, stieß ich die Worte von mir, aber mein heiseres Lachen klang mehr nach einem erstickten Schluchzen, was dem rauen Protest schändlich die Wirkung raubte. Verflucht, Otis, reiß dich zusammen. Ich zog die Lippen zwischen die Zähne und verharrte dann kopfschüttelnd mit der Zunge an den Frontzähnen, bevor ich trocken und schwach gestand: „‘Schätze es gab nie ‘nen Freund wie dich.“ Ich sah wieder auf, die Brauen zusammengezogen, hart schluckend. Gab es nicht. In meinem ganzen Leben nicht. Würde es wohl auch nie wieder geben und wär’s anders, dann wäre ich nicht hier gewesen. Dann hätten meine Füße mich nicht ausgerechnet vor Ardin James‘ Tür geführt, wenn ich meinen verletzten Jungen auf dem Arm hatte und keine Zuflucht im ganzen großen London in Sicht. Außer die eine. Die eine Tür, die sich für mich und meinen Jungen geöffnet hatte. Wieder einmal. Trotz allem, was ich schon über Ardins Schwelle gebracht hatte. Was bedeutete das wohl, außer dass man Freunde war?

„Und du bist hier immer willkommen, in Ordnung? Egal was ich sage, hör mir einfach nicht zu, ja? Und nicht nur wegen Margory oder wegen dem Jungen. Sondern…“ Die Stille lag wie ein schweres, gespanntes Tuch zwischen uns. Ich hatte bis zu diesem Augenblick nicht gewusst, was ‚bedeutungsschwer‘ eigentlich hieß. „Ich habe nur diese eine… eine Bedingung…“ Ich sah Ardin weiter stumm entgegen, unsicher ob ich diese Bedingung überhaupt hören wollte. Aber ich hatte keine Wahl. Ich hatte Ardin bereits so wenig Wahl gelassen, dass es wohl nur einer ungekannten höheren Gerechtigkeit entsprach, wenn ich nun meinerseits in Bedrängnis geriet, das dachte ich jedenfalls, bis ich hörte, was die Bedingung sein sollte. „Sagen wir der alte Gregor meinte es lustig mit uns und es sollte mich zuerst erwischen… hab ein Auge auf Margory und die Kinder, ja?“ Da war er mit einem Mal, Ardins Blick in dem meinen und meine Augen weiteten sich instinktiv ob des ungekannten Ausdrucks, den ich darin fand. Diese wortlos verzweifelte Bitte mit der ich ihm ebenfalls begegnet war. Aber meine Frau, sie war tot, gestorben durch meine Hand. Mein Junge geschunden und ohne sichere Obhut. Ich hätte dieselbe Furcht nicht in Ardin vermutet. „Ich bitte dich. Es muss nicht heute und nicht morgen sein, ich hoffe doch uns bleibt noch etwas Zeit. Es geht auch nicht um die Mittel, nur darum, dass sie jemanden haben... Dass...“ Ich starrte Ardin noch immer in derselben beschämend beschränkten Fassungslosigkeit entgegen, als sei ich nicht einmal in der Lage den Inhalt der Worte zu begreifen. Dabei tat ich das nur zu eindrücklich. Vielleicht hätte es mich verwundern sollen, dass Ardin ausgerechnet mich das fragte, aber nach allem, was bereits gesagt war, tat es das schon gar nicht mehr mit dieser Wucht. Es fügte sich vielmehr in ein Bild zusammen, dass ich nie zuvor gesehen hatte, aber das in sich betrachtet eine erschreckende Logik ergab. Es war nicht das, was mich innerlich erstarren ließ. Es war viel mehr… Meinem Jungen blieben die paar erkauften Jahre der Freiheit, aber der Tag, da er dem Teufel gehören würde, war gewiss. In vierzehn Jahren würde ich aller Wahrscheinlichkeit nach nichts mehr für ihn tun können. In vierzehn Jahren war alles, was noch in meiner Macht stand getan, all mein Nutzen verbraucht. Dann war der Tag gekommen, da ich für Judiths Tod Sühne tragen konnte, sei es durch die Justiz dieses Landes oder meine eigene Hand. Das war der Pakt, den ich mit mir selbst geschlossen hatte. Der Pakt mit dem ich mein unbescholtenes Weiterleben, die Vertuschung Judiths Todesumstände, ja, selbst sie zu einer vermeintlichen Selbstmörderin gemacht zu haben vor mir selbst rechtfertigte. Meinem Jungen beizustehen, solange es mir gegeben war und sobald dieses letzte Werk getan war, zu büßen, was ich Unverzeihliches getan hatte. Es hatte etwas fast Tröstliches diese Tage gezählt zu wissen. Die Tage, die ich mit meiner ewigen Schuld noch würde leben müssen, bevor ich mich endlich der Gerechtigkeit beugen würde. Das war mein letzter verbliebener Anstand, den Ardin nun ins Wanken brachte.

„Würdest du es tun?“

Wie könnte ich Ardin das versprechen? Wenn ich doch wusste, dass mir nur noch diese Jahre blieben? Wenn ich ihm das versprach, dann… musste ich dann nicht auch zu meinem Wort stehen? Musste ich dann nicht so lange am Leben bleiben, so es mir gegeben war, um im unseligen Fall der Fälle für Ardins Familie da sein zu können? Ich wäre ein unverzeihlicher Feigling Ardin in dieser Sache zu hintergehen, wenn ich ihm mein Wort geben würde. Aber wäre ich nicht derselbe Feigling, gäbe ich jetzt dieses Versprechen und würde es dann zur Ausrede nutzen der Gerechtigkeit weiter zu entgehen? Mich an mein verdammtes Leben zu klammern, dem Tod und der seelenlosen Verdammnis, die ich so unendlich fürchtete, noch länger zu entfliehen, obwohl ich sie doch bei all meinen unverzeihlichen Taten so unmittelbar verdient hatte?

„Ardin… Alles was in meiner Macht steht. Ich werde es tun“, erwiderte ich ernst, fast heftig, den Mund wie ausgetrocknet und Ardin noch immer mit aufgerissenen Augen anstarrend.

14 Jahre waren eine lange Zeit, um mich der moralischen Implikationen dieser wenigen Worte bewusst zu werden. Einen Ausweg aus dieser Zwickmühle zu finden und wer wusste, ob ich diesen Tag überhaupt je erleben würde, an dem ich mich entscheiden müsste, die eine oder die andere Verpflichtung zu verraten.


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Only the winds - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:28
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