Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
30.09.1850, Pavillion Theatre in Whitechapel
Society of The last juvenile night Rudeness
„Oranges and lemons?“, fragte ich.

„Say the bells of St. Clement´s!“, antworteten mir vier meiner Kinder.

„Bull´s eyes and targets?“„Say the bells of St. Margaret´s!“ Nur Frederick und Ben blieben stumm und taten ein bisschen so als wären wir anderen nicht da. Sie hielten sich für zu alt für Kinderreime. Es war mir egal. Immerhin hatte Frederick noch genügend jüngere Geschwister, die sich noch nicht zu schade dafür waren, ihrem alten Herrn einen Gefallen zu tun. „Brickbats and Tiles!“„Say the bells of St. Giles!“ Im Rufen schlug mein Jüngster, Enoch mir mit den Beinen gegen die Brust. Ich hatte ihn mir auf die Schultern gesetzt wo er sich sichtlich wohlfühlte. Mit sieben Jahren würde er bald zu groß dafür sein. Aber er kam nach seinem Vater und war bislang deutlich zu klein für sein Alter. Daran war ganz offensichtlich nicht alles schlecht. Ich legte dennoch versichernd die Hände um seine Beine. Damit er mir nicht herunter kippte. Und damit er seinen Vater nicht aus Versehen umbrachte.

„Halfpence and farthings?“„Say the Bells of St. Martin´s!“ Maude lief munter vor uns her und lieferte sich ein nicht all zu ernstes Fangenspiel mit Jackdaw. Ich hielt die Augen offen, damit sie mir nicht abhanden kam, nutzte Jackdaws Augen ab und an mit, um den Überblick zu behalten. Auf dem Weg hierher war ich strenger gewesen, hatte sie zusammen gehalten. Aber wir waren mittlerweile auf der Whitechapel Road und auf dem besten Wege zum Pavillion Theatre. Hier war die Straße breit und übersichtlich genug um die Zügel ein wenig zu lockern. „Old shoes and slippers?“„Say the bells of St. Peter´s!” Frederick verdrehte die Augen. Ich grinste munter. Vielleicht brachte es mir auch einfach Spaß, ihm peinlich zu sein. „Two sticks and an apple!“„Say the bells of Whitechapel!!!“ Das glorreiche Finale und die Kinder wussten es. „Richtig!“ Ich grinste breit und löste eine Hand von Enochs Beinen um Jacob neben mir das Haar zu zerwuseln und damit seine Sonntagsfrisur zu zerstören. Er protestierte lautstark und ich grinste nur noch mehr, zufrieden mit meinem Werk. Der Reim ging noch weiter und endete unter anderem damit, dass jemand seinen Kopf verlor, aber der Abend war ja noch lang, also noch genug Zeit, um meinem Ältesten auf die Nerven zu gehen, der jetzt Seite an Seite mit Ben, Otis‘ Sohn zu Maude aufschloss um Abstand zu uns zu gewinnen.

Die Kinder trugen Sonntagskleidung, ohne dass Sonntag gewesen wäre. Aber der Tag war trotzdem etwas Besonderes. Besser als Sonntag. Im Pavillion Theatre war Zirkus. Normalerweise gehörten die Tickets nicht gerade in Otis‘ oder meine Preisklasse. Die Kinder hatten schon des Öfteren schmachtend die Plakate angestarrt, die sie für die Programme des Theaters in der Whitechapel Road aufhängten, ohne dass wir ihnen diesen Wunsch je hätten erfüllen können. Oder wollen. Das Pavillion Theatre mochte in Whitechapel liegen, aber es hatte mit seiner Nachbarschaft wenig gemein. Die meisten seiner Besucher kamen von außerhalb um sich für ein paar Stunden dem Gefühl hinzugeben, in dem ärmsten Teil der Stadt auf Augenhöhe mit dem Pöbel zu sein. Nur der Pöbel durfte dabei nur niemals auf Augenhöhe mit ihnen kommen. Klare Sache. Und der Betreiber gab sich alle Mühe, ihnen dieses Erlebnis fleißig zu verkaufen. Er war sogar so munter dabei, dass er hin und wieder einfach vergaß, sich Lizenzen zu besorgen. Dafür musste man Verständnis haben, wenn jemand so bemüht um sein Geschäft war. Das konnte man auch, sehr gut sogar, man konnte dann sogar vergessen, dass es überhaupt keine Lizenzen gab, wenn man…. Ja, wenn man dafür freien Eintritt bekam. Für sich und für die Kinder. Tja, dann, ja dann konnte man durchaus Verständnis zeigen.

Und so konnten wir unseren Kindern wenigstens einmal etwas bieten, das sie sich schon lange genug gewünscht hatten. Einmal im Jahr war es mir dann doch ein Vergnügen, meine Kinder zu verwöhnen. Selbst wenn ich gezwungen war, Otis Rhode dabei mitzunehmen. Aber immerhin war sein Sohn dabei. Wenn sich Otis aus dieser Sache heraus geredet hätte, dann hätte ich ihn also höchstpersönlich aus seiner verdammten Wohnung mit dem verdammten fließenden Wasser gezerrt und zum Pavillion Theatre geschleppt. Glücklicherweise war das nicht notwendig gewesen. Nicht bei Freikarten. „Und wir bekommen sicher ein Eis, Paps?“, fragte Samuel und drehte sich zu mir um. „Ihr bekommt sowas von ein Eis, mein Junge.“, erklärte ich inbrünstig während bereits der Eingang des Theaters in Sicht kam und schielte dann doch grinsend an Enochs Bein vorbei zu Mister Rhode rüber. „Und wenn ihr brav seid, dann organisiert euch Onkel Otis vielleicht sogar Souvenierkarten…“


Nachrichten in diesem Thema
The last juvenile night - von Ardin James - 20.01.2022, 20:42
RE: The last juvenile night - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:43



Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste