„Sie meinen nicht uns, Nico.“ Asyas Stimme klingt durch die Stille im Abteil. Sie fällt mir erst auf als sie zerstört wird. Das gleichmäßige Rattern der Zugräder auf den Schienen hat sie bis eben gefüllt. Die Sekunden für mich in meinem Kopf gezählt. Ich sehe an der Art wie Nico impulsiv den Kopf hebt, mich plötzlich ansieht, wie sehr in Asyas Worte treffen. Ich starre in seinen Blick und in meinen Schmerz mischt sich Irritation. Langsam dringt die Bedeutung der Worte in mein Bewusstsein. Uns. Weshalb uns? Weshalb hätte ich Nico meinen sollen? Weshalb hätte Nascha Nico meinen sollen? Womit? Und plötzlich verstehe ich es. Die Schande. Die Scham. Sie… sie haben das auf sich bezogen. Aber weshalb? Weshalb sollten die beiden sich schämen? Nico und Asya? Was ist an ihnen verwerfliches? Weshalb hätte ich mich für sie schämen sollen? Wie könnte ich? Nikola ist mein Bruder. Nascha dreht am Rande meines Sichtfeldes den Kopf herum, sieht zu mir und drückt die andere Wange in Asyas Fell. Sie fühlt meine Verwirrung. „Sie sind Diener, Anis.“, sagt sie leise, fast behutsam, aber in dem selben Ton, den auch Asya an ihren Menschen gerichtet hat. Ich starre weiterhin in Nikolas Blick. Kann mich nicht rühren. Ich fühle mich wie ein lerngestörtes Kind, während mich die Verwirrung auffrisst. Nascha hat es längst verstanden. Nur ich stelle mich wieder an und verstehe rein gar nichts. Ich würde das zu gerne ändern. Aber ich bin wie blockiert. Und weil sie Diener sind… weil sie Diener sind, sollte ich mich für sie schämen? Denkt Nico das? Dass seine Position ein Grund zum schämen sei? Ausgerechnet er? Und mit einem Mal verstehe ich es. Kommt es zu mir. Wie mit einem einzigen umgelegten Hebel. Ich habe Nico verletzt. Er hat die Scham, wie Nascha sie genannt hat, auf sich bezogen. Er glaubt ich schäme mich für ihn. Weil er ein Diener ist. Das ist so weit weg von jeder Realität. Ich könnte niemals so denken. Aber wie soll ich ihm das sagen? Wie soll ich ihm sagen, wie die Wahrheit aussieht? Wie soll ich solche Dinge aussprechen? Ich kann sie kaum mir oder Nascha gegenüber ertragen. Sie könnte es aussprechen. Nascha müsste die Probleme lösen, die sie mit ihrem losen Mundwerk angerichtet hat. Aber ich habe das Gefühl als müsste ich das selber tun. Nascha würde nur noch mehr Unheil anrichten. Sie hat über meine Gefühle gesprochen. Und dabei hat sie nicht gelogen. Es sind meine Gefühle, ich muss sie erklären. Nicht Nascha.
Wenn es mir nur nicht so schwer fallen würde. Ich sehe die Verwirrung und die Wut in Nicos Zügen. Ich sehe zum ersten Mal seit wir uns wieder gesehen haben die blanken Emotionen auf seinem Gesicht. Für jeden anderen mag sein Ausdruck kühl und nichtssagend wirken. Aber ich bin mit ihm aufgewachsen. Zumindest ein paar Jahre. Genug um die kleinen Anzeichen zu kennen. Die Gefühle zu spüren, die dort vor sich gehen. Es schmerzt mich so sehr, ihn verletzt zu haben. Dass Nascha diese Dinge angestellt hat. Meine Gefühle ohne nachzudenken genutzt hat und damit ein Missverständnis geschaffen hat, das ihn so heftig getroffen hat. Das ist so weit weg von allem was ich mir in diesem Moment wünsche. Ich will etwas sagen, ich will es gerade biegen. Aber ich kann den Mund nicht öffnen. Es ist als wäre er gewaltsam verschlossen. Ich sitze nur hier und starre Nico an wie ein verblödeter Trottel. Gefangen in meinen Gefühlen, unfähig zu handeln. Ich weiß immer was zu tun ist, in jeder Situation. Jetzt nicht mehr. Ich kann es ihm nicht sagen.
Nascha schweigt. Ich spüre ihren Blick auf mir brennen. Langsam drehe ich doch noch ein wenig den Kopf, senke den Blick zu ihr hinunter. Meine Bewegungen fühlen sich steif an. Ich treffe auf ihren Blick. Fast behutsam sieht sie mich aus ihren runden dunklen Eulenaugen an, während sie dort einfach flach auf Asyas Körper liegt und atmet. Sich sonst nicht rührt. Aber mich ansieht. Sie ist so weich, so klar und aufrichtig. Ich will ihr sagen „Ich kann es nicht“. Und bringe kein Wort hervor. Aber sie versteht mich auch so. Während ich schlucke, blickt sie nur zurück. Und ihre Augen sagen behutsam: „Du kannst es. Du schaffst das. Ich bin bei dir.“ Worte die ich nur selten von ihr höre. Aber ich sehe sie in ihrem Blick. So klar und aufrichtig. Es bricht mir fast das Herz.
Ich presse Augen und Lippen zusammen, atme tief und bebend durch. Der Atemzug fällt mir schwer. Als sei meine gesamte Brust verkrampft. Ich zwinge mich, mich zurück zu lehnen. Senke den Blick, sehe auf meine Hände, deren Rücken auf meiner Anzughose ruhen, die Handflächen nach oben geöffnet. „Sie haben mich auf Dode Manor nicht nur wegen der Erbfolge gelassen. Sie haben mich dort gelassen und dich mitgenommen damit Lady Kentfordshire keine Eifersucht mehr hegen kann. Sie haben… Mutter… keine Wahl gelassen. Und ich erinnere mich noch daran wie sie sich von mir verabschiedet hat und gesagt hat, dass sie ruhigen Gewissens gehen kann, weil sie weiß, dass es mir gut gehen wird, dass ich alle Chancen haben werde, die man in dieser Welt nur haben kann. Dass du und sie, dass ihr klar kommt, in dem Wissen, dass es uns gut geht. Sie hat noch diese üblichen Dinge gesagt. Dass ich artig sein soll und solche Dinge. Aber vor allen Dingen, dass ich leben soll.“ Ich sehe auf meine Hände, auf die feinen Kerben darin. Die Narben von Naschas harten Krallenschlägen, wenn sie etwas zu fest zugeschlagen hat. Sie gehören dorthin als seien sie seit meiner Geburt Teil meiner Haut. Ich schüttle den Kopf, fassungslos, wütend über mich selbst, hebe den Kopf und sehe hinaus in die Stadt, die an uns vorüber zieht. „Ich hätte leben sollen. Jede Chance nutzen, die sich mir bietet. Für sie. Für euch. Damit all das einen Zweck hatte, einen Sinn… Stattdessen…“ Ich löse den Blick, richte ihn gegen die Decke und werfe kraftlos die Hände hoch. Eine hilflose Geste, als sie dieses Abteil, als sei dieser Zug Sinnbild meines verkorksten Lebens. Bitter senke ich den Blick, sehe wieder hinaus. Dann direkt wieder hinein, sehe zu Nascha. Zufrieden sieht sie mich an und schnäbelt an Asyas Haaren in ihrem Eulengesicht, als sei sie ein kleines Küken. Ernst sehe ich zu Asya hinüber. Ich schaue sie an, weil ich Nico nicht in die Augen sehen kann. So, kann ich wenigstens einem von ihnen den Respekt zollen, der sich gebührt. Und ich meine ihn, als ich spreche. „Bitte denke nicht, ich würde dich für irgendetwas verurteilen. Ich bin weit näher daran ein Dienstbote zu sein als an allem was sich unsere Mutter für mich erhofft hat. Du hast wenigstens alles getan was in deiner Macht stand. Ich dagegen ende als Davies‘ persönlicher Laufbursche.“ Bitter hebe ich kurz die Brauen und sehe dann finster wieder hinaus auf die Stadt. Ich kann die Wut nicht verbergen, die in mir brodelt. Ich habe sie noch nie mit dieser Heftigkeit gespürt. In den letzten Jahren ist sie ein ständiger Begleiter für mich geworden. Aber mehr wie ein dumpfes Gefühl am Rande meiner Wahrnehmung. Nichts das man greifen, nichts das man benennen konnte. Ich werde mir ihrer zum ersten Mal in diesen Ausmaßen bewusst, als ich über sie spreche. Und ich habe lange Zeit nicht mit einem anderen Menschen so gesprochen. Nascha ist alles was ich mir an Vertrautheit erlaubt habe. Und es hat mir gefehlt. So sehr es auch schmerzt. Ich bilde mir auch jetzt wieder ein, gegen alles gewappnet zu sein, was jetzt kommen mag. Es willenlos hinzunehmen. Egal was Nico dazu sagen wird. Aber wahrscheinlich täusche ich mich genauso wie zuvor. Ich bin es nicht mehr gewöhnt, verletzlich zu sein. Und es fällt mir schwer stillzuhalten, während ich die Nähe zulasse.

