Ich spürte, dass Cyneburg etwas entdeckt hatte, auf dass sie mich eigentlich gar nicht aufmerksam machen wollte. Weil ich es gar nicht verdient hätte von ihren herausragenden Fähigkeiten zu profitieren. Widerwillig drehte ich den Kopf ein wenig, in dem Versuch herauszufinden was Cyneburg bemerkt hatte, ohne ihr mein Interesse zu stark zu zeigen. Ich fing Ardins Blick auf, der mir glücklicherweise - und der Teufel verfluche dieses Wort in einen Satz mit James genannt zu haben - einen passablen Grund gab, um mich wieder dem Geschehen zuwenden zu können. Der Ausdruck in seinen dunklen Augen sprach Bände und unter anderen Umständen hätte alles was es schaffte James so eine Miene zu verpassen meine sofortiges Wohlwollen, in diesem Fall jedoch sagte es mir, was uns bevorstand. Ich nickte nur, hörte den Flügelschlag der Dohle und wandte mich Cyneburgs Blick folgend der Mauer zu. Dem Tower blieb auch wirklich gar nichts erspart, jetzt wurde er bereits zum Kletterspaß für Vampire. Manchmal fragte ich mich ja ob jeder Vampir den Spieltrieb einer Katze besaß, ob es wohl ein innerer Drang war, der sich aus der Verwandlung ergab. Selbst wenn Langford der einzige war, den ich kannte, der so munter auf Mauern und Bäumen herumtollte und von ihnen hinabzuspringen pflegte, als wäre er noch jünger als sein über die Jahre unverändert bubenhaftes Antlitz. Aber meine Bekanntschaften unter Blutsaugern waren nun auch nicht besonders ausgeprägt und mein Interesse an ihrer Spezies war es noch so ungleich weniger. Bei barem Geld war es das deutlich mehr und das war Langford wert, also verzog ich keine Miene, als er gewandt im Tower Garden landete und uns einen Guten Abend wünschte. „'Abend“, erwiderte ich knapp, während Ardin es bei einem Nicken beließ.
Es folgte etwas, das ich nicht einordnen konnte, also schwieg ich. Die Misere des Sonnenlichts unter der jeder Vampir litt, war mir bekannt, aber selbst wenn nicht hätte mich ein Bote kaum gekümmert. Wenige unserer wohlhabenden Auftraggeber nahmen Termine außerhalb ihrer Häuser in die sie uns gelegentlich rufen ließen, persönlich wahr. Aber die Erklärung war höflich und so nickte ich beiläufig. Das wahre Anliegen des Vampir ließ nicht mehr viel länger auf sich warten. Mein flacher Blick verfolgte die Züge Langfords als er sprach. Eine besondere Aufgabe also, das klang vielversprechend lukrativ. Ausdruckslos nahm ich die Akte entgegen, die mir gereicht wurde, versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich davon verwundert war. Kurz öffnete ich den Umschlag, aber es war nichts anderes darin, als man hätte erwarten können. Mit dunkler Tinte beschriebene Blätter, mehr nicht. Würde Langford uns die Dokumente zu diesem Fall überlassen oder hatte er einen Mann beauftragt Abschriften zu erstellen? Ein ungewöhnlicher Zug. Ich schloss die Akte wieder, nicht ganz sicher was ich damit anfangen sollte. Selbst wenn mir das Lesen leichter gefallen wäre, hätte ich bei diesen Lichtverhältnissen kaum eine Chance gehabt etwas davon zu entziffern. Immerhin musste ich mir dadurch nicht die Blöße geben die Papiere an James weiter zu geben. Dafür genoss ich es zu sehr, wenn die Leute meinten ich könne mehr mit Schriftstücken anfangen als ein Ardin James, was - so leid es mir tat - eine Fehleinschätzung war.
Ardin stellte eine Frage, so dass Langford sein Vorhaben präzisieren konnte. Mary-Jane Williams sagte mir nichts. Ich wusste nicht welcher Division der Fall gehörte oder welche Probleme Langford mit dem Fall haben könnte, aber ich war mir gewiss der Staatsanwalt würde sich noch ausdrücken wissen. Wir würden schon zu einer Lösung kommen, die dem guten Mann zum Vorteil gereichte - das waren wir bisher noch jedes Mal. Ardins knapper Blick traf mich, aber es war zu früh für ein Urteil, ich deutete einen Moment auf die Unterlagen, wandte mich an Langford. „Sind das Abschriften oder wird Ihr Bote die Unterlagen morgen wieder abholen?“, fügte ich knapp hinzu, um zu wissen welcher zeitliche Rahmen uns blieb die Akte zu sichten.

