Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
27.09.1848, Brockwell Park bei Ravenna Blacks Wohnhaus
Society of Foreign pilgrims Rudeness
Für den Bruchteil einer Sekunde schloss ich die Augen, mir nur selten in dieser Klarheit bewusst darüber, dass ich meine Seele wohl ohne zu Zögern ein zweites Mal verkauft hätte, hätte ich im Ausgleich dazu nur ein paar kostbare Momente Frieden vor Ardin James‘ unseligem Gejammer. Jedem mit guten Pence bezahlten Trauerweib hätte der noch eine Lektion erteilen können. Nicht dass ich damit nicht vertraut wäre, in aller Regel konnte ich Ardins Gezeter ausblenden, aber mit der heutigen Unternehmung wusste sich der zu kurz geratene Mann neben mir einmal mehr selbst zu übertreffen. Gratulation, ehrlich. Cyneburg ihrerseits trabte wie üblich weit voraus, egal wie häufig ich sie schon zurückgepfiffen hatte. Den in einer Sache mochte Ardin wohl recht haben, wir hatten uns weit aus unserem Revier entfernt. Ich wollte vermeiden der L Division in die Arme zu laufen, ebenso, war ich mir Gewahr darüber, dass ein weit vorausstreunender Hund von Cyneburgs Größe und grobschlächtiger Statur hier für Aufsehen sorgen würde. Aber natürlich hörte sie nicht auf mich. Es wäre ebenso aussichtlos sie von ihrem Erkundungsdrang abzubringen, wie Ardin dazu zu bringen für wenige Augenblicke einmal nicht über die Mühen des Fußmarsches – und was immer ihn daneben gerade störte – herzuziehen.

Ardin blieb stehen, ich betrachtete das Haus prüfend und muss missgünstig feststellen, dass es wohl das Richtige sein mochte und ich nicht einmal etwas einwenden konnte. Aber natürlich beließ James es nicht dabei, das richtige Haus gefunden zu haben, nein, er lamentierte direkt weiter vor sich hin. 

„Wär‘s dir lieber, wenn die wieder einen aufgeknüpften Hahn vor der Tür hängen hätte?“, brummte ich mürrisch zurück. „Der bei der letzten hing da bestimmt schon seit zehn Tagen dem Gestank nach.“ Nicht dass es bei jenem schäbigen Kabuff nahe der Themse, in das uns unsere letzte Suche geführt hatte, noch darauf angekommen wäre, dort war der Gestank ohnehin allgegenwärtig. Ich war trotzdem froh keinen toten Hahn oder anderen vermeintlich schwarzmagischen Hokuspokus vor der Haustüre hängen zu sehen. Nein, die Adresse hier war sauber und gepflegt. Ein seltener Anblick. Nicht nur für eine angebliche Hexe auch… – mein Blick ging fast ein wenig scheu die Straße auf und ab… –  ganz allgemein. Ardin und mich hatte es vor etwa acht Jahren nach Whitechapel versetzt und entgegen seines Rufes hatte auch unser Viertel die gepflegteren Straßen, sauber und ruhig, aber dort waren wir selten zu Gast. Es war merkwürdig wie sehr man sich an den Anblick dreckgesäumter Straßenzüge, heruntergekommener Häuser und ausgezerrter Gesichter gewöhnen konnte. So sehr, dass es einen fast einschüchtern konnte, ließ man all das hinter sich und stand in einer Straße auf der Westseite der Themse, einer Straße wie dieser. Einer Straße, die einen beinahe glauben ließ, dass der vielfach gepriesene Fortschritt in all den rasenden Veränderungen unserer Zeit tatsächlich den Weg in eine bessere Zukunft bereiten könnte.

Wir hätten falsch sein müssen, denn von einer schwarzen Tür unter lauter minzgrünen Exemplaren in der unmittelbaren Nachbarschaft einmal abgesehen, wer erwartete hier schon eine Hexe? Mit sauber gestrichenem gusseisernem Zaun vor dem gepflegtem Vorgarten und in guter Umgebung. Doch genau dieser Fakt nährte meine Hoffnung. All die Anderen hatten gewirkt als seien sie die düsterste Saat des Teufels und keiner davon hatte sich als Hexe herausgestellt. Hier dagegen… Hochmütig begegnete ich Ardins Blick als er geradeso weitermeckerte. Dabei musste ich mir selbst eingestehen – und der Dunkle Herr bewahre, dass ich Ardin das eingestand – dass ich trotz jedem Tipp, trotz jeder verschwommenen Erinnerung, trotz jedem Bauchgefühl mit jedem Schritt unsicherer geworden war. Wäre eine Menge verschwendete Energie und Zeit, wenn das hier ein weiterer Reinfall werden sollte und das sollte diese teufelsverfluchte Betrügerin, so sie denn eine war, zu spüren bekommen – davon hatten wir verdammt nochmal zu viele gehabt in letzter Zeit. Aber das würde auch nichts daran ändern, dass Ardin James mir das in diesem Fall bis zu meinen Lebensende vorhalten würde. Ich schnaubte spöttisch über Ardins nächste frotzelnde Kommentare, hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich erwartet, dass ihm das Maul mittlerweile so sehr schmerzte wie die Füße, aber darin war der Knabe unerwartet ausdauernd. Kurz entschlossen trat ich an James vorbei, bereits drauf und dran mit der Faust gegen die Türe zu hämmern, als ich mich eines besseren besann. Ich betätigte den schweren Türklopfer ganz wie sich das gehörte und Ardin auf meiner einen, Cyneburg mittlerweile zu meiner anderen Seite wartete ich geduldig ab.


Nachrichten in diesem Thema
Foreign pilgrims - von Ardin James - 20.01.2022, 20:52
RE: Foreign pilgrims - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:53
RE: Foreign pilgrims - von Ardin James - 20.01.2022, 20:55
RE: Foreign pilgrims - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:55



Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste