Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
27.09.1848, Brockwell Park bei Ravenna Blacks Wohnhaus
Society of Foreign pilgrims Rudeness
Uns wurde geöffnet und es überraschte mich einer Frau gegenüber zu stehen, die allem Anschein nach die Hausherrin war und nicht etwa eine Bedienstete. Ihre Augenlider waren von geheimnisvoller Tiefe, aber ihre Mundwinkel hatten einen grausamen Zug, selbst während sie sprach und als mein Blick von ihren edlen, blassen Zügen abwich, konnte ich im Gang hinter ihr auf einer Stange hockend den Raben erkennen, von dem die Dohle wohl berichtet hatte, starr als sei er ausgestopft. Im Augenwinkel bemerkte ich, wie Cyneburg etwas merkwürdiges tat. Sie senkte den massigen Körper tiefer, die Nase fast am Boden, witternd. Abgelenkt von diesem seltsamen Verhalten herrschte ich sie an, was sie meinte da zu tun. Aber ihre Antwort war zögerlich. So zögerlich, dass es meine Aufmerksamkeit nur noch so viel mehr fesselte. Die weit geöffnete Türe, nichts weiter als die schmalschultrige Frau, die es bei Seite zu schieben galt, um ins Innere zu gelangen, was uns wiederum weit größeren Handlungsspielraum gegeben hätte, an die Antworten zu kommen, nach denen es uns verlangte, als hier auf der Straße – das alles kam einer Einladung gleich. Aber Cyneburg warnte mich. Sie wusste nicht zu sagen, was es war, aber sie verlangte, dass ich genau hier stehen bleiben sollte – und wer wäre ich schon gewesen meinem dummen Köter von einer Vertrauten zu widersprechen. Herrlich. Ardin erwies sich als nicht minder nicht hilfreich. Na denn. Blieben wir eben hier stehen und sprachen an der Türe vor wie Bittsteller, die wir genau genommen ja auch waren. 

Mit einem Mal war ich wieder elf Jahre alt, eines der ersten Male auf Londons zahlreichen Kanälen unterwegs, die Hände schwarz von der Kohle, die wir aus Northampton den Fluss Nene hinab damals noch über den Grand Junction Canal Richtung Süden nach Brentford, London, transportiert hatten. Die kleinen Häfen der zahlreichen Flüsse, die London durchzogen, abklappernd und Kohle an die Haushalte dort verkaufend. Wenn wir irgendwo für eine längere Zeit Halt machten, konnte ich manchmal mit den Kindern spielen, die geschickt worden waren, unsere Kohle zu kaufen. Murmel- oder Würfelspiele um die paar Pence in unseren Taschen. Den meisten Spaß brachte das Spiel mit den Dienstjungen, die immer irgendwelchen Klatsch aus den vornehmen Häusern zu berichten hatten. Es gab eine Geschichte, die hatte ich nie vergessen. Sie wurde noch über Jahre hinweg weitererzählt, von den unterschiedlichsten Burschen, in den unterschiedlichsten Varianten und jedes Mal wurde sie ein wenig blutiger, ein wenig gruseliger, bis sie gänzlich zu einer Geschichte aus der Welt der Sagen geworden war. Aber ich hatte sie damals von dem Jungen gehört, der als erstes behauptet hatte, dabei gewesen zu sein. Nicht älter als ich selbst war er gewesen, blass, während seine Freunde ihn genötigt hatten den versammelten Kindern in unserer Runde zu erzählen, was er gesehen hatte. Tee hatte er serviert, aber weil der Besuch seiner Herrschaften ihm doch so wunderlich erschien, war er später vor der Tür stehen geblieben und hatte durch den Spalt gelinst. Und was er zählt hatte, hatte so unfassbar geklungen, dass wir alle ihn später ausgelacht hatten. Den Geist eines Toten hätte die fremde Dame heraufbeschworen, so hatte es der Junge jedenfalls berichtet. Einen bösen Geist, der das Zimmer verwüstet und die Herrschaften verletzt haben soll. Natürlich hatte ich gelacht, wie all die anderen Kinder auf der Straße gelacht hatten, aber in den Nächten hatte diese Geschichte und das blasse Gesicht des Jungen mich noch lange verfolgt. Bis ich schließlich meinem Vater davon erzählt hatte. Die Ohrfeige, die ich dafür gefangen hatte, würde ich auch nicht mehr vergessen. Weil es so etwas gotteslästerliches wie Geister oder Hexen schließlich nicht gab. Nun ja, ich wusste jedenfalls heute, wie es darum stand. Die Geschichte von damals hätte ich trotz allem in die Welt der Sagen verortet, wäre da nicht der Name jener unheilvollen Besucherin damals gewesen. Ein Name, der mir kürzlich wiederbegegnet war. Ein Name, der so wunderlich düster klang, wie die Erzählung selbst und der sich später passend in die zahlreichen Spukgeschichten eingefügt hatte: Ravenna Black. Es wäre eine Lüge gewesen zu sagen, dass mir heute nicht derselbe Schauer über den Rücken gelaufen wäre wie damals.

„Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, Madame Black“, begann ich mit höflichem Lächeln. „Man hat uns Ihre Dienste empfohlen, wenn es einem nach Antworten verlangt, die kein Lebender einem zu Geben bereit wäre.“ Weiterhin sah ich der Dame in argloser Bescheidenheit entgegen. Es war ihre Entscheidung, ob sie weiterhin vor der Türe mit uns sprechen wollte, doch ich wollte ihr immerhin die Gelegenheit für Diskretion einräumen. Immerhin war das hier ja scheinbar eines der ganz exklusiven Geschäfte.


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Foreign pilgrims - von Ardin James - 20.01.2022, 20:52
RE: Foreign pilgrims - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:53
RE: Foreign pilgrims - von Ardin James - 20.01.2022, 20:55
RE: Foreign pilgrims - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:55



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