Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
16.04.1822, Brunswick Quay am Greenland Dock in Rotherhithe, London
Society of Cling and fail Rudeness
drearily and tired
the hours all spent on killing time



again all waiting
Wir standen vielleicht seit anderthalb Stunden vor den gusseisernen Toren des Greenland Docks, irgendwann war ich müde geworden die regelmäßigen Schläge der nahen Kirchturmuhr zu zählen, geschweige denn einen Blick in Richtung des alle umliegenden Gebäude überragenden Turms zu werfen. Das erste blasse Sonnenlicht vermischte sich bereits mit den Lichtern der umliegenden Gaslaternen und machte die Wahrscheinlichkeit auf Arbeit mit jeder verstreichenden Minute geringer. Ich fragte mich, ob es sich wohl noch lohnte weiter hier im nieselnden Regen stehen zu bleiben. Gestern hatte der Vorsteher unserer Wohnbarracke uns wenig Hoffnung gemacht an diesem Tag Arbeit zu finden, aber am Morgen hatte er uns schließlich doch in aller Frühe aus dem Schlaf gerissen. Einem Gerücht nach, bestand für jeden arbeitsfähigen Mann, der sich in den morgendlichen Stunden am Brunswick Quay einfand die Chance guten Lohn zu machen. Ein Gerücht war immerhin besser als ein Tag des untätigen Hungerns. Die Arbeit war rar gewesen in den letzten Wochen und das nagende Gefühl des ungefüllten Magens war mein ständiger Begleiter geworden.

Die Möglichkeit auf Arbeit konnte ich nicht verstreichen lassen, also hatte es mich noch im Dunklen mit den anderen Dockarbeitern in den kalten, regnerischen Aprilmorgen hinaus getrieben. Inzwischen fragte ich mich jedoch ob die Aussicht auf Arbeit nicht doch nur ein Gerücht bleiben sollte. Vielleicht sollte ich mich auf zur St. Mary's machen. Die Kirche unterstütze die Dockarbeiter mit ihrer Mildtätigkeit und im Ausgleich übernahm unsereins allerlei Hilfsarbeiten in der Instandhaltung des Gotteshauses. Die Arbeit dort würde mir zwar am Abend keinen in barer Münze ausbezahlten Lohn einbringen, aber vielleicht konnte ich auf irgendetwas Essbares hoffen und selbst wenn nicht, half beschäftigt zu sein noch immer am besten gegen jedes Hungergefühl.

Außerdem, und der Gedanke allein trieb meinen Herzschlag in die Höhe, würde ich vielleicht wieder einen Blick auf dieses eine Mädchen werfen können, das regelmäßig in der Kirche aushalf. Zu Ostern vor etwas mehr als einer Woche hatte sie Kränze aus Frühlingsblumen geflochten, um die Kirche für den Gottesdienst zu schmücken. Ich wusste inzwischen welche Blumen ihr die liebsten waren und ich wusste in welchen Mauerritzen die zarten, hellen Blüten wucherten wie Unkraut. Ich könnte auf dem Weg von hier ein paar für sie Pflücken, ihr vielleicht ein Lächeln entlocken, das mir jedes Mal bis ins Mark ging... Längst waren die paar verstohlenen Worte, die wir ab und an ausgetauscht hatten zu langen Gesprächen geworden, wann immer uns die Gelegenheit dafür blieb. Und das Gefühl ihrer weichen Haut unter meinen Fingern, wann immer sich unsere Hände häufiger als jedes Versehen streiften... Als ich Braunston für die Armee verlassen hatte, war ich noch zu jung gewesen um mehr als ein paar unbeholfene Küsse und Berührungen mit einem Mädchen während des Dorffestes ausgetauscht zu haben, gut verborgen vor den Augen der Erwachsenen hinter einem Scheunentor, von der ersten unzüchtigen Tollerei der Jugend getrieben. Meine Unschuld hatte ich schließlich in mehrfacher Hinsicht in der Kolonie verloren. Aber das hier war ein anderes Verlangen, eines, das ich in den zwanzig Jahren meines Lebens noch nicht gehabt hatte. Sicherlich nicht frei von unzüchtigen Trieben und gleichzeitig war dieses eine Mädchen von solcher Reinheit, solcher Schönheit, spürte ich so sehr, dass auch ich ihr gefiel, dass ich mir so viel mehr von ihr wünschte. Dass ich mir so viel mehr für sie wünschte. Nicht von kurzer Hand geleitet von Gottes Wegen abbringen wollte ich sie, sondern im heiligen Gelübde, dass er für uns alle vorgesehen hatte mit ihr vereint sein.

Doch wie sollte ich je auf ein Mädchen wie sie hoffen, wenn es mir nicht einmal gelang den eigenen Magen zuverlässig zu füllen? Diese ewige Frage lag mir wie ein harter unlösbarer Knoten im leeren Bauch und ließ mich verbissen weiter an Ort und Stelle ausharren. Die Männer in meiner Nähe bewegten sich unruhig in der nassen Kälte des Morgens. Traten von einem Bein auf das andere oder liefen durcheinander wie Schafe, aber das war etwas, dass sie einem in der Armee vom ersten Tag an aberzogen. Ich hatte während meiner Ausbildung genug Stunden bewegungslos in Englands dünnem Regen gestanden, als dass die starre Haltung während des Wartens längst mein Unterbewusstsein durchdrungen hatte. Es war immer noch besser als unter der mörderischen Sonne von New South Wales Apell zu stehen, sagte ich mir jedenfalls, während meine dünne Kleidung das klamme Nass immer weiter in sich aufsog.

Bewegungslos stand ich noch immer, als die Anderen um mich herum längst einem dahinwankenden Nachzügler aus einem der unweit gelegenen Pubs auswichen. Jedenfalls sprachen Zustand seiner Kleidung und der üble Geruch dafür, dass es nicht die hartverdiente Arbeit war, die seinen Kopf senkte und seine vorhängenden Schultern beschwerte. Aber es kümmerte mich nicht aus welchem Loch er gekrochen war, er konnte mir so gut ausweichen wie ich ihm – und ich sah überhaupt nicht ein den ersten Schritt zu machen. Nicht während er hier durch uns Dockarbeiter spazierte, als gehöre dem Herrn die Welt. Nur das der zu kurz geratene Kerl es ebenso wenig einzusehen schien auszuweichen und so kam es, wie es kommen musste und der vermaledeite Suffkopf rempelte ungebremst in mich hinein. Ungehalten zog ich die Oberlippe hoch und presste den Kiefer dabei zusammen. Der Bursche sah auf zu mir und es bereitete mir eine gewisse Genugtuung, wie weit er den Kopf dabei in den Nacken legen musste.

Jung war der Kerl, konnte kaum älter sein als ich selbst. Aber wahrlich klein geraten von Fuß bis Haarspitze. Selbst einem anderen Mann gegebüber als mir. Seit ich den ersten Wachstumsschub hinter mir gehabt hatte, war ich als hochgewachsen durchgegangen, etwas das mir meinen Platz bei der Armee gesichert hatte, etwas, das jeden über mein tatsächliches Alter hatte hinweg sehen lassen. Wie sehr das für mich in der Vergangenheit von Vorteil gewesen war, mochte auf einer anderen Seite stehen, aber unter all den anderen hageren und eingefallenen Dockarbeitern, konnte ich mich mit blanker Körpergröße doch immerhin meist für die begehrte Arbeit qualifizieren. Das und der angenehme Fakt, dass die meisten mir bei Streitereien aus dem Weg gingen, war nicht zu verachten. Letzteres galt eindeutig nicht für den Kurzen, der in mich hinein gerannt war. Nein, der hatte direkt die Stirn im breiten Devon-Akzent ausfallend zu werden und zu versuchen mich von sich zu stoßen. Stirnrunzelnd wich ich einen halben Schritt zurück. Mochte ich ihn doch um einen guten Kopf überragen, so war der Bursche doch deutlich kräftiger und sein feistes rundes Gesicht sprühte vor blanker Aggression.

Es war mehr ungezügelte Kraft, als ich von der stumpfsinnigen Herde um mich herum gewöhnt war. Unser dröges Leben bestand aus nicht viel mehr als der Arbeit, die uns die paar Pence für gerade so viel Nahrung und eine Unterkunft einbrachten, die es brauchte um die nächste Arbeit ausführen zu können, das und die gelegentliche Hilfstätigkeit für die Kirche, die uns im Gegenzug jeden Monat ein paar Almosen aus der Kollekte zugestand, um die Miete der Gruppenunterkünfte zu zahlen. Es reichte um dem Arbeitshaus gegenüber dem südlichen Ende der Coburg Street zu entgehen, aber ließ einen trotz allem an den meisten Tagen hungrig und am Rande seiner Kräfte zurück. Niemand hier hielt sich mit unnötigen Auseinandersetzungen auf, selbst den kleinsten Reibereien gingen die meisten aus dem Weg. Und ich fügte mich seit wenigen Monaten, seit ich dieses Land wieder betreten hatte, in ihren Reihen ein. Ich war einer von ihnen, ein braves Schaf dieser Herde, das unbescholtener Arbeit nachging, das kein Gebet ausließ und sich für das Heilige Haus der Kirche aufopferte. Ein anständiger Mann, der vergessen konnte wie schändlich er Gottes Ordnung in den Jahren seiner Jugend missachtet hatte – und vielleicht würde Gott das eines Tages auch vergessen können oder mir doch wenigstens etwas Frieden zurück geben.

Warum nur war der unbändige Hass der mir von dem Kurzen entgegen schlug, der nach unmittelbarer Erwiderung verlangte, dann wie blanke Energie? Warum trieb es mir die aufputschende Mobilisierung letzter verborgener Kräfte prickelnd durch die Adern und stieg mir mit lang verdrängter Freude zu Kopf?

„Oi, Rhode, der spricht mit dir“, kam es jetzt von einem der Umstehenden, ebenso überrascht wie sensationsgierig. Ich drehte mich zu ihm hin. „Ach ja, Fenn?! Ist mir gar nicht aufgefallen“, knurrte ich ungehalten durch die Zähne. Ein paar Andere lachten verhalten, aber glotzten mich nicht minder herausfordernd erwartungsvoll an wie Fenn. Ich wusste was die Jungs erwarteten, die schon viel zu lang ohne jede lohnenswerte Ablenkung von ihrem miserablen Los warteten. Ich wusste, was der Kurze erwartete. Spätestens als der den Moment der Ablenkung zu nutzen wusste in dem er mir die Faust in die zu ihm hin geöffneten Nieren jagte. Ich grunzte auf vor Schmerz, stieß ihn durch einen ausfallenden Schritt mit dem Körper von mir, aber beließ es damit schon wieder. Ich war zu hungrig, um mich zu schlagen, richtig? Die Energie steckte ich besser in die Stunden auszehrender Arbeit, die mich hoffentlich erwarteten, ja? Einmal davon abgesehen, dass bei einer Prügelei erwischt zu werden bedeutete, dass der Kaimeister einen auf unbestimmt von der Arbeit ausschloss und der Mann hatte ein erschreckend gutes Gedächtnis, für die kleinsten Vergehen. Nicht dass ich nicht gewusst hätte meine Ellbogen einzusetzen, wenn ich mir gewiss sein konnte, nicht dabei erwischt zu werden, aber ich würde keine offene Schlägerei riskieren, wenn der Mann, der mir für den Tag Arbeit geben könnte, jeden Augenblick auftauchen mochte.

„Verpiss dich einfach, Suffkopf“, brummte ich entschieden und mit Nachdruck. Ich warf dem zu kurz geratenem Streithahn einen warnenden Blick zu. Und etwas in mir wusste, dass ich es dabei hätte belassen sollen. Dass, wenn es denn überhaupt eine Chance gab, dass der versoffene Unruhestifter einfach weiter torkelte, sie hier in diesem Moment lag. Darin, dass ich jetzt schwieg und mich nicht weiter provozieren ließ - selbst nicht weiter provozierte. Und doch kamen die Worte über meine Lippen, noch während ich diesen Gedanken hatte. „Vergrab dich mit den anderen zu kurz geratenen Imps wieder in deiner Höhle, ja?“, setzte ich voll höhnischer Süffisanz hinterher. Der verdammte Schlag in die Nieren hatte weh getan, ich war nass bis auf die Knochen, ausgehungert und das Versprechen von Arbeit hier war doch ohnehin ein schlechter Scherz.

Vielleicht wollte ich ja gar nicht, dass meine einzige Ablenkung von all dem einfach so wieder davon zog.


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Cling and fail - von Ardin James - 20.01.2022, 20:57
RE: Cling and fail - von Otis Rhode - 20.01.2022, 20:58
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RE: Cling and fail - von Otis Rhode - 19.04.2022, 15:22
RE: Cling and fail - von Ardin James - 02.06.2022, 17:11



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