Ein letztes Ausspucken und der Kurze gab nach, wandte den Blick ab, wandte den Körper ab – oder versuchte es zumindest. Wankend zog der Janner sich zurück. Ich ließ die instinktiv angespannten Schultern ein wenig fallen, zog die Nase hoch und starrte rastlos vor mich hin. Es war gut so, richtig so. Sollte der Andere den Schwanz einziehen und Land gewinnen. So war es recht. Und doch ließ der unerwartete Rückzug mich mit giftiger Unzufriedenheit zurück, konnte ich die Klappe doch nicht halten. Weil er recht hatte, der kleine Janner mit seinem breiten Heimatakzent. Ich hatte Angst. Nicht vor der Herausforderung, nicht vor so einem halb abgeschlagenen Stumpen wie ihm. Aber ich hatte Angst. Angst auch heute keine Arbeit zu finden, Angst tatsächlich als Taugenichts auf der Straße oder dem Arbeitshaus zu landen. Angst an dieser Arbeit hier zu Grunde zu gehen, nie wieder den Weg hier raus zu finden und mit ein paar Jahren mehr auf dem Buckel, wenn meine jugendlichen Kraftreserven nachließen an Krankheit und Erschöpfung dahinzusiechen, wie so viele der älteren Männer, die hier mit mir im kalten Regen standen. Ich konnte ihren keuchenden Husten in der Menge hören und er verfolgte mich wie ein Alptraum einen Jungen. Und der einzige Grund, der mich vernünftig sein ließ, der mich davon abhielt mich mit dem Kurzen zu schlagen, war – und mir wurde selbst übel von der kranken Argumentation – meine Angst jede Aussicht auf diese Arbeit zu verlieren, die mich zu Grunde gehen ließ. Das und die alte Warnung meines Vaters. Mit den Jungen in Braunston hatte ich mich häufig geschlagen, es war das Mittel unserer Wahl gewesen, wann immer Worte nicht mehr ausgereicht hatten. Aber ich spürte sie noch immer, die warnende Hand meines Vaters auf der Schulter, als ich mich zum ersten Mal mit einigen Londoner Kindern hatte schlagen wollen. Weil London nicht Braunston war, du konntest nie wissen, wann du einem Wahnsinnigen begegnest, der dir bei einer harmlosen Prügelei ein Messer zwischen die Rippen steckt und deine Taschen leert, noch während du auf dem Pflaster verblutest. Er hatte mir beigebracht solchen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, klüger zu sein. Es hatte mich bis heute in London überleben lassen, es hatte mir auch in der Armee mehr als einmal den Hals gerettet. Aber heute, heute war es mir egal und wenn es ein Messer zwischen den Rippen war mit dem ich enden sollte, sei es drum. Wenigstens waren meine Taschen leer bis auf die letzten Pence. Und hier am Brunswick Quay im heruntergekommenen Rotherhithe unter dem kalten Aprilregen ausgehungert und schwindelig vor Erschöpfung gab es nichts an das ich mich klammern, vor dem ich so viel Angst haben sollte, um klein bei zu geben.
Die Worte wirkten genau das Wunder, das ich mir erhofft hatte. Mit düsterer Zufriedenheit beobachtete ich, wie der Kurze ins Stocken geriet. Wie er sich wieder umdrehte, vielversprechend langsam. Bedächtig fast – aber vielleicht war das auch nur seiner durchzechten Nacht zu verdanken, wer wusste das schon. Ich lächelte salbungsvoll, während er brav zu mir zurückkam. Und die warnende Stimme in meinem Inneren, die mich ängstlich anzischte, was ich hier eigentlich tat, ignorierte ich mit aller Konsequenz. Ja, mochte sein, dass ich gerade meine beste Chance verspielte nicht als Prügelknabe für einen frustrierten Säufer zu enden. Mochte sein ich riskierte verletzt und als Krüppel zu enden. Mochte sein, ich verlor jede letzte verzweifelte Hoffnung auf Arbeit. Aber für diesen einen Augenblick war es das wert.
„Kleiner. Zu kurz geratener. Imp.“ Jedes Wort wiederholte ich mit Freude für ihn.

