Ich stöhnte auf als der Docker mich herum riss, mein Rücken heftig gegen die harte Verankerung des abgesperrten Docktors knallte und das Gewicht des Langen mir die Luft aus den Lungen presste. Das heftige Gefühl, meine Eingeweide würden sich in meinem Inneren umdrehen und mich jeden Moment erneut das von mir geben lassen, was da noch an letzten Resten in meinem Magen zu finden sein mochte, stoppten jede meiner Bewegungen abrupt und ließen mich mit dem Schock des Aufpralls in einer nach Luft ringenden Lähmung zurück. Erst als die Schläge des Dockers unerwartet wieder einstiegen, fanden meine Muskeln ihre Bewegungsfähigkeit zurück. Ich krümmte mich, versuchte mich unter den Schlägen wegzudrehen, aber der Lange hielt mich unermüdlich mit seinem Gewicht an die Wand genagelt. Meine Fäuste schlugen nach ihm aus, ohne etwas mehr zu treffen als seine spitzen Knochen unter dem Mantel. Ich tat mir mehr weh als ihm. Aber er war so unerwartet schnell mit seinen eigenen Hieben, dass mir kaum Zeit blieb, meinen Kopf zusammen zu sammeln. Ich wurde vollkommen fertig gemacht, zerstört von einem einfachen Docker, und ich realisierte erst dass das noch mein geringstes Problem in diesem Augenblick war, als mit einem Mal die hohe Gestalt eines Reiters über der Schulter des Dockers auftauchte.
Ich starrte zu der Gestalt hoch und bemerkte nicht einmal, dass die Schläge des Langen aufgehört hatten. Auch jetzt erst fiel mir dieser Pfiff ein. Mein Blick glitt träge zu der Pfeife, die der Reiter über der schwarzen Uniform mit ihren silbernen Knöpfen um den Hals hängen hatte. Polizei, erklärte mir mein nebliges Hirn. Kein Bootsmann. Kein Kapitän-an-Bord. Nicht annähernd so melodisch. Nur ein Pfiff. Ordnung. Mehr nicht. Natürlich. Polizei. Aber was… war ich?
Erst als mich der Lange rabiat los ließ und von sich stieß als hätte ich die Cholera, packte mich die plötzliche Panik, die mich schon im ersten Moment beim Anblick dieses Reiters hätte erfassen sollen. Der war jetzt längst abgestiegen. Er war nicht alleine. Da war noch eine Kutsche und die Dockarbeiter jagten in alle Richtungen. Aber das war nicht von Belang. Denn da kam nur dieser Ruf von dem Reiter und der erhobene Stock – und ich stand immer noch wie gelähmt mit dem Rücken zum Docktor als er mich das erste Mal traf.
Er schlug mehrmals zu, warf den Langen und mich zu Boden. Kurz noch fanden mich meine Lebensgeister wieder und ich versuchte mich fortzuwenden, aber der Stock traf mich an der Schläfe und zwang mich mit schwarzen Flecken vor den Augen neben dem Docker in den Dreck zu sinken. Meine Hände griffen in durchnässten Dreck und braunen Schlamm. Ein letzter Schlag traf mich in die Magengegend und kippte mich zur Seite. Ich kam halb wieder auf alle Viere, mich mit den Ellenbogen im Dreck abstützend. Würgend. Das letzte Bisschen Magensaft von mir gebend, das mein Körper noch zu erübrigen hatte. Ich blieb wo ich war als die Schläge aufhörten. Den Kopf gesenkt. Darauf wartend was immer folgen würde. Es war mir längst egal. Es folgte immer irgendetwas. Wer auch immer die waren. Denen würde schon was einfallen.
Irgendwann als nichts geschah hob ich doch ein wenig den Kopf. Die Knie mittlerweile wieder unter meinen Körper gezogen, fand mein Blick als erstes den Docker. Der sah mich nicht an. Ich drehte ein wenig den Kopf, wollte zu den Stiefeln sehen, die unweit von mir abwartend im Dreck standen, aber ich bemerkte jetzt erst, dass mein Sichtfeld nach rechts hin eingeschränkt war. Fast heiß gegen die Kälte des Regens lief mir mein eigenes Blut über die Augenbraue ins Gesicht. Ich sah zurück auf den Dreck vor mir und meinte Jim Cartwrights Stimme zu hören. Old Jimmy. Der Doc. Dreck und Blut, das verträgt sich nicht gut. Was nützte es mir jetzt? Und mit einem Mal wurde mir klar, dass ich mehr als nur eine Nacht von Zuhause wegbleiben würde. Dass egal was ihnen mit mir und dem Docker einfiel, es mich nicht nach Hause bringen würde. Margory würde nicht wissen, wo ich steckte. Sie würde Tage nichts von mir hören. Und das war wahrscheinlich noch das beste was mir passieren konnte. Resignierend ließ ich die Stirn auf meine geballten, verdreckten Hände sinken. Ich hatte es dermaßen versaut. Es war schlimm genug gewesen, diesen Job nicht zu bekommen. Noch schlimmer, all das Geld, das ich bei mir gehabt hatte, versoffen zu haben. Aber eine Schlägerei anzuzetteln und mich dabei erwischen zu lassen… Ich war am Arsch.
Zu dem Stiefelpaar gesellten sich noch zwei, ich hörte sie näherkommen. Hörte ihre Stimmen, ohne ihnen zuhören zu wollen. Streithähne. Hähnchen. Lacht ihr nur, dachte ich und beließ es bei der Stirn auf meinen Händen. War mir ganz recht wenn ich diese Säcke nicht sah. Ich hatte mittlerweile genug von denen gesehen. Zu klein. Ich schnaubte leise gegen den Dreck. Natürlich. Schon wieder. Wofür zu klein? Zum hängen? Ach, sollten sie doch alle zum Teufel gehen. Vielleicht war ich zu klein. Sollte es mir egal sein. Aber den Langen, den stießen sie an. Und der rührte sich. Ich sah nicht was er machte, aber mit einem Mal lag einer von den Typen im selben Dreck wie wir. Direkt in meinem Sichtfeld. Ich drehte den Kopf auf meinen Händen in Richtung des Dockers neben mir und sah ihn finster an. Musste der alles schlimmer machen?! Wenn sie einen hatten, dann hatten sie einen. Dann hatte es keinen Zweck, sich noch zu wehren. Damit landete man nur an der Gräting. Oder was immer sie hier an Land mit unsereiner machten. Ich beobachtete wie der Mann am Boden innehielt und den Langen anstarrte und der Lange zurück starrte. Und wie sie beide dieses Funkeln in den Augen hatten, dass ich zu wissen meinte, dass die Sache jeden Moment eskalieren würde. Und zwar so eskalieren, dass ich besser ein paar Inch zur Seite rutschte damit es mich nicht mit erwischte. Aber ich rührte mich nicht vom Fleck. Und mit einem Mal war der Moment vorbei. Der Uniformierte rappelte sich wieder auf, mit Hilfe einer Hand, die ihm gereicht wurde. Ein Anderer war plötzlich hinter uns und riss den Docker in eine aufrechte Position wie ein Stück Vieh bereit zum Schlachten. Mit den Augen verfolgte ich die Bewegung, rührte mich sonst aber nicht. Besser ich blieb hier unten außerhalb der Schusslinie und vermied jede Aufmerksamkeit, die sie auf mich richten könnten.
Aber damit war es nicht genug. Kämpfer. Du wolltest Kämpfer. Wozu? Zum Hängen? Damit sie schön zappelten wenn es ihnen den Hals umdrehte? Was wollten die mit Kämpfern? Und das passte zum ersten Mal seit ich wieder klarer zu denken vermochte, nicht zusammen. Mein Blick ging zu den Dockern, die in der Ferne sauber aufgereiht standen. Ich sah vorbei an meinem nassen Haar zu den Rädern der Kutsche, die dort im Matsch stand. Wieder zurück zu meinem Docker. Die hatten jemanden gesucht. Die Schritte, die hinüber gegangen waren… Diese Worte… Kämpfer, die sie suchten. „Schön, nehmt sie mit in die Bow Street“
Die Bow Street. Wer kannte nicht die Bow Street? Selbst mir sagte die Bow Street etwas. Kein Vergleich zu den Säcken aus Wapping, die mich vor die Tür gesetzt hatten. Waren das etwa… Runner? Waren das…? Und sie suchten…? Was? Wozu Kämpfer? Eine Neuauflage von Hahnenkämpfen?! Ein bisschen Belustigung für die Herren Oberen?!
Am Kragen meines Mantels wurde ich im Nacken auf die Beine gezogen, noch während ich diese irritierten Überlegungen anstellte. „Na los, Bewegung!“ Ich machte mir nicht die Mühe, mir das Gesicht des Mannes anzusehen, der mit mir sprach, und ließ mich einfach wegführen.
Sie setzten uns hinten auf die Kutsche. Das Gitter, auf das sie uns schoben, hatte etwas von einem umgebauten Lakaienstand. Die Beine hingen frei, unsere Rücken drückten sich an die Rückwand der schwarzen Kutsche, die von der Form her aussah wie jene, die auf den Highways fuhren um Urlaubsgäste von einem Ort zum Nächsten zu bringen. Ich hatte sie jemanden Growler nennen gehört, aber es war mir in diesem Moment reichlich gleichgültig. Mein linkes Handgelenk landete in Handschellen, das andere Ende machten sie an einem geschwungenen Querbalken auf Schulterhöhe fest, was mich zwang, den Arm in dem Eisen hängen zu lassen. Es wäre auch zu schön gewesen, sie hätten uns hier einfach sitzen lassen und wir hätten an der nächsten Straßenecke abspringen können. Wir. Ich. Mein Blick ging finster zu dem Langen neben mir hinüber, der schuld an dieser ganzen Misere war, bevor ich dunkel geradeaus starrte, beobachtend wie sich das noch immer geschlossene Dockgatter von uns entfernte als sich die Kutsche rumpelnd und schaukelnd in Bewegung setzte, wir hinten auf - verdreckt, blutverschmiert und vom Regen bis auf die Knochen durchnässt. Der Reiter war wieder aufgestiegen und ritt hinter der Kutsche her, ganz so als wollte er Acht geben, dass wir nicht mit einem Mal Zauberkräfte entwickelten und uns aus unseren Eisen befreiten. Was dachte der Mann sich?! Auf diese Weise gebunden, verließen wir Rotherhithe.
Sie nahmen die London Bridge um den Fluss zu überqueren. Der Verkehr dort war dicht und undurchschaubar. Überall waren Menschen und Kutschen. Selbst der uniformierte Reiter schaffte es nicht die ganze Zeit über in der Nähe der Kutsche zu bleiben. Eine glänzende Gelegenheit, wäre da nicht das Eisen an meinem Handgelenk gewesen. Finster starrte ich von der Brücke auf die Themse hinab, die übersäht war von festgemachten Seglern, Ruderbooten und vereinzelten Dampfschiffen. Uns beachtete niemand, wie wir so hinten auf der Kutsche saßen. Es war als existierten ich und der Lange gar nicht wirklich. Und tatsächlich war es mir auch ganz recht so. Sollten sie alle vorbei hasten und ihr geschäftiges Leben führen. Jene, die die Brücke zum Queren nutzten. Es waren Männer und Frauen der oberen Schichten. Sie sahen Leute wie uns nicht einmal wenn sie uns direkt ins Gesicht sahen. Irgendwo auf dem Weg spuckte ich aus. Und sei es nur um den bitteren Nachgeschmack meines eigenen Magensaftes im Mund loszuwerden.
In der Gracechurch Street machten wir plötzlich Halt. Ich hörte es in der Kutsche klopfen, das Signal für den Kutscher, dass er die Gäule zügeln sollte. Auch der Reiter wurde langsamer, ließ uns aus den Augen und führte sein Pferd an die Seite der Kutsche, wo sich nun ein Fenster öffnete. „Culpepper meinte gerade wir sollten unsere Hähnchen unerfreulicherweise füttern damit sie uns nicht gänzlich von der Stange fallen, ist es nicht so, Culpepper? Der Coster dort hat die besten Pasteten der Stadt, das wird unsere Hähnchen zur Genüge wieder auf Trab bringen, vermute ich. Also Birdwhistle, würdest du uns den Gefallen tun?“ Das Wort „Coster“ ließ mich hellhörig werden. Ich hielt mich an dem Querbalken fest, an dem mein Handgelenk festgemacht war und spähte um die Ecke der Kutsche nach vorne. Ich entdeckte den Stand. Und ich entdeckte den Coster. Rasch zog ich mich von der Kante wieder zurück. Ich kannte das Gesicht. Margory kannte es auch. Sie kannte fast alle der Coster in der Stadt. Sie waren ein kleines Völkchen. Und sie kannten mich. Weil ich Margory kannte. Das war nicht das schlechteste, das Problem in der Rechnung war nur leider Gottes Margory. Wenn sie das erfuhr…
Ich spürte noch meine Ohren rot werden als mir mit einem Mal ein in Zeitungspapier gewickeltes Gebäckstück entgegen gehalten wurde. „Nimm schon, Hähnchen.“, befahl der Reiter harsch. Ich nahm ihm das Ding zaghaft ab und starrte einen Moment darauf hinab. Das war also eine Pastete? Was genau machte man damit? Als würde ich eine Antwort auf meine unausgesprochene Frage bei ihm finden, hob ich den Blick und sah den Langen zum ersten Mal seit sie uns hier festgesetzt hatten wieder an. Noch während ich ihn ansah und doch keine Antwort fand, setzte sich die Kutsche wieder in Bewegung und nahm Kurs auf die Bow Street.


