Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
16.04.1822, Brunswick Quay am Greenland Dock in Rotherhithe, London
Society of Cling and fail Rudeness
Jedes Schlagloch, jede Unebenheit der Straße rüttelte meinen ganzen Körper durch und auf dem regennassen Gitter auf dem ich hockte, nachdem es mir denn mit Mühe gelungen war es zu besteigen, war ich unerwartet froh über die Kette, die mich wenigstens mit einem Arm an der Kutsche fixierte. Sie verhinderte immerhin, dass ich nach unten hin abrutschte, im Dreck der Straße landete und unter die Hufe und Räder der dicht an dicht nachfolgenden Kutschen geriet. Selbst ohne die Eisen hätte ich es kaum gewagt abzuspringen, aus Angst vor dem grausamen Tod auf der Straße. Der Anblick der zur Unkenntlichkeit zugerichteten Verkehrsopfer hatte sich zu sehr in meinem Schädel eingebrannt. Aber ich wäre wohl früher oder später unfreiwillig abgerutscht, hätte das Eisen mein in die Höhe gezwungenes Handgelenk nicht unbarmherzig festgehalten. Mein Inneres fühlte sich längst an als wäre es zu Brei geschüttelt worden von der holprigen Fahrt und mehr als einmal hätten die dunklen Flecken vor meinen Augen beinahe die Oberhand gewonnen, ganz als hätten die Ereignisse des Morgens meine letzten Kräfte nun endgültig mit sich gespült. Ich erinnerte mich an den Entschluss des Skeptischen, wie man den Matrosen und mich auf die Füße gezwungen hatte. Die starrenden Blicke der Dockarbeiter. Mein letzter Blick auf den Brunswick Quay. Die abgeschlagenen Gäule vor der Kutsche, die trotz allem nicht gar so erbärmlich aussahen, wie die meisten anderen Klepper auf den Straßen Londons. Die Kutsche, meinen blitzartig aufgetauchten Gedanken, dass ich in meinem Leben noch mit keinem so vornehmen Exemplar mitgefahren war. Selbst wenn man weder den Matrosen noch mich auch nur einen Blick ins Innere des Gefährts hatte werfen lassen und die Fahrt auf dem Gitter hinter der Kutsche war auch nicht angenehmer als die auf den groben Karren die ich vom Land oder der Armee kannte. Wie man uns mit schweren Eisen festgemacht hatte, wie ein Gepäckstück, dass man nicht verlieren wollte.

Der Reiter, der den Kurzen und mich im Blick behielt, was auch immer er meinte, das wir so gebunden noch Schändliches hätten versuchen können. Das alles vermischte sich vor meinem inneren Auge zu einem einzigen alptraumhaften Abbild. Vermischte sich mit meiner fieberhaften Vision dessen, was wohl gewesen wäre, hätte ich den Matrosen einfach ignoriert. Hätte ich mich einfach nicht provozieren lassen, wäre stoisch mit den anderen Schafen stehen geblieben. Vielleicht ohne Zukunft, aber jetzt hatte ich ja nicht einmal mehr eine Gegenwart. Was würde mir in der Bow Street wohl bevor stehen? Gefängnis, Arbeitshaus oder der Weg zurück in die Kolonie, nur dieses Mal auf der anderen Seite des Gitters? Vielleicht war es ja doch besser sich von der Kutsche zu stürzen, immerhin ein schnelleres, selbst gewähltes Ende. Nicht das nächste endlose Warten. Warten... warten... der Gedanke hallte leer in mir nach, während der Druck auf mein Handgelenk sich wieder schmerzhaft verstärkte, das Eisen sich einschnitt und ich mich mühsam zurück auf das Gitter zog, von dem ich schon wieder, halb weggetreten, abzurutschen drohte. Es wurde von Mal zu Mal schwerer bei Bewusstsein zu bleiben, den Schmerz um das Handgelenk überhaupt noch zu spüren durch den immer dichter werdenden Nebel in meinem Schädel.

Dumpf klangen die Worte der Runner bis zu mir nach hinten. Pasteten. Für die Hähnchen. Für... wen...? Den... den... Matrosen... und... mich...? Der Kurze nahm einiges auf sich über die Kutsche hinweg zu spähen, scheinbar nicht minder ungläubig. Ich konnte es trotz allem nicht glauben, selbst als mir etwas später das Gebäckstück in die Hand gedrückt wurde. Erst als die noch dampfende Pastete mir die klammen Finger verbrannte, kehrten meine Lebensgeister zurück. Meine Mutter hatte häufig kleine Pies gebacken, die ganz ähnlich ausgesehen hatten. In einem einfachen Teig aus Mehl, Wasser und Schmalz ließen sich die unansehnlichsten Schlachtabfälle und alten Gemüsereste zu irgendetwas verarbeiten, das am Ende irgendwie noch überraschend lecker schmeckte. Vielleicht auch schlicht, weil man es beim Essen nicht vor Augen hatte. Ich fragte mich auch in diesem Fall besser nicht welchen Inhalt jene Pastete hatte - es hatte wohl seine Gründe warum die Londoner Pastetenverkäufer auf der Straße mit den Rufen einer miauenden Katze verspottet wurden. Was wahrscheinlich noch eine der harmloseren Varianten wäre. Immerhin ließ sich Katzenfleisch beim Entbeinen wohl nur durch eine zusätzliche Rippe von Hasenfleisch unterscheiden, wie ein alter Armeekoch mich einmal hatte wissen lassen, die Verarbeitung war dieselbe und der Geschmack gab sich nicht viel. Es kümmerte mich ehrlich nicht, als mir der heiße Fleischsaft über die Finger lief. Nach dem ersten Bissen kippte ich mir gierig den stückigen Inhalt der Pastete in den Mund, bevor ich den buttrigen Teigmantel verschlang. Noch bevor die Kutsche sich wieder in Bewegung setzte hatte ich die letzten Reste der Pastete vom Zeitungspapier gekratzt und ließ eben jenes wenig später achtlos auf den Straßenboden fallen. Ich konnte unmöglich sagen, wann ich das letzte Mal etwas warmes und derart nahrhaftes zu Essen gehabt hatte. Jedenfalls fühlte ich mich jetzt schon von der einen Pastete so voll und satt, dass mein Magen beinahe dagegen rebellierte.

Das beständige Ruckeln und Schaukeln der Kutsche, das ich jetzt wieder deutlicher wahrnahm, machte es nicht besser, aber ich nahm mir mit eiserner Verbissenheit vor alles bei mir zu behalten. Erst da bemerkte ich den Blick des Matrosen, der über seiner eigenen Pastete zögerte. Ich sah zu ihm hinüber. Jetzt an die Rückseite einer Kutsche gebunden, kam er mir fast noch kleiner vor, nicht mehr annähernd so kräftig und bedrohlich. Mehr jungenhaft mit dem kurzen, dunklen Haar, das ihm regennass ins Gesicht hing, den rundlichen, fast weichen Zügen und dem Blut das davon hinabtropfte. Den dunklen, kleinen Augen, die ich mir besser bei einem Lachen vorstellen konnte, als mit all dem verkniffenen Ernst und der Wut. Aber er war der verfluchte unselige Grund, warum ich überhaupt hier war, warum mir all das hier passiert war. Ich wollte ihn mir gar nicht beim Lachen vorstellen. Kurz ging mein Blick zu der unberührten Pastete in seiner Hand. War wohl nicht fein genug für den Herrn oder sein versoffener Magen rebellierte jetzt schon gegen so viel Fett und Fleisch. Oder aber, und der Gedanke machte mir weit mehr Angst, er fürchtete man könne uns vergiften wollen. Manchmal hörte man diese Geschichten, von Nutzlosen und Landstreichern, die sie auf den Straßen vergifteten wie streunende Hunde oder Ratten in der Gosse. Wer wusste schon ob das mehr war als Schauermärchen, aber gerade jetzt versetzte es mir einen scharfen Stich. „Wird dich schon nicht umbringen“, brummte ich rau und wusste selbst kaum ob an den Matrosen oder doch eher mich selbst gewandt. Das Zeug hatten sie immerhin von den Costers geholt und was hätte es schon gebracht uns hier anzuketten, um uns zu vergiften, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Ich wusste trotz allem langsam nicht mehr wo her mein flaues Gefühl im Magen eigentlich kam. Von den ungezählten Schlägen, die ich dort eingesteckt hatte, der holprigen Kutschfahrt, meinem ungekannten Schicksal, der unerwartet reichhaltigen Nahrungsaufnahme oder doch die Angst als vermeintlicher Taugenichts vergiftet zu werden.

Der Bow Street kamen wir jetzt unaufhaltsam näher. Die Häuser hier in Covent Garden waren groß und ragten einschüchternd neben der breiten Straße auf als wollten sie eben jene einer tiefen Schlucht gleich einrahmen. Scheu aber mit unverhohlener Neugier starrte ich die aus massiven hellen Steinen errichteten Bauten mit ihren schmuckvollen Elementen an, blickte über so viel saubere und geordnetere Straßen und die edel gekleideten Menschen am Rande der Fahrwege und in den Kutschen um uns. Aber bald ließ ich es sein, den Blick schweifen zu lassen. Hier wo die Leute weniger vom straffen Alltag geplagt waren und nachdem der Regen nachgelassen und der Morgen vorangeschritten war, gab es genug, die sich die Zeit nehmen konnten auf den Matrosen und mich zu deuten und uns mit gaffenden Blicken zu verfolgen, wie wir da an der Kutsche angekettet saßen. Ich versuchte den Kopf instinktiv abzuwenden, selbst wenn ich nicht zu erwarten brauchte, dass mich hier einer erkannte, aber es gefiel mir nicht angeglotzt zu werden wie ein Tier im Käfig, selbst wenn ich eben selbst noch gestaunt hatte wie ein Kind. Die Kutsche hielt mit einem letzten Rucken an, unsere Ketten wurden gelöst und es gelang mir nun mit mehr Geschick von der Kutsche herunter zu klettern, selbst wenn die lange Fahrt mich zittrig auf den Beinen machte. Wie Verbrecher wurden wir in das ehrerbietungsheischende Gebäude geführt, den Blick noch immer gesenkt nahm ich kaum wahr, wohin sie uns brachten, bis wir in einem Eck der hinteren Stuben auf eine Holzbank vor einen Mann an einem Tisch geschoben wurden, der einige Daten auf einem Papierstück notierte.

„Name?“, bellte er und deutete mit der freien Hand auf mich, ohne aufzusehen. „Otis Rhode“, antwortete ich wahrheitsgemäß weil es ja doch keinen Unterschied machte. „Name, nicht die Adresse.“ Ich biss mir auf die Zähne, verfluchte ein wenig, dass ich das 'e' am Ende nicht so sehr betonte wie mein Vater, selbst wenn sich die Leute immer darüber lustig gemacht hatten. „R-h-o-d-e“, wiederholte ich verbissen die Buchstaben aufsagend. Der Mann nickte nur. Ich hätte etwas von den üblichen Nachfragen und Kommentaren erwartet, aber der Schreiber schien stur auf seine vorgegebenen Fragen fixiert. „Geburtsdatum?“„15. März 1803“„Adresse?“„St. Marychurch Street, Rotherhithe“, erwiderte ich und hielt es von da an vage, ich wusste nicht ob die Dockarbeiter nicht leugnen würden, dass ich bei ihnen Unterkunft hatte, nur um jeden Kontakt mit der Polizei zu meiden und ich wollte es nicht zu einfach machen mir nachzuweisen, angeblich ohne Obdach zu sein. Der Mann fragte ohnehin nicht weiter nach. „Arbeit?“„Bei den Docks und... und der St. Mary's Church.“ Irgendjemand, nur irgendjemand dort würde doch bezeugen, dass ich arbeitete, oder? Dass ich nicht nur nutzlos irgendwo herum lungerte, sondern Arbeit annahm, wo ich nur konnte, bezahlt oder auch nicht. Der Mann sah jetzt doch einen Moment auf. „Welches Dock?“ Ich starrte ihn an, konnte er ernsthaft so ignorant sein? „Das, das mir für den Tag Arbeit gibt.“ Unwirsch schüttelte er meine Antwort mit einem Kopfrucken von sich. „Letzte feste Arbeit?“ Ich presste die Zunge gegen die Rückseite meiner Frontzähne, zog die Lippen dabei etwas zurück. „48th Regiment, Northamptonshire. Lance Corporal.“ „In New South Wales gewesen?“ Ich nickte. „Grund der Ausmusterung?“„Meine sieben Jahre waren vorbei.“

Das war so nicht ganz richtig, immerhin hatten sie mir als ich hatte gehen wollen eröffnet, dass sie meine Dienstjahre erst ab Volljährigkeit zählen könnten und dass eine siebenjährige Verpflichtung, wie man sie zu Zeiten des Krieges gegen Frankreich und in den unmittelbaren Jahren danach noch versprochen hatte, schon nicht mehr möglich war. Dreißig Jahre oder länger wollten sie mich behalten, sonst könne ich  nur freiwillig gehen, was nicht nur schlechten Eindruck machte, sondern mich auch jeden Pensionsanspruch der Armee verlieren ließ, selbst wenn drüben in der Kolonie einige eben das getan hatten, um dort ein neues Leben als Siedler zu beginnen. Aber ich hatte gar keine Lust hier und jetzt darüber zu diskutieren. Sieben Jahre hatte ich versprochen, eben die hätte ich geleistet, aber übers Ohr hauen ließ ich mich nicht. Keine zehn Pferde hätten mich zurück zur Armee gebracht, was ich dort gesehen hatte, hatte sich für ein ganzes Leben eingebrannt, was ich dort getan hatte, würde ich nie wieder tun, das hatte ich Gott versprochen, als ich das Fieber überlebt hatte. Ich würde fortan ein gutes, anständiges Leben leben, selbst wenn es nicht mehr als die gelegentliche Arbeit an den Docks und den ständigen Hunger bereit hielt. Selbst wenn – und das hatte mein frommes Vorhaben in den vergangenen Wochen mehr als alles andere herausgefordert – es bedeuten mochte, diesem eine Mädchen aus der St. Mary's Church nie näher kommen zu können als verstohlene Worte und Berührungen und damit letztlich zusehen zu müssen, wie sie eines Tages einen anderen zum Mann nahm. Aber all das waren nun ohnehin Überlegungen der Vergangenheit, stumpf vor mich hinstarrend wartete ich ab, dass man dem Matrosen dieselben Fragen stellte, nur am Rande nahm ich wahr, dass die drei Runner, die uns auf der Straße aufgegriffen hatten, noch immer unweit von uns standen, die Blicke wie hungrige Wölfe auf uns klebend und sich halblaut über irgendetwas berieten. Dumpf kam mir der Gedanke, wie ungewöhnlich all dieses Interesse an zwei halbstarken Taugenichtsen wohl sein mochte, aber ich war kaum in der Position Fragen zu stellen, also dachte ich nicht weiter darüber nach.


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