Jetzt war er plötzlich nicht mehr so ein Großmaul, dachte ich bei mir über den versoffenen Matrosen, aber es gab mir auch keine wirklich Genugtuung. Sogar ein ‚Sir‘ hängte der Janner hinter jeden Satz, der kleine Kriecher. Ich verzog ein wenig die Mundwinkel, aber natürlich würde ich kein Wort sagen. Und am Ende, am Ende wollte der wohl nur das beste herausschlagen, nicht anders als ich. Auch wenn ich kaum glaubte, dass der Kurze hier mit Schmeicheleien weiterkam, aber vielleicht nahm ich mir besser ein Beispiel. Wenn ich eines in den zwanzig Jahren meines Lebens gelernt hatte, dann dass es immer noch einen Schlag tiefer gehen konnte und das hier war keine Ausnahme. Hatte ich vorhin an den Docks noch geglaubt nichts zu verlieren zu haben, so hatte ich da doch immerhin noch meine Freiheit gehabt. Ich glaubte besser nicht, dass sie mir meinen Aufenthalt hier nicht noch unangenehmer gestalten konnte, nur weil ich nicht artig grüßte. In mir sträubte sich trotz allem alles dagegen. Ich hatte es schon in der Armee gehasst. Besser ich gewöhnte es mir wieder an. Wenn es dem Matrosen am Ende eine Scheibe trockenes Brot mehr einbrachte, weil er hier so brav schmeichelte, dann würde ich mir später die Haare darüber raufen – oder ich schlug dem Kurzen den Schädel dafür ein, viel drin war wohl ohnehin nicht, sonst wären wir nicht hier auf dieser Bank. Wenn sie den Matrosen denn überhaupt in eine Zelle steckten, wirklich daran glauben tat ich ja nicht, selbst wenn sie ihn bis hier her gezerrt hatten.Ein James war er also… oder ein Ardin? Unmöglich zu sagen was jetzt Vor- und was der Nachname war. Den Respekt wie ein Mann beim Nachnamen genannt zu werden, hatte der Kurze ohnehin nicht verdient. Wer sich wie ein Bub aufführte, der konnte auch wie einer beim Vornamen genannt werden, entschied ich bei mir, dass es mich nicht weiter kümmern sollte ob nun James oder Ardin. Vielleicht, so fand ich, war es auch ganz passend, dass keiner davon klang als wäre er ein richtiger Name. Klang beides nach Bub. Dabei war der Kurze sogar ein Jahr älter als ich selbst es war. Wer hät’s auch gedacht. Stur starrte ich weiter gen Boden, konnte die schweren Eisen um meine Handgelenke kaum übersehen dabei, das eine davon längst blutig gescheuert durch die Fahrt. Ich hoffte wenigstens in einer Zelle, würden sie sie uns abnehmen, aber ich wusste aus der Kolonie gut genug wie unnötig lang sie Häftlinge in Ketten lassen konnten. Meine Knie zitterten ein wenig und ich hoffte, dass keiner es sah – war ohnehin nur weil ich nass und durchgefroren bis auf die Knochen war.
Ich hob nicht einmal den Kopf, als der Matrose log. Ich hatte ihn noch nie bei den Docks gesehen und man kannte sich doch in der Regel als Dockarbeiter in einem Gebiet. Vermutlich musste ich mein Urteil jetzt auch revidieren. Wäre der Mann Matrose auf Landgang, dann hätten er das gesagt. Vermutlich hätten sie ihn dann unmittelbar laufen lassen, zumindest wenn er der Navy angehört hätte und unter ihre Gerichtbarkeit gefallen wäre. Und erst jetzt bemerkte ich, wie sehr ich irgendwie genau davon ausgegangen war. Davon, dass der Janner Matrose war, dass er den Trumpf früh genug ausspielen und ich allein hier sitzen würde. Aber den schien der Andere auch nicht zu haben und ich sah keinen Sinn darin ihn zu verpfeifen, selbst wenn ich mir fast sicher war, dass der Kurze meinen Namen ganz absichtlich noch so viel mehr nach Road klingen ließ. Aber an den Docks würden sie mich ohnehin leugnen, als wäre ich ähnlich dem Janner keinen Tag dort gewesen. Es machte keinen Unterschied. Es machte keinen Unterschied, dass ich jeden Tag seit ich in London war, um Arbeit bettelte, an den Docks und in der Kirche schuftete auch wenn es kaum genug zum Leben bereit hielt und der Janner - mit was auch immer er das Geld machte, das er dazu brauchte und es doch nicht die Polizei wissen lassen wollte - munter durch die Straßen torkelte, für Ärger sorgte und vermutlich keinen Finger krumm machte an ehrlicher Arbeit. Hier in dieser Schreibstube waren wir für die Leute, die uns festgenommen hatten, ein und dasselbe. Da würde dem Janner weder seine Lüge noch sein kriecherisches 'Sir' auch nur einen Deut weiter helfen.
Ha, und bevor der Kurze entschieden hatten, dass er sich das nettere Leben faul und volltrunken an Land gestalten konnte, war er also doch Matrose gewesen. Navy. Als hät‘s nicht noch schlimmer kommen können. Auf dem Weg in die Zellen der Bow Street ausgerechnet mit so einem geleckten Matrosenbengel. Konnte man gerade noch hoffen, dass sie wenigstens die Anklagebank sortenrein hielten, wenn wir denn eine zu sehen bekamen. Aber ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als mir von hinten eine grobe Hand unter den Arm geschoben und ich weg bugsiert wurde von der Bank, die Eisen schlugen mir mit jedem Schritt unangenehm gegen die Handgelenke und ich hatte noch nicht so ganz raus ob ich sie besser eng am Körper oder davon weghielt. Aber es war immer noch besser sich darüber Gedanken zu machen, als darüber, was sie wohl mit mir tun würden. Zuerst einmal jedenfalls wollten sie, dass wir uns den Dreck abwuschen. Warum das? Glaubten sie etwa dem Ungeziefer in den Zellen Herr zu werden, in dem sie nur jeden Neuen gründlich waschen ließen? Oder brauchte man ein sauberes Gesicht um im verfluchten Covent Garden einzusitzen? Viel Zeit für Unsicherheiten blieb mir nicht, immerhin war das nur eine einzige Schüssel Wasser und ich hatte sie mit dem versoffenen Matrosen zu teilen. Immer noch besser als mit zwanzig anderen Mann, aber ich wollte verhindern mich nur mit dem Dreckwasser des Anderen zu waschen. Mit zugeschnürter Brust musste ich daran denken, wie ich mich am Morgen in Rotherhithe mit dem eiskalten Wasser aus der Pumpe gewaschen hatte, es kam mir schon wie ein halbes Leben entfernt vor.
Endlich wieder ohne Ketten, aber auch gänzlich ohne Kleidung stand ich jetzt in dieser kleinen Stube in der Bow Street, ließ mich begutachten, wie ich es schon einmal für die Armee hatte lassen. Und versuchte nicht allzu sehr an einen Pferdemarkt zu denken. Sie nahmen gar Maße, wie damals als sie hatten beurteilen wollen für welche gebrauchte Uniform sie mich den größten Teil meiner Rekrutierungsprämie, die ich bereits meiner Familie versprochen gehabt hatte, abtreten ließen. Fieberhaft ging ich im Kopf die Möglichkeiten durch, was diese Maßnahmen wohl über unser Schicksal aussagen mochten. Ich wusste wie penibel Buch sie über die Strafgefangenen führten, die sie in die Kolonie schickten, aber dabei ging es vor allem um auffällige Narben und Tätowierungen, Dinge durch die man sie im Falle einer Flucht wiedererkennen konnte. Niemand kümmerte sich um meine Tätowierungen oder die inzwischen verblassenden Hundebisse oder die bleibenderen Narben. Auch diese Tätowierung auf dem Unterarm des Matrosen, irgendeine Fisch-Frau und ein Anker schien für Niemanden der Notierung würdig. Es nährte meine Hoffnung, dass sie niemanden in die Kolonie schickten bloß wegen einer Prügelei, aber wozu dann der ganze Aufwand? Wäre das ein Pferdemarkt, dann wären wir der kleinste und der magerste Gaul des Tages. Die, die sie nicht einmal mehr an den Schlachter los bekamen – aber das Arbeitshaus war nicht so wählerisch, soweit ich wusste, das Gefängnis schon gar nicht, da konnten sie sich diesen ganzen Zirkus doch sparen, oder? Ich spürte die lodernde Wut unter all der lähmenden Angst. Ich machte genau so brav, was sie mir sagten, wie damals als angehender Rekrut, aber da war ich nur ein ‚growing lad‘ gewesen, wie sie mich genannt hatten, dabei hatte ich die fünf Fuß sechs schon damals gehabt. Fragen hatte mir damals schon keiner beantwortet und es hatte nur dazu geführt, dass ich heute gar keine mehr stellte. Fast als erwarte ich auch jetzt noch nur an die Backen zu bekommen dafür. Ich zog mir verbissen meine regennassen Sachen wieder an.
Kurz darauf waren wir wieder in diesem Raum mit dem Schreiber, ich starrte auf die tintennasse Spitze seiner Feder knapp über dem Papier. „Tauglich?“, fragte er nur in der üblichen monotonen Stimme. Verwirrt starrte ich ihn an, aber die Frage ging gar nicht an mich, auch nicht an den Matrosen. „Wir nehmen sie“, antwortete einer der Männer, die uns aufgegriffen hatten. Der Mann uns gegenüber notierte etwas. „Tauglich?“, kam es mir wie ein Echo über die Lippen, der Schreiber sah auf, fast es käme es in seiner Erfahrung nicht vor, dass jemand ihm gegenüber unaufgefordert sprach. Aber jetzt da ich mir seiner Aufmerksamkeit gewiss war, konnte ich die Gelegenheit nicht verstreichen lassen. „Wofür?“ Und knapp zwei Herzschläge später schob ich ein „Sir“ hinterher. Mochte mein kriecherischer Matrosenbengel mit seiner Taktik richtig fahren oder sei es nur dem Zufall geschuldet, aber der Schreiber ließ sich tatsächlich zu einer Antwort herab. „Die Arbeit“, antwortete er knapp und mir rutschte das Herz bis in die Magengrube, klopfte dort in mitten meiner sauren Angst weiter. „In der Lower Street?“ Meine Frage war fast ein heiseres Flüstern, so sehr ich auch versuchte fest dabei zu klingen. In der Lower Street war das Arbeitshaus in Rotherhithe. Oder würden sie ein anderes wählen? Der Schreiber sah drein als hätte ich einen Scherz gemacht, den er nicht einmal eines müden Lachens der Höflichkeit wert sah. „Das hier ist die Bow Street“, ließ er mich herablassend wissen und wandte sich wieder seinen Aufzeichnungen zu. Leer starrte ich auf seinen gesenkten Haaransatz. Die blanke Angst lähmte jede Wut, die ich hätte empfinden können und selbst ohne den tadelnden Schlag in den Nacken hätte ich kein Wort mehr herausgebracht. „Fragen beantworten“, kam die Anweisung von hinten, „Antworten bekommt ihr früh genug.“ Und die nächste Frage kam auch direkt. „Familie, Angehörige?“ Ich dachte für einen Augenblick an meinen Bruder, aber es bestand kein Grund ihn hier hinein zu ziehen. „Nein, niemanden“, antwortete ich also. „Unverheiratet?“, hakte der Schreiber nach. „Ja.“ – „Bekenntnis?“ Ich starrte für einen Wimpernschlag lang weiter auf den Haaransatz des Mannes mir gegenüber. Es gab nur einen Grund, eine solche Frage zu stellen. „Anglikanisch“, erwiderte ich und dieses Mal blieb meine Stimme fest. So viel sicherer als ich mich fühlte. Man stellte diese Frage, um zu wissen nach welchem Ritus man einen Mann zu beerdigen hatte.

