Ob wir tauglich waren?! Das wollten sie von uns wissen?! Tauglich wofür? Warum? Wieso? „Wir nehmen sie“ Stur sah ich auf die Feder in der Hand des Schreibers, die jetzt einen Haken aufs Papier setzte, so als könnte sie mir verraten was hier passierte. Wir wurden genommen. Von… wem? Es schien auch den Langen zu interessieren. Er stellte genau die selben Fragen. Aber laut. Und hatte sofort die Aufmerksamkeit unseres Schreibers. Eine Aufmerksamkeit um die ich ihn nicht beneidete. Ich hielt den Blick gesenkt. Arbeit. Und dann kam die Nachfrage des Soldaten-Dockers. „In der Lower Street?“ Und da hob ich dann doch auch alarmiert den Blick um dem Schreiber ins Gesicht zu sehen, bangend erwartend was der darauf antworten würde.
Die Deptford Lower Street in Rotherhithe. Ein einzelnes Haus in der Straße machte die Adresse über den ganzen Stadtteil hinweg berüchtigt. Schmal und dunkel war es, eingezwängt zwischen zwei langen hellen Lagerhausblöcken, dass man hätte meinen können, den Mauern müsste so eingesperrt die Luft weg bleiben wie einem Weib in einer zu eng geschnürten Korsage. Weiße Treppen führten zu einer dunklen Tür hinauf und drei Stockwerke sauber angelegter Fenster, von denen die Farbe abplatzte, durchbrachen die Mauern, dass das Haus gut Fenstersteuer hätte zahlen müssen, damals als sie London noch nach Fenstern besteuert hatten und die Wände daher ohne Durchbrüche gebaut worden waren, wie Enoch es mir einmal erzählt hatte. Ich war dort schon gewesen. Nur vorbei gegangen, aber ich hatte es sehen wollen. Den Ort, an dem sie Margory gehabt hatten. Und so war ich den ungepflasterten Fußweg Richtung Deptford gegangen, um das Haus mit der schlammigen Wiese und den Büschen davor mit eigenen Augen zu sehen. Das Arbeitshaus von Rotherhithe. Margory hatte mir verrückte Dinge von dort erzählt. Dinge, gegen die ein Kriegsschiff nichts war, wie ich fand. Sie erzählte nie alles, das merkte ich ihr an. Aber sie hatte von einer Krankenschwester dort erzählt, die alle in Angst und Schrecken versetzt hatte, die in ihre Obhut gekommen waren. Versoffen war sie gewesen und hatte den Männern ihr Bier abgeknöpft damit sie sie in Ruhe ließ. Das Fleisch, das sie ihnen gegeben hatte, hatte aus wenig mehr als kaltem Fett bestanden und wenn ein Kranker einmal gar zu unleidig geworden war, dann hatte sie ihm Opium gegeben und ihn auf die linke Seite gelegt, um ihn sterben zu lassen. Ich hatte nicht gewusst, dass man sterben konnte, wenn sie einen nach links drehten, aber Margory hatte es mehr als einmal beobachtet.
Bast spleißten sie in Rotherhithe. Öffneten alte Taue und Kabel und zogen die Fasern heraus, die man als Füllmaterial in Paketen oder im Museum verwenden konnte. Margory hatte noch heute ganz raue Finger von der Arbeit und das, obwohl sie nun schon seit mindestens drei Jahren in der Schänke im Hafen arbeitete. Und dort wollten sie uns hinschicken? In die Lower Street, war es das? Mein Herz raste mit plötzlicher Heftigkeit. Sie sagten ein Arbeitshaus sei kein Gefängnis, jeder der dort war, dem stand es frei zu gehen – aber ich wusste es besser aus den Geschichten. Es gab solche wie diese Krankenschwester, die hätten einen Krug Bier nicht eingetauscht gegen ein freies Leben. Sie hielten einen fest, solange sie konnten.
„Das hier ist die Bow Street“ Ich starrte den Schreiber weiter an ohne zu verstehen was er damit sagen wollte oder was das nun für uns bedeutete. Gab es ein Arbeitshaus in der Bow Street? Wollten sie uns dahin schicken? Das in Rotherhithe hätte ich wenigstens gekannt. Aber sie verpassten dem Docker-Soldaten einen Schlag gegen den Hinterschädel und wie von selbst senkte ich ebenfalls den Kopf, damit sie mir nicht schon aus Solidarität ebenfalls eine verpassten. Wir würden Antworten bekommen, versprachen sie uns. Herrlich, ich freute mich schon darauf. Und dachte mir, wenn wir in einer Zelle saßen oder im Essensraum des Arbeitshauses, dann würden wir unsere Antworten schon bei Zeiten haben. Ganz sicher. Solche Versprechungen konnte ich auch machen.
Aber es waren die Fragen, die sie jetzt erneut dem Docker stellten, die mir Sorgen machten. Denn auch vor denen würde ich nicht verschont bleiben. Und es waren Fragen, die ich gerne vermieden hätte. Ich fragte mich was es das Arbeitshaus interessierte. Aber der Docker hatte viel zu schnell geantwortet, ich kam an die Reihe, bevor ich mir etwas hätte denken können. „Familie, Angehörige?“, richtete sich jetzt die Frage an mich und ich biss mir auf die Unterlippe. Ich wollte Margory da raus halten, sie nicht mit mir in Verbindung bringen, zumindest sie in Sicherheit wissen. Andererseits kannte sie die Arbeitshäuser wenigstens. Sie wusste wo sie hingehen musste. Und wenn sie dann vielleicht erfuhr, was mit mir geschehen war, wusste sie immerhin wo ich war. Auch wenn sie toben würde. Und ich ihr das gerne erspart hätte. Vielleicht konnte sie mich auslösen. Vielleicht konnte sie sich auch einfach umdrehen und sich einen neuen Mann suchen. Fair genug wäre es ihr gegenüber gewesen.
Der Schreiber klopfte ungeduldig mit der flachen Hand auf den Tisch. „Familie und Angehörige!“ Er sah mich jetzt direkt an, kurz sah ich zu ihm hoch, hielt dann den Blick wieder gesenkt als ich antwortete. „Verheiratet, Sir.“ Die Feder senkte sich wieder hinab auf das Papier. „Name und Anschrift.“ Ich atmete lautlos durch bevor ich mit der Adresse heraus rückte. „Margory James, geborene Flint. Fawcett Road Number Five, St. Mary Rotherhithe.“ Es war noch immer die Cornbury Road, aber was in die Fawcett Road kommen würde, würde auch in die Cornbury Road kommen und Margory würde davon erfahren, ohne dass ich sie ganz bloß stellte. „Bekenntnis?“, folgte direkt die nächste Frage. Der Soldat hatte es mit einer vergleichsweisen Inbrunst ausgesprochen. Anglikanisch. Natürlich, er arbeitete ja auch in der Kirche, richtig? Kleiner frommer Bursche. So viel Überzeugung wie mein Docker konnte ich dabei nicht empfinden. Ich fand diesen ganzen Kirchenzirkus mehr als nur überflüssig. Sie versuchten ja doch nur, die arbeitende Bevölkerung davon abzubringen, sich gegen das zu wehren was ihnen widerfuhr. So etwas wie einen Gott gab es ja doch nicht, wenn man sich ansah, was er in London mit den Menschen machte. Und wenn es ihn gab, dann war er nicht der heilsbringende Vergeber aller Sünden, als den ihn alle Kirchen, die ich kannte, hinstellten. Aber ich war getauft. Und damit immerhin würden sie sich schon zufrieden geben, dachte ich. Und wenn sie mich beerdigen würden, tja, dann sollten sie irgendetwas nehmen, das ihnen passte. Ich hatte genügend Männer eingenäht in ihre Hängematten über eine Planke ins Meer gekippt, um mir keine Sorgen mehr darüber zu machen, wo mein toter Körper einmal landen würde, wenn es mich erwischte. Es war dann vorbei. Aus. Ende. Keine Probleme mehr. „Auch Anglikanisch.“
Die Feder notierte auch das auf dem gelblichen Papier, dann fand sie ein Ende und wurde zurück in die Halterung ihres Ständers gelegt. Schließlich trat der Mann wieder hinter uns, der dem Langen den Schlag über den Schädel gegeben hatte. „Mitkommen.“, befahl er und wer wären wir gewesen uns zu widersetzen gegen diesen freundlich harschen Griff unter den Armen? Wir gingen einen Flur hinunter bis zu einem Tresen, an dessen Seitenwand eine Kreidetafel angebracht war, die mit allerlei Dingen vollgekritzelt war. Offenbar wurden Striche geführt. Darüber stand in weiß „Quartiermeister“ notiert. Ich fragte mich ob die Leute sich bei der Bow Street bislang immer vertan hatten und es sich nicht um eine Polizeieinheit handelte, sondern viel mehr um ein Arbeitslager. Wir wurden an den Tresen geschoben, ein Mann mit Brille dahinter musterte uns kurz kritisch, nahm dann ein Stück Papier von einem unserer Begleiter entgegen, musterte es kurz und wandte sich dann ab, um in einem der zahlreichen Regale hinter ihm irgendetwas zu suchen. So viel anders wie auf einem Schiff schien es hier auch nicht zu laufen. Der Mann kehrte schließlich zurück, zwei Stapel dunkelblauen Stoff in Händen und legte sie vor uns ab. „Für den Kleinen.“, kommentierte er den Stapel auf meiner Seite, „Für den Großen.“, kommentierte er den auf der Seite des Dockers. Natürlich musste es nach der Größe gehen. Was in aller Welt lief bitte nicht über die verdammte Größe?! Dann musterte der Mann uns lang über seine Brille hinweg als seien wir eine ganz interessante Sorte Naturphänomen und meinte schließlich an die drei Männer, die uns hierher geführt hatten, gewandt: „Nun denn, viel Erfolg mit eurem Fang, meine Herren.“ Er lächelte breit und selbstzufrieden als sei er ein großartiger Spotter und bekam entsprechend eine kurze Antwort. „Vielen Dank auch, Mister Cook.“ Aber die Stimme wandte sich direkt an uns. „Mitnehmen und weitergehen.“ Ich nahm also den Stapel Kleidung vom Tresen und folgte der Anweisung. Kurz ging mein Blick auf den Stoff hinunter, der sich fest und stabil in meinen Händen anfühlte. Ganz anders als das was sie in den anderen Arbeitshäusern als Uniform ausgaben. Ich fand Knöpfe daran. Silberne Knöpfe. Unauffällig und mit einem Mal wieder nervös schielte ich zur Seite. Und fand die selben silbernen Knöpfe wieder an der Uniform des Reiters, der uns noch immer begleitete. Wenn die uns ins Arbeitshaus steckten, fraß ich einen Besen.
Kaum hatte ich das gedacht, hatten wir eine Tür passiert und standen mit einem Mal in einem Stall. Es roch nach Pferden und als ich aufsah konnte ich die Abteile für die Gäule sehen. Irgendwo raschelte Heu, der vielstimmige Atem von Tieren war zu hören. „Halt.“ Wir blieben stehen. Und dann hatten wir sie wieder vor uns. Der Docker an meiner Seite, uns gegenüber die Drei vom Brunswick Quay.
„Also gut, Zeit für Antworten.“, begann der Mann in der Uniform in diszipliniertem, knappem Tonfall. „Hier im Stall könnt ihr euch umziehen. Was ihr in Händen haltet ist eure neue Uniform. Ihr werdet sie jeden Tag tragen, wenn ihr hier zum Morgengrauen zur Arbeit erscheint, und ihr werdet sie erst ablegen, wenn ihr zu Sonnenuntergang nach Hause geht. Ihr seid jetzt Mitarbeiter der Bow Street. Verhaltet euch entsprechend. Die Uniform ist sauber zu halten. Ihr könnt sie für einen Sixpence zur Wäsche beim Quartiermeister abgeben. Trunkenheit im Dienst ist nicht gestattet. Ihr erhaltet zehn Schilling in der Woche, ihr könnt sie euch am Sonnabendabend beim Zahlmeister abholen. Sonntags wird nicht gearbeitet. Eure Aufgaben werden alles betreffen was in diesem Haus passiert. Tut was man euch sagt. Ihr habt einen Monat Zeit, um zu zeigen, dass ihr es Wert seid. Derjenige von euch, der sich besser schlägt, den nehmen wir im Mai in das Training zum Bow Street Police Officer. Der andere hat seine Chance verpasst und wird zurück an die Docks geschickt. Wir haben vor zwei Jahren einen guten Mann verloren. Den besten, will ich meinen. Diese Stelle steht seitdem leer, sie muss dringend besetzt werden. Nach absolviertem Training gibt es ein Pfund in der Woche. Überlegt euch das gut. Und noch etwas: ihr mögt Kämpfer sein, aber verlagert euren Kampf darauf, euch hier gut anzustellen. Wenn ich einen von euch dabei erwische, wie er sich in eine Schlägerei begibt, setzt es Prügel.“ Er deutete mit dem Finger zwischen dem Docker und mir hin und her. „Wenn ihr angesprochen werdet, antwortet ihr mit einem ,Sir‘, wenn ihr Probleme habt kommt ihr zu mir, mein Name ist William Birdwhistle, merkt euch das. Diese beiden Herren hier“ Er zeigte von sich auf seine beiden Begleiter, die seit dem Brunswick Quay zufrieden in ihrer Kutsche gesessen hatten, „haben euch fürs erste nicht zu interessieren. Aber sie werden genauso ein Auge auf euch haben wie ich, also haltet euch bedeckt. Nun denn, zieht euch um und dann an die Arbeit. Ihr werdet vom Quartiermeister erwartet, ihr werdet ihn dabei unterstützen, die Ausrüstung für die kommende Woche vorzubereiten.“
Auch als der Mann geendet hatte, starrte ich ihn noch immer an, ohne gänzlich zu verstehen, was er mir und dem Langen gerade gesagt hatte. Einen Moment musterte er uns noch kritisch, dann schien er zu meinen, dass es wohl keinen Unterschied machte ob wir ihn verstanden hatten oder nicht und wandte sich von uns ab. Die Drei vom Brunswick Quay verließen den Stall und der Docker und ich blieben alleine zurück. Ich senkte den Kopf und starrte auf den Stoff in meinen Händen hinunter. Eine Uniform. Eine Uniform mit Silberknöpfen. Ich hatte nicht im Ansatz verstanden was mir gerade passiert war. Ja, man konnte es so sagen, in der Bow Street gab es ein Arbeitshaus; aber nicht von der herkömmlichen Sorte. Vielleicht waren wir hier gelandet um zu arbeiten, aber… Zehn Schilling in der Woche. Zehn. Verdammte. Schilling. In. Der. Woche. War ich im Himmel oder in der Hölle gelandet?! Nur vage spürte ich wie sich ein Grinsen auf meinen Zügen breit machte. Ich konnte gar nicht anders als die Mundwinkel zu verziehen bis sie schmerzten während ich auf den Stoff hinabsah. Ich war losgezogen um bei der Thames River Police genommen zu werden und jetzt war ich in der Bow Street gelandet?! Das konnte nicht deren Ernst sein, oder? Das Grinsen verschwand schlagartig von meinen Zügen. Das war es doch, oder? Ich ging in Gedanken die Worte immer und immer wieder durch während ich die Uniform weglegte und damit begann, mich mit einer Bedächtigkeit von Neuem auszuziehen, als hätte ich es noch immer nicht ganz verstanden. Und wenn ich ehrlich war, dann hatte ich das auch nicht.


