Ich folgte dem Docker weil ich gerade fand, dass es nicht schlecht sein könnte, ihm zu folgen, während er so durch das Gebäude der Police Station wanderte, vom Stall zurück zum Quartiermeister. Immerhin war ich mit ihm eingeteilt und auch wenn ich es ungern zugab, teilten wir im Augenblick noch immer das selbe Schicksal. Auch wenn sich dessen Charakter gerade rasant verändert hatte. So richtig bewusst wurde mir das erst als wir wirklich vollkommen frei durch diese Räume gingen, keine Handschellen, keine Wachen, nur Schreibtische und Papier und Menschen, die bei der Arbeit waren, sich Dinge zuriefen und uns vollkommen ignorierten als gehörten wir zum Inventar. Es musste die Uniform sein, die das machte. Der Stoff war fest und dicht gewebt. Nicht einfach nur Baumwolle, die nicht trocken hielt, das war richtiger Kersey. Ich hatte in all der Zeit bei der Navy keinen Stoff getragen, der sich mit dieser Uniform hätte vergleichen lassen. Es fühlte sich sogar anders an, darin zu gehen. Als wäre man von einem Moment auf den anderen ein anderer Mensch. Egal ob übernächtigt oder unrasiert. Und dieses Gefühl war noch so viel mehr Ausdruck für all das was sich verändert hatte.
Während wir den Gang hinunter gingen, lagen meine Augen überall. Unauffällig drehte ich den Kopf hin zu jeder offenen Tür, an der wir vorbei gingen, immer darauf bedacht nicht zu viel Zeit zu vergeuden und den Docker nicht zu verlieren. Aber es war unglaublich was ich sah. Eine Police Station. Das hier war wahrhaftig die Bow Street. Und jetzt erst wurde mir das so richtig bewusst.
Als wir beim Quartiermeister ankamen, sprang mir das Herz längst vor Aufregung in der Brust und ich wäre am liebsten direkt auf die Straße gelaufen, um irgendjemand wildfremdem zu verkünden, dass ich jetzt ein verdammter Mitarbeiter der noch viel verdammteren Bow Street war!!!! Einer Einrichtung, die so viel weiter oben lag als mein eigener Stand, dass ich mich fühlte als wäre ich in ein anderes Leben katapultiert worden. Aber als ich den Blick durch die Brille wahrnahm, die dieser Cook auf uns richtete als wir bei ihm ankamen, erinnerte ich mich wieder dessen, was der Reiter gesagt hatte. Der Reiter. Birdwhistle. Dass wir uns beweisen mussten. Ein Monat. Und dann würden sie einen von uns nehmen. Dann erst würde derjenige wirklich ein Mitarbeiter der Bow Street werden. Ein Peace Officer. Ich wollte verflucht sein, wenn ich mir diese Chance entgehen lassen würde. Den Docker würde ich sowas von in die Tasche stecken. Der hatte doch keine Ahnung von Polizeiarbeit – ich hatte mich immerhin schon seit guten zwei Wochen auf genau so eine Aufgabe vorbereitet. Und ich war lernbereit. Ich würde alles lernen was nötig war. Ich wusste es in diesem Moment, in dem mir das Ziel so sehr bewusst wurde. Ich fokussierte mich darauf und eine fast vorfreudige Anspannung erfasste mich, bereit zu kämpfen und zu lernen, wie früher im Hafen von Plymouth. Damals, als nur derjenige die Lastenaufgaben bekommen hatte, der die Arbeit bereits gekannt und sich am geschicktesten angestellt hatte. Ich würde mich geschickt anstellen. Und wenn das nicht reichte, dann würde ich noch um einiges mehr in Gang setzen.
Mein Name. Ich nickte. Erinnerte mich dann rechtzeitig dank des vorbildlichen Verhaltens des Dockers an die Vorgaben. „Aye, Sir.“, meldete ich mich und sah den Quartiermeister das erste Mal wirklich an. Von jetzt an würde ich mir jedes Gesicht einprägen, jeden Namen auswendig lernen bis ich ihn im Schlaf aufsagen konnte und jeden Handschlag üben, bis mir die Finger wund wurden. Und es würde mir eine Freude sein. Ich hörte dem Quartiermeister also zu, als erklärte er für uns das nächste Manöver. Ein Mann, der klare Grenzen steckte und seine Sachen im Blick hatte. Damit konnte ich etwas anfangen. Cook. Ich lächelte sachte über den rauen Tonfall, den er anschlug. Ein Tonfall, der mir bekannt vorkam, ein Humor, wie ihn auch viele meiner Kameraden besaßen. Wir konnten sicher sein, viergeteilt zu werden, würden wir jemals mit zerstörter Ausrüstung zu ihm kommen. Und diese Gewissheit gab mir ein fast heimatliches Gefühl von Vertrautheit.
Ausrüstung durchgehen. Wie Birdwhistle es prophezeit hatte. Zuarbeiten, lernen. Wie an Bord. Ich mochte ein Surgeon’s Mate gewesen sein, aber es hätte mich genauso gut zum Shipman’s Mate verschlagen können. Der Prozess machte keinen Unterschied. Es war zusehen, lernen und anfangen selbstständig Aufgaben zu erledigen. So lief es überall. Selbst hier. Ich konnte gar nicht sagen, wie gut diese Erkenntnis tat und so antwortete ich brav gemeinsam mit dem Docker „Aye, Sir!“ und es tat fast genauso gut.
Standardausrüstung eines Bow Street Officers. Handschellen. Ein Kommentar im Nebensatz von Cook. Mein Blick lag ungerührt auf den Eisen, die er uns auf den Tresen gelegt hatte, seinen unwichtigen Scherz ignorierend. Es gab jetzt wichtigeres. Den Knüppel zum Beispiel. Den hätte ich mir gerne genommen um dem Reiter zu zeigen wie sich das anfühlte, wenn man damit geschlagen wurde. Ich fühlte die Wunde noch an der Braue ziehen, auch wenn sie mittlerweile ausgewaschen war. Aber der Reiter hatte sich ja mittlerweile in meinen Brotgeber verwandelt. Besser ich versuchte nicht ihm irgendetwas beizubringen. Leder nicht lösen. Nicht brechen. Ich beobachtete Cooks Handgriffe, merkte sie mir. Aber wenn ich gemeint hatte, der Knüppel wäre spannend, dann hatte ich nicht mit der Pistole gerechnet, die Cook als nächstes hervor holte. Sie hatten hier Schusswaffen. Das hatten sie an der Themse nicht. Richtige, lange Steinschlosspistolen. Wunderschön aus Holz und Messing gearbeitet. Den Naval Sea Service Pistolen nicht ganz unähnlich, die sie in der Navy verwendeten. Die hatte ich schon auseinander gebaut. Mit denen hatte ich auch schon geschossen. Mein Blick ging vom Tresen zu Cook hoch als der auch von anderen Modellen sprach. Peace Officers mit einem wirklich Druckmittel. Kein Wunder, dass die Runner überall berüchtigt waren.
Als Cook schließlich mit einem Entermesser ankam, fühlte ich mich vollends wie Zuhause. Ich betrachtete die vertraute Klinge und lächelte zufrieden in mich hinein. Wenn ich gekonnt hätte, dann hätte ich mich nicht lange damit aufgehalten, all diese Dinge zu reinigen und in Stand zu halten, sondern mich damit bewaffnet und mir die nächste Rauferei gesucht. Aber der Pfad machte nun mal Umwege, und dann würde ich diese Umwege mit aller nötigen Gewissenhaftigkeit mitnehmen. Jeder altgediente Officer entwickelte sein eigenes Arsenal. Oh, das war gut. Das war mehr als gut. Und ich beschloss darauf zu achten. Wer wusste schon, wem man einen Gefallen tun konnte, oder wessen Ohr man erhielt, wenn man für seine akkurate Ausrüstung sorgte? An sowas dachte der Docker bestimmt nicht.
Cook kam während dessen ins erzählen, sprach vom 23. Februar, von vor zwei Jahren und ich musste daran denken was Birdwhistle von der Stelle gesagt hatte, die zu besetzen war. Und meine dunkle Vermutung wurde bestätigt während Cook von Entermessern und Kurzgewehren sprach. Da fielen Namen wie Davidson und Thistlewood. Und Smithers… Smithers der tot war. All meine Siegesgewissheit war dahin als ich diese Namen hörte und ich fühlte wie meine Augen vor Entsetzen groß wurden. Und das nicht etwa wegen der Großartigkeit von Cooks Erzählung, sondern viel mehr vor der Wahrheit, die er uns damit offenbarte. Smithers war die freie Stelle. Smithers, der bei der Zerschlagung der Cato-Street-Verschwörung ums Leben gekommen war. Dieser Kern der Bow Street war berühmt und noch immer in aller Munde. Helden der Mittelschicht. Selbst von der Unterschicht angebetet obwohl die sonst die Mittelschicht zu Recht für jedes ihrer Schicksale verantwortlich machte. Das sollten wir werden? Ich korrigierte mich in Gedanken: einer von uns. Und Cook fasste es gut zusammen: „Guter Mann, Smithers, der Besten, das sage ich euch! Könnt nur hoffen eines Tages halb so viel zu sein wie er!“ Ich ließ lakonisch den Kopf zur Seite kippen. Wo Cook Recht hatte, da hatte er Recht. Es war mir ein Rätsel wie diese Runner den Docker und mich hatten auswählen können. Für so eine Aufgabe. Eine Aufgabe, die der Mittelschicht vorbehalten war. Brauchten sie jedes Jahr zwei Armenhäusler um die Quote zu erfüllen? Oder meinten die das am Ende wirklich ernst mit uns? Gut, sollte das deren Sorge sein. Für mich würde erst einmal nur ein Pfund die Woche rausspringen. Und selbst wenn sie es sich kurzfristig anders überlegten mit ihrem Sozialprojekt, dann hatte ich bis dahin Arbeit und zehn verdammte Schilling in der Woche. Und ich konnte dem Docker auf die Nerven fallen. Was wollte ich mehr?
Wieder beruhigt sah ich also Cook entgegen, der wie weg getreten noch ein wenig in Gedanken bei seiner Erzählung zu hängen schien, ganz wie ein Mann, der eine wichtige Geschichte erzählt hatte und sie noch immer selbst nicht ganz zu fassen vermochte. Mein Blick wurde jedoch kritischer je länger er so vor sich hin stierte. Das war doch noch nicht alles gewesen, oder? Konnte der Mann bitte wieder zu sich kommen?! Aber wer wäre ich, einen Vorgesetzten meine Ungeduld spüren zu lassen. Jammern nannten sie das dann und straften einen ja doch nur. Man machte besser einen guten Eindruck. Und so kämpfte ich stumm mit meiner eigenen Ungeduld, nicht unterdrücken könnend, einmal auf dem Fußballen in den Stiefeln zu wippen um mich dann wieder auf die Füße sinken zu lassen. Ich warf einen Seitenblick zum Docker, als wüsste der, wann es hier weiter im Text ging.
Aber das Ende von Cooks Träumereien kam plötzlich und unerwartet. Es war als sei der Quartiermeister von einem Moment auf den anderen zurück in die Welt der Lebenden gekehrt und bereute jetzt, jemals fort gewesen zu sein. Er hatte etwas harsches, das mich direkt wieder gerade stehen ließ, als er in Richtung eines Tisches deutete. Waffenreinigen. Und jetzt konnte es ihm gar nicht schnell genug gehen. Verstehe einer diesen Mann. Ich machte mich daran, dem Docker zu folgen, hin zu diesem Tisch. Immerhin Waffenreinigen war nichts das mir unbekannt war. Damit würde ich klar kommen. Aber Otis-Road krallte sich direkt das beste Stück vom Tresen indem er die Lacy nahm. Aufgebracht stierte ich seiner Hand kurz hinterher, ließ mich aber nicht aufhalten und nahm mir stattdessen das Entermesser, womit ich ihm auf dem Fuß hin zum Tisch folgte.
Weder er noch ich kamen dort an. Jacke ausziehen. Ob wir sie dreckig machen sollten. Heiliger Strohsack, der nahm es aber genau. In der Navy hatte es wenigstens keinen interessiert wie dreckig die Uniform aussah solange man die Paradegarnitur nicht verdreckte. Wer zog seine Paradegarnitur bitte im Alltag an?! Aber ich schwieg brav während der Docker antwortete, mir sicher, dass es keines Chorus bedurfte um diese Antwort zu geben und zog meine Jacke aus um sie über den Stuhl zu hängen, den ich mir schließlich heran zog um mich zu setzen, das Entermesser heran zu ziehen und mit einem Lappen die gröbsten Unreinheiten weg zu wischen.
Kurz hob ich den finsteren Blick zu dem Docker mir gegenüber. Der, der sich die Pistole geschnappt hatte. „Nimm ja das Steinschloss raus, Otis-Road.“, giftete ich leise zu ihm herüber, aber der Quartiermeister hatte es gehört. „Heda! Mund halten und eure Arbeit machen! Wenn ich auch nur einen Makel an den Waffen finde, nachdem ihr mit ihnen fertig seid, könnt ihr noch einmal von vorn beginnen!“ Das wiederum glaubte ich Cook sofort, starrte Rhode ein letztes Mal finster an und senkte dann den Blick auf meine Arbeit.
Wir waren noch nicht lang dabei stumm vor uns hin zu putzen und zu reinigen, mit Fett und Tuch über bewegliche Teile zu gehen und trocken zu reiben, als Cook, der mittlerweile damit begonnen hatte, in seinem Lager hin und her zu gehen und Dinge von einem Ort an den anderen zu bringen, aus dem Nichts heraus wieder zu erzählen begann, als hätte einer von uns stummen Fischen ihn danach gefragt. „Thistlewood konnte fliehen, wisst ihr? Zusammen mit Brunt und Adams und Harrison. Ellis hat noch versucht ihn zu erschießen. Aber weil Smithers ihm in die Arme gefallen war, hatte er keine Chance und verfehlte ihn. Kann man ihm nicht vorwerfen, dem alten Ellis. Hat sein bestes gegeben.“ Zutiefst betrübt auf eine kalte Öllampe hinab blickend, schüttelte Cook den Kopf, bevor er ihn hob und grob in unsere Richtung nickte. „Ihr könnt froh sein, dass Ruthven ein Auge auf euch geworfen hat. Keiner kannte Smithers wie er ihn kannte.“ Damit versank Cook zurück in seine scheinbar charakteristische Nachdenklichkeit, während ich einen Blick zu dem Docker hinüber warf. Diesmal nicht finster, sondern versichernd, dass der auch gehört hatte, was ich gehört hatte. Und irgendwie hatte ich die Hoffnung, dass es ihn auch nur ansatzweise ähnlich gruselte wie mich, dass einer wie George Ruthven, den sie noch heute in der Zeitung abbildeten, uns für tauglich hielt, einen Richard Smithers zu ersetzen. Und das warum? Weil Otis-Road ihm ein Bein weg gezogen hatte...


