Also Nico spricht begegne ich seinem Blick. Er zögert. Verwendet das „du“ wie ein Fremdwort. Immerhin hat er endlich mit dem Sir aufgehört. Ich bin dankbar dafür. Ruhig sehe ich ihm entgegen. Habe das Gefühl, dass nichts mehr kommen kann, das schlimmer sein könnte als über meinen Schatten gesprungen zu sein. Meine ganz persönliche ausgedehnte Beichte. Es hat Kraft gekostet. Wie so vieles. Aber es fühlt sich auch gut an. Auch wenn es nichts besser macht. Asya hat dabei geholfen, es von der ironischen Seite zu sehen. Ich weiß, dass es nicht besser ist, nicht fort ist. Und doch ist es für den Moment wie eine liebevolle Umarmung.
„Wie ist deine Arbeit?“ Ich senke ein wenig den Blick. Das traurige Lächeln ist immer noch als Echo auf meinem Gesicht. Jetzt wird es langsam ernst. Ich atme tief durch, versuche mich zu entspannen. Es ist in Ordnung, dass Nico fragt. Besser er fragt, als dass er mir im Gegenzug Vorwürfe macht. Dass er fragt lässt mich vermuten, dass er mir zumindest ein Stück weit verzeihen kann. Und das wiederum erleichtert mich. Die Anstrengung mit mir selbst zu kämpfen ist richtig gewesen. Es hat dabei geholfen ihm zu zeigen, dass er keine Schuld trägt. Dass nicht er es ist für den ich mich so sehr schäme. Sondern dass es meine Probleme sind, die mich verfolgen, die mir Sorgen machen, wie er mich sehen könnte. Ich bin ihm dankbar für seine Neugier. Es ist nur fair ihm zu antworten. Auch wenn ich weiß, dass er nach Dingen fragt, deren Antworten sowohl ihm als auch mir nicht gefallen werden. Meine Stimme ist ruhig als ich antworte. Ich nehme mir vor die Bitterkeit aus meiner Stimme zu verbannen, aber ich weiß, dass ich es nicht vollständig schaffe. Ich sehe wieder auf meine Hände hinab als ich beginne. Aber diesmal fühlt es sich nicht mehr so hart, nicht mehr so gezwungen an. „Meine Arbeit ist…“ Ich hebe doch wieder den Blick, sehe hinaus. Muss erst die Worte finden. „…nicht schön. Sinnvoll und nicht besonders grausam, außerdem mit nur geringem Aufwand verbunden. Ich habe alles was ich brauche, ich führe ein gutes Leben, bekomme was immer ich brauche. Immer unter der Bedingung, dass ich da bin wann immer Davies mich braucht.“ Ich sehe wieder ins Abteil und suche Nicos Blick. „Ich zerstöre die Leben von Menschen. In Davies Auftrag beende ich Projekte, entlasse Mitarbeiter aus dem Dienst des Magisteriums, informiere sie über auslaufende Verträge, setze sie auf die Straße oder spreche hier und da eine Drohung aus um jemanden zurück in Davies‘ Bahnen zu bringen.“ Einen Atemzug lang lasse ich das so stehen. Dann fahre ich fort. „Ich habe es mal genossen und eine Zeitlang haben wir uns eingebildet uns ganz gut zu amüsieren. Aber es fällt schwer nicht die Schicksale dahinter zu sehen. Und es ist eintönig. Bedarf keiner besonderen Anstrengung. Es ist wenig ehrbar. Man kann Wut gut darauf abwälzen und sich selbst von seinen eigenen Problemen ablenken. Aber im Grunde war es nie das was ich wollte. Und je älter ich werde desto mehr stört es mich, unter Davies Hand zu stehen statt meine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Ich habe nicht aufgepasst als ich in seine Abhängigkeit gerutscht bin. Oder die Folgen unterschätzt. Ganz wie man es sehen möchte. Ich dachte einmal naiv wie ich war, er ist nur ein Sprungbrett und bringt mich hinauf in die Verwaltung des Magisteriums, zu den wirklich wichtigen Entscheidungen. Dorthin wo sie jeden Tag ihren Kampf gegen den Adel im Oberhaus ausfechten. Aber das hatte er nie vor. Er benutzt mich nur. Die meiste Zeit schaffe ich es, den Umstand zu verdrängen. Aber es schürt die Wut wann immer ich auch nur seine Visage sehe.“ Tatsächlich streiten Nascha und ich viel durch ihn. Ich sehe Nico an und bin ganz ruhig dabei. Das hier zumindest kann ich reinen Gewissens sagen. Keinem Menschen sonst habe ich das bisher gesagt. Das sind Dinge, die nur zwischen Nascha und mir existieren. Aber er ist mein Bruder. Ich habe ihm schon früher alles erzählt das mir in den Sinn gekommen ist. Von der kleinsten Belanglosigkeit bis zu größten Geheimnis. Er war mir so nah wie Nascha es war. Und ich habe das vermisst. Ich habe es vermisst, dass mir jemand nahe ist. Ich muss an Nascha denken, wie sie neben mir auf Asya kauert als sei sie nur eine physische Erweiterung der Hündin. Dass uns jemand nahe ist, korrigiere ich in Gedanken. Und vielleicht habe ich die Hoffnung, dass es dadurch wieder wie früher wird. Dass es einfach so passieren kann, alleine dadurch, dass ich es mir wünsche. Auch wenn ich weiß, dass es unvernünftig ist. „Wie ist es mit dir? Wie ist es ein Valet zu sein? Musst du dich mit kleinen Jungs rumärgern, die dein Zimmer umräumen?“ Ich muss ein wenig schief grinsen. Ich weiß, vielleicht ist es zu viel des Guten, aber ich komme nicht umhin diese Erinnerung hervor zu holen. Ich will Nico nicht überrumpeln und doch sehne ich mich so sehr nach diesen wenigen Dingen, die uns noch verbinden. Die Erinnerungen sind ein großer Teil davon. Als Kinder hatten wir so etwas wie Narrenfreiheit. Wir haben oft genug die Mansarde unsicher gemacht und eines Tages hatten wir das Zimmer des Valets unseres Vaters komplett auf den Kopf gestellt. Wir wurden nicht verpfiffen. Aber das hatten wir nur der guten Seele des Mannes zu verdanken. Es ist ein fast warmer Gedanke, jetzt erwachsen zu sein und die andere Seite der Münze zu kennen. Ich stelle es mir schwerer vor als das, ein Hausdiener zu sein. Und doch, hoffe ich innig, Nico die Schwere darin ein wenig abnehmen zu können.

