Anis fährt fort, seine Worte gehen in eine andere Richtung. Eine für die ich mich noch nicht bereit fühle. Ich habe noch so viele Fragen, es gibt noch so viel, das ich nicht begreife. Aber ich werde wohl nie die Zeit dafür haben, sie alle zu füllen. Dafür ist zu viel Zeit vergangen. Knapp 25 Jahre. Die werden sich nie durch Worte auffüllen lassen. Doch mitten in diesem Bedauern, mitten in dem Wunsch ihn aufzuhalten, bemerke ich, wie ein leises Verstehen einsetzt. Es ist noch vage. Noch kann ich es erst den Konturen nach erahnen und ich weiß, würde ich bereits danach greifen, es würde meinen Fingern entgleiten. Aber ich spüre den Grad meiner eigenen Wachsamkeit steigen, während ich es im Fokus behalte. Dieses Leben ist nicht, was Anis gewollt hat. Die Verbitterung hängt zäh und lähmend über seinen Worten. Die Frustration. Er hatte mehr erreichen wollen. Ein freieres Leben führen. Tut er das nicht?, frage ich mich unwillkürlich. Aber ich kann sein Leben kaum mit dem meinen vergleichen. Für mich klingt es nach einem freien Leben, aber welche eigene Erfahrung habe ich in dieser Hinsicht schon? Ich kenne das Leben anderer Herrschaften, solche, die keinem Chaplain unterstehen. Solche die tatsächlich eigene Forschungsbereiche leiten. Damit muss ich Anis vergleichen. Ich bin keine Referenz in dieser Hinsicht. Doch ich kann verstehen, dass es ihn verbittert, das nicht erreicht zu haben. Von oben kurz gehalten zu werden. All die Frustration und Wut von der er spricht. Ein weiteres Mal um seine Chancen betrogen. Ich denke wieder an die Muster und wie sie sich immer und immer wieder wiederholen. Der Adel in Form seines eigenen Vaters hat ihn von sich gestoßen. Aber die Kirche hat ihm keinen wesentlich dankbareren Dienst erwiesen. Ja, ich verstehe, dass es ihn verbittert, ich meine sogar langsam zu begreifen, weshalb er sich dessen schämt. Wenn er sich selbst die Schuld daran gibt, nicht mehr erreicht zu haben in seinem bisherigen Leben. Aber ich verstehe noch immer nicht, was das mit unserem Wiedersehen zu tun hat. „…Aber vor allen Dingen, dass ich leben soll … Ich hätte leben sollen. Jede Chance nutzen, die sich mir bietet. Für sie. Für euch…“, wiederholen sich seine Worte in meinem Kopf. Für euch… Aber es ist zu viel. Ich kann es noch immer nicht ganz erfassen. Nicke nur trocken, auf seine abschließenden Worte. Ja, die Wut kenne ich…
Und mitten in den Strudel meiner Gedanken, mitten in meinen Versuch Worte zu finden, spricht Anis wieder. „Wie ist es mit dir? Wie ist es ein Valet zu sein?“ Die Frage trifft mich unerwartet und im ersten Moment starre ich ihn nur an, in sein schiefes Grinsen hinein. Er wäre nicht der erste Herr, der auf diese Art nach meiner Arbeit fragt. Gewissermaßen Interesse zeigt, aber er wäre so ziemlich der erste der es ernst damit meint. Dem es nicht um eine exotische Anekdote geht. Ist der erste, korrigiere ich mich selbst. Ich kann die Aufrichtigkeit hinter seinen Worten spüren. Weiß es mehr noch… Weil er… mein Bruder ist… „Musst du dich mit kleinen Jungs rumärgern, die dein Zimmer umräumen?“ Noch einen Augenblick länger sehe ich ihn einfach nur an, spüre wie der Laut sich meine Kehle hinauf bahnt, bevor ich in Lachen ausbreche. Es ist mir selbst nicht ganz geheuer, aber ich kann es nicht kontrollieren. Die Erinnerung an unsere Kindheit macht mich übermütig. Diese ganze Situation lässt mich jede Kontrolle verlieren und für einen Moment fühle ich mich befreit wie das Kind, das ich einmal gewesen bin. „Mr. Morris…“, bringe ich schließlich hervor, als hätte er mir ein Rätsel gegeben, kratze mich dabei einen Moment hinter dem Ohr, „… ich schätze wir haben ihn die grauen Haare gekostet.“ Ich habe über die Jahre und die verschiedenen Haushalte die Namen unzähliger Dienstboten mitgenommen und mehr als die Hälfte wieder vergessen, tatsächlich ist mein Namensgedächtnis nie besonders gut gewesen. Es wäre ein Wunder könnte ich noch jeden Herrn beim Namen nennen, dem ich über die letzten fünf Jahre gedient habe. Aber Mr. Morris‘ Namen würde ich wohl nie vergessen. Ebenso wenig ihn und diesen Riesen von einer Hündin, einer Dogge oder dergleichen, die er zum Daemon hat. Ein edles Tier, wie es sich für den Valet eines Earls gehört. In meiner Erinnerung ist sie wirklich schön und kaum vorstellbar groß. Definitiv ist sie größer als Zhakar gewesen, der Daemon unserer Mutter, der allein schon ein stattliches Stockmaß besitzt. Ich erinnere mich an Mr. Morris als einen geduldigen Mann mit einem Talent darin zu erklären und einem von Erfahrung geprägten Wissensschatz, der mich ehrfürchtig seinen Geschichten und Lektionen hat folgen lassen, wenn er denn, selten genug, Zeit dafür hatte – und wenn ich ihn nicht gerade gemeinsam mit meinem Bruder und unseren Daemonen in den Wahnsinn getrieben habe. Gutmütig sind sie beide gewesen, er und sein Daemon, ich habe erst später erfahren wie sehr. Ich schüttle den Kopf, versuche die Erinnerung zu vertreiben, mich an Anis‘ Frage zu erinnern. Der Ernst kehrt zurück, während ich nachdenke. Ich versuche dabei nicht an das zu denken, was wir uns als Kinder ausgemalt haben. Versuche es nicht mit irgendwelchen Träumen zu vergleichen, die wir einmal gehabt haben. Ich schätze das meiste davon habe ich ohnehin vergessen, aber ein paar habe ich mir als kostbar gepflegte Erinnerungen bewahrt. Ich will jetzt nicht daran denken.
„Ich schätze, dass… ich schätze unsere Mutter würde wohl sagen…“ Ich verenge etwas die Augen ohne Anis dabei anzusehen. Schlucke und hebe dann doch konsequent den Blick, zucke mit den Schultern. „… dass ich dankbar sein soll. Ich so-… bin dankbar. Ich habe eine gute Anstellung, schätze ich.“ Ich nicke nachdrücklich, frage mich jedoch im selben Moment, wen ich eigentlich überzeugen will. „Stehe im Dienst der Kirche, begleite Herren die ohne Diener reisen. Manche sind zu Gast in London, andere begeben sich auf Reise. Dabei sehe ich eine Menge Herrenhäuser, solche in denen mein vorübergehender Herr Gast ist. Und da sind immer wieder… diese… diese Dienstmädchen. Dumme Dinger würde man wohl sagen. Oberflächlich und beschränkt. Aber… nun ja… sie kommen mit 12 oder 14 aus einer armen Familie oder aus dem Arbeitshaus in den Haushalt und sehen ihr Leben lang kaum mehr als dieses Haus. Kaum mehr als die immer gleichen Stufen, die immer gleichen Gesichter, die immer gleichen Abläufe. Von Morgens bis spät in die Nacht. Ich dagegen habe ganz andere Möglichkeiten, sehe immer wieder neue Orte, diene immer neuen Herren, die alle ihr eigenes Wissen, ihre Meinungen und ihren Blick auf die Welt haben. Ich bin… es ist ein wenig wie damals auf Dode Manor… wenn wir durch die Dienstbotengänge gerannt sind, Mr. Morris‘ Zimmer auf den Kopf gestellt, … – und gleichzeitig Zugang zu den herrschaftlichsten Räumen des Hauses hatten. Ich sehe die oberste Riege, bekomme all ihre Facetten mit. Aus dem Hintergrund, kaum beachtet. Und gleichzeitig kenne ich downstairs, gehöre dort hin. Ich würde lügen zu sagen, dass es nicht spannend ist. Dass ich es hassen würde oder dergleichen. Ich habe meine Freiheiten. Mehr als andere meiner Art. Aber ich bin auch…“ Ich lache kurz auf, hart und freudlos. „… ein Vogel in einem Käfig. Ich bin versorgt. Aber ich sehe die Gitterstäbe bei jedem Flug. Darf sie nie aus den Augen verlieren, sonst würde ich mich verletzen.“ Er schüttle den Kopf. Hatte es als Scherz gemeint und doch kommt es der Realität verdammt nahe. Mein Blick verliert sich ins unbestimmte.
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