Ich löse mich von der Erinnerung, von dem abgeglittenen Weg, den meine Gedanken genommen haben und erzähle weiter. Berichte von den Problemen, die ich von Tag zu Tag mehr mit dieser Aufgabe, die ich erfülle entwickle.
Als ich ende und nach Nicos Stellung als Valet frage, da sehe ich mit Erleichterung das Lachen auf Nicos Gesicht treten. Vielleicht hatte ich Angst, dass ich zu weit gegangen bin. Dass ich ihn überrumpele mit der Erinnerung an unsere Kindheit. Aber das Lachen, das zusehends in ihm aufsteigt ist echt. Und es berührt mich so sehr, ihn lachen zu sehen, dass ich nicht anders kann als ein wenig mitzumachen. Mit ihm zu lachen fühlt sich noch so viel befreiender an. Es ist der pure Zustand des Glücks. Ich sehe die Erinnerung in seinen Augen und ich spüre das breite lachende Grinsen auf meinem Gesicht, während wir beide das Bild des verwüsteten Zimmers im Geiste vor uns haben. Es ist herrlich das Spiegelbild jener Ereignisse in Nicos Augen zu sehen. Ich verfalle in ein breites nachklingendes Grinsen während Nico den Namen jenes Valets nennt, dem wir es damals zu verdanken gehabt haben, dass wir keine schwereren Konsequenzen aus der Geschichte mitgenommen haben. Ich nicke schmunzelnd und senke für einen Moment den Blick um vor mich hinzugrinsen. Ich sehe wieder auf und nicke – ich glaube ich bekomme meine Wangenmuskulatur nicht mehr unter Kontrolle. Ich weiß nicht wann ich das letzte Mal so gegrinst habe. „Mr. Morris.“, bestätige ich grinsend. Ich habe den Mann dafür geliebt, dass er immer einmal ein Auge zugedrückt hat. Und wenn er harsch wurde hatte ich immer aufrichtig Angst, aber er schaffte es, die Dinge im nächsten Moment wieder gut zu machen. Er war der einzige bei dem ich mich getraut habe, mein Herz auszuschütten als Nico fort war. Ich werde ihm nie vergessen wie weich und nachsichtig dieser Riese von einem Mann zu mir war. Unwillkürlich frage ich mich, was er heute wohl macht. „Mehr als das…“, lache ich grinsend.
Nico wird langsam ernster und so werde auch ich wieder ruhiger, während ich ihm zusehe und behutsam auf die Antwort warte, die er mir noch schuldet. Hätte er die Frage übergangen, die ich ihm eigentlich gestellt habe, es hätte mich nicht gestört. Ich bezweifle sogar, dass es mir aufgefallen wäre. Sein Lachen ist ein Geschenk, das alles andere wett macht. Aber ich nehme auch alles was danach kommen mag, höre aufmerksam zu, beobachte Nico während er schließlich spricht und sauge jedes Wort auf, das er sagt, als wäre es das wertvollste was ich habe.
Er sagt, dass er dankbar ist, dass nicht nur unsere Mutter das sagen würde, sondern dass es so sei. Aber es klingt wie eine Mahnung an ihn selbst. Ich höre heraus, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Es passt zu unserer Mamá, dass sie so etwas sagt. Es passt so sehr zu allem was sie uns geraten hat als wir noch klein waren… Schätze ich… Die beiden Worte, die Nicos Aussagen verraten. Behutsam beobachte ich seine Züge während er spricht… und verstehe was er meint. Lasse mich hinein ziehen in die Welt aus seinen Augen. Es sind wenige Worte, die er mir gibt und sie wirken fast formal und sachlich. Aber sie verraten mir so viel mehr als das. Sagen mir, dass auch Nico nicht glücklich ist. Dass er nur gelernt hat besser damit umzugehen als ich. Gelernt hat dankbarer zu sein. Ich lächle während sich vor meinem inneren Auge die Bilder von Gängen und Räumen formen. Räumen wie ich sie aus Dode Manor kenne, andere wie es sie im Magisterium gibt oder wie ich sie bei Freunden unserer Eltern erlebt habe als ich noch klein war. Wie Nico all diese Räume sieht. Als er es mit unseren kindlichen Ausflügen in die Mansarde vergleicht, wird mein Lächeln noch breiter. Es ist ein kleines Glück, das er da erlebt. Ich freue mich so sehr über die schönen Seiten, die er zeichnet. Sie blenden mich mit ihrer Schönheit und der Art wie sie Nicos ganz persönliches Geheimnis sind. Fast täuschen sie über alles andere hinweg. Doch Nico sieht die Dinge sachlich, abgeklärt, erstaunlich reflektiert verglichen mit jedem anderen Mann, dem ich bisher in meinem Leben begegnet bin. Er besitzt nicht die Selbstsucht mit der ich mich selbst bedaure. Er kennt seine Stellung und er kennt sowohl die guten, als auch die schlechten Seiten. Er denkt nicht in Extremen, nicht wie so viele andere Menschen, die dazu tendieren nur einen Aspekt eines Sachverhalts zu sehen. Er ist nicht so beschränkt. Es ist eine Art von Weisheit, die mich ihn bewundern lässt und mir gleichzeitig das Gefühl gibt, dass viel geschehen ist, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Ja, es wird mir zum ersten Mal wirklich bewusst wie viel Leben zwischen uns liegt. Ich habe mich immer gefragt wie es ihm geht, was er wohl tut. Und ich habe gewusst, dass er ein vollkommen anderer ist als damals. Aber dennoch ist es etwas anderes, es leibhaftig zu spüren.
Er ist ein Vogel in einem Käfig. Der große negative Aspekt an seiner Stellung. Jener Aspekt, der auch unsere Mutter seit jeher bestimmt und eingeschränkt hat. Sie hatte nie eine Chance gegen unseren Vater. Sie besaß keinerlei Macht. Sie war gefangen in einem Käfig. Wie gut dieses Bild passt. Und sie hat diesen Käfig an Nico weitergegeben. Wie eine Erbsünde. Niemandes Schuld und doch unausweichlich. Der Gedanke lässt mich ernst und melancholisch werden. Ich senke etwas den Blick und lasse mir durch den Kopf gehen was Nico sagt. Gitterstäbe. Mein Bruder ist gefangen. So viel gefangener als ich es bin. Ich habe es verglichen mit ihm noch gut. Und er hat es akzeptiert. So erwachsen wie er ist, sieht er diesen Sachverhalt so differenziert. Ich sollte das respektieren und anerkennen, stattdessen löst es in mir den unbändigen Wunsch aus, ihn zu befreien. Es war schon immer so. Jemand sagte mir ich könnte etwas nicht oder ich dürfte etwas nicht und ich habe es erst recht versucht. Als wäre der Satz „nichts ist unmöglich“ in meine Herzkammern eingebrannt. Ich glaube längst nicht mehr daran, aber der Instinkt, der dazu gehört, er ist noch immer da. Und er begehrt auf wie ein wütendes Tier unter dem Gedanken, dass mein Bruder ein Gefangener in einem goldenen Käfig ist. Ich ertappe mich bei dem Gedanken in was für einer Welt wir leben, in der unsereiner unfrei ist. Jeder auf seine Weise. Nie unser eigener Herr. Verfolgt von der Entscheidung unserer Eltern. Jede Handlung vorgeschrieben. Ich will Nico sagen, dass es mir Leid tut. Aber ich weiß, dass das seinem Sinn für die Situation nicht gerecht werden würde, dass ihn das verspotten oder bemitleiden würde und ich will ihn nicht bemitleiden. Das hat er nicht nötig. Nicht nach dem was er gesagt hat. Und doch… es berührt mich. Ich würde es gerne ändern. Ein verrückter, unmöglicher Gedanke. Fast kindisch in seiner Naivität. Aber gerade deshalb so stark. Ich versuche das Gefühl zur Seite zu schieben und weiß doch nicht was ich sagen kann.
Der Gedanke macht mir plötzlich bewusst… nein, stößt zum ersten Mal den weiteren Gedanken an, dass es ein wertvoller Zufall ist, dass wir uns hier auf der Reise nach Sheffield begegnen. Dass uns dieser Moment nur kurzzeitig gegeben ist. Wer weiß wann wir uns wieder sehen wenn diese Reise vorbei ist. Wer weiß wem sie Nikola als nächstes zuteilen. Das Magisterium verfügt darüber. Habe ich vor kurzem noch gehofft, dieses erzwungene Zusammensein möge möglichst schnell vorüber gehen, so wird mir jetzt, da es sich endlich wertvoll anfühlt, bewusst, dass es enden wird. Dass wir uns danach vielleicht nie wieder sehen werden. Wieder einmal. Der Gedanke bereitet mir Schmerzen. Und schürt meine Wut. Ernst drehe ich ein wenig den Blick, begegne Naschas runden schwarzen Augen. Ich muss daran denken was sie über Davies‘ Daemon gesagt hat. Daran, wie wir darüber gesprochen haben, dass Davies etwas im Schilde führt. Als wüsste er etwas, das alle andere nicht wissen. Als wüsste er davon, dass Nikola Larkin und ich Brüder sind. Die Karten ohne Sitzplatz. Es passt so erschreckend gut zusammen. Nein. Ich beschließe, dass es nicht sein kann. Es würde unser Treffen zerstören, unserer zaghaften Wiedervereinigung, unserem gemeinsamen Lachen die Heiligkeit rauben. Nein, ich will nicht über diese Möglichkeit nachdenken und mir davon den Moment zerstören lassen. Ich verdränge die Überlegung so schnell wieder, wie sie gekommen ist. Ein wenig traurig hebe ich den Blick und sehe Nico wieder an. „Wir leben wohl beide nicht ganz nach freien Stücken, hm?“, frage ich bedauernd. Das hätte schalkhaft klingen sollen. Aber es wird traurig. Nichts anderes. Und das wiederum tut mir fast Leid.

