„Aber ich kenn den Spruch von den Kirchen.“ Da kam es, völlig ohne Zusammenhang. Mit hochgezogenen Brauen sah ich abfällig zu dem Kurzen hinüber. Das war ja schön für ihn und interessierte mich auch wirklich brennend… nicht. Allein, dass ich den blöden Spruch auch kannte. Es war der Oranges and Lemons. „When I am Rich, ring ye bells at Fleetditch – When will that be?“, nahm ich fast unbewusst die unmittelbar davor gelegenen Verse auf. „Tja, Fleetditch voraus – aber kein Glockenleuten“, ergänzte ich dann trocken mit einem Schulterzucken. Traf unsere Situation vermutlich erschreckend gut. Aber wenn der Matrose das Lied kannte, dann kannte er auch das zugehörigen Klatschspiel unter den Kindern. Das und die letzten Zeilen dessen, die die direkt nach der Pauls kamen: Here comes a candle to light you to bed. Here comes a chopper to chop off your head. Chip chop, chip chop, the last man's dead. Einfache Moral des Spiels: Wer zu langsam ist, ist raus. Nachdenklich betrachtete ich den Janner einen Moment von der Seite. Ob ich’s als Warnung nehmen sollte? Aber die konnte der Kurze haben. Abfällig schnaubend ging ich weiter voran, die holprige, ausgetretene Gasse entlang des ehemaligen Fleet-Kanals hinab. Immer wieder öffneten sich alte Teile des Wasserlaufs zu einer Kloake, tief waren die Schächte und das Wasser hatte sich zusammen mit den Abfällen und dem Abwasser zu einer so unerträglich stinkenden Schlammschicht aufgetürmt, dass ich mich fragte, weshalb sie die frischgewaschene Wäsche überhaupt über unseren Köpfen auf Leinen in der Gasse trockneten. Egal wie wenig Platz auch in der Stube sein mochte, aber hängst du sie hier raus, da kannst du dir das Waschen doch direkt sparen. Doch so unheimlich mir diese Abschnitte auch waren, sie bewiesen, dass wir trotz der Häuser, die sie über die meisten Stellen des ehemaligen Kanals gebaut hatten, auf dem richtigen Weg waren. Wir folgten dem Fleet und als die Schatten in der Gasse in der Abenddämmerung immer länger wurden, da konnte man am Ende der Gasse die Themse entdecken und die baufälligen Konturen der Blackfriars Bridge. Mit einem Gaul hätte ich die Brücke nicht mehr überqueren wollen. Aber für den Matrosen und mich würde es schon reichen – und wenn’s doch nur für mich reichte, wär’s auch nicht verkehrt. Vielleicht paddelte der Matrose bei der Gelegenheit ja direkt in die East Indies durch. Ein Problem weniger.
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