Charaktere
Anisim Langdon » Rory Evening » Nikola Larkin
Datum & Ort
10.01.1922, London // Sheffield
Society of The verification mission Rudeness
Ich spüre Asyas Widerstand gegen mein Schweigen. Ihre Erwartungshaltung. Im ersten Moment begreife ich kaum weshalb. Fühle mich taub und ein wenig schwindelig gegen die Worte, die ich bereits verloren habe. Ich bin es nicht mehr gewohnt so viel zu sprechen, ohne es zuvor sorgsam geplant zu haben. Meine Spontanität ist wie bereits erwähnt so eine Sache, vor allem wenn es um soziale Belange geht. Ich neige dazu Dinge, die ich unbedacht ausgesprochen habe im späteren Verlauf stark zu bereuen. Es ist gut, dass meine Arbeit viel mehr das Zuhören von mir erwartet. Dass meine aktive Kommunikation viel mehr von standardisierten Antworten geprägt ist. Oder davon, die richtigen Impulse zu setzten, um eine Erzählung nicht abbrechen zu lassen, um ein Gespräch in die richtige Richtung zu leiten, zu erfahren was ein Anderer nicht unbedingt aus einfachen Stücken preis gegeben hätte. Ich hatte schon immer ein gewisses Talent darin, dass Menschen die seltsame Neigung haben, mir Dinge zu erzählen, die man vielleicht einem guten Freund erzählen sollte, aber sicher nicht einem halb Fremden. Selbst viel zu sprechen oder von sich preis zu geben hat das nie erfordert. Noch nicht einmal, bevor es Teil meiner Arbeit für das Magisterium wurde. Und das ist der Punkt, der Asyas Widerstand auslöst. Da ist noch mehr an meiner Arbeit. Mehr als der Valet, dessen Funktion ich nach außen hin erfülle. Sie erwartet, dass ich es ausspreche. Dass ich die Chance nutze. Und vielleicht ist es das, eine Chance. Direkt zu Beginn reinen Tisch zu machen. Anis zu erzählen, was er wissen muss. Dass man ihn beobachten lässt. Nicht beobachten lässt, du Idiot, schelte ich mich selbst. Durch mich beobachten lässt. Aber was soll ich schon sagen? Schön dich wiedergetroffen zu haben, wirklich, und dass du mir von deinen Problemen mit deiner Arbeit erzählst, dass du noch tiefere Konflikte andeutest, du kannst mir schon vertrauen, weil hey, ich bin ja nur da um genau das herauszufinden. Um deinen Schritten zu folgen, deine Worte zu belauschen. Also bitte behandle mich wie einen Bruder, bitte zieh dich nicht wieder zurück, bitte lass mich nicht allein… Was würde ich mit meiner Ehrlichkeit schon erreichen als genau das? Wieder allein zu sein, wieder seine Distanz und seine Abweisung zu spüren. Und zu wissen, dass es besser so ist. Dass er es besser dabei hätte belassen sollen. Mir besser nie weiter vertraut hätte, als er seinen Daemon bei stockfinsterer Nacht vor Augen sehen kann. Überhaupt nicht.
 
Mit welchen Worten hätte ich diese Fakten auch abmildern können? Wie hätte ich ihm begreifbar machen können, dass auch ich ehrlich zu ihm gewesen bin? Dass nichts davon gespielt war. Dass auch ich unglücklich bin mit vielen Dingen, dass ich mich gefangen fühle, dass Asyas abschätzige Kommentare gegenüber der Kirche tatsächlich mehr von unserer Meinung widerspiegeln, als die Loyalität, die wir ihr immer und immer wieder entgegen bringen. Weil ja, ich bin dankbar, aber nicht so dankbar wie ich sein sollte. Wirklich sein sollte. Und dass nicht nur, weil unsere Mutter es gesagt hätte. Nicht nur, weil ich zur obersten Schicht gehöre, die ein Diener erreichen kann. Nein, dankbar hätte ich vor allem sein sollen, für die Chance die mir die Kirche gegeben hat. Mein zweites Leben so zu sagen. Ein Leben in ihrem Dienst, aber ein Leben. Ein Leben, das vor allem ein Gefängnis darstellt, aber ich habe es gewählt. Dieses Leben. Das Leben gegen die Strafe, die mir all meine Sünden eingebracht hätte. Die Talente, die ich im Laufe meines vorangegangenen Lebens erworben habe in ihren Dienst gestellt. Wenn man es so plakativ will hat Father Ibrim mich vor dem Strick bewahrt, wie so einige seines netten kleinen ‚Programms‘ für gefallene Sünder. Ein wahrer Heiliger, der an die Rückkehr des verlorenen Sohns glaubt. Dafür dass wir ihm andere ‚verlorene Söhne‘ in die Hand spielen – oder an den Galgen, manchmal auch den unauffälligeren Tod. Je nachdem was der Kirche (oder den Strömungen in ihr denen Father Ibrim angehört) gerade zuträglicher ist.
 
Und deshalb stellt jedes Vertrauen, dass Anis mir entgegen bringt, jeden Moment den er mich wie einen Bruder behandelt eine Gefahr für ihn da. Und wäre ich nicht so selbstsüchtig, würde ich mich nicht so sehr danach sehnen, dann würde ich ihm das genau jetzt ins Gesicht sagen. Was ich bin, weshalb ich wirklich da hier bin. Ich suche nach Worten. Denke an diesen Part meiner Arbeit. Ich habe es nie darauf angelegt, dass man mir vertraut. Um ehrlich zu sein, habe ich nie begriffen, weshalb so viele es tun. In vielen Fällen versuche ich es mir mit Gleichgültigkeit zu erklären. Ich bin nur ein Diener. Ich bin keine Gefahr. Keine Bedrohung in jeglicher Hinsicht. In den Augen der Meisten vielleicht pflichtbewusst, aber wohl sicher nicht besonders intelligent. Was sollte man von mir schon befürchten? Weshalb die Mühe machen auf seine Worte zu achten? Das macht es einfacher für mich, das was ich erfahre an Father Ibrim weiter zu geben. Nicht direkt natürlich. Ich habe eine kleine Halbschwester, ein Küchenmädchen in einem Landhaus einer unscheinbaren Grafschaft, der schreibe ich regelmäßige Briefe. Ab und an füge ich einige Bögen in kyrillischer Schrift hinzu und bitte sie diese an einen entfernten Verwandten weiter zu leiten. Sie versteht zwar die moskovitische Sprache, aber kann die Buchstaben nicht lesen – ich auch nicht, bis vor fünf Jahren. Und selbst wenn sie es könnte, es hätte ihr nicht genutzt. Es ist eine mehrstufige Verschlüsselung, das kyrillische Alphabet zu verwenden ist nur die erste Ebene. Der Trick besteht darin, dass man erst gar nicht versucht, die Zeilen zu lesen. Selbst wenn jemand die Post, die an ein Dienstmädchen vom Land geht, abfangen würde, und das Glück hätte auch noch einen von denen zu erwischen, die neben privater Korrespodenz mit ihrem Bruder auch noch ein oder zwei weitere Blätter in kyrillischer Schrift beinhaltet. Sie wiederum gibt die Bögen in einen Umschlag, versieht ihn mit der Adresse, die ich ihr einmal mündlich genannt hatte und sie gibt den Umschlag in die Post des Hauses. Ich schätze sie glaubt, dass ich das Porto sparen will oder dergleichen. So lange es sich in Grenzen hält, übernimmt der Haushalt, in dem sie angestellt ist, auch das Entgelt für das Frankieren und Versenden der Post der eigenen Dienerschaft, vielleicht ein leises Eingeständnis dafür, dass sie so weit ab allem in Diensten stehen. Viel Sinn macht das mit dem gesparten Geld zwar nicht, aber nun ja… sie ist eines dieser Dienstmädchen. Sie hat nicht viel Böses gesehen in ihrem bisherigen Leben. Sie ist ein gutes Mädchen. Aber sie hat auch… allgemein nicht viel gesehen. Neugierig ist sie trotz allem und ich schätze, das ist ein gutes Zeichen. Ich versuche ihr viel zu schreiben, selbst wenn mir das Schreiben Mühe bereitet. Ihr viel zu erzählen von dem, was ich erleben kann. Sie beneidet mich darum, ebenso wie sie mich bewundert. Aber ich – ich weiß, wie selbstgerecht und egoistisch es ist – ich bin froh, dass es so ist, wie es ist. Dass sie mich durch die Geschichten beneidet, sich die schöne Welt und all ihre Möglichkeiten ausmalen kann – und nicht erlebt, wie sie tatsächlich ist.
 
Was sie aus mir gemacht hat. Was sie aus Anis gemacht hat. Bis wir heute hier sitzen. Davon sprechen, wie wir beide auf unsere eigene Art gefangen sind. Wie ich mir überlege, wie ich Anis die Worte beibringe, durch die ich ihn gleich ein weiteres Mal verlieren werde. Und ich einmal mehr dieser entsetzliche Feigling bin. Mich selbst damit zu erweichen versuche, uns nur noch ein wenig mehr Zeit zu gönnen. Diese Zugfahrt vielleicht nur. Uns nur ein paar Stunden lang Brüder sein zu lassen. Selbst wenn ich schon jetzt ahne, was für ein mieser Handel das ist. Schon jetzt ahne, wie sehr ich es einmal bereuen werde… „Wir leben wohl beide nicht ganz nach freien Stücken, hm?“ Anis‘ Stimme durchbricht das Abteil und ich zucke fast darunter zusammen. Meine Gedanken fühlen sich einen Moment blank und leer an und der Augenblick in dem ich noch etwas hätte hinzufügen können, scheint verloren. Es klingt seltsam abschließend für mich. Aber ich weiß, dass ich mir das vielleicht auch nur einrede, um das Schweigen vor mir selbst zu rechtfertigen.
 
„Irgendwie war das in Kentfordshire Wood einmal alles so viel einfacher…“, füge ich murmelnd hinzu, muss dabei an die Abenteuer denken, die wir dort erlebt haben, den großen Plänen, die wir einmal gehabt haben. Ich schüttle den Kopf, sehe wieder hinüber zu Anis. Die Last dessen, was jeder von uns beiden zu bereuen hat, droht mich beinahe zu erschlagen. „Wenn du damit meinst, dass wir hätten Räuber werden und im Wald leben sollen – ja, Nascha und ich haben euch das gesagt“, fällt Asya mir in jedes von Melancholie getränkte Wort, dass ich noch hätte hinzufügen können. Sie presst den Kopf noch einmal besonders dicht an Nascha und ich kann nicht alles verstehen, was sie ihr zuflüstert, aber irgendwas von „die ganze Zugfahrt so geht“ und „aus dem Fenster stürzen“. Missmutig wende ich einen Moment den Blick von unseren Daemonen ab und kann das leise Lächeln doch nicht verhindern, das sich auf meine Lippen stiehlt. „Wir waren verdammt gute Räuber“, behaupte ich trotzig und es bereitet mir fast diebische Freude ein ‚verdammt‘ unterbringen zu können, das ich mir außerhalb meiner freien Zeit und weit ab von den Orten, an denen man mich als Diener kennt, nie hätte leisten dürfen. „Räuber oder Entdecker – ich hab mich nie entscheiden können…“, ergänze ich, als wäre meine abweichende Berufsgestaltung allein diesem Fakt geschuldet. „Räuber!“, urteilt Asya fast sofort und stößt Nascha auffordernd mit der Nase an. Ihr Körper spannt sich an, während sie mit der Rute dumpf auf den Boden des Abteils klopft. Ich kann mir vorstellen, was passiert wenn Nascha ihr widersprechen sollte und ich muss leise Grinsen bei der Aussicht.

[Bild: nico-s.png]


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The verification mission - von Anisim Langdon - 29.05.2020, 21:53
RE: The verification mission - von Nikola Larkin - 11.06.2020, 12:28
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RE: The verification mission - von Rory Evening - 15.11.2020, 09:48



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