Charaktere
Ardin James » Otis Rhode
Datum & Ort
16.04.1822, Brunswick Quay am Greenland Dock in Rotherhithe, London
Society of Cling and fail Rudeness
[Ein paar Tage später]

Dass die Runner mich hatten laufen lassen, das hatte mir keiner an den Docks geglaubt. Dass ich geflohen sei, das schon eher und das hätten sie zwar bewundert, aber einen, den die Bow Street sucht, den wollten sie trotz allem nicht in ihren Quartieren schlafen lassen. So weit war es dann mit der Solidarität gegen die Polizeimacht. Es hätt‘ mich nicht wundern sollen. Ich hätt’s ihnen nicht einmal vorgeworfen. Dass die Pritsche auf der ich geschlafen hatte, schon an den Nächsten vergeben war, das hatte ich verstanden. Aber meine Sachen, die hatte ich mit mir nehmen wollen, wenn sie mich schon in der Nacht vor die Tür setzten. Leider hatte das bedeutet sie von jedem einzelnen, der sich bereits ein Stück davon gesichert hatte, zurück zu fordern – und nicht jeder hatte das eingesehen. Der Schmiss, weil ich einem mein eigenes Messer nicht schnell genug hatte entwenden können reichte mir den Unterarm hinab bis über das Handgelenk. Geistesabwesend rieb ich mir über den inzwischen verschorften Teil des Schnitts, den man trotz der Uniform sehen konnte. Am nächsten Tag war ich mit dem blutig geschwollenem Handgelenk angetreten. Übermüdet, weil ich auf der Straße kaum ein Auge zu getan hatte. Und ich hatte mich zwar in Rotherhithe an einer öffentlichen Pumpe gewaschen, aber nicht geschafft mich zu rasieren. Vielleicht hätte Cook mir eines davon durchgehen lassen, aber in der Gesamtheit meines mangelhaften Zustandes hatte er mich schlicht und ergreifend in die Ställe geschickt. Vermutlich nur, um mich aus dem Weg zu haben und mich seine Verachtung für so viel Verwahrlosung spüren zu lassen, nicht weil er hätte erwarten können, dass ich eine gute Arbeit machte. Was Cook auch an Expertise über Waffen hatte, lebende Elemente der Ausrüstung schienen ihm deutlich weniger zu liegen und so war der zweite Arbeitsbereich des Quartiermeisters, die Stallung, deutlich weniger auf Vordermann gebracht, wie die Waffenkammer.

Also hatte ich mich für den gesamten Tag dem Stall und den Pferden angenommen, gereinigt und ausgebessert, was mir in die Finger gekommen war und die Gäule für die Officers vorbereitet. Das hatte den Nebeneffekt, dass noch am Abend des zweiten Tages der Birdwhistle wieder dagestanden hatte, um dafür zu sorgen, dass ich den Rest der Woche für die Gäulen verantwortlich blieb, damit er – wörtlich – nicht jedes Mal eine Stunde warten müsse, bevor er ein gesatteltes Pferd unter dem Arsch hatte. Ich unterstand also noch immer dem Cook, der uns weiter in der Waffenkammer hielt und jede Geschichte über die Bow Street erzählte, die sich in seinem wohl nie zu vergessenden Schädel über die Jahre angesammelt hatte. Er war es auch, der uns über die Organisation und die Abläufe in der Behörde unterrichtete und uns jede Regel, jede Richtlinie und jede noch so geringe Gepflogenheit auswendig lernen ließ. Aber wann immer es galt einen Gaul zu satteln oder die Kutsche einzuspannen, da schickten sie mich – und ich konnte mir förmlich vorstellen, wie sich dieser geleckte Matrosenbengel mit seinem schleimigen ‚Sir‘ in meiner Abwesenheit überall einschmeichelte. Immerhin, und das war wohl ein kleiner Trost, konnte ich mich kaum beklagen, nicht genug „Bow Street Helden“ zu sehen zu kommen. Kamen bis zu Waffenkammer meist nur die Laufburschen persönlich, so waren es gerade die großen Männer, die sich zu fein dazu waren den Dienst zu Fuß anzutreten. Ich beobachtete sie mit gemischten Gefühlen, sie, deren skizzierte Abbilder man aus der Zeitung kannte und von denen Cook die wundersamsten Geschichten zu erzählen wusste. Aber gleichzeitig war ich ganz froh, jedes Mal wenn sie mich kaum beachteten und wusste kaum etwas sagen, wurde ich unerwartet doch einmal von ihnen angesprochen. Ich wusste, ich ließ mir wohl die besten Gelegenheiten entgehen dadurch, aber so etwas lag mir einfach nicht. Noch am zweiten Tag hatte mir der Kollege des Ruthven bei genau so einer Gelegenheit einen Penny zugesteckt, weil ich ihm zu einer unvergleichlichen Geschichte verholfen hätte. Gelacht hatte er dabei und ich wusste bis jetzt nicht, wie er das gemeint hatte. Aber den Penny sparte ich mir auf, dafür wenn der Hunger bis zum Ende der Woche doch unerträglich werden sollte. Doch im Moment und es brachte mir unwillkürlich ein Lächeln auf die Lippen, hielt es sich mit dem Hunger ohnehin in Grenzen.

Ich hatte gerade die letzte Truhe Haferschrott mit der neuen Lieferung aufgefüllt, um die zu Kümmern man mir nach dem Absatteln eines Gauls direkt mit aufs Auge gedrückt hatte. Kurz hielt ich inne, um mir den Getreidestaub aus dem Gesicht zu reiben. Einen Moment starrte ich auf die Scheiben trockenen Brotes, die dort in der Futterkammer der Gäule lagen. Es war knochenhart und scheinbar nichts, was man in der Bow Street oder wo immer sie es her hatten noch essen mochte. Aber es war sauber und man bräuchte nicht einmal schimmelige Stellen abzukratzen, um es in etwas Wasser zu einer vielleicht nicht besonders schmackhaften, aber doch nahrhaften Suppe einzuweichen. Doch nicht hier, hier gab man es den Gäulen. Ich fragte mich, was es für ein Leben sein mochte, ein Leben als Bow Street Officer, ein Leben ohne Hunger, ein Leben ohne von der Hand in den Mund zu existieren. An den Docks war ich für Arbeit täglich entlohnt worden und ich hatte nichts Erspartes, um die Tage bis Sonnabend zu überbrücken. Wäre ich nicht am zweiten Abend in der Kirche diesem einem Mädchen begegnet… Ich hatte gewusst, dass ich keine zweite Nacht auf der Straße überstehen würde oder zumindest hätte ich dann am nächsten Tag nicht noch einmal bis zur Bow Street laufen brauchen. Ich wusste auch, dass der gute Pater nichts für Bettler und Taugenichtse übrig hatte, dass er mir die Geschichte mit der Bow Street genauso wenig glauben würde wie die Dockarbeiter, aber ich musste es immerhin versuchen, ihn zu fragen, ob ich nicht für den Rest der Woche auf einer Kirchenbank schlafen könne.

Ich hatte also in diesem stillen kühlen Gemäuer mit der hohen Decke gesessen in der ich in den letzten Wochen so häufig gebetet und gearbeitet hatte, um auf den Pater zu warten und ich hatte Gott gebeten, mir das mit der Bow Street nachzusehen, weil ich es doch nur des Geldes wegen tat und weil man schließlich Arbeiten musste, um zu Essen. Und ich hatte ihm zwar versprochen keins seiner Gebote mehr zu brechen, aber in der Bow Street, da würd‘ man schon nicht so häufig einen töten brauchen, wie bei der Armee, das glaubte ich jedenfalls. Ich hatte von dem Gefühl aufgeblickt angesehen zu werden und tatsächlich hatte Judith neben mir gesessen. Erschrocken hatte ich sie wohl angesehen. Immerhin war es draußen bereits dunkel. Sie war ein unverheiratetes Mädchen. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass ihre Eltern sie auf diesen Straßen ohne Begleitung außer Haus wissen wollen würden. Aber noch bevor ich ein Wort hervor gebracht hatte, schien sie meine Gedanken erraten zu haben. Ihr Onkel hätte sie begleitet. Ich hatte sie dennoch gefragt, was sie hier tat. Sie hätte für mich gebetet, hatte sie gesagt und ich hatte das dumme Lächeln auf meinem Gesicht gespürt, so breit, so unverschämt, dass sie mir verstohlen dafür gegen den Arm geschlagen hatte und ich hatte den Blick wieder gesenkt. Weil sie das am Brunswick Quay mitbekommen hätte, hatte sie dann gesagt und ich hatte genickt. Was geschehen sei. Ich hatte es ihr nicht erzählen wollen, bei Gott, das hatte ich wirklich nicht. Aber ich hatte mit einem Mal dieses Brennen in der Magengrube gespürt, das rein gar nichts mit dem Hunger zu tun hatte. Dieses Brennen bis hoch hin meine Kehle. Die Hitze auf meinem Gesicht. Und die Worte… die Worte waren mir ohne jeden Halt über die Lippen gekommen. Jedes Einzelne davon, das niemanden sonst auf dieser Welt interessiert hätte. So schnell und so verzweifelt, als wüssten sie, dass sie sonst auf immer ungehört bleiben würden. Und als sie endlich versiegt waren, da hatte Judith voll bekümmerten Ernst gemeint, dass der Pater mich doch nur in die Lower Street schicken würde und mir kein Wort glauben würde und ich hatte gewusst, dass sie recht hatte. Ob sie mir denn glauben würde, hatte ich sie gefragt und sie hatte mich nur angesehen und ich hatte sie angesehen und ich konnte noch immer spüren, wie die Sekunden über meinem angstvollen Herzschlag hinweg verstrichen waren. Dann hatte sie genickt und ich hatte gewusst, dass es egal war, was jetzt geschehen würde, weil das alles war, was auf dieser Welt zählte.

Aber für Judith war es nicht alles gewesen. Noch am selben Abend dort vor der Kirche hatte sie ihren Onkel dazu gebracht mich bei ihm unterkommen zu lassen. Gezetert und geflucht hatte der Mann, aber seiner Nichte hatte er doch nichts abschlagen können. Ein griesgrämiger Mann war er, der nur noch unter schwerem Hinken gehen konnte, seit ihn ein Unfall am Dock als Krüppel zurückgelassen hatte. Ein Mechaniker war er gewesen. Ein kluger Mann, der sich noch heute allerlei Dinge einfallen ließ, wenn man ihm ein Problem beschrieb, und diese Ideen verkaufte oder kleine Schlösser und Geräte reparierte, die man ihm brachte. Judith besorgte ihm was er dazu an Schreibmaterial oder Werkzeugen brauchte bei den Straßenhändlern, half ihm gar bei Zeichnungen oder feinen Arbeiten, wenn ihrem Onkel einmal wieder das Rheuma in den Fingern saß. Ich verstand nichts von den Dingen, über die sie sprachen oder taten, aber ich verstand wohl, dass sie nicht jeden Tag dieser Woche hätte vorbeisehen brauchen, bis ich am Abend zurückkam. Und schon gar nicht hätte sie mir allerlei zu Essen zustecken brauchen, das sie von daheim hatte abzweigen können, wie einem halbverhungerten Kätzchen, das sie auf der Straße aufgelesen hatte. Wenn ich ehrlich war, störte es mich sogar ungemein. Aber Essen aus Eitelkeit auszuschlagen konnte ich mir nicht leisten. Sie zu sehen, darüber freute ich mich dennoch jeden Abend und allein der Gedanke ließ mir das Herz gegen die Brust pochen, wie die Flügel eines ungeduldigen Vogels, der darin gefangen war.

Mit dem Blick überprüfte ich noch einmal, dass alles ordentlich war in der Futterkammer, dann steckte ich mir eine der trockenen Brotschreiben in die Tasche, weil ich wusste wie gut man die Gäule mit einer kleinen Leckerei locken konnte und trat wieder nach draußen. Womit ich nicht gerechnet hatte, war dass mir auf dem Weg durch den Stall dieser Matrosenjames begegnete, misstrauisch sah ich seiner kurzen Gestalt entgegen, blieb mit verschränkten Armen stehen, damit er mir entgegen kommen musste.

[Bild: otis-sig.png]


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Cling and fail - von Ardin James - 20.01.2022, 20:57
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