In der Cornbury Road galt ich als Spinner. Margory, sagten sie, dein Mann hat nicht mehr alle Zacken in der Krone. Dein Duke hat den Verstand verloren. Margory kannte zahlreiche bissige Antworten auf solche Sprüche, sie konnte sowas ganz einfach an sich abperlen lassen. Mich störte es nicht wenn sie mich in der Cornbury für verrückt hielten, aber wenn sie das Margory anlasteten, das konnte ich nicht ausstehen. Ich hatte diese Woche schon mehr als einmal versucht einem eins auf die Nase zu geben, aber Margory tendierte dazu mich zurück zu halten. Ich hatte ihr immerhin das von Otis-Road erzählt. Vom ersten Tag als er mit dem halben Arm aufgeschlitzt zum Dienst angetreten war und Cook getobt hatte darüber wie er da erschienen war. Sie sagte ich könnte es mir nicht leisten mit lädiertem Gesicht dort aufzutauchen und den selben Fehler zu machen. Und mochte der andere aus der Prügelei noch so viel schlimmer aussehen, Cook würde nur meine Seite des Kampfes sehen. Und sie hatte ja auch Recht. Den Road hatten sie seitdem in den Stall verfrachtet, zu den Viechern. Und jedes Mal wenn einer der hohen Herren einen Gaul brauchte, dann jagte Cook ihn raus, seine Arbeit zu machen.
Ich war ganz froh darum, dass es ihn erwischt hatte und nicht mich. Ich hatte mit Gäulen nichts am Hut. Ich hatte die bisher höchstens mal als Kind streicheln dürfen. Damals hatte ich noch gedacht sie mochten ganz liebe Wesen sein, aber mir war spätestens in London klar geworden, dass sie auch nur Arbeitstiere waren. Man hätte genauso gut ein Schwein oder ein Schaf haben können. Und besser man fasste die von anderen Leuten nicht an. Die reagierten da nicht sonderlich gut drauf. Überhaupt waren die in London größer als die Ponys in Plymouth. Und mach einmal so ein Riesenvieh von Pferd wütend. Ich hatte mehr als einmal Geschichten davon gehört wenn sie einen mit dem Huf erwischt und einem einzigen Schlag getötet hatten. Die taten alle nur so friedlich. So war das nämlich. Hier in London ganz besonders. So wie die Viecher aussahen mit den Rippen an den Flanken, dass du sie unter dem Fell zählen konntest, mussten sie Menschen hassen. Und wenn sie Menschen hassten, dann warteten sie nur auf die Gelegenheit einem unbedarften Mann den Schädel einzuschlagen und sei es nur um ihre langersehnte Rache zu bekommen, da war ich mir sicher. Gut also dass der Road die Aufgabe bekommen hatte, sagte ich mir.
Und am Anfang hatte ich darüber im Stillen auch noch hämisch gegrinst und es als meinen persönlichen Sieg verbucht, dass Road wegbeordert war und damit wertvolle Zeit vergeudete, die ich ungehindert nutzen konnte um Cook zu gefallen. Und die hatte ich genutzt. Nicht nur Cook. Ich hatte mir akribisch gemerkt welcher Runner welches Ausrüstungsset bevorzugte. Ich hatte alles vorbereitet. Sauber und so ordentlich, dass es auffallen musste, damit sie sich meinen Namen merkten. Ich hatte es sogar geschafft, dass Cook mir so viel Arbeit anvertraute, dass ich ab und an sogar die Ausgabe am Tresen für ihn übernehmen durfte wenn er in Besprechungen für irgendwelche Einsätze war. Und hinterher hörte ich mir von ihm an welche Pläne sie machten und welche genialen Strategen sie doch waren. Das mochte lästig werden, aber ich fand, dass es sich lohnen würde, sich das einzuprägen. Und so hörte ich von Schlägen gegen den glücksspielenden Untergrund, in den die reiche Oberschicht zusammen mit der geldgierigen Bourgeoisie leidenschaftliche verwickelt war. Ich sah mir die Orte, die Cook nannte, auf einer Karte an, die ich an einer Wand im Büro entdeckt hatte, wann immer wenig los war und die meisten Runner auf Schicht ausgeflogen. Und ich prägte mir das Viertel ein. Die Straßennamen. Die Wege. Ausgehend von dem Pfad den Otis-Road und ich am ersten Tag genommen hatten. Und mittlerweile begann mir Covent Garden vertraut zu werden. Auch weil ich nach Feierabend trotz aller Müdigkeit noch immer ein paar Umwege nahm um jede dieser Straßen einmal gesehen zu haben. Zusammen mit meinen guten Vorbereitungen für die Runner MUSSTE ich mich doch einfach für die Arbeit in der Bow Street qualifizieren.
Aber irgendwann hatte ich feststellen müssen, dass es keinesfalls die Runner selbst waren, die ihre Habseligkeiten beim Quartiermeister abholten. Sondern nur die Laufburschen. Sie hatten keine Chance sich meinen Namen zu merken, weil sie mir niemals begegnen und die Laufburschen das Lob einfahren würden. So war das. Ich hatte vor zwei Tagen meine Strategie geändert und aus der Not eine Tugend gemacht. Ich sprach mit den Laufburschen. Steckte ihnen hier und da etwas zu, das Cook für den Abfall aussortiert hatte. Sie waren alle nicht von hohem Stand, sie konnten das genauso gebrauchen wie ich. Nicht alle. Einige waren sich zu fein dafür. Und sie blickten auf mich hinab. Aber davon ließ ich mich nicht beirren. Ich würde ihnen mit meiner Ausdauer beweisen, dass ich ihre Aufmerksamkeit wert war. Ich wäre gerne über sie hinweg gegangen, aber erst wenn ich das Ohr der Laufburschen hatte, würde ich das Ohr der Runner haben und das war es wert, sich langfristig erniedrigen zu lassen. Sie merkten dass ich hartnäckig war und früher oder später würde sie das verunsichern oder überzeugen.
Road hatte es da einfacher und ich beneidete ihn insgeheim darum. Er war längst einer der Laufburschen. Und auch wenn ich wusste, dass die anderen genauso auf ihn hinab blickten wie auf mich, so war er mit den Gäulen doch näher an den Runnern dran als ich je heran kommen würde wenn ich nur in der Waffenkammer herum saß. Ich beobachtete das Treiben misstrauisch wann immer ich konnte und als ich einmal hörte, dass einer dem Road Geld zugesteckt hätte, da rutschte mir das Herz beinahe in die Hose. Am Ende hatte ich den Jungen doch noch unterschätzt. Aber das würde ich nicht zulassen. Dass er mich auf den letzten Metern doch noch überholte. Nein. Mochte sein, dass erst eine Woche vergangen war seit sie uns eingestellt hatten und wir noch keinen einzigen Penny von ihnen gesehen hatten. Sie konnten uns auch gut und gerne hinaus werfen bevor sie uns auch nur eine einzige Münze in die Hand gedrückt hatten. Aber wer wusste schon, ob sie das dann nicht nur mit einem von uns taten und den anderen schon nach der einen Woche einfach behielten?
Argwöhnisch beobachtete ich also wann immer Road zu den Gäulen geschickt wurde und hing ein wenig zwischen Neid und Abscheu. Es gab nichts das ich tun konnte, in den Ställen wäre ich ja doch nur fehl am Platz. Da wollte ich auch gar nicht hin. Aber Cook schien das zum Ende der Woche irgendwie gerochen zu haben. Und so kam er Freitags aus einer Besprechung zurück in die Waffenkammer, in der ich am Tresen gestanden und das Treiben im Gang beobachtet hatte, und verkündete stolz, dass für den Sonnabend ein ganz großes Ding geplant sei. Und während seine Augen bei der Erzählung noch glänzten, wurden sie wieder gewohnt streng nüchtern als er mit den entsprechenden Anweisungen zur Vorbereitung dieses „ganz großen Dings“ begann. „Sie brauchen die Pferde am Sonnabend, du gehst also in den Stall zu Rhode und hilfst ihm dabei alles rechtzeitig vorzubereiten. Hast du schon mal mit Pferden gearbeitet, James?“ ICH?! PFERDE?! Ich schluckte. „Nein, Sir.“, bekannte ich wahrheitsgemäß. Cook nickte nur als hätte er das fast schon erwartet und machte eine abwinkende Handbewegung. „Dann auf in den Stall. Rhode soll es dir zeigen, was immer er mit den Gäulen anstellt, wenn am Sonnabend irgendetwas nicht rechtzeitig bereit steht und wir dieses Ding dadurch verlieren, dann fällt das auf euch zurück, hast du verstanden?“ Eindrücklich sah mich Cook nun an als wollte er die Worte in mich hinein brennen. „Ja, Sir.“, bestätigte ich, sah ihm ruhig und gefasst direkt in die Augen. „Dann los. Was tust du noch hier?“ – „Ja, Sir.“ Dann wandte ich mich ab und verließ die Waffenkammer um den Gang hinunter zu gehen in Richtung der Ställe und Cook damit weit hinter mir zu lassen.
Im Gang war es dann als mir der Schauer über den Rücken jagte bei dem Gedanken wo ich jetzt hinmusste. Mein Blick schweifte umher wie in Sorge darum dass irgendjemand meine Angst sehen und sie als solche erkennen könnte. Und die Sorge war berechtigt. Ich versuchte mich zusammen zu reißen, fuhr mir mit dem Zeigefinger kurz über die Seite meiner Nase bis hoch zur Augenhöhle, dann setzte ich meinen Weg stur fort bis ich bei den Ställen ankam.
Ich brauchte nicht einmal weit hinein gehen, da stellte sich der Road mir schon in den Weg. Als wäre das hier sein Revier und ich ihm im Weg. Aber Überraschung, das mit den Gäulen, das war jetzt nicht mehr nur sein Gebiet. Ich blieb dicht vor ihm stehen und sah finster zu ihm hoch. „Cook schickt mich. Wir sollen das morgen zusammen machen. Du sollst mir das mit den Gäulen zeigen.“, erklärte ich in einem Tonfall wie die Laufburschen sie an uns richteten wenn sie Ausrüstung für ihre Runner holten und sich wieder einmal für etwas besseres hielten. Dabei sah ich vollkommen ruhig zu dem Langen hoch und zog noch die Nase hoch - Demonstration all meiner Entspanntheit. Sollte der kleine Road direkt merken wo er jetzt in der Nahrungskette stand. Dass er sich seine Vorteile als Gauldompteur bald an den Hut stecken konnte. Da war zwar immer noch das Problem, dass ausgerechnet Road mir zeigen sollte wie das mit der Pferdevorbereitung funktionieren sollte – und der war der letzte, der meine Angst sehen sollte – aber so schwer konnte das doch auch nicht sein, oder? Und nicht so gefährlich. Immerhin hatten herabstürzende Rahen, die von Kettengeschossen von ihrem Mast getrennt wurden, sicherlich um einiges mehr Zerstörungskraft als ein Pferdehuf und die hatte ich doch auch überlebt, oder?



