Ich machte einen Schritt seitwärts, wandte mich der Reihe der Gäule zu. „In Ordnung, also…“ Ich hielt einen Moment inne, um mich für diese unerwartete Aufgabe zu sammeln. „…wenn der Befehl kommt ein Pferd herzurichten, dann muss es schnell gehen. Deshalb hängen die Sättel und Trensen jedes Gauls bei der Stelle an der sie angebunden sind. Trotzdem, egal wie schnell es gehen soll, halt‘ Abstand von jeder Stelle an der dich ein Gaul treten könnte. Direkt hinter ihm vor allem.“ Ich machte eine entsprechende Geste und ging hinüber die einem schwarzen Gaul. „Hier bei den…“ es kostete mir nur einen Wimpernschlag das Wort runterzuschlucken, dass mir eigentlich auf der Zunge lag. „… Herren Officers solltest du darauf achten, dass der Gaul so ordentlich aussieht wie der Rest der Kleidung und Ausrüstung. Da gibt es Bürsten.“ Ich nickte zu den entsprechenden Utensilien hinüber, aber ich hatte die Gäule am Morgen bereits geputzt. Wenn ein Pferd gefordert wurde, blieb dafür selten die Zeit. „Das gilt auch für Mähne und Schweif.“ Sie kupierte die Gäule hier nicht, wie sie es bei der Armee so häufig taten. Besser so, in der Kolonie waren die Pferde massenhaft drauf gegangen, nicht nur an der Hitze, sondern auch weil sie sich nicht gegen die Fliegen hatten wehren können, die sie bei der kleinsten Verletzung von innen heraus aufgefressen hatten. Aber vermutlich war es den Herren hier nur das Geld nicht wert, bedachte man die durchschnittliche Lebensdauer eines Londoner Gauls. Die Gäule der Boater waren auch nie in gutem Zustand gewesen, aber selten magerer als ihre Herren, unersetzlich wie sie für die Arbeit waren, sorgte man für sie, der Tod eines Gauls konnte nicht selten der finanzielle Ruin einer Familie sein. Aber hier in der Stadt gab es einen Überschuss an billigen Arbeitstieren und es war wohl kostensparender die wenigen Jahre seines Lebens alles aus einem Gaul herauszuholen und ihn dann mit dem nächsten zu ersetzen als ihn anständig zu behandeln. Selbst wenn die hier in der Bow Street in etwas besserer Verfassung waren. Besser vermutlich als ich. Die meisten Dockarbeiter glichen mehr den abgemagerten Droschkengäulen. Aber ein gut genährter, sauberer Gaul bedeutete eben auch Prestige und hier konnte man es sich leisten. Es hatte mir zwar keiner so gesagt, aber es erschien mir nur logisch, dass diese Herren hier von denen jeder aussah wie eben aus dem Ei gepellt kaum mit einem dreckigen Gaul auf die Straße schicken konnte, also hielt ich sie sauber, wie ich es bei der Armee gelernt hatte.
„Kommt ein Gaul wieder zurück, solltest du ihn direkt wieder vom Straßendreck säubern. Ist er nassgeschwitzt, reib ihn mit etwas Stroh trocken, damit er sich nicht den Tod holt. Und überprüf auch die Hufe, damit er sich nichts eingetreten hat und am Ende lahm geht.“ Ich bückte mich, legte dem Gaul die Hand an die Fessel. Dieser hier schien tatsächlich einmal irgendwie ausgebildet worden sein, denn er ließ sich anstandslos den Huf aufnehmen. Ich zeigte dem Matrosen die blanke Innenseite, dann ließ ich den Huf wieder ab, fuhr mit einer Hand über den Pferderücken. „Wenigstens der Rücken sollte sauber sein, Dreck unter der Sattelfläche scheuert dem Gaul den Rücken wund. Vielleicht wirft er den Reiter ab oder du ruinierst seinem Vieh den Rücken, das willst du beides nicht. Deshalb legst du am besten auch eine Decke unter, um die Unebenheiten des Sattelleders zu abzudämpfen.“ Ich nahm die Decke von der Trennwand und legte sie dem Pferd auf, strich den Stoff kurz glatt und griff dann nach dem Sattel, den ich mit geübtem Schwung über den Pferderücken beförderte und sacht dabei abfederte. „Den Sattelgurt machst du so fest, nicht zu locker, sonst rutscht der Reiter vom Gaul, aber auch nicht zu fest, sonst schmerzt es dem Gaul und er macht unnötige Zicken.“ Ich gab dem Kurzen Gelegenheit alles zu begutachten, zeigte ihm was ich meinte und deutete dann auf die hochgezurrten Steigbügel. „Merk’s dir. Wenn du den Gaul zum Reiter bringst nimmst du die Schlaufe hier raust und machst die Steigbügel runter. Nimmst du den Gaul später wieder entgegen, schiebst du sie hoch und steckst die Schlaufe durch, damit alles ordentlich bleibt.“ Auch das zeigte ich dem Kurzen.
„Schön, dann…“ Ich nahm die Trense vom Haken und hängte sie mir über den Unterarm. „Wenn du mit allem fertig bist, legst du dem Gaul die Trense an.“ Ich trat neben den Pferdehals. „Gute Pferde nehmen von selbst den Kopf runter, erschöpfte Pferde lassen ihn eh hängen, die Anderen lockst du am besten mit einen Stück trockenen Brot oder so...“ Ich brach ein Stück von dem trockenen Brot in meiner Tasche ab, hob es niedrig und das neugierige Pferdemaul senkte sich automatisch, ich ließ mir das Brot von der Handfläche nehmen, legte dabei ruhig eine Hand über den Pferdehals, um ihn mit sanfter Kraft daran zu hindern direkt wieder in die Höhe zu verschwinden - die hätte für mich zwar kein Hindernis dargestellt, aber für den Kurzen sehr wohl. Und ich wollte mir nicht nachsagen lassen ihm das nicht ordentlich beigebracht zu haben. Ich löste das Halfter, ersetzte es durch die Trense. „Die meisten Gäule nehmen das Eisen von allein ins Maul, wenn nicht drückst du ganz hinten...“ Ich zeigte dem Kurzen was ich meinte. „... den Daumen ins Maul, die haben da keine Zähne, aber es ist unangenehm und sie öffnen das Maul so weit, dass du das Eisen dazwischen schieben kannst.“ Ich zog die Trense über die Ohren, zeigte dem Kurzen wie man den Riemen vor der Kehle schloss. „Du führst den Gaul an den Zügeln, aber bevor du ihn dem Reiter übergibst, legst du die Zügel über den Hals. Fragen?“ Ohne wirklich eine Antwort abzuwarten, tauschte ich die Trense wieder mit dem Halfter und sattelte in ein paar knappen routinierten Handgriffen ab. „In Ordnung, versuch es mit dem da“, meinte ich dann und deutete auf einen dunkelbraunen Gaul mit breiter Blesse. Er war der Kleinste, den sie im Stall hatten – was das Satteln für den Kurzen einfacher machen sollte – aber ein unleidiges Biest. Hinterhältig. Passte doch zu dem Janner. Ich gab dem Kurzen das restliche Brot aus meiner Tasche, dann verschränkte ich die Arme vor der Brust ohne eine Miene zu verziehen und wartete ab. Ich würd’s dem Matrosen schon beibringen, aber keiner hatte gesagt, dass ich mir auf dem Weg dahin nicht das ein oder andere Zuckerstück genehmigen durfte.
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