Ich sehe ins Innere das Abteils aber ohne genaues Ziel während ich zu erzählen beginne. „Als wir achtzehn waren, konnten wir uns aus der Priory retten indem wir uns einem Experimentaltheologen angeschlossen haben. Er war ein paar Mal zu Besuch dort seit wir dort untergekommen waren. Wenn wir dort nicht rechtzeitig fort gegangen wären, hätten sie mich zur Priesterweihe gezwungen. Und der Einzige, der eine Weihe abwenden kann, ist ein Magisteriumsmitarbeiter, der Anspruch auf die Arbeitskraft erhebt. Sir Starling ist einer von der Sorte, die gerne reisen und sich von den Orten angezogen fühlen, die andere meiden. Aber er brauchte Unterstützung und hatte Probleme damit, jemanden zu finden, der ihn an diese Orte begleitete. Ich hab mich ihm einfach vorgestellt. Ich wäre ans Ende der Welt gegangen um von da wegzukommen.“ Ich hebe den Blick, sehe Nico kurz an, sehe dann zu Asya, auf deren Brust Nascha gemütlich damit begonnen hat, sich das Gefieder zu putzen. Ich sehe ihr dabei zu während ich fortfahre. „Wir sind also nach Osten aufgebrochen. Er hat sich durch das Muskoviter- und das Tartarenreich nach Lapland und Sveden vorgearbeitet. Er wollte in die Hexenlande um die Bräuche der dortigen Clans zu erforschen und deren Wert – oder Gefahr, je nachdem wie man es nimmt – für das Magisterium zu ergründen. Das Muskoviterreiche war… verrückt.“ Ich muss wider meinen Willen lächeln bei der Erinnerung. „Ich habe dort zum ersten Mal mehr als zwei Menschen miteinander muskovitisch sprechen hören. Es war gleichzeitig wie zuhause ankommen und doch vollkommen fremd zu sein. Die Häuser sehen anders aus und trotzdem haben sie die selbe Struktur wie unsere Häuser. Aber es sind die Details… Die Art wie sie ihre Türen schreinern, die Geländer an den Treppen, der Stil mit dem sie ihre Straßenlaternen formen. Es ist wie eine andere Welt. Und überall Kyrillisch. Ich habe zum ersten Mal wirklich vermisst es nicht zu beherrschen… Das Land hat sich erholt seit die Tartaren damals eingefallen sind, es ist viel Zeit vergangen seitdem. Und sie besitzen einen enormen Nationalstolz.“ Wieder muss ich lächeln. Auch ich habe dort zum ersten Mal wirklich so etwas wie stolz dafür empfunden, von diesen Menschen abzustammen. Davor war mein muskovitisches Blut stets ein Makel gewesen, höchstens noch ein exotischer Zug, den ich selbst kaum erklären konnte, da ich nie von den Dingen berichten konnte, nach denen mich die Briten gefragt haben. Sie hatten mich für einen Muskoviten gehalten ohne dass ich das Land je gesehen hatte. Es zu kennen, das hat einiges für mich verändert. Es hatte mir einen Stolz auf diesen Makel gegeben, den ich nicht gekannt hatte. Und selbst wenn ich bis heute nicht jeden Zug dieses Landes kenne oder gar behaupte die Kultur vollständig zu verstehen, so würde ich mich zumindest für mein muskovitisches Blut nie wieder schämen.
„Die Tartaren dagegen sind ein seltsames Volk. Sie haben eine gewisse Faszination, die man ihnen nicht absprechen kann. Aber man sieht sie selten und abgesehen von Märchen und Legenden kann man kaum etwas über sie erfahren. Sie behandeln einen wie einen Fremden wenn man zu ihnen kommt und selten sprechen sie mit dir. Sie geben dir das Gefühl gerade so geduldet zu sein, wenn du ihr Land betrittst. Aber sie sind Krieger und das seit Generationen. Das merkt man ihnen an…“ Ich mache einen Moment Pause, sammle meine Gedanken bevor ich fortfahre. „Je weiter nördlich man kommt, desto ursprünglicher wird die Landschaft. Die Menschen sind weit verteilt, es gibt nur kleine Dörfer, die schlecht miteinander verbunden sind. Dafür ruhen die Menschen in diesen Gegenden sehr in sich und sind schnell glücklich mit allem was sie haben. Man merkt, dass man ins Reich der Hexen kommt, wo Menschen eine geringere Rolle spielen, die Naturgewalten aber eine umso größere. Die Hexen sind sehr mit ihrer Umgebung verbunden. Leben sehr ursprünglich. Und sind sehr stolz. Wenn sie jemanden in ihre Lande lassen, dann ist das immer ein großes Geschenk. Starling hat es nur deshalb erreicht, weil er bereits öfter dort war und Freundschaft zu ihnen pflegt. Und es ist ein bisschen wie in unseren Spielen.“ Ich lächle schief und sehe kurz zu Nico bevor ich wieder zu Nascha sehe. „Wir sind mehrere Sommer bei ihnen gewesen. Manchmal auch im Winter. Die Winter dort oben sind wunderschön…“ Das sind sie wirklich. Dichter, meterdicker Schnee. Die gesamte Landschaft scheint zu schlafen. Ich verliere mich ein wenig in der Erinnerung daran. Ich wäre gerne dort oben geblieben. Fernab von den Menschen mit all ihren verschrobenen Ansichten und Vorurteilen, mit ihren Intrigen und ihrem Hass. Die Hexen können auch hassen, leidenschaftlich sogar. Sie sind feurige Amazonen. Und doch war dort oben alles ein wenig einfacher.
Ich bemerke erst, dass ich ins Schweigen geraten bin als Naschas Stimme mich daraus hervorzieht. Es ist wie träge aus einem Traum zu erwachen. „Wir hatten sogar mal etwas mit einer Hexe. Sie haben alle Vogeldaemonen, das macht es leichter sich in die Bäume zu verkriechen und nicht zuzuschauen, wenn du verstehst was ich meine. Es war eine der größten Dummheiten, die Anis begangen hat und Sir Starling hat ihm das oft genug gesagt, aber trotz allem hat die Sachen enormen Spaß gebracht.“, verkündet Nascha stolz an Asya gewandt – bar jeder Pietät. Finster sehe ich sie an. „Hat es das, ja?!“, frage ich verstimmt und ja, auch ein wenig kiebig. Die Wut auf Nascha hilft mir über die Scham hinweg. „Hast du deinen Anstand irgendwo draußen dem Schaffner in die Hand gegeben?! Du hast wirklich vor, mich komplett zu ruinieren, oder?! Fünf Minuten im selben Abteil mit Asya und du holst alle schmutzigen Details raus, die du finden kannst?! Darf ich dich an tagelange Vorwürfe erinnern?! Oh Anis, hättest du bloß nicht?! Oh Anis, wie konntest du nur so dumm sein?! Zack, und kaum ist Asya in der Nähe kannst du damit angeben oder wie?! Du bist ein verdammtes befiedertes Scheusal!“, fluche ich erbittert. Aber die Wut hilft die Scham zur Seite zu schieben. Ich frage mich nur wie ich den Rest dieser Zugfahrt nur überleben soll ohne vor Scham zu sterben.
Jetzt wirft sich Nascha in die Brust. „Hey!!! Wir haben gesagt, Nico ist eine Ausnahme und ich darf mit Asya reden! Und wenn ich mit Asya reden darf, dann darf ich mit ihr reden worauf ich Lust habe! Nur weil du so verklemmt bist und dich in Grund und Boden schämst, muss ich mich nicht mit Asya zurück halten!“ – „Haben wir das, ja?! Erlaubnis zurück genommen.“, gifte ich ihr entgegen ohne nachzudenken. „Ha!!! Wer ist jetzt das Scheusal?!“, plustert sich Nascha auf, während sie noch immer auf Asyas Brust thront. „Du kannst mir nichts verbieten! Jetzt nicht mehr! Nicht vor Asya!“, erwidert sie erbittert. Dann dreht sie sich zu Asya um, wendet mir den Rücken zu und sagt verbissen zu ihr. „Sie habens miteinander getrieben. Sie war eine Königin ihres Fachs und sie hatte es darauf abgesehen ihren Clan zu erweitern während er drauf und dran war seinen Kopf zu verlieren, der Idiot. Deswegen hat ihn Starling auch nie wieder mitgenommen! So!!!“ Ich habe mich schneller vorgebeugt als ich nachdenken kann. Meine Hand bekommt Nascha im Nacken zu packen, ich ziehe sie von Asyas Bauch zu mir hoch und drücke sie wutenbrannt auf das Polster neben mir. Sie schreit wütend auf und schlägt mit den Flügeln. Ich bekomme ihren Rechten mit der freien Hand zu fassen uns presse ihn auf das Polster. Ich spüre wie sich meine Zähne vor Wut entblößen und sich der Schmerz in meinen Arm gräbt. Wie er immer stärker wird je weiter ich Naschas Flügel aufs Polster drücke. Sie hört auf mit den Flügeln zu schlagen und wird ganz ruhig. Atmet nur noch unter meinem wütenden Griff. „Du kannst mich nicht verletzen, du tust dir nur selbst weh wenn du das tust.“, sagt sie plötzlich vollkommen ruhig. „Du hast es oft genug ausprobiert, erinnerst du dich?“ In einer anderen Situation hätte das Spott in ihrer Stimme sein können, aber jetzt ist es nur die Ruhe der Gewissheit. Eben noch mein persönlicher Albtraum ist sie jetzt so viel nachsichtiger und abgeklärter als ich. Ich hasse sie dafür, dass sie es so viel einfacher hat als ich. Aber ich lasse nicht los. Spüre sie unter meinen Händen atmen und den Schmerz durch meinen rechten Arm pochen, mit dem ich ihren rechten Flügel festhalte. Der Schmerz tut gut. So unangenehm er auch ist, so sehr gibt er mir ein Gefühl dafür hier zu sein. Hilft mir die Erinnerung zu begraben, mich auf das zu konzentrieren was jetzt und hier wichtig ist. Ich erinnere mich wieder an Asyas und Nicos Gegenwart. An das was ich sie sehen lasse in diesem Moment. Es wird mir bewusst und trotzdem verliert es an Bedeutung. Wenn Nascha diese Dinge hervorholt, dann habe ich nichts mehr zu verlieren. Ich muss daran denken wie viel Erleichterung es mir gegeben hat als Nascha mich dazu gezwungen hat mit Nico über meinen Status zu sprechen. Sie hat Recht. Es ist wie ein Pflaster abzuziehen. Schnell und einmal schmerzvoll, aber dann ist das Gefühl schnell wieder vergangen, während ich am losen Rand des Pflasters zupfe und mich vor dem nächsten Stückchen Schmerz fürchte, das da kommen wird. Warum ist sie so ein Scheusal und gleichzeitig so viel weiser als ich?
Wütend lass ich sie los und gebe mit der Bewegung doch nach. Sie hat gewonnen. Nascha rappelt sich auf, flattert unter meiner sich zurück ziehen Hand los, zurück zu Asya, wirft sich auf ihren Platz auf ihrer Brust und schüttelt sich ausgiebig. Verbissen presse ich die Kiefer aufeinander. Dann sehe ich zu Nico und es bricht einfach so aus mir heraus. „Hör dir das nur an, wie soll man mit sowas zusammenleben können?!“, entrüste ich mich wütend und deute wage in Naschas Richtung bevor ich den Arm wieder fallen lasse. „Ich werde frühzeitig sterben nur wegen dieser Eule!“ – „Immerhin hast du bis dahin etwas erlebt.“, feixt sie von Asyas Bauch aus und schmust mit der Schnauze der Hündin. Sie weiß, dass meine Wut längst abklingt und das nur noch die letzten meiner Versuche sind, mich dagegen zu wehren. Wütend sein zu dürfen, empörte Dinge zu sagen, die ich hinterher bereuen werde ohne nachzudenken, das hilft schon gewaltig um das schlimme Gefühl loszuwerden. „Sei froh, dass ich dich nicht umbringen kann…“, werfe ich ihr noch abfällig hinterher und die Eule schließt genüsslich kurz die Augen. Die Worte klingen auch in meinen Ohren viel zu sehr nach einer Liebeserklärung…

