Irgendwann hatte ich meinen Hut und meinen Mantel genommen und war aufgestanden. Jackdaw hatte sich flatternd in den Himmel erhoben und ich hatte Harold noch einen letzten warnenden Blick zugeworfen, bevor ich die Gasse hinunter und in Richtung Zuhause gegangen war. Ich war froh gewesen, den Coster hinter mir lassen zu können. Dass er mich abstechen könnte, war tatsächlich meine größte Angst gewesen während ich dort gelegen und geschlafen hätte. Sonst hätte ich mich niemals darauf eingelassen, Jackdaws Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich übertrieb fand sie, auch heute noch. Aber als ich nach Hause gegangen war, kleinlaut und stumm bei Margory angekommen war, da war das noch nicht alles gewesen. Ich hatte ihren Wutanfall über mich ergehen lassen. Stumm, und ich weiß nicht ob es daran lag, dass sie merkte, dass etwas nicht stimmte. Noch so viel mehr nicht stimmte als sonst schon. Irgendwann hielt sie einfach inne und schwieg. Und sah mich an. Und ich schaute zurück. Als sie mich in den Arm nahm hatte ich das Gefühl mein Gesicht nicht mehr zu spüren, so sehr hatte ich mit einem Mal den Eindruck, sie vermisst zu haben.
Ich tat Margory in der Nacht darauf den Gefallen bei ihr im Bett zu schlafen – etwas anderes blieb mir auch nicht übrig um den Hausfrieden zurück ins Gleichgewicht zu bringen, einmal abgesehen davon, dass sie mich für den Friedensbeweis auf ihre Weise entlohnte. Und ich sagte mir ich würde das beste daraus machen. Ich würde es schon irgendwie überstehen, nachdem ich nun seit Ewigkeiten zum ersten Mal wirklich einen Tag komplett hatte schlafen können, ohne in irgendjemandes Träume zu geraten. Lange lag ich noch wach um Margory beim Schlafen zu beobachten, aber irgendwann raffte es auch mich endgültig wieder dahin.
Was dann kam, hatte ich allerdings nicht erwartet.
Zwei Tage trug ich das jetzt schon mit mir herum. Mulligan hatte seinen Bericht bekommen, die Aufstände der Gewerkschaft an der New Graval Lane hatten sich mittlerweile gelegt – auch wenn es nur eine Frage der Zeit war bis sie von Neuem aufflammen würden, da war ich mir sicher – und Rhode und ich hatten wieder Zeit uns der Suche nach der Identität unseres angeschwemmten Hausdieners zu widmen. Jackdaw lachte insgeheim sicher darüber wie ich mit mir kämpfte, aber ich war längst wieder dazu übergegangen, sie aus meinen Gedanken auszusperren und dafür strafte sie mich mit der üblichen Ignoranz.
Aber als ich an diesem Morgen von den Zellen zurück kehrte in unsere Abstellkammer und das zweifelhafte Glück hatte, Rhode dort anzutreffen, da beschloss ich, dass mich der Gedanke nicht länger losließ und ich ihm davon erzählen musste. Wir hatten seit er mich bei den Costers sitzen gelassen hatte nicht mehr über den Abend oder die Nacht davor gesprochen und bisher war ich froh darum gewesen. Mir war es unangenehm, das Thema von Neuem anzuschneiden. Und doch hatte mich etwas daran, was Rhode gesagt hatte, nicht losgelassen, so ungern ich es auch zugab. Es waren die Träume gewesen, sagte ich mir. Rhode alleine hätte ich noch überstehen können, aber die verdammten Träume. Was wenn…? Was wenn… Ich biss mir auf die Unterlippe als ich die Tür zu unserer Kammer hinter mir schloss. „Rhode…?“, begann ich vorsichtig und beobachtete dabei wie Jackdaw gerade flatternd außen am Fensterbrett ankam. Dann erst richtete ich den Blick auf Otis. „Erinnerst du dich an den Coster von neulich? Harold?“ Ich wartete einen Moment, bevor ich mit weiteren Hinweisen für den Erinnerungsaufbau weiterhalf. „Der dem ich gedroht hab, ihn in seinen Träumen zu verfolgen wenn er mich im Schlaf ersticht?“ Unangenehmes Detail, an das ich mich da erinnerte. Ich musste jetzt doch schlucken, wippte kurz unruhig auf den Fußballen bevor ich mich wieder zur Ruhe besann. Besser ich fuhr schnell fort und brachte es hinter mich. „Scheint fast so als müsste er mir nicht erst ein Messer in den Rücken rammen.“, erklärte ich knapp und kurz angebunden, um daraufhin die Lippen fest aufeinander zu pressen, die Hände in die Taschen zu schieben und doch mit zusammen gekniffenen Augen hinüber zum Fenster und zu Jackdaw zu sehen, die neugierig hinein linste. Ein wenig fragte ich mich ja doch, was Rhode jetzt daraus machen sollte, hatte ich ihn doch vor zwei Tagen noch darum gebeten, das Thema sein zu lassen, und wartete unangenehm berührt darauf, dass der Rhode in schallendes Gelächter verfiel.


