Anis erzählt, wie er dem Kloster entkommen war. Dass er das war, daran hat die Ansprache, die er heute trägt keinen Zweifel gelassen. Aber das wie war eine andere Geschichte. Das Magisterium beschäftigt einige nicht-geistliche Mitarbeiter, aber den Weg eines Geistlichen begonnen zu haben und dann doch der Priesterweihe entgangen zu sein, das war etwas Besonderes. Es kam nur in besonderen Fällen vor. Anis hatte sich einen dieser Fälle zu nutzen gemacht. Er war raffiniert gewesen mein Bruder. Raffiniert und hartnäckig. Er hatte, was ich nie besessen habe, schon gar nicht in diesem Alter: Zielstrebigkeit. Ich hatte vielleicht Träume, ich hatte was man vielleicht Visionen nennen würde, doch am Ende hatte ich mich schon immer so viel mehr von den Umständen treiben lassen, von äußeren Einflüssen, die ich mir vielleicht als übermächtig eingeredet habe, die mir aber viel mehr als Entschuldigung gedient haben. Um so viel mehr bewundere ich, wie Anis sich durch Sir Starling befreit hat. Wie er die Umstände genutzt hat und sich geschickt zu eigen gemacht. Voll staunender Anerkennung hänge ich ihm an den Lippen, während er fortfährt. Sir Starlings Route erläutert und schließlich vom Muskoviter-Reich spricht. Der Heimat unserer Mutter. Ich hätte gerne gefragt, ob er die Orte gesehen hat, an denen unsere Mutter gelebt, von denen sie erzählt hat. Aber ich wage nicht ihn zu unterbrechen, bin zu gebannt von seinen Worten. Der Art wie er erzählt, welche Beobachtungen er gemacht und wie er sie sich zu eigen gemacht hat. Seine Art zu denken, zu verarbeiten, die darunter vorschimmert, wie Muscheln im Sand unter einer flachen Schicht Wasser. Das nächste was mich mit der Kultur unserer Mutter wohl verbindet ist ihre Sprache – und Kascha. Buchweizenbrei mit Honig und Zimt, den sie uns als Kinder so häufig hat essen lassen. Es ist der Geschmack, den ich wie kaum etwas anderes mit meiner halben Herkunft verbinde. Wenigstens was die guten Seiten angeht. Der Geruch nach Zimt und Honig, der mich immer an meine Kindheit erinnert. Aber im Grunde weiß ich nichts. Anis‘ Worte lassen mich zum ersten Mal ein annähernd echtes Gefühl dafür bekommen, dass das Muskoviter-Reich mehr ist als eine Erzählung aus unserer Kindheit, mehr als ein unschöner Name in der Zeitung und den Mündern der Leute.
Ich hätte gerne noch so viel mehr gehört, aber Anis fährt fort. Folgt weiter der Reise, die er gemacht hat. Spricht von den Tartaren. Durch sie hat unsere Mutter fliehen müssen. Durch sie starb ein Großteil ihrer Familie. Anis dagegen spricht mit einer gewissen Neutralität. Der Distanz eines Entdeckers, denke ich bei mir und doch ist da ebenso respektvolle Anerkennung. Sie sind wie jedes Volk geprägt durch ihre Kultur. Und die Tartaren sind nun einmal nomadische Krieger, sie für ihre Natur zu verurteilen wäre kurzsichtig ohne ihren Part der Geschichte zu kennen. Dennoch verbinde ich ihren Namen wie keinen anderen mit den schrecklichen Geschichten, die unsere Mutter einst von ihrer Flucht erzählt hat. Anis hält den Part um die Tartaren kurz. Ich weiß nicht ob aus ähnlichen Gründen, wie auch ich mich unwohl bei dem Gedanken an sie fühle oder ob tatsächlich, weil er nicht viel über sie zu berichten weiß. Schon am Klang seiner Stimme kann man hören, dass der nächste Part ihm so viel mehr gefällt. Die Art, wie er von ursprünglichen Landschaften und zerklüfteten Siedlungen spricht, wie von einem selten gehörten Geheimnis. Es liegt eine Faszination darunter, die ich unwillkürlich teile. Doch erst als er es ausspricht, begreife ich wie viel Zeit er dort verbracht haben muss. Das Schweigen legt sich erneut über das Abteil, aber es ist jetzt weich und hell wie eine Decke von Neuschnee im Winter, von dem Anis zuletzt gesprochen hat.
Bis Nascha unerwartet zu sprechen beginnt. Mein Blick ruckt zu ihr, als wäre ich eben erst durch den Klang ihrer Stimme aufgewacht. Der Themenwechsel kommt so heftig und unerwartet, dass ich unwillkürlich die Augenbrauen hebe und Asya ein kurzes bellendes Lachen von sich gibt, als hätte sie sich verschluckt. Ihre Rute pocht neben meinen Schuhen aufgeregt auf den Boden des Abteils. „Eine Hexe?!“, stößt sie in tiefer Bewunderung hervor. Hätte Nascha gesagt Anis hätte im Norden mit ihr das Fliegen gelernt, Asya wäre vermutlich nicht minder aufgedreht gewesen. Dabei muss ich das meinem Bruder doch voll Respekt anerkennen. Aus dem Schoß des Klosters in den Schoß einer Hexe, das war eine Karriere, die sollte ihm erst mal einer nach machen. Ich bemerke zu spät, wie drastisch die Stimmung kippt. Erst als Anis von Anstand spricht, senke ich unwillkürlich den Blick und auch Asyas Enthusiasmus sinkt augenblicklich. Die Erinnerung tut uns gut, in dieser Hinsicht haben die Jahre beim Militär uns wohl vollkommen verdorben. Nascha hat uns fast vergessen lassen, wo wir hier sind, in welcher Funktion wir hier sind. Und selbst wenn Anis mein Bruder ist, gebührt es kaum an dieser Stelle fort zu fahren. Doch erst in der Art wie die Situation eskaliert, wie Anis sich in harten Worten gegen die Offenheit seines Daemons verteidigt, registriere ich, dass es nicht wirklich um Anstand geht, was es für ein wunder Punkt zu sein scheint, mehr als eine leidenschaftliche Nacht. Sondern noch irgendetwas… anderes… Ich bemerke erst jetzt welche Emotionen, welcher Schmerz oder ist es… Scham… eine Mischung daraus… darunter liegt. Ich bin froh den Blick gesenkt zu haben und wünsche mir doch im selben Moment mehr zu erfahren, zu wissen, weshalb Anis derart heftig reagiert. Und Nascha ihm darin in nichts nachsteht.
Ich habe Mühe dem zu folgen, was Anis und Nascha einander an den Kopf werfen. Was auch immer das für ein Abkommen ist, das sie Asya und mich bezüglich getroffen haben, von was auch immer wir die Ausnahme sind. Doch ich hänge noch zu sehr in der Vergangenheit. Es muss schlimm gewesen sein, damals, wenn es beide jetzt derart in Rage versetzt. Anis über Vorwürfe spricht, die Nascha ihm gemacht hat, während es Nascha sichtlich Freude bereitet möglichst grausam und unsensibel ihre Geschichte vorzutragen, je mehr Anis sie davon abbringen will. Bis sie zu weit geht. Anis vorschießt. Hätte er Asya geschlagen, ich schätze es hätte mich weit weniger bestürzt als das, was er stattdessen tut. Nur mühsam antrainierte Selbstbeherrschung verhindert, dass ich erschrocken aufspringe, als Anis in plötzlichem Aktionismus seinen Daemon packt. Er hat das schon in Davies Büro getan gehabt, aber es schockiert mich deswegen keinen Deut weniger. Ich bemerke kaum, dass Asya sich angespannt aufsetzt. Es läuft wie ein Automatismus, als wären unsere Körper mit einem Mal eins. Wachsam beobachten wir Anis und Nascha. Ohne uns zu rühren. Ihren Körper hat Asya leicht gegen mein Bein gelehnt, absichernd. Die Ohren gestellt, mit einem Mal ist da nichts mehr von dem überdimensionalen Welpen, jede Faser in ihr ist ‚on guard‘. Sie haben sich schon damals gezankt, Anis und Nascha, und ich erinnere mich, dass ich mich bereits als Kind manchmal gefragt habe, wie sie nur mit unter so gänzlich gegensätzlich erscheinen können. Es ist nicht so, als ob ich mich nie mit Asya streiten würde, ganz im Gegenteil, auch wir sind oft brutal zueinander, auch wir fallen uns auf die Nerven und verfluchen das Handeln des jeweils anderen. Ich kann nicht in einer Faser behaupten, dass Asya und ich Harmonie wären oder uns gar besser stellen als Anis und Nascha. Ich kann nicht einmal benennen, ob da überhaupt ein Unterschied ist. Und doch ist da etwas in der Art, wie sie in diesem Moment miteinander umgehen, in der Art, wie Anis Nascha in Davies Büro gepackt hatte, in der Art, wie er sie jetzt wieder gepackt hat, sie so brutal nieder drückt, dass ich schon fürchte er könnte sie ernsthaft verletzen. Fast schon selbstverachtend vor den Schmerzen, die ihm das selbst bereiten muss. In der Art wie Nascha selbst jetzt noch ruhig und abgeklärt spottet, damit mehr noch als durch ihre Worte demonstriert, dass das hier nichts Außergewöhnliches für sie ist. Es verstört mich zu tiefst. So sehr, dass ich mich geistesabwesend mit einer Hand in Asyas dichtes Nackenfell geklammert habe. So sehr, dass sie sich unwillkürlich noch enger gegen mich drückt. Das hier hat nichts mehr allein mit der Hexen-Geschichte zu tun, begreife ich. Sie war in dem Moment vielleicht der Auslöser. Und was immer es mit dem auf sich hat, es muss eine tiefere Geschichte sein. Eine, die ich gerne gekannt hätte. Selbst wenn es mit einem Mal so unendlich weit entfernt scheint. Begraben unter der Grausamkeit mit der Nascha und Anis ihre Kräfte messen als wären sie sich selbst die größten Feinde.
„Hör dir das nur an, wie soll man mit sowas zusammenleben können?!“ Es liegt so viel Verbitterung darin. Ich zucke fast zusammen, als Anis sich mir so unerwartet direkt zuwendet und mich mitten hinein zieht in den Streit mit seinem Daemon. Ich fühle mich kein bisschen vorbereitet darauf und bin froh, dass er direkt weiterspricht. Sachte zucken meine Mundwinkel in die Höhe. Sarkasmus fällt mir in der Regel leicht zu erkennen. Ich vermute ihn im Gegenteil viel zu häufig. Aber in diesem Fall bin ich mir unsicher damit. Weiß nicht, wie sehr ich mich tatsächlich vorwagen darf. Ich sehe wie Asya den Kopf gegen die Eule drückt, sie zärtlich, fast besorgt liebkost. Wie auf ein geheimes Zeichen, hatte sie sich wieder hingelegt, um Nascha ihren angestammten Platz auf ihrer Brust zurückzugeben. Und während ich sie betrachte, während Nascha und Anis langsam wieder in ein in der direkten Relation gesehen fast liebevolles Necken übergehen, da wünschte ich, ich könnte so offen sein wie Asya. Könnte Anis schlicht voll Sorge fragen, was los ist, was nur geschehen ist...
Aber ich bringe keinen Ton hervor. Asya spürt meine Hilflosigkeit und ich bin froh, dass sie an meiner statt zu Sprechen ansetzt. „ER hat ja nur davon GE-TRÄUM-T“, stößt Asya die Worte hervor, als wäre jede Silbe es wert betont zu werden. Korrigiere: War froh. Sie spricht von meiner eigenen Erfahrung beziehungsweise in dieser Hinsicht mangelnden Erfahrung mit Hexen? Fassungslos sehe ich meinen Daemon an. Damit will sie uns retten?! „Sag mal, hast du sie noch!? Glaubst du das will er jetzt hören?“ – „Na, sehen kann er‘s ja leider nicht. Es war einfach zu gut. Kaum ein Wort rausgebracht, aber geglotzt für zehn.“ Sie kann wirklich kaum an sich halten vor Kichern. „Ich war fünfzehn“, brumme ich pikiert, während ich die Hitze auf den Wangen spüre, als wäre ich tatsächlich noch fünfzehn. „Und dir haben sie auch gefallen…“ – „Das steht nicht zur Debatte“, entscheidet Asya hoheitsvoll. „Und du warst mindestens sechszehn, eher siebzehn. Wir haben sie erst gesehen, als du schon Meldejunge des Majors warst. Meldejunge und fast den Herrn Gott vergessen beim Anblick der Hexen-Söldnerinnen – von der Botschaft ganz zu Schweigen. Sie hatten aber auch tatsächlich kaum was an…“ Die Hündin lacht selig und ich reibe mir verlegen mit der Hand im Nacken. Das kann sie wirklich laut sagen und Asya ist nicht die einzige, die bei diesem Bild vor Augen gerne in Erinnerung schwelgt. Aber nach allem, was wir gerade mitbekommen haben, dem Kampf zwischen Anis und Nascha, seiner Wut und dieser Scham oder was es ist… da ist mir mit meinem Bruder zu beweisen, dass wir keine Kinder mehr sind, sondern verdorbene erwachsene Männer, nicht unbedingt der oberste Punkt auf meiner Erfolgsliste. „Haben die im Norden in ihrer Heimat auch so wenig an? Wir haben uns immer gefragt, ob sie überhaupt keine Kälte spüren… selbst in der Nacht wa…“ Asyas Stimme verliert sich etwas. Die Nächte mit den eisigen Temperaturen sind nicht unbedingt unsere bevorzugte Erinnerung, aber eine von denen, die uns nie ganz los gelassen hat. Selbst heute noch fühlen wir uns am sichersten, wenn wir dicht Seite an Seite schlafen, auch wenn die Hündin mich nicht mehr mit ihrer dichten Unterwolle warm halten muss. Ich ignoriere Asyas kindische Frage, sehe stattdessen zu Anis hinüber. Wahrscheinlich sollte ich besser nicht fragen. Wahrscheinlich ist es das letzte, das er mir erzählen will. Schon gar nicht hier und jetzt. Aber ich kann den Moment nicht verstreichen lassen. Dafür hängt er mir schlicht noch viel zu sehr in den Knochen. Und auch auf die Gefahr hin, dass er mich ähnlich anfährt wie seinen Daemon frage ich ernst: „Was ist mit dieser Hexe gewesen?“ Ich fühle mich wieder wie der kleine Junge, der zu ihm aufsieht. Als würde ich ihn nach dem Ausgang einer Geschichte fragen, die er mir nicht zu Ende erzählt hat. Nur dass das keine Geschichte ist. Es ist Anis‘ Leben und jetzt da ich die Worte ausgesprochen habe, klingen sie viel zu forsch in meinen Ohren wider, selbst wenn ich leise, fast zögerlich gesprochen habe. Ich will es so gerne wissen, dass es mich beinahe innerlich zerreißt. Will so gerne wissen, weshalb Anis so heftig reagiert hatte. Was es mit dem Schmerz auf sich hat, der in all seinem Handeln, seinen Worten gelegen hatte. Was hat er dort im Norden erlebt und erfahren? Er ist mein Bruder und gesehen zu haben, wie er leidet ohne zu wissen, weshalb, macht es fast unerträglich für mich, nicht zu fragen. Ich spüre, wie auch Asya ernst wird, wie sie aufhört mit Nascha zu kuscheln und den Moment ebenso wenig vorbeiziehen lassen kann wie ich. Selbst wenn Anis mir keine Antwort darauf geben würde, ich muss es wenigstens versucht haben.
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