Nachdenklich hob ich den Blick, verzog das Gesicht zu einer Grimasse während ich überlegte wie ich das am besten anstellen sollte. Dann erst bedachte ich wieder was ich eigentlich vorgehabt hatte als ich in unsere Abstellkammer gekommen war. Berichte. Ich hatte noch verdammte Berichte zu schreiben. Ich beschloss diese Aufgabe abzugeben. Meine Hände packten sich einen Stapel der vorgedruckten Formulare, noch während ich den Plan fasste. Dann wandte ich mich vom Schreibtisch ab, stieß die Tür zum Büro auf und marschierte hinaus, wie eine unaufhaltsame Naturgewalt auf dem Weg ins Erdgeschoss und zu den Quartieren der Constables.
Ich sah den Jungen schon von weitem. Ich steuerte ihn direkt an in meinem zügigen Tempo und noch während ich den Raum betrat, stoben die anderen anwesenden, die nicht gerade auf Streife waren, beinahe fluchtartig auseinander. Nur der Bibelkreis-Bub blieb vollkommen überrumpelt sitzen. Ich blieb vor ihm stehen. „Name?“, herrschte ich ihn streng und ungeduldig an. „Collins, Sir.“ Ich ließ den Stapel Papier auf seinen Schoß fallen. „Mitnehmen und mitkommen.“, herrschte ich weiter und drehte mich um. Zügigen Schrittes verließ ich den Raum wieder ohne mich danach umzusehen ob er mir folgte. Er machte besser dass er Schritt hielt, sonst würde ich ihm doch noch die Hölle heiß machen müssen und dann hatte er definitiv etwas vor dem er Angst haben würde. Aber ich hörte seine hastigen, stolpernden Schritte bald schon direkt hinter mir und steuerte weiter unbeirrt Rhodes und meine Abstellkammer an. Ich öffnete die Tür, ohne sie dem Jungen aufzuhalten, trat nur einen Schritt zur Seite und deutete auf meinen Schreibtisch, - „Hinsetzen!“ – während ich mich mit verschränkten Armen an die Wand vor dem Fenster lehnte und damit den Blick auf Jackdaw verwehrte. Unter meinem strengen Blick machte der Constable wie ihm geheißen und ließ sich an meinem Schreibtisch nieder, wo er den Stapel Papier ablegte. „Und jetzt schreiben Sie was ich Ihnen diktiere, haben Sie verstanden?“ – „Sir, ich bin nicht sonderlich gut im Schreiben…“ – „Dann üben Sie es jetzt. Los.“ Ich machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand bevor ich sie wieder in ihre Verschränkung schob. „Sie sind jetzt für die Detective Branch eingezogen und für die Detective Branch sind Sie als Schreiber tätig. Ich bin als Inspector auf Ihre tadellose Arbeit angewiesen. Und wenn Sie mir ein Messer in den Rücken rammen wollen, dann verfolge ich Sie in ihren Träumen bis ans Ende Ihrer Tage, haben Sie mich verstanden?“ Der Junge starrte mich mit großen Augen an und nickte dann hastig. „Ja, Sir. Selbstverständlich, Sir.“ Und als er den Blick schon auf die Papiere unter sich gesenkt und hastig die Feder zur Hand genommen hatte, um sich auf die Schreibarbeit zu konzentrieren, da lächelte ich zufrieden vor mich hin.
Es war Abend, kurz vor Dienstschluss als ich zufrieden in Rhodes und meiner Abstellkammer saß, die Füße auf der wohlbekannten umgedrehten Holzkiste abgelegt und die Hände zufrieden auf dem Bauch verschränkt. Den Bibelkreis-Bub hatte ich nach Hause geschickt, nachdem er mir die Berichte der letzten zwei Tage zusammen geschrieben hatte. Und eine saubere Handschrift hatte er, das musste man ihm lassen. Brav nieder geschrieben hatte er, was ich ihm diktiert hatte. Und die ganze Zeit über hatte ich ihn im Auge behalten, mich auf ihn konzentriert. Ich wusste nicht, ob es wirklich damit zusammen hing, aber ich hatte mir gesagt, dass es mit den identischen Worten wie bei Harold eine geringere Ausfallwahrscheinlichkeit gab. Mehr konnte ich wohl kaum tun um meine Theorie zu überprüfen. Und nebenbei hatte ich noch die lästige Aufgabe des Berichteschreibens von mir geschoben. Ich war also mehr als nur zufrieden mit mir selbst als ich da so saß und gemütlich darauf wartete, dass Rhode in unsere Kammer kam im seine Sachen für den Feierabend einzusammeln. Zwar hatte ich noch keine Erfolge vorzuweisen, aber es gab nichts, auf das ich mich heute Abend mehr hätte freuen können als Rhode von der Genialität meines Versuchsaufbaus zu berichten…


