Und was tat man, wenn man im orthodoxen Viertel nicht die Kirche betreten konnte? Man ging zu Mama Vladia. Mama Vladia war ein rundliches verhutzeltes Weib, das nach dem Tod ihres Mannes die Leitung einer kleinen Schnapsbrennerei und zugehöriger Schanktheke übernommen hatte. Ich kannte sie bereits aus meinen Tagen als Runner und sie kannte Ardin und mich. Schon damals war Mama Vladia eine alte Frau gewesen, heute hatte sie biblisches Alter erreicht. Ihre Sinne waren mittlerweile ein wenig geschwächt, aber ihr Verstand so wach wie eh und je und in ihrem Viertel entging der Alten damals wie heute nicht das geringste. Das Problem bestand nicht in dem was sie wusste, sondern darin, sie zum Reden zu bekommen. In der Regel war Mama Vladia schweigsam wie ein Grab, ganz besonders einem Blaurock gegenüber, sei er nun in Uniform oder nicht. Gleichzeitig konnte Mama Vladia einfach nicht widerstehen mit einem Bekannten ein Glas ihrer Hausmarke zu verköstigen. Ich war eigentlich nicht mehr besonders erpicht auf dieses Spiel, dass ich zu Runner-Tagen perfektioniert hatte. Eigentlich. Heute war mir die Gelegenheit gerade recht. Und deswegen bezweifelte Cyneburg das mit dem 'erstbesten Fall', aber sie konnte mich mal. Ich wusste, dass Mama Vladia zwischen drei bis fünf Gläsern üblicherweise ins Reden kam, also setzte ich meine Grenze bei fünf bis acht. Blieb ich bis dahin erfolglos, war es nun einmal so. Beim Saufen und beim Wetten übertrat man besser nie eine einmal gesetzte Grenze. Danach würde ich anderen Spuren nachgehen. Danach wäre mir ihr Geplapper ohnehin nicht mehr von Nutzen. Und Acht war die Hälfte von dem, was ich erfahrungsgemäß allerhöchstens trinken konnte, ohne übermäßig an den Effekten oder Nachwirkungen zu leiden. Wenigstens dann, wenn ich genug Wasser dabei trank und die Mengen gewohnt war, aktuell und mit leerem Magen schätzte ich die Grenze deutlich geringer ein, also war ich vorsichtig. Alles darüber war inakzeptabel, solange ich es nicht gerade darauf anlegen wollte mich abzuschießen. War nicht meine Absicht. Nicht heute.
Es stellte sich heraus, dass Mama Vladia bei genau fünf Gläsern in Wehklagen ausgebrach und mir die Seite ihres penibel geführten Buches zeigte, das einzig und allein dem Priester zum Anschreiben vorenthalten war. Und dann hatte sie mir die Geschichte erzählt, dass der Mann neulich mit eben jenen – angeblich – gestohlenen Insignien angekommen war und sie damit hatte entlohnen wollen. Natürlich hatte sie ihn hinausgeworfen, um die himmlischen Kräfte nicht in Ungleichgewicht zu bringen. Aber einen Diener Gottes, war er noch so verkommen, an die Polizei zu verraten… Nun, wer hätte schon sagen können, wie die himmlischen Kräfte darauf wohl reagieren mochten, mh? War natürlich etwas anderes, wenn man über einer guten Flasche ins Reden kam und zufällig einen Peeler neben sich hatte, selbstverständlich. Ich hatte mich diskret darum gekümmert. Das Diebesgut aufgefunden und dem rechtmäßigem Besitzer unserem Herrn Gott und dessen irdischer Vertretung, dem Kirchenbündnis, übergeben. Dem Priester einen Skandal erspart, der wiederum in reiner übergroßer Herzensgüte die Anzeige gegen den angeblich flüchtigen Dieb zurückgezogen hatte. Mulligans guten Draht zu den Priester-Brüdern gewahrt. Mich im Ausgleich ordentlich auszahlen lassen (es hatte sich herausgestellt, dass der Priester durchaus noch über diverse Geldquellen abseits dem Verkauf von Kircheninsignien verfügte) und Mama Vladia für ihre wie immer verlässlichen Informationen die geprellte Zeche des Priesters ausgezahlt. Und als ich am Abend zurück in die Leman Street kam, fühlte ich mich nicht länger als hätte mir einer die Organe herausgeschnitten und müsste ich an meinem eigenen aufsteigenden Blut ersticken. Die Vorstellung heute Mittag nur wegen diesem einen kleinen Satz geflohen zu sein, kam mir lächerlich vor. Weit entfernt selbst die Frage, die mich gequält hatte.
Wirklich, fünf war ein angenehmes Pegel. Ich spürte diese sachte summende Zufriedenheit. Die, die deine Sinne mehr schärft, als trübt, und dir das Gefühl gibt heute noch eine Menge zu erreichen, egal ob dein Magen leer war und du einen Tag Arbeit hinter dir hast. Ein vertrautes Gefühl. Ich hasste es, aber heute war es gut. Es machte selbst den Fakt, dem James in der Abstellkammer noch einmal zu begegnen seltsam versöhnlich. Weil alles, irgendwie ziemlich in Ordnung war. Ganz so wie es war. Es ging auf den Ende des Monats zu, also zählte ich von meiner Privatvergütung den Betrag ab, den wir vereinbart hatte, dafür, dass Ardin für meinen Jungen sorgte und legte ihm die Summe auf den Tisch. Dann ging ich weiter zu meinem eigenen, setzte mich und da fiel mir der selbstzufriedene Ausdruck auf James‘ Fresse auf. Aha. Netten Tag gehabt? Was war in meiner Abwesenheit geschehen? Misstrauisch überlegte ich, was mir auf dem Weg hier rein entgangen sein könnte, aber mir fiel nichts ein, also hieß es wohl den James danach fragen zu müssen. Wie ich das verdammt nochmal hasste… „Du hast Mulligan deine letzte Extra-Vergütung vorgerechnet und er hat dieses Mal den Löffel dabei abgegeben?“, brummte ich sarkastisch, während ich mich auf meinem Stuhl zurücklehnte, um Ardin besser ansehen zu können - nur nicht zu sehr, weil ich der Stuhllehne misstraute. Aber das mit Mulligan wäre mal ein Ereignis, das mir dem Grad der Glücksseligkeit auf Ardins Zügen angemessen schien.
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