Ich komme nicht dazu, darüber nachzudenken was das für Nico bedeutet haben muss. Er reißt mich mit einer Frage aus diesen Gedanken. Ich sehe zu ihm. Fokussiere ihn zum ersten Mal wieder. Sein Gesichtsausdruck ist ernst. Was ist mit dieser Hexe gewesen. Ja, was ist mit ihr gewesen? Ich wende den Blick ab. Bemerke wie ich wieder zu fliehen. Aber was soll das? Was bringt es schon? Ich führe mich ja doch nur auf wie ein nervöser Jüngling. Unglaublich. Er ist mein Bruder. Mag sein, dass ich ihn lange nicht gesehen habe, aber das ist noch lange kein Grund um jede Fassung zu verlieren. Also atme ich tief durch und sehe ihn direkt an. Sachlich antworte ich ihm und die Worte kommen mir erstaunlich leicht über die Lippen, ohne jede Theatralik. Kurz und schmerzlos wie ein Pflaster, erinnere ich mich. „Ich habe mich in sie verliebt. Aber sie sich nicht in mich. Man geht anders mit Dingen wie Liebe um, wenn man hunderte von Jahren alt wird und die Menschen weit überlebt. Sie wollte Abwechslung.“ Ich zucke mit den Schultern. Als wäre das keine große Sache. „Sie wollte mich gerne weiter verschachern und ich habe festgestellt, dass ich mich in ihr getäuscht hatte. Wir sind in Streit geraten. Ich denke ich habe sie ziemlich wütend gemacht. Ich war nur ein dummer verliebter kleiner Junge und sie… tja… Ihr Clan hat Starling und mich ihres Landes verwiesen. Die ganze mühsam aufgebaute Freundschaft dahin. Starling wusste wie sie in diesen Dingen sind. Er hatte mich vorher extra davor gewarnt mich mit ihnen über unsere Dokumentation hinaus einzulassen. Aber was sollst du machen, wenn es dich einfach so dahinrafft? Ich war dumm, das war alles. Und er war zurecht wütend.“ Ich sehe Nico klar entgegen. Ja, das sind die blanken Tatsachen und es fällt mir beim Sprechen leicht, die Dinge so abgeklärt zu sehen. Wenn man jede Emotion daraus streicht, dann ist es das was dabei übrig bleibt. Eine Geschichte, die dumm gelaufen ist. Nichts weiter. Dass es mich damals zerrissen hat unter all den Emotionen, das ist eine andere Geschichte. Lange her und jeder kann es sich vorstellen. Nascha hat es nur zu schön gezeigt was mir diese Geschichte noch heute bedeutet. Aber trotzdem ist es ein wichtiges Lehrstück in meinem Leben gewesen. Und in manchen Momenten habe ich fast so etwas wie Frieden damit gefunden. Für mich war es wichtig. Und irgendwann ist es in Ordnung geworden. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich damit umgehen kann wenn andere davon wissen. Nico ist mein Bruder. Und deshalb ist es okay. Nascha hat mich auf die brutale Art daran erinnert. Aber wenn diese Dinge dieses Abteil verlassen würden… Ich hätte niemandem sonst davon erzählt. Die Welt da draußen besteht aus gierigen Haien, die jeder Blutspur folgen. Jede Schwäche ist für sie ein gefundenes Fressen. Das alles sind Dinge, die nur zwischen Nascha und mir existieren. Vieles davon kennt Starling, aber nicht in dieser Tiefe, er kannte nie meine Gefühle dazu. Aber immerhin konnte er mir irgendwann vergeben. Er hat seine Forschung in anderen Bereichen fortgesetzt und behauptet heute, dass die Erkundung der Hexenlande damals längst am Ende ihrer Blütezeit stand. Ich bin ihm dankbar dafür dass er das sagt, auch wenn es eine Lüge ist. Hin und wieder besuche ich ihn. Trinke Tee mit ihm. Er ist der Mann, der einem Freund am nächsten kommt. Vielleicht kehre ich deshalb immer wieder zu ihm zurück wie ein treuer Hund.
„Oh ja, sie tragen generell wenig. Kälte tut ihnen nichts an. Sie könnten sich in den blanken Schnee setzen und ich behaupte immer noch, dass sie sich nur aus Höflichkeit ein wenig verhüllen. Und Schönheiten sind sie…“, höre ich Nascha am Boden des Abteils Asya erklären. Aber im Gegensatz zu vor wenigen Augenblicken, stört es mich nicht mehr was sie erzählen könnte. So lange sie nicht wieder obszön wird, soll es mir recht sein. Stattdessen sehe ich ernst zu Nico. Ich habe auch eine Frage, die mir auf der Zunge brennt. Ich stelle sie ruhig. Ja, vielleicht lenke ich ab. Aber Nico weiß was man über die Situation wissen kann. Ich möchte meine Neugier ebenfalls befriedigen und habe den Eindruck, dass der Moment dafür in Ordnung ist. „Ihr wart im Krieg?“, frage ich ernst und behutsam. Ich kann mir vorstellen, dass auch das keine leichte Erinnerung ist. Ich war damals froh, dem Einzug entgangen zu sein. Durch Starling einen guten Grund zu haben um nicht als Kanonenfutter zu enden. Dass mein jüngerer Bruder genau diesen Weg gegangen ist… Hätte ich das nur gewusst. Verglichen damit bin ich ein Feigling. Aber ich würde mich nicht für die Entscheidung verstecken, auch wenn das viele meiner Zeitgenossen so sehen. Im Gegenteil, ich bewundere meinen Bruder dafür, dass er diesen Weg gegangen ist. Und ich wüsste zu gerne wie es ihm damit ergangen ist. Wie es sich anfühlt, dort zu sein und nicht nur davon zu hören. Selbst wenn es hart werden sollte. Ich will seiner Erzählung so weit folgen wie er sie führen mag. Und wenn er sie kurz hält, dann soll mir das ebenfalls recht sein. Doch was er bereit ist mir zu erzählen, möchte ich zu gerne hören. Es gibt so lange Teile seines Lebens, die ich nicht mit ihm erleben konnte. Teile seines Lebens in denen ich hätte da sein sollen. An seiner Seite. Es ist schmerzlich wie skurril, dass ich meinen Bruder nach seinem Leben fragen muss um davon zu erfahren, wo ich jede Einzelheit kennen sollte, wären unsere Leben normal verlaufen. Aber ich bin auch dankbar um die Chance, die wir erhalten haben. Und ich versuche nicht darüber nachzudenken, dass sie nur von begrenzter Zeit ist. Dass sie nach diesem Kongress in Sheffield enden wird. Noch nicht.

